Der Coldcard-Hack betraf vor allem solche Bitcoiner, die dem klassischen Selbstverwahrungsideal der Szene folgen. Unter den Opfern befand sich der kanadische Autor Jonathan Goodman als einer der am schwersten geschädigten Einzelnutzer der Angriffes. Im “Coin Stories”-Podcast von Natalie Brunell erzählt Goodman nun, wie er selbst von seinem tragischen Bitcoin-Verlust erfuhr und was in den Tagen danach geschah. Es ist der bislang detaillierteste Bericht eines Betroffenen.
Eine Warnung, die er zunächst für irrelevant hielt
Goodman erfuhr von dem Angriff über einen Facebook-Beitrag eines befreundeten Bitcoiners, der alle Coldcard-Nutzer aufforderte, ihre Bestände sofort zu verschieben, um diese in Sicherheit zu bringen. Sein erster Gedanke war daraufhin, dass ihn das schon nicht betreffen werde, weil Meldungen über Angriffe mittlerweile zum Alltag eines jeden Krypto-Anlegers gehören. Er startete seine Wallet-Software zur Kontrolle, wartete auf den Abgleich mit der Blockchain – und fand alle Bestände als Abflüsse verbucht.
Der Vorfall ist inzwischen unzähligfach dokumentiert. Nach Recherchen von The Defiant und Decrypt wurden am Abend des 29. Juli zwischen 21:36 und 21:43 Uhr alle seiner drei Wallets vollständig geleert, insgesamt 18,25 BTC im Gegenwert von rund 1,6 Millionen Kanadischen Dollar. Es waren Bitcoin, die Goodman ab Ende 2020 über anderthalb Jahre gekauft und dauerhaft für seine Kinder zurückgelegt hatte.
Der Fehler steckte in der Bitcoin Wallet selbst
Ursprünglich kaufte er im Jahr 2021 insgesamt drei Coldcard-Geräte und verteilte seine Bestände anschließend zwischen ihnen, für den Fall, dass eines davon ausfällt. Die Hardware lag im Bankschließfach, seine Seed-Phrase stanzte er zusätzlich in Metall. Damit war die Wortfolge, aus der sich alle privaten Schlüssel einer Wallet ableiten lassen, scheinbar gegen Diebstahl, Verlust und Feuer abgesichert.
Doch der Angriff erfolgte aus einer Richtung, die in diesem Set-up nicht berücksichtigt wurde. Direkt bei der Einrichtung zieht eine Hardware Wallet eine sehr große Zufallszahl und übersetzt sie in zwölf oder 24 Wörter. Fachleute nennen das “Entropie”, im Kern ist es aber nichts anderes als die Frage, wie oft und wie ehrlich gewürfelt wurde. Ist diese Zahl erratbar, dann ist alles erratbar, denn aus ihr entstehen jeder Schlüssel und jede Adresse.
Die Coldcard-Firmware umging den Zufallsgenerator der Geräte. Sie nutzte stattdessen einen Software-Ersatz, der aus der Seriennummer des Chips startete und danach nichts Neues mehr aufnahm. In der Konsequenz fehlte es an Entropie, also an echter Unvorhersehbarkeit, und die Geräte erzeugten Wortfolgen aus einem viel zu kleinen Vorrat.
Vorgesehen waren 128 Bit Zufall, also so viele mögliche Wortfolgen, dass kein Rechner der Welt sie durchprobieren kann. Nach Angaben von Coinkite blieben davon rund 40 Bit bei den Mk3-Geräten und etwa 72 Bit bei Mk4, Mk5 und Q über. Der Unterschied klingt gering, ist aber in der Praxis gewaltig: Statt einer Zahl mit 39 Stellen kommen nur noch rund eine Billion Möglichkeiten in Frage. Und diese lassen sich durchprobieren. Eben das taten die Angreifer auch, berechneten zu jeder möglichen Wortfolge die passenden Adressen und prüften auf der Blockchain, welche davon gefüllt waren.
Warum eine Sammelklage unwahrscheinlich bleibt
Kanzleien meldeten sich rasch, allerdings keine mit einer Sammelklage. Nach Goodmans Einschätzung wird es dazu auch nicht mehr kommen. Solche Verfahren werden von Geldgebern finanziert, die auf einen hohen Vergleich hoffen, und beim Hersteller Coldcard ist vermutlich nicht viel zu holen. Was er stattdessen beschreibt, sind Gruppen von Großgeschädigten. Deren Klagen bleiben absichtlich begrenzt, damit Coinkite nicht pleitegeht, denn von einer insolventen Firma bekommt niemand etwas.
Die Betroffenen zahlen selbst einen Vorschuss, ein Erfolgshonorar gibt es keines. Laut Goodman sagt das einiges aus, denn eine Kanzlei mit guten Aussichten würde einen Teil des Risikos selbst tragen. Coinkite ist ein privates Unternehmen, sodass die Rücklagen und Versicherungen nicht öffentlich einsehbar sind. Belegt ist nach Berichten von Forbes zumindest, dass die Firma Betroffene unterstützt, eine Entschädigung bisher aber nicht angeboten hat. Ob er selbst klagt, lässt Goodman im Interview offen.
Wo die Bitcoin-Bestände heute liegen
Alex Thorn von Galaxy Digital verfolgt die Coins seit dem zweiten Tag des Angriffs und kommt auf 1.789 BTC aus 8.865 Adressen, beim Diebstahl rund 114,7 Millionen US-Dollar wert. 87 Prozent davon haben sich seither nicht bewegt. An der Bilanz der Geschädigten ändert diese Sichtbarkeit auf der öffentlichen Blockchain jedoch nichts. Für alle anderen bleibt die Frage, gegen welchen Ausfall das eigene Set-up tatsächlich schützt.

