Experte zur SEC-Klage “Binance US wird in Zukunft nicht mehr existieren”

Die SEC verklagt Binance. Der Börse droht in den USA endgültig das Aus. Doch auch für den Gründer könnte es brenzlig werden. Ein Interview.

Giacomo Maihofer
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Binance

Beitragsbild: Shutterstock

| Die SEC will Binance an den Kragen

Die SEC verklagt Binance, die größte Kryptobörse der Welt. Das wurde am gestrigen 6. Juni bekannt. Die Vorwürfe: Veruntreuung von Kundengeldern, Verstöße gegen Wertpapiergesetze, das Ignorieren krimineller Aktivitäten und illegale Gewinne in Milliardenhöhe. Im März 2023 klagte bereits die US-Finanzaufsicht CFTC, mit ähnlichen Anschuldigungen.

Markus Thielen beschäftigt sich als Hedge Fund-Manager für Krypto schon lange mit der Causa Binance. Er hat sie u.a. in seinem Buch verarbeitet “Crypto Titans: How Trillions were made and Billions lost in the Cryptocurrency Markets”, erschienen im Mai 2023. Ein Gespräch über die Beweislast gegen Binance, die Reaktion des Krypto-Space und mögliche Gefängnisstrafen für CZ, den Gründer der Börse.

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Markus Thielen. Quelle: privat

BTC-ECHO: Die SEC verklagt Coinbase und Binance. Viele im Space interpretieren das als “Großangriff auf Krypto in Amerika”, beispielsweise eines der größten Krypto-Medien, The Bankless. Ist die Rhetorik gerechtfertigt?

Markus Thielen: Es ist eine koordinierte Attacke. Der Sturz von FTX hat die Regulatoren in den USA wachgerüttelt. Als Terra Luna einige Monate zuvor kollabierte, reagierte Janet Yellen, die US-Finanzministerin, noch gelassen. 60 Milliarden US-Dollar gingen verloren, aber das war egal, denn es hatte keine Folgen für das US-Bankensystem. Mit FTX war das anders. Man sah, wie viel Geld von Krypto durch die Banken Silvergate und Signature Bank floss, selbst am Wochenende. Das Geld war gefangen im Kryptomarkt, wurde von einer Seite zur anderen verschoben. Seitdem koordinieren sich die unterschiedlichen US-Behörden im Kampf gegen die Branche. Man schnitt sie vom Bankensystem ab. Dann gab es die Klagen gegen Bittrex, Kraken und die Verwarnung gegen Coinbase. Wir wussten, was kommt.

BTC-ECHO: Kann man gerade im Fall von Binance von einer Attacke sprechen. Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Kryptobörse viele US-Gesetze gebrochen hat und die Regulatoren sie zu Recht verfolgen?

Ja, ich würde es nicht so wie The Bankless formulieren. Es gibt Gesetze in den USA. Und Leute in dieser Branche dachten eine lange Zeit, sie stehen darüber. Binance hat selbst zugegeben, dass sie sich in ihren Anfangstagen in bestimmten Bereichen nicht an die Regeln gehalten haben, beispielsweise beim Onboarding von Nutzern. Für das KYC (Know Your Customer) brauchte man früher nur eine E-Mail-Adresse. Heute ist es rigoros. Ich denke, sie waren sich bewusst, dass das falsch ist. Und sie wollten das einfach später klären, mit einem Vergleich vor Gericht. Aber so funktioniert das für die Strafbehörden nicht.

BTC-ECHO: Die Anschuldigungen gegen Binance reichen ja viel weiter als das. Es wird in der neuesten Klage auch von Veruntreuung gesprochen, beispielsweise durch ein System namens Sigma Chain.

Sigma Chain war ein Market Maker für die US-Plattform. Es gibt genug Beweise und Spuren. Und sie führen wieder zu den Banken, Silvergate und Signature Bank. Dort konnte man Einlagen zwischen unterschiedlichen Unternehmen tauschen. Es soll sogar genug Beweise dafür geben, dass einige der Back Office-Geschäfte von Binance.com in China abgewickelt und kontrolliert wurden. Die SEC hat einen starken Fall. Sie werden Geldstrafen in Milliardenhöhe fordern. Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass es BinanceUS in Zukunft noch geben wird.

BTC-ECHO: Du schreibst auf LinkedIn, dass der Fall auch Implikationen für eine Verfolgung durch das Justizministerium haben könnte, vor allem gegen Binance-CEO Changpeng Zhao. Inwiefern?

Wenn da Justizministerium aktiv wird, geht es nicht mehr nur um Geldstrafen und Verbote, sondern eine strafrechtliche Ermittlung. Die USA verabschiedeten in 2013 die Financial Crimes Enforcement Regulation und brachten damit den Bank Secrecy Act ins Spiel. Das heißt, dass Führungspersonen rechtlich belangt werden können. Da droht dann auch Gefängnis. Wir haben mehrere Beispiele in der Kryptobranche gesehen. Wenn du Terroristen oder Kriminelle wissentlich auf deiner Börse handeln lässt, kann das strafrechtliche Konsequenzen haben.

BTC-ECHO: Teilen sich Changpeng Zhao und Sam Bankman-Fried also bald eine Gefängniszelle?

FTX ist eine andere Geschichte. Ich glaube nicht, dass Binance die Kundengelder veruntreut hat. Aber vielleicht wissen wir noch nicht alles, was die US-Behörden wissen. Was sich ähnelt: In beiden Fällen kooperieren viele Insider mit der SEC. Vielleicht kommt da noch mehr ans Licht, dass eine strafrechtliche Verfolgung rechtfertigt.

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