Bitcoin-Guru im Interview Jimmy Song: “Bitcoin müsste mindestens 50.000 US-Dollar erreichen”

Dana Hajek

von Dana Hajek

Am · Lesezeit: 12 Minuten

Dana Hajek

Dana absolviert ihr Masterstudium in Journalismus, Medien und Globalisierung an der City University in London. Sie ist überzeugt, dass Blockchains ein gewaltiges Nutzungs- und Transformationspotenzial aufweisen und in nur wenigen Jahren die Welt auf den Kopf stellen werden.

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Als Programmierer Jimmy Song 2011 verstand, dass Bitcoin Menschen ermächtigt, eigenständig Marktlücken zu finden und unternehmerisch zu handeln, packte ihn das Krypto-Fieber. Mittlerweile ist er unter den Top 100 der Bitcoin-Experten, Venture-Partner bei Blockchain Capital und bildet Studenten weltweit in seiner Seminarreihe “Programming Blockchain” zu Blockchain-ProgrammiererInnen und EntwicklerInnen aus. Song schrieb zwei Bücher über Bitcoin: “Programming Bitcoin” und “The Little Bitcoin Book”. Im Interview mit BTC-ECHO spricht er über die globale Hegemonie des US-Dollars und wie sich diese auf Bitcoins Entwicklungen nach der Krise auswirkt.

Du prognostizierst 75+% Bitcoin-Dominanz bis Ende 2020. Was hat das insgesamt für den Krypto-Space zu bedeuten?

Jimmy Song: Viele der Altcoins und ICOs, die momentan einen bedeutenden Anteil an der Krypto-Wirtschaft repräsentieren, sterben langsam ab. Zum Beispiel hat IOTA ihr Projekt Qubic eingestellt, obwohl der ursprüngliche Plan war, ihr Ökosystem um zusätzliche Fähigkeiten zu erweitern. Meiner Vermutung nach werden so ziemlich alle Coins, die seit 2017 auf den Markt gekommen sind, weiterhin in ihrem Preis fallen. Sie bieten kein wirklich interessantes Angebot für Menschen. 

Du bist kein großer Fan von Altcoins. Was ist dein Totschlag-Argument?


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Jimmy Song: Die meisten von ihnen sind kompletter Betrug. Einige von ihnen hatten einen ICO und jetzt können sie machen was sie wollen. Wenn die Finanzen schlecht laufen, erstellen sie einfach mehr von ihren Token. Außerdem sind alle Altcoins zentralisiert. Das bedeutet, du investierst mehr oder weniger in Fiat-Geld.

Laut Wirtschaftsprofessor Saifedean Ammous wird Bitcoin im Jahr 2022 die Stock-to-Flow-Ratio von Gold übertreffen. Was sagen deine Bitcoin-Prognosen dazu?

Jimmy Song: Das Stock-to-Flow-Modell ist das einzige, was für mich in Bezug auf die Preisschätzungen von Bitcoin Sinn macht. Es beschreibt die Knappheit. Je höher das Stock-to-Flow-Verhältnis, desto seltener das Gut. Wenn wir danach gehen, müsste Bitcoin vor 2021 mindestens 50.000 US-Dollar erreichen. Das ist ein Faktor, den ich bei dem Kauf des Assets so weit wie möglich mit einrechnen würde.

Interessierst du dich für Mikrospekulation? 

Jimmy Song: Nein. Bitcoin ist für mich eine längerfristige Anlage. Seit der Entstehung haben fast Alle über den Zeitraum von fünf Jahren daran Geld verdient. Darunter sind teilweise spektakuläre Beträge verglichen mit dem US-Dollar, Immobilien, Aktien oder Gold. Natürlich gibt es kurzfristige Volatilität, die du allerdings benötigst, um überhaupt langfristig großen Gewinne zu verzeichnen.

Während die Aktienmärkte, Gold und Bitcoin unter der COVID-19-Krise einen deutlichen Crash verkraften mussten, konnten AnlegerInnen und Unternehmen nicht genug US-Dollar-Cash anhäufen. Evgenia Victorino des Finanzkonzerns SEB beschrieb die Währung in einem Interview mit dem „Wall Street Journal” als den „ultimativen sichere Hafen”. Hast du dabei ernsthafte Bedenken, auch hinsichtlich der Zukunft von Bitcoin?

