"In Richtung Mainstream" Nuri CEO Kristina Walcker-Mayer im Interview
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 7 Minuten

Kristina Walcker-Mayer

Quelle: Bitwala

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Zu den bekanntesten Krypto-Start-ups Deutschlands zählt mit Sicherheit Nuri – bislang bekannt als Bitwala. Die Berliner Neobank möchte durch Krypto-Dienstleistungen das traditionelle Bankgeschäft neu gestalten. Wie es um den Spagat zwischen Bank und Start-up bestellt ist, warum sich Nuri dem Mainstream zuwendet und wie es um die Abhängigkeit vom Bitcoin-Kurs steht, hat uns die neue CEO von Nuri, Kristina Walcker-Mayer, im Interview verraten.

Anmerkung: Dieses Interview entstand, als Nuri noch unter dem Namen Bitwala agierte.


BTC-ECHO: Losgelöst von den Krypto-Aspekten, was sind aktuell die wichtigsten Themen hinsichtlich der Digitalisierung des Bankings?

Kristina Walcker-Mayer: Die Zahlungsströme müssen schneller und effizienter werden. Es kann nicht sein, dass mein aus China bestelltes Produkt schneller da ist, als die Zahlung. Wenn man das weiterdenkt, muss man auch das Thema Investitionen betrachten. Schließlich wird es im Niedrigzinsumfeld immer schwieriger, Geld zu vermehren. Mithilfe neuer Technologien haben wir die Möglichkeit, ohne Mittelspersonen und auf effizientere Art und Weise, höhere Erträge zu generieren. Außerdem gibt es im heutigen Finanzsystem einfach noch sehr viele single points of failure, die sicherlich durch dezentrale Systeme gelöst werden können. 

Ist es überhaupt möglich, den Spagat zwischen Bank und Krypto-Start-up zu schaffen?

Walcker-Mayer: Auf der einen Seite wollen wir unseren Kunden natürlich innovative Produkte anbieten, auf der anderen Seite muss alles mit der Regulatorik vereinbar sein. Dass wir in Europa keine einheitliche Regulierung, sondern einen Flickenteppich haben, macht die Sache nicht einfacher. Dem Wirtschaftsstandort Europa gehen dadurch die Wettbewerbsvorteile verloren. 

Kannst du uns ein konkretes Beispiel nennen?

Walcker-Mayer: Ein gutes Beispiel ist momentan die schlechte Skalierbarkeit von Video-KYC. Alle, die ein Bitwala-Konto eröffnen wollen, müssen die Video-Identifikation durchlaufen und die ist notorisch schlecht skalierbar. Schließlich muss auf der anderen Seite immer ein Mensch sitzen, der das Identifikationsverfahren durchführt. Ich wünsche mir Alternativen, die ähnlich sicher, aber technisch skalierbar sind. Wir wünschen uns außerdem, dass Rechtssicherheit besteht und man nicht bangen muss, von heute auf morgen die Geschäftsgrundlage entzogen zu bekommen. Wenn wir eine eindeutige Regulierung hätten, wäre das ein klares Statement vom Regulator, dass Krypto ernst genommen wird und seine Daseinsberechtigung hat.

Eure Kunden können ihre Bitcoin und Ether ab sofort auch bei euch verwahren und geben damit ihre Hoheit über die Private Keys auf. Ist die eigenverantwortliche Aufbewahrung inzwischen ein Auslaufmodell?

Walcker-Mayer: Wir gehen mehr in die Mainstream-Richtung. In der breiten Masse sehen die Nutzer weniger den Vorteil von “Not your Keys; not your Coins”. Ich glaube aber, dass Self-Custody immer noch seine Relevanz hat – etwa in Ländern, deren Wirtschaft nicht sonderlich stabil ist. Im Zweifelsfall ist aber jeder für seine Bitcoin selbst verantwortlich und muss entscheiden, ob er sich die eigenständige Verwahrung zutraut. Für den Mainstream User ist diese Verantwortung aber vielleicht etwas zu groß. Seeds können verloren gehen oder gestohlen werden. Häufig wissen unsere Kunden auch überhaupt nicht, wieso sie eine Wallet erstellen müssen. Für die Mainstream User ist es daher schlicht einfacher, auch Custodial-Konten anzubieten. In den letzten Jahren gab es sehr viele Entwicklungen im Bereich der Kryptoverwahrung, aus technischer und regulatorischer Sicht. Mittlerweile gibt es sehr sichere Lösungen, die in Zukunft auch sicherlich Versicherungen anbieten werden.     

Nun muss ich bei euch ein Bankkonto anlegen, um Bitcoin zu erwerben. Welche Dienstleistungen kann ich denn im Gegenzug dafür erwarten?

Walcker-Mayer: Dieses Jahr wollen wir das Thema “Geld sparen und vermehren” verstärkt angehen. Momentan sehen wir es als großen Vorteil an, nur zwei Kryptowährungen anzubieten. Zu uns kommen nämlich eher Kunden, die von der großen Auswahl anderer Plattformen überwältigt sind. Denen bieten wir einen einfachen Einstieg in die Krypto-Welt. Für die nächsten Monate haben wir geplant, innovative Finanzprodukte anzubieten, die es auf dem Markt so noch nicht gibt. Da gäbe es auch das große Thema DeFi und Lending, mithilfe derer man Zinserträge auf seine Kryptowährungen bekommen kann. Die Industrie dafür steckt aber noch in den Kinderschuhen.

