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Sektor unter Druck Der unaufhörliche Niedergang des DeFi-Space – eine Aufarbeitung

Der DeFi-Space kommt weiter nicht zur Ruhe. Die Auswirkungen des Terra-Crashs auf Lending-Plattformen und DeFi-Protokolle sind nur schwer abschätzbar.

Stefan Lübeck
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DeFi

Beitragsbild: Shutterstock

| Die Unsicherheit der Anleger im DeFi-Sektor nimmt weiter zu.

Die Auswirkungen des Terra-Crashs auf den DeFi-Sektor

Lange Zeit galten Staking- und Lending-Angebote mit hohen Zinsversprechen als sichere Möglichkeit, um im Krypto-Space eine solide Rendite zu erwirtschaften. Sogar auf Stablecoins wurden Renditen (APY) von 20 Prozentpunkten offeriert.

DeFi-Protokolle wie das Anchor Protokoll auf der Terra-Chain erfreuten sich vor dem Terra-Kollaps großer Beliebtheit unter Anlegern. Zum Höhepunkt verwaltete Anchor in seinen verschiedenen Liquiditäts-Pools Kryptowährungen mit einem Gegenwert von über 16 Milliarden US-Dollar.

Neben Privatanlegern nutzten auch viele institutionelle Anleger und konkurrierende DeFi-Plattformen dieses Angebot und stakten ebenfalls riesige Summen Terra USD (UST) und Terra (LUNA) im Anchor-Protokoll.

Durch die hohe Verzinsung war es Anbietern wie Celsius und BlockFi, aber auch Hedgefonds wie Three Arrow Capital (3AC), möglich, ihrerseits Kredite gegen hinterlegte Sicherheiten (Ethereum, Bitcoin und weitere Kryptowährungen) auszugeben und die versprochenen Renditen an ihre Kunden auszuzahlen.

Die Anbieter streichen ähnlich wie bei der Vergabe eines Baukredits durch klassische Banken an Häuslebauer die Differenz als Gewinn ein. (Beispiel: Eine Bank leiht sich Geld für 2 Prozent Zinsen bei der Zentralbank und gibt dieses Geld in Form eines Kredits mit 4 Prozent Verzinsung aus).

Mit dem Niedergang des Terra-Ökosystems, ausgelöst durch einen massiven Kursverfall des hauseigenen algorithmischen Stablecoins Terra USD und dem darauffolgenden Kurscrash der Kryptowährung LUNA, geriet das ganze Lending-Konstrukt deutlich in Schieflage.

Anbieter wie Celsius, BlockFi und auch der Hedgefonds 3AC (Three Arrows Capital), welche selbst riesige Summen an UST und Luna-Token gestaked hatten, verloren durch den Niedergang des Terra-Ökosystems Kundeneinlagen in Milliardenhöhe. Allein 3AC verlor einen neunstelligen Dollarbetrag.

Der Preisverfall am Kryptomarkt potenziert das Liquiditätsproblem  

Zusätzlich zum Totalverlust ihrer Staking-Einlagen im Anchor-Protokoll erhöhte auch der Kursverfall sämtlicher Kryptowährungen den Druck auf die Lending-Anbieter. Die Kapitalpolster von Celsius, BlockFi und 3AC verringerten sich in den vergangenen Monaten im gleichen Maß wie der Kursrückgang der eigenen im Besitz befindlichen Kryptowährungen.

Der Kurseinbruch bei den als Sicherheit ebenfalls auf weiteren Plattformen wie Aave und Compound hinterlegten, gehebelten Kryptowährungspositionen, führte in den letzten Handelstagen sodann zu ersten größeren Liquidationen, auch Margin Calls genannt. Insbesondere Celsius und 3AC sahen sich in den letzten 48 Stunden gezwungen, ihre hinterlegten Sicherheiten durch frische Geldeinlagen zu erhöhen, um damit die Liquidationslevels eigener Positionen zu reduzieren. Als Beispiel ist hier die gehebelte Bitcoin Position von Celsius anzuführen, welche bei Erreichung des Liquidationspreises zu einer Zwangsauflösung der als Sicherheit für die geliehenen Stablecoins wie USDC und USDT hinterlegten Bitcoin-Position geführt hätte.

Die Rolle der DeFi-Anleger

In Folge des Terra-Niedergangs zogen Anleger in den letzten Handelswochen auch zunehmend Gelder aus den Liquidity-Pools der Staking- und Lending-Plattformen wie Celsius und BlockFi ab, was das Problem der Liquiditätsaustrocknung im DeFi-Sektor noch verschärfte.

Allein beim Anbieter Celsius zogen die Investoren zuletzt rund die Hälfte der in den verschiedenen Lending-Angeboten vorhandenen Einlagen ab. Der Vertrauensverlust und die Angst der Anleger, weitere Einlagen zu verlieren, dürfte auch in den kommenden Wochen und Monaten zu weiteren Kapitalabflüssen aus den verschiedenen DeFi-Protokollen führen, was die Liquiditätsprobleme noch verschärfen dürfte.

