Interview mit Dr. Jonas Groß (Teil II) 

Krypto-Experte verrät: Warum Bitcoin beim Bezahlen den Kürzeren zieht

Dr. Jonas Groß erklärt, weshalb Bitcoin als Zahlungsmittel ein ernstes Problem hat. Welche Kryptowährungen dafür deutlich attraktiver sind – und was die EZB jetzt plant.

Tobias Zander
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Dr. Jonas Groß

Beitragsbild: Digital Euro Association

| Im Gespräch mit BTC-ECHO nennt Dr. Jonas Groß einen Bitcoin-Nachteil

Die Vision von Bitcoin als globalem Zahlungsmittel jenseits von Banken und Zentralbanken prägt die Krypto-Community seit den Anfangstagen. Doch inzwischen mehren sich die Zweifel. Während die Europäische Union die regulatorischen Daumenschrauben anzieht und die EZB den digitalen Euro vorantreibt, rücken andere digitale Assets ins Rampenlicht. Sie könnten im Alltag bald eine deutlich größere Rolle spielen als Bitcoin selbst. Im Gespräch mit BTC-ECHO erklärt Dr. Jonas Groß, warum die Krypto-Leitwährung beim Bezahlen an ihre Grenzen stößt und welche Konkurrenten stattdessen profitieren.

BTC-ECHO: Der Clarity Act steht auf der Kippe. Wer hat bei der Krypto-Regulierung aktuell die Nase vorn – die Europäische Union oder die USA?

Dr. Jonas Groß: Es hängt stark davon ab, wie man “die Nase vorn haben” definiert. In der Europäischen Union sind wir regulatorisch klar weiter, denn mit MiCA gibt es einen umfassenden und rechtssicheren Rahmen. Das schafft Planungssicherheit für die Krypto-Branche, ist aber gleichzeitig relativ umfangreich und teilweise restriktiv.

Die USA verfolgen derzeit eher einen schlankeren und innovationsfreundlicheren Ansatz, allerdings mit deutlich mehr Unsicherheit, da viele regulatorische Krypto-Fragen noch nicht abschließend geklärt sind. Gleichzeitig sieht man klar, dass die Investitionen in den USA höher sind – sowohl im Venture-Capital-Bereich als auch bei großen Unternehmen, zum Beispiel rund um Stablecoins, also Mastercard, Visa, PayPal, Stripe und so weiter.

Immer häufiger berichten Krypto-Anleger von übertrieben strengen KYC-Prüfungen durch verschiedene Börsen. Schießen die Travel Rule und weitere regulatorische Kontrollmechanismen über das Ziel hinaus?

Durch regulatorische Vorgaben wie die Travel Rule sind Krypto-Transaktionen heute tatsächlich eng in bestehende KYC- und Compliance-Anforderungen eingebettet. Wer im regulierten Umfeld tätig sein möchte, kommt daran nicht vorbei. Allerdings wäre aus meiner Sicht mehr Offenheit gegenüber technologischen Innovationen wünschenswert, die Prozesse effizienter und datenschutzfreundlicher gestalten können.

Dazu zählen beispielsweise Zero-Knowledge-Proofs, die langfristig das Potenzial haben, Identifizierungsprozesse zu vereinfachen und die Privatsphäre zu stärken. Auch die europäische digitale Identitätswallet, die ab 2027 kommen wird, könnte hier eine wichtige Rolle spielen und bestehende Prozesse grundlegend positiv verändern.

Noch immer haben Dollarstablecoins einen Marktanteil von rund 98 Prozent. Warum führen die Euro- und Franken-Alternativen ein Nischendasein?

Wir sehen mittlerweile einen klaren regulatorischen Rahmen in Europa, zudem wachsen Euro-Stablecoins kontinuierlich. Allerdings bewegen sich die Volumina aktuell noch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Spannend wird sein, wie sich der Markt weiterentwickelt, insbesondere mit Blick auf Stablecoins von Konsortien wie beispielsweise AllUnity oder Qivalis, die durchaus das Potenzial für eine breite Marktdurchdringung haben. Entscheidend wird die Entwicklung konkreter Anwendungsfälle sein, wofür es ein Zusammenspiel aus Industrie, Finanzsektor, Stablecoin-Emittenten und weiteren Stakholdern braucht. Daran arbeiten wir auch mit unserer Digital Euro Association.

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Sind Stablecoins wie USDT oder USDC 2026 ein besseres Zahlungsmittel als Bitcoin und klassische Krypto-Assets?

Ich bin persönlich ein Anhänger von Bitcoin und glaube insbesondere an den Anwendungsfall als digitaler Wertspeicher. Grundsätzlich kann Bitcoin auch als Zahlungsmittel genutzt werden, beispielsweise über das Lightning-Netzwerk, was technologisch sehr spannend ist. Darüber hinaus ist für den Zahlungsverkehr aber entscheidend, dass Transaktionen möglichst wertstabil abgewickelt werden.

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob der Preis eines Zahlungsmittels stabil ist oder ob sich der Wert innerhalb kurzer Zeit um fünf oder zehn Prozent verändern kann. Deshalb bin ich überzeugt, dass für den Zahlungsanwendungsfall Stablecoins eine wichtige Rolle spielen werden und sich hier stärker durchsetzen als klassische Kryptowährungen.

Der digitale Euro soll 2029 tatsächlich starten. Was sind die Folgen für Otto Normalbürger?

Ob der digitale Euro tatsächlich 2029 kommt, ist derzeit noch offen. Das Gesetzgebungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen, und selbst danach rechnet die EZB – im Szenario einer positiven Entscheidung für den digitalen Euro – mit einer Umsetzungsdauer von etwa zweieinhalb bis drei Jahren. 2029 erscheint daher eher optimistisch.

Inhaltlich würde der digitale Euro vor allem eine zusätzliche europäische Zahlungsmöglichkeit darstellen. Nutzer könnten ihn im Alltag einsetzen, etwa im Supermarkt oder Restaurant. Neu wären dabei Funktionen wie Offline-Zahlungen, potenziell höhere Privatsphäre bei kleineren Beträgen sowie vielfältige Nutzungsformen, etwa Zahlungen per Link, Karte, online oder offline.

Besonders wichtig wird die Frage, ob es gelingt, ein wirklich nutzerfreundliches Produkt zu entwickeln, das in der alltäglichen Praxis überzeugt. Das dürfte sich voraussichtlich in den kommenden Pilotphasen ab 2027 zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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