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Experte klärt auf Stagflationsgefahr – Was bedeutet das für Bitcoin?

Das Gespenst der Stagflation geht wieder um. Während das Konzept in der Politik und Wirtschaft für Angst und Schrecken sorgt, könnte Bitcoin und der gesamte Krypto-Space sogar davon profitieren.

Nicola Hahn
 |  Lesezeit: 8 Minuten
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Ölfässer

Beitragsbild: Shutterstock

Steigende Preise heißen Inflation, sinkende Preise bedeuten Deflation. Diese beiden Szenarien dürften denjenigen geläufig sein, die jeden Tag aufmerksam die Wirtschaftsnachrichten verfolgen. Mit den gewaltigen Geldsummen, die im Zuge der Corona-Pandemie über die Wege der Geld- und Fiskalpolitik in die Märkte gespült wurden, ist es gelungen, das Gespenst der Inflation wiederzuerwecken. Lange von den Notenbanken der Welt unterschätzt, hat sich diese nun zu einem ernsthaften Problem entwickelt, denn niemand – noch nicht einmal Fed-Chef Jerome Powell – kann wissen, wie lange die Inflation noch anhalten wird. Mittlerweile feiert allerdings auch ein alter Bekannter seine Rückkehr ins Rampenlicht der weltweiten Politikbühne: die Stagflation.

EZB-Ratsmitglied warnt vor Stagflation

Treffen Rezession und Inflation aufeinander, so spricht man in der Ökonomie von einer Stagflation. Prominent war dieses Phänomen zuletzt in den 1970ern aufgetreten. Die vergangenen beiden Phasen in den USA sind in Abbildung 1 dargestellt. Damals hatte die US-Notenbank mit Inflationsraten von zwischenzeitlich mehr als zehn Prozent zu kämpfen. Das Wirtschaftswachstum (dargestellt in orange) rutschte aufgrund der Ölschocks zwischenzeitlich kurz in den negativen Bereich.

Stagflation

Abbildung 1: Stagflation in den 1970er-Jahren, Quelle: motherjones.com

Lange Zeit schien es so, als wäre das Konzept der Stagflation ein für alle Mal begraben. Doch mittlerweile ist die Angst vor einer Stagflation sogar wieder in die Top-Etagen der Europäischen Zentralbank (EZB) zurückgekehrt. Am 3. März warnte bereits Mario Centeno vor einem möglichen Stagflations-Szenario in Europa, ausgelöst durch den Russland-Ukraine-Krieg. Dazu hieß es:

Es gibt mögliche Stagflationsszenarien. Diese hängen natürlich von der Dauer des Konflikts und der mehr oder weniger konzertierten Reaktion (der Finanzpolitik) der Europäer ab.

Mario Centeno, Quelle: Reuters

Schwaches Wachstum erwartet

Bereits vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine hatten sich die Rezessionswolken zunehmend verdichtet. Fast täglich erschienen neue Horrormeldungen über Probleme bei den Lieferketten der Unternehmen. Gleichzeitig machten Gerüchte die Runde, wie oft die Fed in diesem Jahr den Leitzins wohl anheben werde. Lange Zeit blieb diese jedoch tatenlos, mit der immer gleichen Begründung, dass die Inflation vorübergehend sei. Die US-Notenbank scheint sich jedoch mittlerweile in eine echte Zwickmühle manövriert zu haben. Hebt sie die Zinsen nicht schnell genug an, läuft sie Gefahr, dass die Inflation zu heiß läuft. Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass sie bei einem zu schnellen Anheben der Zinsen die Wirtschaft abrupt in eine Rezession führt. Besonderes pessimistisch ist dabei die Atlanta Fed. Diese hatte ihre Wachstumsprognose für das erste Quartal 2022 von zunächst 1,3 Prozent auf 0,6 Prozent und anschließend auf null Prozent gesenkt. Ein weiterer Faktor, der für eine heraufziehende Rezession sprechen könnte, ist der explodierende Ölpreis. Dieser war in Folge des Ukraine-Krieges auf fast 140 US-Dollar je Barrel gestiegen – höchster Stand seit 2008.

Ist eine Stagflation realistisch?

Mehrere Indikatoren scheinen mittlerweile also tatsächlich auf eine Stagflation hinzudeuten. Was bedeutet das konkret? Prof. Dr. Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig und Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik erläutert gegenüber BTC-ECHO, wie akut sich die Gefahr durch eine Stagflation derzeit darstellt:

Ich halte eine Stagflation aus zwei Gründen für wahrscheinlich. Erstens nehmen die staatlichen Eingriffe in den Wirtschaftskreislauf immer mehr zu, was das Wachstum immer stärker bremst und wirtschaftliche Einbrüche begünstigt. Da die negativen wirtschaftlichen Folgen der staatlichen Interventionen mithilfe der Notenbank abgedämpft werden, wird der Überhang der Geldmenge über die Gütermenge weiter erhöht, sodass der Inflationsdruck zunimmt.

Gunther Schnabl gegenüber BTC-ECHO

Befinden wir uns also bereits in einer Phase wie in den 1970er-Jahren? Der Ökonom sieht hier durchaus Parallelen:

Ja, der globale Inflationsdruck in den 1970er Jahren ging von der Finanzierung des Vietnamkriegs und von Sozialausgaben der USA über die Notenpresse aus. Wie heute äußerte sich der Inflationsdruck insbesondere durch den Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise. Steigende Energiepreise und die negativen Wachstumseffekte der expansiven Geldpolitiken führten zu wirtschaftlicher und (geo-)politischer Instabilität. Die Inflation verfestigte sich, da die Gewerkschaften auf steigende Preise mit höheren Lohnforderungen reagierten, was die Unternehmen zwang, die Preise zu erhöhen (Lohn-Preis-Spiralen).