Das Dilemma der Plattformanbieter und Liquiditätsprovider

Da die großen Anbieter teils neunstellige Dollarsummen ihrer Investoren beim Zusammenbruch von Terra verloren, und diese Anleger nun vermehrt ihr Geld aus den Lending-Pools abziehen, verringert sich die verfügbare Liquidität in diesen Produkten weiter. Damit bleibt auch das Risiko einer möglichen Zahlungsunfähigkeit seitens der Lending-Plattformen weiter bestehen und könnte sich sogar noch erhöhen.

Celsius sah sich deswegen gezwungen, die Auszahlungen aus ihren verschiedenen Lending-Produkten vorerst komplett auszusetzen, um einen Bank Run und eine damit einhergehende Zahlungsunfähigkeit kurzfristig abzuwenden. Um einen Margin Call seiner bestehenden Bitcoin-Position auf der Plattform MakerDAO zu verhindern, nutzte Celsius am gestrigen Dienstag, dem 14. Juni, letzte Kapitalreserven, um den Liquidationspreis von 22.584 USD auf 16.800 USD zu verringern. Zwar konnte die Liquidation der Bitcoin-Position dadurch unterbunden werden, ob und wann die zentralisierte Lending-Plattform die Auszahlungen der Kundeneinlagen reaktivieren wird, ist jedoch weiter unklar.

Der Branchenführer Nexo gab nach dem Bekanntwerden der drohenden Zahlungsunfähigkeit seines Konkurrenten via Twitter bekannt, in einem sogenannten Letter of Interest (LOI), die Möglichkeit einer Übernahme verschiedener Lending-Produkte von Celsius bekundet zu haben.

Am heutigen Mittwochmorgen veröffentlichte das Wallstreet Journal einen Artikel, wonach Celsius eine Anwaltskanzlei mit der Restrukturierung des Unternehmens beauftragt hat. In den Nachmittagsstunden wurde sodann bekannt, dass Celsius an die US-Großbank CitiGroup herangetreten ist, um sich beratende Unterstützung zu sichern.

Ein Hedgefonds vor der Zahlungsunfähigkeit

Die Rolle des Krypto-Hedgefonds Three Arrows Capital (3AC) in diesem Liquiditätsdebakel wurde bislang weitgehend ignoriert. Erst am gestrigen Dienstag sorgten News über mögliche Zahlungsprobleme von 3AC in den sozialen Medien für neues Ungemach. Three Arrows Capital investierte unter anderem Ethereum (ETH) mit einem Gegenwert von 245 Millionen US-Dollar in den Liquiditätspool des DeFi-Protokolls Aave, um sich 189 Millionen USDC und USDT zu leihen. Die geliehene Summe entsprach zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme rund 77 Prozent der hinterlegten Sicherheiten. Das Aave-Protokoll erlaubt Kreditnehmern eine Beleihung in Höhe von 85 Prozent des zugrunde liegenden Collaterals (Sicherheit). Durch den Kursverfall der hinterlegten Ether drohte der Prozentsatz auf die Schwelle von 85 Prozent anzusteigen, was eine Liquidation der Ether-Position zur Folge gehabt hätte. Laut übereinstimmenden Angaben begann 3AC in den letzten Tagen vermehrt eigene Gelder aus anderen Staking-Pools abzuziehen. Ob 3AC die Gelder nutzt, um bestehende Schulden zu bezahlen oder aber mögliche Liquidationen ihrer eigenen Ether-Einlagen durch die Zuführung von frischen Sicherheiten abzuwenden, ist aktuell unklar.

Droht der DeFi-Komplettzusammenbruch?

Die Unsicherheiten rund um die zentrale Lending-Plattform Celsius sowie anderen DeFi-Protokollen wie Aave und Compound sorgen aktuell für einen regelrechten Abverkauf im DeFi-Sektor. Die Ungewissheit darüber, bei welchem Kursniveau und in welcher Höhe weitere Margin Calls ausgelöst werden könnten, dürfte zu einer anhaltenden Unsicherheit unter Investoren führen.

Viele weitere Protokolle wie Thorchain (RUNE) und Ocean (OCEAN), aber auch dezentrale Exchanges wie Uniswap (UNI) werden aktuell in Sippenhaft genommen. Die Kurse von RUNE und Co. verloren in den letzten 24 Handelsstunden überproportional an Wert. Sollte sich die Kurskorrektur am Kryptomarkt in den kommenden Wochen fortsetzen, sind nach dem Terra-Crash weitere Zusammenbrüche im Bereich der dezentralen Finanzen nicht ausgeschlossen.

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