Der pure Gegensatz Coinbase vs. Binance: Wer macht das Rennen?
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 5 Minuten

Coinbase vs. Binance

Quelle: Shutterstock, BTC-ECHO

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Längst geht es bei Coinbase und Binance nicht mehr nur um den einfachen Kauf und Verkauf von Bitcoin. Warum die beiden Krypto-Giganten unterschiedlicher nicht sein könnten – und welches Unternehmen besser für die Zukunft gerüstet ist.

Auch wenn Coinbase und Binance auf den ersten Blick ähnliche Krypto-Dienstleistungen anbieten, könnten die beiden Unternehmen nicht unterschiedlicher sein. Mit einem jeweils ganz eigenen Geschäftsmodell haben sie es geschafft, signifikante Marktanteile im Krypto-Sektor für sich zu beanspruchen. Mit einer hohen zweistelligen – kurzzeitig gar dreistelligen – Milliardenbewertung treten die beiden Schwergewichte gegeneinander an und dürften sich in den nächsten Monaten und Jahren noch einen harten Kampf leisten.


Produktangebot und Zielgruppe

Das Produktuniversum von Binance lässt jeden anderen Akteur, inklusive Coinbase, alt aussehen. So ziemlich jede Dienstleistung, die es im Krypto-Sektor gibt, bietet Binance an. Vielmehr noch: Es ist nicht nur ein Plattform-Unternehmen, sondern es positioniert sich selbst als Blockchain-Protokoll. Zahlreiche Projekte setzen auf die Binance Smart Chain und programmieren ihre Blockchain-Anwendungen auf deren Layer-Technologie. Im Gegensatz zu Coinbase, das mehr eine Brücke zum Krypto-Sektor baut, versteht sich Binance auch als ein Unternehmen, das selbst auf die Token-Ökonomie setzt. Dieser Unterschied verdeutlicht sich, wenn man berücksichtigt, dass Coinbase keine eigenen Token herausgibt. Wer an deren Unternehmensentwicklung partizipieren möchte, kann klassisch deren Aktie via Wertpapierdepot erwerben. Binance hingegen hat mit dem Binance Coin einen eigenen Ökosystem-Token.

Nutzer, die nicht fest im Krypto-Sattel sitzen, dürften sich bei Binance schnell verloren fühlen. Das große Produkt-Angebot überfordert Neulinge ziemlich schnell. Ganz anders positioniert sich hier Coinbase – mit einem überschaubaren und aufgeräumten Produkt-Angebot. Während Binance, so zumindest der Eindruck, keinen Schwerpunkt besitzt – außer die Beherrschung des gesamten Krypto-Ökosystems – erweckt Coinbase den Eindruck, sehr fokussiert auf einzelne Produkte und Zielgruppen zu setzen. So spannend die Gewinnung von Marktanteilen im Retail-Sektor auch sein mag, liegt in vielen Fällen mehr Kapital im B2B-Geschäft respektive bei institutionellen Kunden. Genau bei Letzteren dominiert Coinbase, indem es den Branchenstandard für Konzerne wie Tesla definiert.  

Coinbase kommt als durchstrukturiertes amerikanisches Start-up mit Silicon-Valley-Färbung daher, das sich am ehesten als neues Krypto-Goldman-Sachs versteht. Anders Binance, das weniger als Coinbase einer Bank, einem Broker oder einer Vermögensverwaltung ähnelt, sondern vielmehr einer Kreuzung aus New York Stock Exchange, Kickstarter-Crowdfunding-Plattform und SAP. Letztlich ist Coinbase für die meisten Kunden viel greifbarer, da es sich trotz aller Start-up-Ambitionen als Unternehmen aus der alten Welt präsentiert und ebenjene Sprache spricht. Es verdient an der Übersetzungsleistung und nicht am Herumexperimentieren der neuesten Krypto-Innovationen.

