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US-Zinspolitik  Starker US-Dollar: Der Todesstoß für Schwellenländer und ihre Bitcoin-Ambitionen?

Der US-Dollar wertet aktuell gegenüber den meisten anderen Währungen auf. Welche fatalen Konsequenzen ein starker US-Dollar für die Weltwirtschaft haben kann und warum er die Bitcoin-Etablierung in den Schwellenländern gefährdet.

Sven Wagenknecht
 |  Lesezeit: 6 Minuten
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US-Dollar als Bombe

Beitragsbild: Shutterstock

| Die Aufwertung des US-Dollars könnte sich für manche Länder als tickende Zeitbombe entpuppen.

In der vergangenen Woche fand das wichtigste Notenbanktreffen der Welt statt. In Jackson Hole im Bundesstaat Wyoming versammelten sich die Notenbanker aus aller Welt, um bei der jährlich stattfindenden Konferenz über die zukünftige Geldpolitik zu sprechen. US-Notenbankchef Jerome Powell machte dabei unmissverständlich klar, dass er sich voller Entschlossenheit der Inflationsbekämpfung widmen werde. Dabei betonte er, dass er sich bewusst sei, was das für die amerikanische Wirtschaft bedeute. Nach Veröffentlichung seiner Aussage reagierten die Finanzmärkte prompt. Aktien und Kryptowährungen korrigierten deutlich.

Die Gefahren eines starken US-Dollars

Eine Konsequenz der anvisierten restriktiven Geldpolitik ist nicht nur, dass der Wirtschaft und damit den Menschen weniger Geld beziehungsweise Kredit zur Verfügung steht, sondern auch, dass Nationen, die in US-Dollar verschuldet sind, dadurch große Probleme bekommen. Eine Erhöhung der US-Leitzinsen trägt zur Stärkung des US-Dollars und damit zur Schwächung aller anderen Währungen bei. Wer nun Schulden in US-Dollar besitzt, was auf sehr viele Nationen zutrifft und insbesondere auf die Schwellenländer, kommt nun schnell in Zahlungsschwierigkeiten.

Grund dafür sind vor allem zwei Mechanismen, die Schwellenländer besonders hart treffen. Durch die höheren Zinsen der US-Papiere werden Staatsanleihen anderer Nationen relativ gesehen weniger attraktiv für Investoren. Entsprechend müssen andere Staaten ihre Zinsen auf Staatsanleihen erhöhen, um am freien Markt Investoren zu finden, die dennoch bereit sind, ihnen Geld zu geben.

Gleichzeitig wird auch die Bedienung bereits bestehender Schulden immer teurer. Um Schulden im Gegenwert von einem US-Dollar zurückzuzahlen, müssen immer mehr Einheiten der heimischen Währung aufgewendet werden. Der Anteil am BIP beziehungsweise am Haushalt zur Schuldentilgung steigt damit gefährlich an.

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Lateinamerika vor dem Domino-Ausfall?

Besonders dramatisch ist dieses Szenario für viele lateinamerikanische Länder. Diese sind gewohnheitsgemäß stark in US-Dollar verschuldet. Gleichzeitig sind die Schuldenstände in einigen Ländern bereits sehr hoch. Länder wie Argentinien oder eben auch El Salvador stehen daher bereits heute mit einem Bein vor der Zahlungsunfähigkeit. Mit jeder weiteren Zinsanhebung der amerikanischen Notenbank geraten diese Länder noch einen Schritt näher an den Abgrund.

Die Auslandsschulden aller lateinamerikanischen Länder beträgt laut Statista rund 2,6 Billionen US-Dollar. Ein nicht unerheblicher Teil davon ist auch in US-Dollar denominiert.

Wiederholen sich die 80er Jahre?

Als Ende der 70er Jahre die Inflation in weiten Teilen der westlichen Welt zunahm, reagierten die Notenbanken mit starken Zinsanhebungen. Insbesondere die amerikanische Notenbank unter Paul Volker nahm massive Leitzinserhöhungen vor. Als Folge dessen passierte das bereits oben skizzierte Szenario. Es kam zur lateinamerikanischen Schuldenkrise, infolgedessen Länder wie Mexiko nicht mehr in der Lage waren, ihrem Schuldendienst nachzukommen. Die Folge war ein starker Wirtschaftseinbruch, der auch als verlorene Dekade Lateinamerikas bezeichnet wird.

Viele US-Dollar-Schulden stammten vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Im Zuge der Krise zwang dieser die lateinamerikanischen Länder zu einer harten Sparpolitik. Das erklärt unter anderem die Wut, die viele Menschen in Lateinamerika auf den IWF haben. Die Abhängigkeit von den westlichen Staaten und vor allem der USA hat damit noch weiter zugenommen. Auch wenn sich in den letzten 40 Jahren einiges geändert hat, gibt es signifikante Parallelen zwischen der heutigen Krise und damals.