Jimmy Song: Jeder weiß intuitiv, dass sich die ganze Welt an dem Dollar-Standard orientiert. Der US-Dollar hat einen unfairen Vorteil gegenüber anderen Währungen, auch Bitcoin. Dass Bitcoin zum US-Dollar gefallen ist, liegt nicht an der Digitalwährung an sich. Das Ursprungsproblem liegt viel weiter zurück und zwar bei Bretton-Woods, der nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen internationalen Währungsordnung. Dabei wurde der Dollar-Wechselkursstandard etabliert, durch den Zentralbanken aller Teilnehmerländer Gold allein gegen US-Dollar eintauschen durften. 

„Jeder weiß intuitiv, dass sich die ganze Welt an dem Dollar-Standard orientiert”

Dieses System dauerte aber doch nur 27 Jahre. Dann kam Richard Nixon, der die Bretton-Woods Währungsordnung abschaffte.

Jimmy Song: 27 Jahre haben gereicht, um den gesamten internationale Zahlungsausgleich bis heute nach dem Dollarstandard auszurichten. Um jetzt auf deine Analogie des sicheren Hafens für AnlegerInnen zurückkommen: Der US-Dollar hat gigantische Konjunkturzyklen, in denen, abgesehen von der Eurozone, Menschen Kredite einschließlich in US-Dollar aufnehmen.

Wenn sich die ganze Welt nun am US-Dollar orientiert, wäre die Bezeichnung des „sicheren Hafens” beschönigt ausgedrückt also eine Beschreibung für eine hochgradig dollarisierte Welt. Birgt die Dollarisierung somit tiefer greifende Konsequenzen in Zeiten dieser Krise, beispielsweise für die gesamte Weltwirtschaft?

Jimmy Song: Fast das gesamte Fiat-Geld auf der Welt ist in Form eines Kredits. Da unter der Krise eine riesige Liquiditätsknappheit herrschte, flüchteten sich alle in den US-Dollar. Denn in diesen Zeiten ist Bargeld das liquideste, was es gibt. Und damit ist der Dollar wohl ein sicherer Hafen geworden, repräsentiert aber damit nicht den gleichen sicheren Hafen, für den Bitcoin gehalten wird. Es verdeutlicht vielmehr, dass sich Menschen in dieser dollarisierten Welt, unter Krisen in den Dollar flüchten, um ihre Schulden zu bezahlen und der Großteil der Weltwirtschaft ultimativ auf Schulden beruht.

„Der Großteil der Weltwirtschaft [beruht] ultimativ auf Schulden”

Solange wir den Verschuldungsgrad nicht radikal senken, kommen wir aus diesem Dollar-Standard wahrscheinlich auch erstmal nicht heraus. Hat Bitcoin in der Krise trotzdem gute Arbeit geleistet?

Jimmy Song: Auf jeden Fall. Alleine, dass er es geschafft hat, ohne eine Zentralbank relativ stabil zu bleiben, ist schon ein guter Verdienst. Wir müssen bedenken, dass es für alle möglichen Währungen, einschließlich des Euros, Zentralbanken gibt. Bitcoin hat keine Zentralbank und keinen zentralen Akteur, der die Wirtschaft steuert. Daher hatte er am 12. März einen großen Schock erlitten und fiel von 7.800 auf 3.800 US-Dollar. Inzwischen hat er sich erholt.

Kannst du noch einmal erklären, inwiefern Zentralbanken mit dem US-Dollar in Verbindung stehen?

Jimmy Song: Die Zentralbanken nutzen die Dollarreserven, die sie über Jahre aufgebaut haben, um die Bindung an den Dollar zu halten. In der Corona-Krise verkauften sie ihre Dollarreserven, um anschließend ihre eigene Währung zurückzukaufen. Das ist der Grund, warum die Preise stabiler bleiben. Somit fungieren diese Währungen im Wesentlichen als US-Dollar-Satelliten.

Wenn die Reserven ausgehen, ist es erstmal vorbei. Dann bleibt nichts anderes außer Hyperinflation. Damit haben gerade Venezuela und einige andere Länder zu kämpfen.

Du kritisiertest Regierungen und Notenbanken dafür, dass sie einfach Geld drucken können. Auf einem deiner Twitter-Posts schreibst du: “Wenn die Regierung einfach Geld drucken kann, warum zahlen wir dann überhaupt Steuern?” Kannst du auf die Hintergründe dieser Kritik noch einmal eingehen?

Jimmy Song: Genau das ist die Frage, die sich jeder auf dieser Welt stellen sollte. Ein Beispiel sind die 1.200-US-Dollar Schecks, die alle US-SteuerzahlerInnen erhalten haben. Wir können jedem 1.200 US-Dollar geben, warum drucken wir dann nicht direkt tausend Mal mehr und geben jedem eine Million US-Dollar? Weil die Regierung die Illusion aufrecht erhalten möchte, dass Geldmengenexpansion keine Steuer ist. Stattdessen werden solche Aktionen zu „Geldpolitik” oder „dem System Liquidität zuführen” deklariert, um uns zu täuschen.

