Willkommen in der Welt der Porgnosemärkte (Prediction Markets), wo Nutzer auf die Rückkehr von Jesus Christus oder den Ausgang des Iran-Kriegs wetten können. Was für viele lange ein skuriles Randphänomen war, gerät jetzt ins Visier der größten TradFi-Player, wie die Milliardenbewertungen von Polymarket und Kalshi zeigen. Im Profi-Segment wird “Event-Betting” aber nicht etwa als nächste Stufe des Glückspiels verkauft, sondern als Investment-Tool und damit als anstehender Billionenmarkt. Weshalb Krypto-Investoren besonderen Fokus darauf legen sollten.
Polymarket und Co.: Der Makro-Bull-Case
Die große Vision ist schnell gesponnen. Seit Jahren kann man auf fallende Aktienkurse wetten, auf steigende Zinsen, auf den Ölpreis im nächsten Quartal. Aber auf das, was diese Kurse eigentlich bewegt – auf die Ereignisse selbst – nicht. Prediction Markets schließen diese Lücke.
Vom Glücksspiel unterscheiden sie sich dadurch, dass sie weder Umfragen noch Expertenmeinungen noch Buchmacher oder gezinkte Mathematik nutzen. Es sind Märkte. Menschen setzen echtes Geld auf ihre Überzeugung.
Was entsteht, ist die logische Endstation eines Trends, der seit Jahren läuft: die Finanzialisierung von allem. Erst wurden Rohstoffe zu Finanzprodukten, dann Immobilien, dann Memes. Jetzt werden Nachrichten, Ereignisse und Wahrscheinlichkeiten selbst zum handelbaren Asset.
Als Treibstoff fungiert der sogenannte finanzielle Nihilismus. Eine Umfrage von Northwestern Mutual unter über 4.300 Erwachsenen in den USA verdeutlicht den dystopischen Trend: Fast drei Viertel der Befragten, die sich finanziell benachteiligt fühlen, gaben an, dass hochriskante Strategien sie eher ans Ziel bringen als klassische Indexfonds oder Sparpläne. Prognosemärkte passen perfekt in dieses Mindset. Die Ereignisse sind binär, schnell aufgelöst und erfordern minimales Kapital und eine starke Meinung.
Der institutionelle Bull-Case
Die Entwicklung zeigt auf einen wachsenden Markt im Glücksspielsegment, was die Investment-Bereitschaft der NYSE-Mutter ICE und Nasdaq zum einen Teil erklärt. Die andere Seite ist die Entstehung eines völlig neuen Trading-Tools und Risikoinstruments für Wall Street Profis.
Laut Bloomberg wickeln Broker wie Clear Street und die Marex Group bereits Trades auf Kalshi für institutionelle Händler ab. Diese nutzen Prognosemärkte als alternative Datenquelle für makroökonomische Wahrscheinlichkeiten und zur Absicherung ihrer Portfolios. NYSE-Präsidentin Lynn Martin erklärt, dass Polymarket-Wahrscheinlichkeiten inzwischen Kurse an den traditionellen Märkten beeinflussen.
Die Datenlage gibt dem Insti-Hype bisher recht. Eine Studie der TU-Berlin und IU zeigt eine hohe Präzision bei den abgebildeten Wahrscheinlichkeiten. Eine weitere Studie der Fed zeigt, dass Kalshi Bloomberg-Umfragen und Fed-Funds-Futures erreicht oder übertrifft. Eine weitere Untersuchung zur Prognose von Unternehmensgewinnen offenbart, dass Polymarket weniger verzerrt und präziser als der Analysten-Konsens ist.
Eine gezinkte Wette
Wie so oft ergibt sich aber eine klare Diskrepanz zwischen den Nutzern und eigentlichen Profiteuren des neuen Systems. Laut der IU/TU-Studie sind nur 30 Prozent aller aktiven Polymarket-Trader wirklich profitabel – und diese Quote sinkt mit dem Wachstum der Plattform kontinuierlich.
Das vermutlich größte strukturelle Problem der Plattformen ist der Insiderhandel. Die marktbasierte Logik begünstigt ihn, besonders in neuen Märkten mit wenig Liquidität.
Ein skurriles Beispiel aus dem vergangenen Monat: Der Onchain-Detektiv ZachXBT kündigte an, einen Insiderhandel-Skandal aufzudecken. Daraufhin wetteten die Verdächtigten auf Polymarket darauf, beschuldigt zu werden, um sich abzusichern. Ob die Plattform dabei wie vorgesehen funktioniert hat, darf bezweifelt werden. Polymarket kooperiert inzwischen mit Palantir, um diese Art von Insiderhandel auf dem US-regulierten Ableger zu identifizieren.
Dazu kommt das Problem des aufgeblasenen Volumens. Eine Columbia-University-Studie wirft Polymarket vor, dass zwischen 2022 und 2025 durchschnittlich 25 Prozent aller Transaktionen Wash Trading gewesen seien. Cryptorank behauptet sogar, dass fast 50 Prozent des täglichen Volumens künstlich und von Bots getrieben sei.
Auf dem Prüfstand
Das Geschäft der Prognosemärkte ist heikel. Die Grenze zwischen Zocker-Plattform und Makro-Tool verschwimmt hier besonders, was auch regulatorische Initiativen fordert.
In den USA reklamiert CFTC-Vorsitzender Michael Selig die alleinige Aufsicht über Prediction Markets für seine Behörde und strebt eine klare Regulierung an.
Dagegen formiert sich Widerstand. Politiker wie Elizabeth Warren und regionale Gouverneure argumentieren, dass Plattformen mit hohem Sportwetten-Anteil dem Glücksspielrecht der einzelnen Bundesstaaten unterliegen müssen. Die Glücksspielbehörde von Nevada verklagte bereits Coinbase wegen unregulierter Sportwetten-Kontrakte.
In Deutschland hat die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder klargestellt, dass Unterhaltungswetten auf Polymarket unzulässig sind. Die Plattform ist für deutsche IP-Adressen gesperrt, deutschen Nutzern drohen Strafen.
Diese Projekte profitieren vom Hype
Optimisten verbuchen diese Risiken aber erstmal als Wachstumsschmerzen, die zeigen, dass noch ein weiter Weg vor dem Sektor liegt. Prediction Markets sind früh. Trotz des exponentiellen Wachstums handelt es sich noch um ein Nischen-Phänomen. Etablierte Krypto-Plattformen wie Uniswap hatten im Bärenmarkt 2022 deutlich mehr wöchentliches Volumen als Prognosemärkte inmitten ihres aktuellen Hypes.
Ob konkret Polymarket und Kalshi am Ende siegen, bleibt offen. Retail-Nutzer könnten eher über ihre täglichen Finanz-Apps einsteigen, darunter Robinhood oder Coinbase. Das zieht den größeren Value-Capture zu diesen Plattformen und macht sie als Investmentvehikel interessant. Dazu gibt es eine Reihe reiner Onchain-Plattformen, die sich auf Wachstum einstellen.
Ein Geheimfavorit bleibt die Oracle-Infrastruktur. Chainlink und Co. sind eine Bedingung für die Existenz dieser Märkte. Ohne verlässliche Wahrheitsfindung funktioniert nichts. Sie sind klar durch die Qualität ihrer Daten differenzierbar und dürften daher mit Wachstum des Sektors immer stärker gefragt werden.
