Privatsphäre ist kein Verbrechen

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Privatsphäre ist kein Verbrechen

Die Privatsphäre im 21. Jahrhundert schwindet zunehmend. Informationen werden überall abgegriffen und ausgewertet, bei Facebook, Google, Amazon und auch Bitcoin. Viel schwerwiegender ist jedoch die grundsätzliche Haltung, dass Privatsphäre etwas Überflüssiges – sogar Anstößiges – sei. Eine Gegenposition. 

Das Versprechen von Bitcoin war nicht nur dezentral und offen zu sein, sondern darüber hinaus Privatsphäre für die Nutzer zu bringen – das „anonyme Hacker-Geld“. Nun, nach knapp zehn Jahren wissen wir, dass dies nicht der Fall ist. In der Tat ist Bitcoin alles andere als privat. Stattdessen wird jede Transaktion für alle Zeit in der Blockchain festgehalten.

Die Option: Aussteigen

Bitcoin eröffnete 2008 ein neues Paradigma: Es sollte möglich sein, ein Finanzsystem unabhängig von jeglicher staatlicher Instanz zu etablieren. Erstmals war der Menschheit eine neue Option gegeben, aus dem Fiat-Bankensystem auszusteigen. Dies würde einen extremen Kontrollverlust für die etablierte Elite bedeuten. Die Unabhängigkeit des Geldes könnte so mancher Regierung den Garaus machen, stützen sich die meisten staatlichen Institutionen doch auf ein Geldmonopol und die Macht, Geld zu drucken. Andreas Antonopolous beschreibt in seinem jüngsten Vortrag die Vorgehensweise des Bankenkartells:

De-Anonymisierung von Bitcoin

Wie bereits im Watch my Block: Bitcoin festgehalten, ist Bitcoin pseudonym, nicht anonym. Das bedeutet, dass alle Transaktionen mit eindeutigen Pseudonymen geschehen. Diese sind nicht wie in manchem Chat-Raum ein gewählter Name, sondern eine scheinbar zufällige Zeichenfolge: die Bitcoin-Adresse.

Auf den ersten Blick lässt sich nicht erkennen, zu welcher Person eine bestimmte Adresse gehört. Allerdings lässt sich erkennen, wie viel Geld eine Adresse „mit sich herum trägt“. Es lässt sich erkennen, wie groß die Transaktion ist und wohin das Geld fließt. Die einzige Form der Privatsphäre in Bitcoin ist, dass nicht ohne Weiteres Identitäten zu den Adressen zugeordnet werden können. Doch auch diese Privatsphäre schwindet zunehmend.

„KYC“ ist das Kürzel des Schlagworts. Mit der Auflage der „Know-Your-Customer“-Politik möchten Regierungen sowohl illegale Geldwäsche als auch die Finanzierung von Terrorismus verhindern. Die Bank müsse ihre Kunden kennen, überprüfen und die entsprechenden Informationen speichern. Eine Regierung hat damit eine Anlaufstelle für die Verfolgung potentieller Verbrecher.

Auch in der Krypto-Welt ist der KYC-Prozess zum Alltag geworden. Keine große Börse kann es sich erlauben, in diesem Belang unkooperativ mit Staaten zu sein. Selbst die junge Börse Binance hat kürzlich dem regulatorischen Druck nachgegeben. Käufer von Kryptowährungen müssen mindestens einmal durch ein überwachtes Tor schreiten. Dort wird eine Verbindung zur Bitcoin-Adresse hergestellt und darauffolgende Transaktionen lassen sich ebenfalls überwachen. Je mehr reale Identitäten bekannt werden, desto weiter schreitet die De-Anonymisierung der gesamten Bitcoin Blockchain voran. Wie ein Puzzle, das Teil für Teil zusammengefügt wird. Die Vorstellung einer solchen Datensammlung und Nachverfolgung ist kein dystopischer Alptraum, sondern findet bereits seit Jahren statt.

