Bitcoin in der Todesspirale – Zur Prognose Atuyla Sarins

David Scheider

von David Scheider

Am · Lesezeit: 6 Minuten

David Scheider

Kryptowährungen sind Davids Leidenschaft. Deshalb studiert er jetzt Digital Currency an der Universität Nicosia – und schreibt nebenher für BTC-ECHO. Von Bitcoin hält David einiges, vom allgemeine Hype um die Blockchain-Technologie eher weniger.

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Quelle: Shutterstock

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In einem Blog-Beitrag auf MarketWatch gibt sich Atuyla Sarin siegessicher: Der Universitätsprofessor sieht Bitcoin gefangen in einer toxischen Spirale aus sinkenden Kursen und zu hohen Mining-Kosten. Dieses Mal, so der Autor, könne sich die Kryptowährung Nr. 1 nicht aus den Fängen der Todesspirale befreien und sei dem Untergang geweiht. Was ist dran am Phänomen „Bitcoin Death Spiral“? Ein Kommentar.

Man neigt in der eigenen Filterblase dazu, nur noch nach Inhalten Ausschau zu halten, die die eigene Haltung bestätigen. In der Wissenschaftstheorie ist dieses Phänomen unter dem Begriff Bestätigungsfehler bzw. „Confirmation Bias“ geläufig. Unliebsame Meinungen klammert man bewusst aus, um möglichst viel unterstützende Evidenz für eigene Argumentationsmuster zu erhalten.

Auch im Krypto-Kosmos neigt man dazu, den positiven Narrativen zu folgen und kritische Stimmen bewusst auszuklammern. Dass die Kursentwicklung in regelmäßigen Abständen anstatt Richtung Mond, eher Richtung Erdkern geht, musste die Community 2018 aber am eigenen Leibe erfahren.

Die sinkenden Kurse sind es auch, die Prof. Atulya Sarin von der Universität in Santa Clara zum Anlass für einen Gastbeitrag auf MarketWatch genommen hat. Darin legt er dar, wieso Bitcoin seiner Meinung nach dem Tode geweiht ist. Nähern wir uns an dieser Stelle einmal ganz nüchtern der Argumentationslinie von Prof. Sarin und fragen uns kritisch: Was ist dran an der Bitcoin Death Spiral?

Die Todesspirale


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Die Argumentation geht wie folgt: Der Bitcoin-Kurs sei über alle Maßen abhängig von der Gewinnschwelle („break-even point“) des Minings. Die liegt Schätzungen zufolge derzeit bei etwa 5.000 US-Dollar. Diese Abhängigkeit von den Mining-Kosten ist allem voran in Bitcoins geringer Verbreitung als etabliertes Wertspeicher-Medium begründet.

Das bedeutet, dass der Wert untrennbar an das Mining gebunden ist. Denn die Miner sind es, die das verteilte Netzwerk aufrecht erhalten und absichern. Diese Art der Sicherheit und Dezentralität sei das fundamentale Wertversprechen der Kryptowährung.

Allerdings, so Sarin, sei Mining ein dynamischer Prozess: Je höher der Kurs, desto mehr Miner drängen an den Markt. Dadurch steigt auch die Hash Rate und letztlich auch die Difficulty. Dies sorgt dafür, dass die Grenzkosten steigen und die Gewinnschwelle für jeden Marktteilnehmer immer enger wird. Kurz, das Mining wird unprofitabel.

Wie wir alle wissen, ist die Konsequenz daraus, dass durch ein Ausscheiden der unrentablen Miner am Markt die Difficulty wieder sinkt und das Bitcoin Mining sodann wieder attraktiv ist.

Aber nicht so schnell, sagt Sarin. Denn im aktuellen Bärenmarkt gibt es einen wesentlichen Unterschied zu vorherigen Rezessionen: der neue Markt für Bitcoin Futures.

Dieser belohne nicht mehr das Mining – denn dies sei ja mittlerweile nicht mehr rentabel, siehe oben – sondern setze anstelle dessen Anreize für den aktiven Handel mit Bitcoin Futures. Denn auf diesem Sekundärmarkt sind Bitcoin schlicht günstiger, als wenn man sie selbst mint.

Die Miner verlassen also in Scharen den Markt und suchen ihr Heil im Handel mit Bitcoin Futures, um günstig Bitcoin habhaft zu werden.

Und dies, so der Autor, sei der entscheidende Mechanismus für die Todesspirale. Sinkende Kurse führen zu weniger Minern am Markt. Denn wieso sollte ein rationaler Miner ein offensichtliches Verlustgeschäft betreiben? Dieser Prozess setze sich sodann in immer schnellerem Tempo fort, bis der Wert der Kryptowährung gleich null sei.

Was ist dran, an der „Death Spiral“?