Da bietet ihr bereits mit dem Ertragskonto eine Möglichkeit an, Zinsen auf Bitcoin zu bekommen. Wie funktioniert das?

Walcker-Mayer: Wir arbeiten hierfür mit unserem Partner Celsius zusammen. Kunden müssen nichts anderes machen, als Bitcoin zu kaufen und diese in das Ertragskonto einzuzahlen, wo Erträge generiert werden. Theoretisch könnte man das System auch auf US-Dollar-Stablecoins erweitern. Im Kern ist das eine zentralisiertere Antwort auf die DeFi-Trends, die man heutzutage sieht. Und in gewissermaßen auch ein Zwischenschritt, zu dem wo wir in Zukunft hin wollen. 


Möchtet ihr dann auch stärker in das Kreditgeschäft generell einsteigen?

Walcker-Mayer: Wir wollen ganz verschiedene Finanzprodukte anbieten, die aber im Endeffekt auch in die Digital-Asset-Richtung gehen. Je mehr digtiale Assets die Kunden bei uns halten, desto mehr Liquidität können wir dem Kunden anbieten. User hinterlegen dafür einfach einen entsprechenden Betrag in Kryptowährung als Besicherung und erhalten dann ein Darlehen.

Wie würdest du eure wirtschaftliche Abhängigkeit vom Bitcoin-Kurs beschreiben?

Walcker-Mayer: Klar, wir sehen im aktuellen Bullenmarkt natürlich einen immensen Zulauf von Neukunden. Man hatte aber auch im letzten Jahr gesehen, als der Bitcoin-Kurs im ersten Quartal eingebrochen ist, dass es immer mehr Investoren gibt, die dann zu uns kommen und den “Dip” kaufen. Daher lässt sich nicht so pauschal sagen, dass es gut für uns ist, wenn der Kurs nach oben geht und es schlecht für uns ist, wenn der Kurs fällt. Wir arbeiten aber ohnehin daran, unsere Kunden über Anlagestrategien wie regelmäßige Investments, die langfristig ausgelegt sind, aufzuklären.

Ihr bietet auch schon Sparpläne an?

Walcker-Mayer: Noch nicht, aber das Feature wird gerade gebaut.

Teilst du die Befürchtung, dass amerikanische Banken europäische Geldhäuser abhängen, da sie eher verstanden haben, dass digitale Assets ein fundamentaler Bestandteil unseres zukünftigen Finanzsektors sind?

Walcker-Mayer: Das Gefühl habe ich auch. Banken in Europa gehören zu einer sehr alten, traditionell geprägten Branche. Man merkt das auch an der Regulierung: Diese wird eher durch den Versuch getrieben, Projekte wie Facebooks Libra beziehungsweise heute Diem, einzuschränken, anstatt dass wir Regulierung nutzen, um ernsthaft Innovation zu ermöglichen und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen. Das zeigt, dass Europa nicht innovativ genug ist. 

Wie würdest du eure Strategie für die nächsten 12 Monate zusammenfassen?

Walcker-Mayer: Wir werden uns diverser aufstellen und damit zur Anlaufstelle für Krypto-Kenner als auch für Neulinge werden. Es gibt viele Menschen, die denken, dass sie nicht genug Geld haben, um mit dem Investieren zu beginnen oder dass es schon zu spät ist, um noch einzusteigen. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich auch kapitalkräftigen Anlegern die Möglichkeit bieten, große Summen in Bitcoin zu investieren. Das alles zu verstehen und verschiedene Investment-Ansätze anzubieten, darauf wollen wir uns dieses Jahr verstärkt konzentrieren. Außerdem wollen wir uns im Bereich Digital Assets weiterentwickeln und immer mehr Möglichkeiten anzubieten, die es ermöglichen ein gut diversifiziertes Portfolio und somit ein langfristiges Vermögen aufzubauen. Dafür möchten wir aber von dem Day-Trading-Thema wegkommen und Kunden eher langfristige Anlagestrategien ermöglichen. Wir merken aber schon, dass die Blockchain für viele Menschen noch eine recht neue Technologie ist. Wir müssen daher immer noch viel Aufklärungsarbeit leisten und Kunden den Umgang mit Bitcoin und Co. erklären. 

Nun die wichtigste Frage zum Schluss: Knackt der Bitcoin-Kurs noch dieses Jahr die 100.000 US-Dollar-Marke?

Walcker-Mayer: Ich glaube an 80.000 US-Dollar. 100.000 US-Dollar finde ich ein bisschen ambitioniert, bei 80.000 würde ich mich wohler fühlen. 

Disclaimer

Dieser Artikel wurde geprüft und aktualisiert und wurde zuerst in der Mai-Ausgabe unseres monatlich erscheinenden Magazins Kryptokompass veröffentlicht. Für Informationen rundum ein Abonnement geht es hier entlang.



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