Standort vs. Remote

Dass Kunden wie Tesla zu Coinbase gehen, hat auch etwas mit dem Standort zu tun. Während Coinbase einen klaren regionalen Bezug hat, ist Binance eine Art chinesisches Exil-Unternehmen. In weniger regulierten Jurisdiktion wie den Cayman Islands, den Seychellen und ehemals Malta ist ein undurchsichtiges Unternehmensgeflecht entstanden. Wirklich in Europa aktiv beziehungsweise lizenztechnisch von den Behörden anerkannt, ist Binance nicht. Auch der Versuch, über das aus der EU ausgeschiedene Großbritannien europäische Marktanteile zu erschließen, hat nicht wirklich funktioniert. Stattdessen wird Binance von einer heftigen Regulierungswelle erfasst. Wichtige europäische Kooperationspartner wie Clear Junction springen ab und erschweren mehr denn je die Europa-Aktivitäten des Krypto-Giganten.


Coinbase mit Werbevorteil?

Diametral dazu positioniert sich Coinbase als braver Musterknabe, der Hand in Hand mit dem Regulator den europäischen Markteintritt vorantreibt. Vor allem aber darf Coinbase im Gegensatz zu Binance in Deutschland aktiv werben. So hat die deutsche Coinbase-Tochter als erstes Unternehmen eine Krypto-Lizenz der deutschen Finanzaufsicht BaFin erhalten. Es ist nicht davon auszugehen, dass Binance zeitnah hier mitziehen kann. Zumal staatliche Restriktionen weiter anziehen und es wichtiger denn je ist, sich mit den Regulatoren gut zu stellen. Nur so kann das Unternehmen aktiv Neukunden ansprechen und vor allem das B2B-Geschäft erschließen.

Zudem ist Coinbase der westlichen Bevölkerung deutlich näher. Die transatlantische Prägung macht es Coinbase einfacher, das Vertrauen der europäischen Bevölkerung zu gewinnen, als das schwer greifbare Binance. Insbesondere gegen vertrauenswürdige Angebote aus der DACH-Region, wie Bison von der Börse Stuttgart oder Bitpanda aus Österreich, dürfte es Binance schwer bei Neulingen haben, die einen Einstieg in die Krypto-Ökonomie suchen. In puncto Image ist Binance mit einer sehr großen Baustelle konfrontiert.

Draufgängertum vs. Konformität

Krypto-Hardlinern mag Coinbase zu “glatt, zentralisiert und angepasst” erscheinen, doch ebendiese Strategie zahlt sich aus, wie sich auch in Mitarbeiterwechseln zeigt. So war beispielsweise der Coinbase-Deutschland-Manager Jan-Oliver Sell zuvor bei Binance beschäftigt. Das atemberaubende Wachstum von Binance scheint sich nun zu rächen, denn die Strukturen für ein derartiges Krypto-Imperium, das Binance versucht zu sein, lassen sich nicht in wenigen Monaten auf die Beine stellen. Geld allein reicht nicht aus, um die fast schon an Größenwahn grenzende Produkt-Expansion nachhaltig zu festigen. Die überzogene Erwartungshaltung, mit der der Krypto-Sektor seit jeher zu kämpfen hat, kanalisiert sich im Mischkonzern Binance.

Auf der anderen Seite braucht es für Innovation Draufgänger, die sich wie Binance auch mal die Finger verbrennen. Sollte Binance es tatsächlich schaffen, sein Ökosystem zu festigen und massentauglicher zu machen, dann ist gemessen an der potenziellen Marktmacht eher Binance, dass einem Amazon oder Google ähnelt, als Coinbase. Gleichzeitig muss sich Binance, das sich beispielsweise mit seiner DEX an der Dezentralität versucht, dem Widerspruch stellen, wie ein Plattform-Gigant, der letztlich jede seiner Dienstleistungen kontrolliert, in das Narrativ des dezentralen Web 3.0 passen soll. Wie der Spagat zwischen Blockchain-Protokoll und Mittelsmann funktionieren kann, muss Binance noch für sich herausfinden.

So einfach es sein mag, Kritikpunkte bei beiden Unternehmen zu finden, so muss man auf der anderen Seite auch anerkennen, welchen Dienst sie für die Krypto-Etablierung leisten und was sie in kurzer Zeit erreicht haben. Beide Unternehmen haben das Potenzial, einen Markt, der immer noch in den Kinderschuhen steckt, auf ihre Art und Weise zu dominieren – und im Zuge dessen massiv zu wachsen.



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