Prof. Atuyla Sarin identifiziert überdies Eigenschaften, welche den aktuellen Bärenmarkt von den vorherigen unterscheidet. Diese Prämisse ist ein zentraler Teil der Argumentation, denn oben genannte Zusammenhänge gelten auch für vorherige Crashs. Man fragt sich, wieso also lebt Bitcoin überhaupt noch?

Überprüfen wir die identifizierten Unterschiede auf ihre Stichhaltigkeit.

Erstens: „Der Umfang des Crashs ist dieser Tage größer als je zuvor.“

Falsch. Bitcoin hat in seiner 10-jährigen Bestehensgeschichte extremere Kursstürze erlebt. Bitcoin hat etwa 80 Prozent seines Werts seit dem Allzeithoch im Dezember 2017 eingebüßt. Damit ist dieser Crash nur auf Platz vier der ewigen Rangliste von Bitcoin-Abverkäufen.

Zweitens: „Die Verlierer im aktuellen Bärenmarkt sind neue Investoren, die sich gänzlich zurückgezogen haben.“

Man fragt sich: Woher weiß er das? Je älter Bitcoin wird, desto mehr Investoren sind mit der Technologie hinter Bitcoin vertraut. Die Google-Suchanfragen erleben aktuell wieder einen Aufschwung und r/Bitcoin feiert derzeit seinen millionsten Abonnenten. Von Totengräberstimmung keine Spur.

Klar, jeder Bärenmarkt hinterlässt eine Menge gescheiterter Investoren. Dies sollte allerdings in erster Linie den Investment-Leitsatz Nr. 1 bekräftigen: „Investiere nur in Dinge, die du verstehst.“

Drittens: „Der Bitcoin-Futures-Markt ist ein entscheidender Game Changer.“

Wie oben erwähnt, tauschen die Miner ihr Geschäft gegen den Handel mit Bitcoin Futures, wenn das Mining unrentabel wird. Denn auf dem Sekundärmarkt sind Bitcoin günstiger zu haben. Aktuell scheint es, als sei dies tatsächlich der Fall. Wie BTC-ECHO berichtete, mussten die Miner Schätzungen zufolge in der letzten Zeit bis zu 800.000 Geräte vom Netz nehmen.

Von einem Exodus, wie Sarin ihn hier beschwört, kann aber keine Rede sein. Zwar sank die Hash Rate seit ihrem Allzeithoch Ende August von über 61 Millionen Terahashes pro Sekunde (TH/s) auf aktuell 31 Millionen TH/s signifikant ab. Das Niveau ist aber immer noch wesentlich höher als zu Hochzeiten des letzten Bullenmarktes. Außerdem nähert sich die Hash Rate einer Art dynamischem Gleichgewicht an, bei dem das Mining zumindest profitabel sein kann.

Diesen Zusammenhang zeigt auch CoinShare in ihrer aktuellen Studie über den Anteil erneuerbarer Energien im Bitcoin Mining auf. Wir haben die Ergebnisse zusammengefasst.

Ein paar Gegenargumente

Man muss also konstatieren, dass sich dieser Bärenmarkt im Kern nicht von der Vergangenheit unterscheidet. Im Gegenteil: Man hat den Eindruck, dass die krisenerprobte Community den Crash von 2018 gelassener nimmt. Vieles spricht zudem dafür, dass institutionelles Geld alsbald in den Markt fließt.

Ferner lernen auch die Miner mit der Zeit, mit den regelmäßigen Kursstürzen  umzugehen. So sagte Slush-Pool-Gründer Marek Palatinus gegenüber Forklog, dass Bärenmärkte keine existenzielle Bedrohung mehr für die Mining-Industrie darstellen. Anstatt in Panik zu verfallen, warten die Miner den Bärenmarkt stoisch ab und hodln geminte Bitcoin, bis bessere Zeiten anbrechen.

Es wäre ja auch einigermaßen erstaunlich, wenn derart häufige Phänomene wie Kurscrashes alteingesessene Marktteilnehmer in existenzielle Bedrängnis bringen würden. Wer in dem extrem volatilen Krypto-Markt so kurzfristig plant, dass Kursstürze von Relevanz sind, hat es sodann wohl auch verdient, vom Markt gedrängt zu werden.

Fazit

Gegenwind muss die Krypto-Community aushalten. Mehr noch: Es ist sogar lohnenswert, sich mit Gegenargumenten auseinanderzusetzen. Denn einerseits ist es hilfreich, um die eigene Position kritisch zu hinterfragen. Andererseits kann es sogar dazu führen, dass man gestärkt aus der Debatte hervorgeht. Denn um die Argumente der Gegenseite zu entkräften, muss man in der Lage sein, die eigene Position schlüssig darzulegen.

Die Haltung des Autors sollte an dieser Stelle kein Geheimnis mehr sein. Bitcoin ist nicht tot.

BTC-ECHO


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