“Die Regierung [möchte] die Illusion aufrecht erhalten, dass Geldmengenexpansion keine Steuer ist”

Das ist ein gerechtfertigtes Anliegen. Wie können wir dieses Systemproblem bekämpfen?

Jimmy Song: In dem wir uns in der Nähe der Gelddrucker befinden, wie Banken zum Beispiel. Mal angenommen du wärst eine Bank, dann könntest du so viele Geldbeträge drucken, wie du benötigst. Natürlich machst du das in Form von Krediten, um nur so viel Geld zu drucken, wie viel du auch leihen willst. Dabei willst du natürlich nicht zu viel Risiko eingehen, durch Kreditvergabe an Menschen mit niedriger Bonität oder einer Krise. Und diese umstrittene Situation ist prinzipiell der Ausgangsstandpunkt von dem aus Menschen sich auf einmal für Bitcoin interessieren. Bitcoin ist hier die monetäre rote Pille.

„Bitcoin ist hier die monetäre rote Pille”

In dem Film Matrix enthüllt die rote Pille die unangenehme Wahrheit, wohingegen die blaue Pille Menschen in Ungewissheit lässt. Was ist denn nun die unangenehme Realität unseres Finanzsystems? 

Jimmy Song: Dass Regierungen Inflation und monetäre Expansion als eine Form von Steuer tarnen. Sobald Zentralbanken Geld drucken, um der Regierung Kredite zu geben, damit diese wiederum Defizitfinanzierungspolitik betreiben kann, wird den Menschen einen Teil ihrer Ersparnisse in Form von Steuern abgezogen.

Nun ist die USA natürlich in einer anderen Position, da die Welt auf dem US-Dollar-Standard basiert. Wie können wir uns es in diesem Fall vorstellen?

Jimmy Song: Wenn die USA das Geldangebot aufbläht, wird die Inflation in andere Länder exportiert. Also genau das, was jetzt gerade passiert. Die Menschen, die unter dieser Währungsexpansion leiden, sind nicht diejenigen in den USA, sondern Menschen in Entwicklungsländern.

Inwiefern sind Entwicklungsländer von der „exportierten Inflation” genau betroffen?

Jimmy Song: Es passiert Folgendes: A) Sie stellen mehr US-Dollar zur Verfügung. Somit entsteht ein größeres Angebot, das vor allem in Zeiten einer Liquiditätskrise dazu führt, dass Menschen US-Dollar anhäufen. B) Wenn Menschen in den Dollar einsteigen, steigen sie aus etwas anderem aus. Normalerweise ist es ihre eigene Landeswährung. 

Wenn du also in einem Entwicklungsland bist, willst du so viele Dollar wie möglich eintauschen. Das wiederum bedeutet, dass deine lokale Währung im Wesentlichen immer weniger wert wird, und sie daraufhin eine höhere Inflation als der Dollar vorweist. Das endet im schlimmsten Fall in Hyperinflation in diesen Ländern. Davon werden wir in ein bis zwei Jahren deutlich mehr sehen, weil es ungefähr so lange braucht, bis die Inflation exportiert ist. 

Wird die USA über kurz oder lang wirtschaftlich dann überhaupt einen Schaden tragen?

Jimmy Song: Die US-Wirtschaft ist wahrscheinlich die letzte, die von dem schlechten Gelddrucken betroffen sein wird. Das ist zwar irgendwie traurig, aber ich glaube jeder auf der Welt weiß intuitiv, dass die USA all diese Vorteile haben. Ich meine wie kommt es denn, dass all die cleversten und unternehmerischsten Menschen meistens in die USA ziehen? Weil sie die Chance sehen, die ihnen das Land bietet –  darunter den Vorteil, dass die Welt auf dem Dollar-Kurs basiert.

„Die US-Wirtschaft ist wahrscheinlich die letzte, die von dem schlechten Gelddrucken betroffen sein wird”

Erklärt das dann in gewisser Weise auch, warum viele Länder den USA kritisch gegenüber stehen?

Jimmy Song: Meiner Meinung nach ist der größte Teil des Hasses gegen die USA etwas unangebracht. Wir sprechen hier eher von einem Kulturimperialismus. Also die Tatsache, dass der US-Dollar der Standard für den Rest der Welt darstellt und die USA damit einen enormen Vorteil gegenüber allen anderen Ländern haben.