Auch wenn es sich um ein staatlich unabhängiges Finanzinstrument handelt, ist es als Geld daher nur bedingt geeignet. Geschwärzte Bitcoin können von Börsen zensiert werden. Vielleicht ist die Transparenz Bitcoins ein Grund für die scheinbare Gelassenheit der Regulatoren. Mittlerweile ist klar, dass mit Chain-Analyse und der Blockchain die meisten, wenn nicht gar alle Geldströme retro-aktiv identifiziert werden können.

Eine Kryptowährung, die sich nicht verfolgen lässt

Doch die Welt der Kryptowährungen ist vielfältig und entwickelt sich stetig weiter. Monero-Entwickler Howard „hyc“ Chu bezeichnete Monero in seinem Vortrag bei der DefCON26 Monero als das Bitcoin 2.0. So sei Monero das, was man anfänglich über Bitcoin dachte – das „anonyme Hacker-Geld“. Neben der vielen Fehler, die Monero im Vergleich zum Bitcoin-Protokoll ausbügelte, sei die Kryptowährung auch tatsächlich als Geld zu betrachten. Denn die Einheiten in Monero sind fungibel. Mit anderen Worten, sie lassen sich nicht voneinander unterscheiden. Die Überwachung von Transaktionen, Zuordnung von realen Identitäten und Zensur von Zahlungen ist somit technisch unmöglich.

Monero ist ein Open-Source-Software-Protokoll. Somit ist der Computercode öffentlich und kann von jedem kopiert und verändert werden. Wie in den 90er-Jahren die Crypto Wars zeigten, ist Computercode genauso wie Rede zu werten. Solange man die Redefreiheit genießt, sollte man also auch in den Genuss quelloffener Kryptowährungen kommen.

Monero ermöglicht private Geldtransfers. Eine neue Option wird der Menschheit geboten: der Ausstieg aus dem überwachten Finanzsystem. Die Gegner dessen nutzen dieselben Argumente, die anfänglich gegen Bitcoin verwendet wurden: Es dient dem Drogenhandel, der Geldwäsche und der Terrorfinanzierung.

„Privatsphäre ist für Kriminelle“

In den Reihen der Regulierung wird nun eine Stimme laut, die schon seit Jahrzehnten subtil in der Rhetorik mitschwang: „Wer privat sein will, hat etwas zu verbergen – ist (potentiell) kriminell.“ Allein der Umstand, dass keine Kontrolle möglich ist, bestärkt dieses Argument. Der Staat empört sich. So müsse man doch zum Schutz der Bevölkerung vor Terrorismus und zur Prävention von Geldwäsche in der Lage sein, Geldflüsse zu überwachen. Ein Asset, das diese Überwachung nicht zulässt, wäre ideal zur Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche geeignet.

Dass die Chain-Analyse nicht bei allen Kryptowährungen so einfach ist wie bei Bitcoin, haben mittlerweile auch die Geheimdienste um den Globus mitbekommen. Das, was man zuerst bei Bitcoin befürchtete, bewahrheitet sich bei Monero. Und so behalten der U.S. Secret Service, Europol & Co. die privaten Kryptowährungen argwöhnisch im Auge. Hier möchte man kooperieren, sind doch alle Staaten von der Existenz einer anonymen Kryptowährung bedroht. Der Konsens dabei ist das oft rezitierte Mantra: „Wer nichts zu verstecken hat, hat auch nichts zu befürchten“. Plötzlich ist jeder verdächtig und kann erst dann aufatmen, wenn er vollständig kontrolliert und für „sauber“ befunden wurde. Was die genaue Definition von „sauber“ ist, liegt hier im Ermessen des Gesetzgebers.

Private Kryptowährungen stellen eine so große Bedrohung dar, dass das U.S. Department of Homeland Security (DHS) jetzt den nächsten logischen Schritt geht und aktiv gegen die Privatsphäre in Monero und ZCash vorgehen möchte: In einem Wettbewerb sucht das DHS nach Überwachungsmethoden für Privacy Coins.

