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Droht die Austrocknung?  FTX-Fiasko: Auf diese Folgen müssen wir uns einstellen

Welche Kryptobörsen von dem FTX-Zusammenbruch profitieren könnten, warum wir von systemischen oder strukturellen Problemen sprechen müssen und was die Auswirkungen auf der Investmentseite sind.

Sven Wagenknecht
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FTX

Beitragsbild: Shutterstock

| Der FTX-Zusammenbruch erschüttert das Vertrauen und führt zu Liquiditätsengpässen. Droht der Kryptosektor auszutrocknen?

Die Aufarbeitung und die Folgen des FTX-Zusammenbruchs sind noch nicht abgeschlossen und werden uns auch in den nächsten Monaten beschäftigen. Dennoch kann man bereits einige Schlussfolgerungen aus dem Skandal ziehen.

FTX-Zusammenbruch: Das dritte Lehman Brothers in einem Jahr

Grundsätzlich gilt, dass durch den enormen Vertrauensverlust der gesamte Kryptosektor zu leiden hat. Dieses Vertrauen war durch die Zusammenbrüche von Celsius und Terra Luna bereits am Boden. Mit FTX haben wir nun zum dritten Mal in diesem Jahr einen Lehman-Brothers-Moment erlebt. Aus diesem Grund dürften vor allem die Unternehmen an Marktanteilen hinzugewinne, die aus Sicht der Kunden am sichersten gelten. Ausländische Krypto-Börsen, die womöglich noch auf den Seychellen oder Bahamas korporiert sind, verlieren gegenüber regionalen Anbietern, die über höhere regulatorische Standards verfügen. Konkret bedeutet das, dass ein Kryptoanleger aus der DACH-Region eher versuchen wird, seine Einlagen bei heimischen Anbietern unter zubekommen.

Bitpanda, Bison und Trade Republic anstatt Crypto.com, Kucoin und Bybit

Krypto-Börsen wie Bitpanda oder die Börse Stuttgart (Bison) werden in der aktuellen Marktphase relativ gesehen gegenüber einer Kucoin oder Crypto.com gewinnen. Auch Coinbase, die an der NASDAQ gelistet ist und über eine Kryptoverwahrlizenz der BaFin verfügt, könnte von Mittelzuflüssen seitens der Börsen mit weniger transparenten und vertrauenswürdigem Image profitieren.

Binance nimmt in diesem Kontext eine Sonderrolle ein. Auf der einen Seite gilt Binance als größter und finanziell stärkster Akteur, was in Krisenzeiten erstmal gut ist. Auf der anderen Seite ist das Image von Binance, trotz der Bemühungen der letzten Monate, nach wie vor unausgewogen. Die historisch mangelnde regionale Verankerung sowie die riesige Dienstleistungspalette machen Binance zu einem undurchsichtigen Giganten.

Die aktuelle Situation erinnert dabei an die Finanzkrise 2008, in der vor allem Sparkassen und Volksbanken von neuen Kunden und deren Einlagen profitieren konnten. Durch die damalige Furcht, dass vor allem private und ausländische Institute zusammenbrechen könnten, versuchten viele Bankkunden ihre Einlagen bei den genannten Instituten unter zubekommen.

Self-Custody erlebt Revival

Neben dem Transfer zu anderen, sichereren Krypto-Anbietern, bietet sich vor allem die Selbstverwahrung an, um das Drittparteien-Risiko zu umgehen. Schließlich unterliegen Kryptowährungen im Gegensatz zu unserem Giralgeld keiner Einlagensicherung. Auch greift nicht das Prinzip des Sondervermögens, wie wir es beispielsweise von Aktienfonds kennen.

Folglich dürften sich einige Anleger dazu entscheiden, ihre Kryptowährungen verstärkt auf Non-Custodial-Wallets zu transferieren. Diese Entwicklung konnten wir bereits bei BTC-ECHO selbst beobachten, da die Besucherzahlen auf unseren Wallet-Vergleich aus unserem Review- beziehungsweise Ratgeberbereich deutlich zulegen konnten.