Lass uns noch einmal zurück zu Bitcoin und Co. kommen. Hältst du es für wahrscheinlich, dass Kryptowährungs-Exchanges einen deutlichen Anstieg im Nutzen nach COVID-19 erleben? 

Jimmy Song: Ja. Das bestätigen fast alle Exchanges, mit denen ich bisher gesprochen habe. Am 12. März war ihren Aussagen zufolge der erfolgreichste Tag. Kurz nachdem Menschen den Rückgang gesehen haben, sind direkt wieder viele eingestiegen. Es gab eine regelrechte Rallye, die bis heute anhält. Bis solche Anmeldungen von den Exchanges auf E-Mail KYC und verknüpfte Bankkonten überprüft und durchgeführt werden, dauert es meistens auch eine Weile.

Woran lag der Bitcoin-Crash am 12. März deiner Ansicht nach?

Jimmy Song: Ironischerweise sieht es so aus, als ob der Absturz von etwa 7.800 auf 3.800 US-Dollar größtenteils von Short-Term Holdern ausgelöst wurde. Dies sind HändlerInnen mit Leverage-Positionen, also Verschuldung in US-Dollar, um Bitcoins zu kaufen. Dabei besteht ein erhebliches Risiko, wenn der Markt sich gegen dich entwickelt. Leverage-Positionen sind fragiler, und die schlechten Entwicklungen haben eine enorme Gefahr dargestellt. Die langfristigen InhaberInnen haben allerdings nicht verkauft und wurden auch nicht durch fremdfinanzierte Schulden gefährdet.Zwar verursachte dies den Absturz um diese Zeit, gleichzeitig stiegen aber auch direkt am gleichen Tag wieder viele Leute ein. Es gab eine regelrechte Rallye, die bis heute anhält.

„Ironischerweise sieht es so aus, als ob der Absturz von etwa 7.800 auf 3.800 US-Dollar größtenteils von Short-Term Holdern ausgelöst wurde”

Du gehörst zu den Liberitarian DenkerInnen. Es gibt ExpertInnen, die kritisieren, dass dies ein weniger fairer Kapitalismus ist, denn er führe zu Monopolen und einer unregulierten Marktwirtschaft. Kurzum: Er mache die Wirtschaft instabil. Was denkst du darüber?

Jimmy Song: Ich bin völlig anderer Meinung. Wir haben es auf den freien Märkten gesehen: Wettbewerb macht das Produkt billiger, besser, schneller und einfacher zu benutzen. Warum? Weil sich Unternehmer immer neue, innovativere Wege dafür ausdenken. Normalerweise sind es Regulierungen, die zu Monopolen führen, in denen ein einziges Unternehmen die Kontrolle über das ganze System hat. Zum Beispiel haben Staaten in vielen Ländern ein Gewaltmonopol oder ein Monopol auf das Gesundheitswesen oder Bildung. Das sind aber meistens die Bereiche, die in diesen Ländern keine sonderlich gute Qualität haben. Wettbewerb und Marktkräfte hingegen sind sehr vorteilhaft, um die Qualität von allem Möglichen zu verbessern.

„Normalerweise sind es Regulierungen, die zu Monopolen führen, in denen ein einziges Unternehmen die Kontrolle über das ganze System hat”

Wenn du 10.000 US-Dollar hättest, wie würdest du sie investieren?

Jimmy Song: Wenn du für fünf bis zehn Jahre halten willst, dann investier in Bitcoin. Sobald es sich um kurzfristigere Investitionen handelt, erfordert das eine beträchtliche Menge an Recherche. Hier stoßen wir auf ein weiteres Problem des Fiat-Systems: Um zu investieren, brauchst du ein gewisses Maß an Insider-Informationen. Willst du eine günstige Aktie oder Immobilie finden, die sich zukünftig rentabel entwickelt, musst du extrem viel mit einkalkulieren. Im Falle der Immobilie musst du beispielsweise die Schulzonen, die Nachbarschaft und all solche Dinge einrechnen. Dinge, über die du normalerweise natürlich nicht viel weißt.

„Wenn du für fünf bis zehn Jahre halten willst, dann investier in Bitcoin”

Findest du Bitcoin ist damit ein faireres und praktischeres Asset?

Jimmy Song: Ein Bitcoin ist ein Bitcoin. Es spielt keine Rolle, ob du ein(e) Bauer(in) in Bangladesch oder ein(e) InsiderIn bist, du kannst investieren und erhältst das Gleiche. Gehörst du zu der Sorte Mensch, die einfach nur sehr schnell ihr Vermögen verdoppeln will, ist es eh unwichtig, ob du langfristig oder kurzfristig investierst: Du wirst dein Geld sowieso verlieren.

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