Die Angst vor dem Kontrollverlust

Offensichtlich besteht also ein reges Interesse an der vollständigen Überwachung der Märkte. Als Begründung dient selbstverständlich der Schutz der Bevölkerung und Bürger. Schließlich wolle man nicht, dass sich Anschläge wie am 11. September 2001 wiederholen. Neben Terrorismus befindet sich auch Geldwäsche im Visier der staatlichen Institutionen.

Doch die Haltung der Geheimdienste und Regierungen scheint mir hypokritisch. Wäre tatsächlich die Geldwäsche ein Problem, warum darf die HSBC weiterhin Geschäfte machen? Wenn Terrorismus so bedrohlich ist, warum verstößt die CIA gegen die UNO-Charta von 1945 und bewaffnet „Rebellengruppen“ im Nahen Osten? (Man merke an: Ob Rebell oder Terrorist ist oft nur eine Frage der Seite, auf der man sich gerade befindet). Geldwäsche und Terrorfinanzierung sind die Status-quo-Argumente, um im Namen der Völker die menschlichen Freiheiten immer weiter einzuschränken.

Allerdings muss selbst Thomas P. Ott vom U.S. Department of the Treasury eingestehen, dass traditionelle Finanzmethoden nach wie vor das primäre Vehikel für die meisten illegalen Aktivitäten sind. Wenn man sich um Terror, Mord und Korruption sorgt, sollte man vielleicht besser vor der eigenen Türe kehren. Vergessen wir nicht die steuerfinanzierten, illegalen Kriege im Nahen Osten, die gegen das Völkerrecht verstoßen. Dass es sich hierbei um einen Fehler oder ein Versehen handelt, fällt mir schwer zu glauben.

Die Folgerung, die bleibt, ist, dass es Regierungen weltweit nicht primär um den Schutz der Bevölkerung geht. Erinnert man sich an all die fadenscheinigen Gründe und Unwahrheiten, die bereits erzählt wurden, um Kriege zu beginnen: „Polen hat angefangen“, „Vietnam hat angefangen“, „Saddam Hussein hat Massenvernichtungswaffen“, um nur ein paar zu nennen. Könnte es sein, dass die Argumentation gegen Privatsphäre in die gleiche Kategorie fällt? Steht ein „War on Privacy“ bevor? Hat er bereits begonnen?

Es trifft die Falschen

Es sollte klar sein, dass ein Verbot nie marktwirtschaftliche Aktivitäten unterbindet. Wie die Alkohol Prohibition der 1920er-Jahre und sämtliche „Kriege gegen Drogen“ zeigen, löst ein Verbot kein Problem. Im Gegenteil, durch die Kriminalisierung der Aktivität entstehen die Probleme erst. Es entstehen Schwarzmärkte, um die Nachfrage zu decken. In Schwarzmärkten gibt es keine Qualitätskontrollen der Händler – der Konsument hat das Nachsehen. Darüber hinaus fordert das Verbot unzählige Leben, wie sich beispielsweise in Mexiko erkennen lässt.

Ein Verbot der Privatsphäre würde also das „Problem“ nicht lösen. Effektiv hieße dies nur, dass der durchschnittliche Bürger keine Privatsphäre mehr hätte. Denn wer genug Kapital aufbringt, kann sich selbstverständlich auch in überwachten Systemen seine stillen Minuten kaufen. Letztlich wird die Bevölkerung also nicht geschützt, sondern ausgeliefert.

Der Fakt, dass die Privatsphäre verteufelt wird, bereitet Sorgen. Während sich Staaten gerne das Schild der „Menschenrechte“ vorhalten, um ihr Handeln zu begründen, sind diese Rechte unklar definiert. Eine unzureichende Definition erlaubt letztlich jegliche Auslegung. Diese Angelegenheit geht in den Kern einer jeden Gesellschaft, berührt sie doch die Rechte von uns allen. Ist es tatsächlich undenkbar, dass Staaten ihre Macht ausnutzen könnten? In Deutschland ist es keine 30 Jahre her, dass die Stasi die DDR-Bürger schikanierte. Nach den Offenbarungen von Edward Snowden ist klar, dass die Überwachung heute auf einem völlig neuen Level stattfindet.