DeFi mehr denn je

Der FTX-Vorfall hat gezeigt, welche Gefahren von Centralised-Finance-Angeboten (CeFi) ausgehen können. Entsprechend naheliegend ist hier die Vermutung, dass dezentrale Börsen wie Uniswap relativ gesehen profitieren. Allerdings muss man hier anmerken, dass auch der DeFi-Bereich durch Protokollfehler beziehungsweise Hacks in der Vergangenheit stark angeschlagen ist. Der Effekt dürfte daher vorerst recht gering ausfallen.

Hardliner werden im Anti-Krypto-Populismus bestärkt

Leider rufen Ereignisse wie der FTX-Zusammenbruch auch Krypto-Gegner auf den Plan, die die Gunst der Stunde nutzen, um ein möglichst hartes Vorgehen gegen den Kryptosektor zu fordern. Natürlich müssen Finanzdienstleister, die Kundeneinlagen verwalten, auch beaufsichtigt und kontrolliert werden.

Allerdings wäre es schlichtweg Unsinn, nun härtere Auflagen und Vorschriften von Börsen und Dienstleistern aus der DACH-Region einzufordern. Die regulatorischen Standards sind bereits sehr hoch. Schließlich befinden wir uns hier nicht auf den Seychellen oder einem sonstigen deregulierten Offshore-Finanzplatz. Ein Fall wie FTX wäre hierzulande nicht denkbar, auch wenn natürlich kriminelles Verhalten, siehe Wirecard, nie ganz ausgeschlossen werden kann. Was unter dem FTX-CEO Sam Bankman-Fried passiert ist, ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand schlichtweg kriminell. Deswegen wäre es falsch, jetzt die europäischen Krypto-Dienstleister verstärkt unter Druck zu setzen. Zumal zukünftig die MiCA-Verordnung europaweit einheitliche Standards setzen wird.

So sieht das Luxus-Penthouse von FTX-Gründer Sam Bankman-Fried aus

FTX: kein Einzelfall, sondern Ausdruck systemischer Fehler

Die Causa FTX offenbart systemische beziehungsweise strukturelle Probleme, die im Kryptosektor begraben liegen. Dazu zählt unter anderem, die teils viel zu große Abhängigkeit von Gründer-Persönlichkeiten wie Sam Bankman-Fried, gefährliche Anreizreissysteme bei Börsentoken wie FTT, CRO oder KCS sowie mangelnde Kontrolle und Standards bei Offshore-Jurisdiktionen wie Seychellen oder Bahamas. In den letzten drei Jahren sind für den Kryptosektor systemrelevante Kryptobörsen entstanden, die unverantwortlich mit Kundengeldern umgehen und enorme Risiken eingehen. Ebenjene Strukturen müssen durchbrochen werden, damit sich nachhaltig etwas ändert.

Investment: Ausblick für den Kryptomarkt

Abschließend stellt sich die Frage, welche Auswirkungen der FTX-Vorfall auf die Kurse am Kryptomarkt hat. Hier ist festzuhalten, dass der Vertrauensverlust im Sektor derart groß ist, dass er nachhaltige fundamentale Auswirkungen auf die Bewertungslevel der Kryptowährungen hat. Die Angst vor weiteren Zusammenbrüchen bei anderen Dienstleistern und insbesondere Kryptobörsen bleibt bestehen. Diese Unsicherheit untergräbt beispielsweise die Hoffnung, dass es zeitnah zu einer signifikanten Erholung, gar Weihnachtsrallye, kommen könnte.

FTX war vor allem auch bei institutionellen Kunden ein großer Player. Viele, die noch in der Vergangenheit mit einem Einstieg in den Kryptosektor geliebäugelt hatten, werden diese Absicht vorerst auf Eis legen. Potenzielle Milliardenzuflüsse sind damit erstmal wieder in weitere Ferne gerückt. Das Jahr 2023 könnte daher vor allem zu einem „Wiederaufbaujahr“ werden, bei dem es primär darum geht, die drei großen Zusammenbrüche (Terra Luna, Celsius und nun FTX) zu überwinden, Vertrauen zurückzugewinnen und resilientere Strukturen aufzubauen.

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