Paolo Ardoino im Exklusivinterview Tether-CTO: “Wir haben nichts zu verbergen”

Tethers Reserven sind ein Mysterium. CTO Paolo Ardoino möchte das ändern. Ein Gespräch über Transparenz – und den Kampf mit der Wall Street.

Giacomo Maihofer
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Tether

Beitragsbild: BTC-ECHO

| Tether-CEO Paolo Ardoino fährt die Krallen aus

Lautstark, selbstbewusst, umstritten: Paolo ­Ardoino ist der Architekt und das Gesicht von Tether, dem 80-Milliarden-US-Dollar-schweren König der Stablecoins. Der Erfolg gibt ihm recht, doch eine große Frage verfolgt den Chief Technology Officer (CTO) der Firma überallhin: “Ist Tether ausreichend gedeckt?”

Auch wir haben sie Paolo Ardoino gestellt, als wir den gebürtigen Italiener im März 2023 auf der Paris Blockchain Week für 30 Minuten trafen. Im kommenden BTC-ECHO-Magazin lest ihr das große Interview der BTC-ECHO-Redakteure Giacomo Maihofer und Daniel Hoppmann mit ihm. Dort spricht er unter anderem über den Erfolg und die Kritik an Tether, warum er seinem Konkurrenten Circle die USA überlassen will – und seine große Liebe für Bitcoin. Ein Auszug.

BTC-ECHO: Über dem Erfolg eures Stablecoins hängt seit all den Jahren eine große Ungewissheit: die Reserven. Ist Tether vollständig durch Rücklagen abgesichert?

Paolo Ardoino: Ja, das ist er.

Die New Yorker Staatsanwaltschaft kam in ihren Ermittlungen im Jahr 2021 zu einem anderen Ergebnis. Der Vorwurf: Ihr habt Geld von eurer Börse Bitfinex zu Tether verschoben, um Verluste auszugleichen. Tether war nicht voll gedeckt.

In dem Satz fehlt ein wichtiger Teil. Ihr Vorwurf lautete: Tether war nicht voll durch Geldreserven gedeckt. Auf unserer Webseite stand damals, dass jeder USDT durch einen Dollar gesichert war. Das war nicht die richtige Darstellung und wir änderten das, sobald wir die Notiz bekamen. Wir nutzten einen Kredit bei Bitfinex, was eine extrem profitable Firma war. Aus unserem Cash-only-Portfolio war ein Asset-Portfolio geworden. Das ist heute bei fast jedem Stablecoin ein Standard.

Die Staatsanwaltschaft hat sich mit uns auf einen Vergleich geeinigt, ohne einen Vorwurf von Betrug. Unsere Reserven sind auf unserer Webseite jederzeit und bis ins Detail einsehbar, mit täglichen Updates. Außerdem lassen wir jedes Quartal Attestationen machen, zuletzt von BDO, einem italienischen Wirtschaftsprüfer.

Eine Attestation ist nur eine Momentaufnahme der Reserven anhand von euch übergebener Dokumente. Ohne weitere Prüfung. Eine hundertprozentige Sicherheit darüber, dass eure Angaben stimmen, liefert nur ein Audit. Warum lasst ihr nicht einen von den Big Four – KPMG und Co. – in eure Wirtschaftsbücher schauen?

Da fragst du die falsche Person. Wir haben die Big Four gefragt. Sie wollen das Risiko nicht eingehen. Sie arbeiten mit den Banken zusammen und Stablecoins sind in den USA und Europa nicht reguliert. Warum also sollten sie ihren guten Ruf dafür gefährden und beglaubigen, dass der Stable­coin funktioniert, wenn klare Richtlinien fehlen? Aus ihrer Perspektive wäre das Wahnsinn.

Und ein Audit von den Big Four gibt dir keine hundertprozentige Garantie. Die Credit Suisse hatte einen – selbst Wirecard. Wir wissen, was passiert ist. Die Obsession mit Tether hat dazu geführt, dass die Leute viele der wirklich bösen Jungs übersehen haben: Celsius, FTX, Voyager, Genesis und Co. Die US-Mainstream-Medien jubelten fast alle von ihnen hoch. Diese Journalisten können sich alle gemeinsam in ein Clown-Auto setzen.

Hast du das Gefühl, du wirst von der US-Regierung und der Wall Street angegriffen?

Nicht von der US-Regierung. Aber vom “Wall Street Journal” und anderen Journalisten, die dem Bankensektor nahestehen. Wir sind eben diese komischen Italiener, die das Finanzgeschäft besser beherrschen als die Wall Street. Und wir sind bereit, auf dem Bitcoin-Hügel zu sterben.

Wir reinvestieren 15 Prozent unserer Gewinne in Bit­coin und treiben die globale Adoption voran. Wir haben in der Schweiz in der Stadt Lugano große Durchbrüche erzielt. Dort ist er als Zahlungsmittel anerkannt und wir arbeiten mit über 200 Händlern an der Implementation. Wir unterstützen El Salvador. Alle diese Initiativen richten sich gegen das Establishment, den Bankensektor und den Internationalen Währungsfonds. Und sie sind nicht glücklich darüber. Also greifen sie uns an. Das war schon immer so in der Geschichte.

Inwiefern?

Die Autoindustrie wurde bei ihrem Aufkommen auch von den Pferdezüchtern attackiert. Als Elektri­zität in den Städten aufkam, schrien die Journalisten: Wir haben Kerzen! Wir brauchen das nicht. Das ist dumm. Die alten Player versuchen immer, sich zu verteidigen, wenn Innovationen ihre Macht gefährden. Sie wollen nicht die Kontrolle verlieren.

Die Forderung nach einem Audit von Tether kommt auch aus dem Krypto-Space. Tether ist mit fast 80 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung der größte Stablecoin. Ein Kollaps wäre eine Katastrophe für die Branche. Nach dem Crash von Terra Luna im Jahr 2022 sind die Leute besorgt und misstrauisch. Sie wollen nicht mehr blind vertrauen. Nicht umsonst heißt das Credo dieser Bewegung: Don’t trust, verify.

Wir haben mittlerweile einen Überschuss von 1,5 Milliarden US-Dollar bei unseren Reserven. Als Terra Luna im Mai 2022 crashte, haben wir fast neun Milliarden US-Dollar ausgezahlt, über Nacht. Was mehr können wir tun? Ihr könnt gern zu den Big Four gehen und sie fragen, ob sie ein Audit machen wollen. Wir sind mit BDO, dem Wirtschaftsprüfer, der unsere Attestationen macht, im Gespräch darüber, wie ein Audit von einem Stablecoin funktionieren kann. Es ist eine unserer Prioritäten. Wir haben nichts zu verbergen.

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