Bitcoin vs. US-Dollar

Dass gerade die lateinamerikanischen Länder eine vergleichsweise hohe Bitcoin-Etablierung aufweisen, kann historisch und kulturell mit ebenjenem Wunsch nach Unabhängigkeit vom US-Dollar erklärt werden. El Salvadors Präsident Nayib Bukele betonte in seinen Reden immer wieder, dass er Bitcoin vor allem als Chance sehe, die Abhängigkeit zum US-Dollar zu reduzieren. Das Ergebnis ist hinlänglich bekannt. El Salvador hat als erstes Land der Welt Bitcoin als vollwertige Währung eingeführt. Auch andere lateinamerikanische Staaten wie Paraguay oder Panama äußerten ihr Interesse.

IWF und Bitcoin

Dem IWF ist, genau wie der Weltbank oder der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, die Krypto-Etablierung Lateinamerikas ein Dorn im Auge. Bereits mehrfach haben diese stark vom US-Dollar beeinflussten Institutionen vor Bitcoin gewarnt. Auch El Salvador wurde bereits für die Bitcoin-Einführung gerügt und aufgefordert, umgehend von der Bitcoin-Integration abzusehen. Die amerikanischen Ratingagenturen reagierten prompt auf die Bitcoin-Einführung und stuften die Bonität El Salvador unmittelbar ab. Die Konsequenz: Durch die Bitcoin-Einführung haben sich die Finanzierungskosten des Landes erhöht.

Sollte El Salvador demnächst zahlungsunfähig werden – das Risiko dafür wird als hoch eingeschätzt – dann könnte dies zur Folge haben, dass sich das Land gezwungen sieht, seinen Bitcoin-Standard aufzukündigen. Nicht nur wäre dann ein Machtwechsel wahrscheinlich, der zu einem neuen Staatsoberhaupt führen könnte, der sicherlich weniger Bitcoin-Fan ist als Bukele und eine Rückabwicklung vornimmt. Auch würden der IWF sowie mögliche andere Geldgeber als Gegenleistung für neue Hilfskredite eine Abkehr vom Bitcoin-Standard einfordern. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit wäre die Wahrscheinlichkeit damit als hoch anzusehen, dass Bitcoin in El Salvador scheitert.  

Abschreckende Wirkung

Der stark korrigierte Bitcoin-Kurs sowie das oben skizzierte Szenario könnten einige lateinamerikanische Länder davor abschrecken, Bitcoin als Landeswährung einzuführen. Allerdings muss man hier zwischen dem Staat und den Unternehmen sowie privaten Haushalten unterscheiden. Während Staat und Notenbank eher vom Bitcoin-Standard wegrücken, könnten andere Akteure genau gegenteilig reagieren und sogar verstärkt in Bitcoin investieren.

Die enorme Geschwindigkeit der Krypto-Adoption in den lateinamerikanischen Ländern, insbesondere in den letzten Wochen, zeigt, dass die Bevölkerung nicht gewillt ist, von Bitcoin und Co. abzulassen. Im Falle einer lateinamerikanischen Zahlungskrise könnte also stärker denn je ein hybrides Finanzsystem entstehen, das auf staatlichem Fiatgeld aufbaut, aber eben auch auf privatem Geld, in Form von Kryptowährungen. Die Bitcoin-Etablierung würde dann nicht wie im Fall von El Salvador vom Staat ausgehen, sondern von der Bevölkerung und der Privatwirtschaft.

Fazit

Die Gefahr, dass wir in den nächsten Monaten Zahlungsausfälle bei Schwellenländern erleben, ist so hoch wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr. Dabei sind es nicht nur die lateinamerikanischen Staaten, wie in diesem Artikel skizziert, sondern auch viele afrikanische Nationen, denen es oftmals ähnlich ergeht. Das Problem dabei ist, dass es schnell zu einem Dominoeffekt kommen kann. Wenn ein Schwellenland seine Zahlungsunfähigkeit erklärt, dürften die Zinsen für Staatsanleihen anderer Schwellenländer noch schneller ansteigen und den Effekt verstärken. Schließlich würden die Investoren dann verstärkt einen höheren Zins fordern.

In diesem Szenario kann Bitcoin Fluch und Segen zugleich sein. Wie eine oben skizzierte Schuldenkrise auf die Bitcoin-Etablierung wirkt, kann nicht vorhergesagt werden. Es fehlt an einer Blaupause. Entsprechend aufgeschlossen sollte man sich den unterschiedlichsten Szenarien gegenüber zeigen. Idealerweise wird es gar nicht erst zur Zahlungsunfähigkeit kommen.

Dass die Inflation in den USA entsprechend schnell heruntergeht, ist nicht nur ein frommer Wunsch der Amerikaner selbst, sondern vor allem der US-Dollar-Schuldnerländer.

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