Privatsphäre ist kein Verbrechen

Die prinzipienbasierte Opposition zu den Macht maximierenden Forderungen der Regierungen ist, dass der Körper und die Früchte seiner Arbeit das Eigentum des Menschen sind. Diese Position des Selbstbesitzes wurde auf prominente Weise von Denkern wie John Locke und Murray Rothbard argumentiert. Demnach ergibt sich beispielsweise die Redefreiheit aus dem Selbstbesitz einer jeden Person. Die Freiheit, die Zunge und Lippen in einer bestimmten Art zu bewegen, ergibt sich aus dem Selbstbesitz. Doch der Mensch hat nicht nur ein Recht zur Rede, sondern auch das Recht zu schweigen. Möchte ein Mensch gewisse Informationen also nicht mit der Welt teilen, so darf er nicht dazu gezwungen werden. Diese Eigentumsrechte bestimmen sich durch die Natur des Menschen und nicht durch einen willkürlich aufgesetzten Staatsapparat. So hat der Mensch ein naturbedingtes Recht auf Privatsphäre, welches dem Staat vorrangig ist.

Wenn der Mensch ein natürliches Recht auf Privatsphäre hat, wer ist dann der Kriminelle – der Überwachte oder die Überwacher?

Das Lauschen beschränkt sich nicht auf Kryptowährungen. Auch soziale Medien und jegliche Metainformationen werden über das Internet abgegriffen und gespeichert. Kryptowährungen sind in sofern bedrohlich, als dass sie das Geldmonopol der US-Regierung untergraben. Der auf Öl gestützte US-Dollar könnte theoretisch seine Dominanz und seinen Wert verlieren. Damit würde sich ein Großteil der globalen Macht des US-Imperiums in Luft auflösen. Es ist nicht überraschend, dass die Mächtigen ihre Position nicht verlieren möchten. Doch die heute verfügbare Technologie erlaubt es dem Individuum seine Souveränität – und Privatsphäre – zurückzuerobern.

Erste Schritte in die Privatsphäre

Wenn man sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt, stellt man schnell einen Trade Off fest: Privatsphäre kostet Bequemlichkeit. Wie viel Bequemlichkeit man opfern kann/möchte, liegt dabei im Ermessen des Betroffenen. Es fängt damit an, dass man sich nicht bei jedem Dienst mit dem Facebook-Account anmeldet und geht soweit, dass man gewisse Dienste gar nicht mehr nutzt und sich besondere Hardware zulegt.

Für einen Überblick ist die Anleitung des Cypherpunks und Bitcoin-Advokaten Jameson Lopp zu empfehlen. Diese kurze Übersicht nennt einige Dienste, die ihren Fokus auf Privatsphäre legen. Das Prism-Break-Projekt geht hier mehr ins Detail und stellt konventionelle Dienste, wie WhatsApp und Google Drive ihren quelloffenen und dezentralen Alternativen gegenüber.

Der Themenkomplex Privatsphäre erstreckt sich über unser aller Leben. Dabei geht es nicht nur um Kryptowährungen, sondern auch um sonstige Kommunikation und Informationen. Wer mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen möchte, kann dies tun. Es sollte allerdings auch klar sein, dass das Informationskartell à la Amazon, Google und Facebook ein finanzielles Interesse an den Daten ihrer Nutzer haben. Wer sich also für die persönliche Privatsphäre entscheidet, muss oftmals den steinigen Weg gehen, anstatt den glatt gepflasterten der vermeintlich gutherzigen Großen Brüder. Essentiell ist, dass der Mensch ein Recht auf Privatsphäre hat und es weder kriminell noch verdächtig ist, wenn er sich entscheidet, von diesem Recht Gebrauch zu machen.

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