Gunther Schnabl gegenüber BTC-ECHO

Energiepreise als Achillesferse Europas

Ein Blick auf die Rohstoff- und Energiemärkte unterstreicht die Aussagen des Ökonomen. Der Preis pro Barrel der Nordseesorte Brent konnte zum Wochenauftakt weiter zulegen und notiert zum aktuellen Zeitpunkt bei rund 127 US-Dollar je Barrel. Besonders besorgniserregend ist allerdings der Anstieg der Gaspreise in Europa. Aufgrund des Kriegsbeginns sowie des Stopps von Nord Stream 2 war der Preis für Flüssiggas förmlich durch die Decke gegangen. Diese gestiegenen Rohstoffpreise machen nicht nur das Heizen zu Hause teurer, sondern setzen auch dem produzierenden Gewerbe, vor allem der Lebensmittelindustrie (Stichwort: steigende Düngemittelpreise), zu. Extreme Ausschläge waren auch an den Metallmärkten zu beobachten. So stieg beispielsweise der Nickel-Preis an der London Metal Exchange (LME) binnen zwei Tagen um bis zu 250  Prozent auf über 100.000 US-Dollar je Tonne. Der Handel wurde daraufhin bis auf Weiteres ausgesetzt.

Während die USA kaum Öl oder Gas aus Russland importieren, dürfte Europa die Auswirkungen steigender Energiepreise deutlich stärker zu spüren bekommen. Inwiefern dieser externe Schock das Wachstum in der Eurozone bremsen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Die Gemengelage könnte in letzter Konsequenz dazu führen, dass sich die Inflationsspirale eher noch beschleunigen wird. Russland gilt immerhin als einer der wichtigsten Rohstofflieferanten weltweit. Darüber hinaus ist denkbar, dass die Staaten Europas dem Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise nicht tatenlos zusehen werden, sondern hier beherzt einschreiten werden. Dieses Szenario hält auch der ehemalige Hedgefonds-Manager und Gründer der Videoplattform Real Vision, Raoul Pal für sehr wahrscheinlich (siehe Twitter-Beitrag unten). Der Finanzexperte rechnet demnach mit zusätzlichen Fiskalausgaben, finanziert durch die Notenpresse, um die Bevölkerung finanziell zu entlasten.

Das Vertrauen in Fiat-Währungen bröckelt

Die Ereignisse der vergangenen Monate scheinen vielen Menschen vor Augen geführt zu haben, wie schnell scheinbar stabile Fiat-Währungen an Wert verlieren können. Dies bekam vor allem die russische Bevölkerung mit voller Wucht zu spüren. Der Rubel befindet sich seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine im freien Fall. In Abbildung 2 ist der Rubelkurs im Verhältnis zum US-Dollar abgetragen. Ein steigender Kurs bedeutet, dass der Rubel an Wert einbüßt. Die russische Zentralbank reagierte bereits und verhängte angesichts der westlichen Sanktionen drastische Einschränkungen für den Devisenhandel. Laut neuesten Meldungen dürfen russische Banken bis Anfang September keine ausländischen Währungen mehr ausgeben.

Abbildung 2: Rubelkurs in US-Dollar

Doch bereits vor Ausbruch des Krieges schien das Vertrauen in die Zentralbanken der Welt erste Risse aufzuweisen. Lange Zeit erweckten die Währungshüter, insbesondere Jerome Powell in den USA, den Eindruck, dass sie die Inflationsentwicklung nicht wirklich ernst nehmen. Dem scheint sich auch Professor Schnabl anzuschließen.

Die seit langem anhaltend lockeren Geldpolitiken der Zentralbanken haben das Vertrauen in die Papierwährungen untergraben. Dieser Prozess hat sich in den letzten Monaten nochmals deutlich beschleunigt.

Gunther Schnabl gegenüber BTC-ECHO

Bitcoin – der große Profiteur?

Die alles entscheidende Frage ist nun, wie sich Bitcoin in einem Umfeld anhaltend hoher Inflationsraten und einer schwächer werdenden Wirtschaft verhalten wird. Schnabl zeigt sich diesbezüglich zuversichtlich: "Die Nachfrage nach stabilen Wertaufbewahrungsmitteln steigt, was den Bitcoin begünstigt. Mit einer wachsenden Instabilität des internationalen Finanzsystems könnte auch die Zahlungsfunktion von Bitcoin weiter gestärkt werden."

Bitcoin könnte dementsprechend als großer Gewinner aus einer Stagflation hervorgehen. Denn eins steht fest: Hohe Inflationsraten belasten über kurz oder lang die Geldbeutel der Bürgerinnen und Bürger. Typischerweise sind es vor allem Gold, Immobilien, US-Dollar und US-Staatsanleihen, die während einer Stagflation gut performen. Im betrachteten Zeitraum zwischen 1970 und 1980 explodierte der Goldpreis von rund 36 US-Dollar je Feinunze auf über 600 US-Dollar je Feinunze im Jahr 1980, um mehr als 1.600 Prozent. Ob Bitcoin ähnliches blüht, bleibt abzuwarten.

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