Entgegen aller Verbote: China weiterhin Krypto-Großmacht

Entgegen aller Verbote: China weiterhin Krypto-Großmacht

Im letzten Jahr machte die chinesische Zentralbank Tabula rasa auf dem Kryptomarkt und verbot sowohl ICOs als auch Aktivitäten von Krypto-Exchanges in der Volksrepublik. Anstatt die Flinte ins Korn zu werfen, wurden die chinesischen Exchanges kreativ. Heute sind sie so einflussreich wie eh und je. Eine Bestandsaufnahme.



Der September 2017 war ein schwarzer Monat für Trader, Exchanges und Token-Issuer in China. Werfen wir einen Blick zurück: Am 4. September berichtete BTC-ECHO erstmals von dem Verbot aller ICOs in der Volksrepublik. Der Markt für ICOs war im Sommer erstmals richtig in Fahrt gekommen und Initial Coin Offerings galten in der Branche als „Killer-App“. Das absolute ICO-Verbot vonseiten der Regierung war ein schwerer Schlag für Chinas Krypto-Ökonomie.

Die chinesische Regierung setzte jedoch noch eins drauf. So wurden alle in China agierenden Krypto-Exchanges Mitte des Monats dazu aufgefordert, ihre Aktivitäten bis zum 30. September „freiwillig einzustellen“. Die Exchange BTCC, einer der weltweit ältesten Krypto-Handelsplätze, kündigte bereits präventiv die Schließung an.

Nicht nur der chinesische Kryptomarkt hatte unter den Handlungen der Zentralbank zu leiden, Trader und Investoren auf der ganzen Welt mussten mit ansehen, wie sich ihr Portfolio rot einfärbte. Viele Panikverkäufe ließen die Kurse purzeln, das gesamte Marktkapital schrumpfte um ein gutes Drittel. Im Zuge der Schwächephase Chinas gelang dem Nachbarland Japan nebenbei der Aufstieg zum größten Kryptomarkt der Welt.

Das Ende? Noch lange nicht!

Der chinesische Kryptomarkt war jedoch weder tot noch dabei zu sterben. Er ging vielmehr in Deckung, nur um nach dem Vorüberziehen des Winters in voller Stärke zurückzukommen. So lässt sich der Schritt der größten Kryptobörsen erklären, die ihr operatives Geschäft in die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong verlagerten. OKCoin und Huobi, unter den neuen Namen OKEx und Huobi Pro, weiteten die Exchanges bei der Gelegenheit auf den Krypto-Fiat-Handel aus. Zuvor hatten die Plattformen lediglich den Krypto-zu-Krypto-Tausch angeboten.

Eine andere in Hongkong ansässige Exchange stieg im Nachgang des Kryptobanns in China gar zur global führenden Kryptobörse auf. Speziell während der Kurs-Rally im Dezember und Januar lief ein großer Teil aller Transaktionen über Binance. Im ersten Quartal des Jahres 2018 fuhr Binance mit rund 200 Millionen US-Dollar einen größeren Gewinn ein als die Deutsche Bank (146 Millionen US-Dollar), die größte deutsche Investmentbank. Das Unternehmen unterhält auf der Plattform zudem eine eigene Kryptowährung, den Binance Coin (BNB). Tradet man gegen diesen, erhält man als Investor in den ersten vier Jahren Nachlässe bei den Transaktionsgebühren.

Und auch die traditionsreiche BTCC ist weiterhin aktiv. Nachdem sie ihren Sitz ebenfalls nach Hongkong verlegt hatte, kündigte sie vor Kurzem ihren Relaunch an. Nach dem Vorbild von Binance möchte man zukünftig einen eigenen Token zum Kryptohandel anbieten. Zudem hat man den Krypto-Fiat-Handel auf mehrere Handelspaare ausgeweitet. Wirklich innovativ ist jedoch das neu eingeführte Punktesystem: Für Aktionen auf der Plattform werden Nutzer mit Punkten belohnt, welche sie später für Vergünstigungen auf der Plattform nutzen können.

China als vielversprechender Kryptostandort

Die Exchanges, ein wichtiger Teil der chinesischen Krypto-Ökonomie, haben es also geschafft, am Ball zu bleiben und das Beste aus ihrer Situation zu machen. Auch aus diesem Grund ist China weiterhin ein Hort der Innovation, wenn es um die Blockchain-Technologie geht. 2017 stammten mehr als die Hälfte aller Patente mit Blockchain-Bezug aus der Volksrepublik, im aktuellen Jahr dürften es kaum weniger sein.

Dazu kommen Großprojekte, die bereits eine tragende Rolle in der aktuellen globalen Krypto-Ökonomie spielen. Das TRON-Projekt rund um den charismatischen Justin Sun kündigt nicht nur Kooperationen in Dauerschleife an, sondern kann mit dem Launch des Mainnets seit Ende Juni auch echte Token herausgeben. NEO schickt sich derweil an, Ethereum als führende Plattform für ICO-Projekte herauszufordern. An dieser Stelle ist auch Qtum zu erwähnen, was angesichts des Erfolges der anderen beiden chinesischen Kryptoorojekte schnell in den Hintergrund gerät.

In Sachen Mining ist die Volksrepublik ohnehin Weltmacht. So stammt Bitmain aus China, der globale Marktführer bei der Herstellung von ASIC-Minern. Die Vormachtstellung von Bitmains Antminer wird zwar seit Neuestem vom japanischen Konkurrenten GMO herausgefordert, fürs Erste behält Bitmain dennoch weiterhin die Marktmacht. Zudem machen chinesische Miner noch immer den größten Teil der Rechenleistung des Bitcoin-Netzwerks aus – auch wenn die chinesische Regierung hier ebenfalls versucht hat, regulierend tätig zu werden.

Ist die Regierung am Ende doch gar nicht so böse?

Die Regierung scheint inzwischen sogar selbst auf den Kryptozug aufgesprungen zu sein. Derzeit arbeitet im chinesischen IT-Ministerium eine Gruppe von Wissenschaftlern an der Ausarbeitung nationaler Blockchain-Standards. Diese sollen bis Ende 2019 in Kraft treten und das Land fit für die Zukunft machen. Auch im Bereich Kryptowährungen möchte die chinesische Regierung das Heft des Handelns wieder in der Hand halten. So gab sie im Mai erstmals ein Rating für verschiedene Kryptowährungen heraus, in dem zunächst Ethereum und dann EOS dominierten.

Auch das ICO-Verbot scheint übrigens nicht so endgültig in Stein gemeißelt zu sein, wie es zu Beginn den Anschein gemacht hatte. So berichteten wir vor einem Monat über ein chinesisches Unternehmen, das umgerechnet rund 18 Millionen US-Dollar im Rahmen eines Token Sales einsammeln konnte – und das in China. Auch wenn offiziell nicht von einem Initial Coin Offering gesprochen wurde, entsprach das Vorgehen ziemlich genau dem, was in China eigentlich verboten ist. Man merkt: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und aufhalten lässt sich die Krypto-Ökonomie sowieso nicht.

BTC-ECHO

Über Tobias Schmidt

Tobias SchmidtTobias Schmidt ist seit August 2017 als Redakteur im Team von BTC-ECHO tätig. Sein Fachgebiet im Krypto-Bereich sind die vielen verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

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