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Unternehmen im Wandel DAO – Drei Buchstaben verändern die Welt

Wer sich mit dem Krypto-Ökosystem auseinandersetzt, stolpert früher oder später über DAOs, die stillen Supermächte der Token-Ökonomie. Auch wenn noch vieles im Ungefähren schwebt, deutet sich das gigantische ­Potenzial der dezentralen Organisationen allmählich an.

Moritz Draht
 |  Lesezeit: 10 Minuten
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Vitalik Buterik

Beitragsbild: Picture Alliance

| "Ich liebe DAOs wirklich. Es liegt mir sehr am Herzen, neue und bessere Möglichkeiten zu schaffen, damit Menschen sich bei Projekten koordinieren und zusammenarbeiten können. DAOs werden im Laufe der Zeit definitiv an Bedeutung gewinnen." Vitalik Buterin

Irgendwo zwischen gelangweilt dreinblickenden Affen-NFTs, Metaverse-Träumereien und sich festbeißenden Memecoins treibt seit einigen Monaten eine neu entflammte alte Liebe am Krypto-Markt ihr Unwesen: DAOs.

Die Erwartungshaltungen, die die Blockchain-Genossenschaften schüren, könnten kaum größer sein. Neben den vielen Trendwellen und kleinen Bläschen, die sich am Krypto-Markt hochspülen, haben DAOs das Potenzial, die Machtverhältnisse in der Digitalwirtschaft nachhaltig umzuwälzen.

Inzwischen hat sich der Wirkungsgrad von DAOs, die sich entlang der gesamten Krypto-Wertschöpfungskette formieren, stark erweitert. Auch in sozialpolitischen Themenfeldern hinterlassen sie einen immer deutlicher sichtbaren Stempelabdruck. Erfüllen DAOs nur ein Bruchteil von dem, was man sich von ihnen verspricht, könnten sie in Zukunft viele gesellschaftliche Veränderungen lostreten und die Art, wie sich Menschen im digitalen Zeitalter organisieren, für immer verändern.

Was sind DAOs?

DAO ist ein Akronym und steht für Decentralized Autonomous Organization. Der Funktion nach haben DAOs einige Gemeinsamkeiten mit Aktiengesellschaften – und ebenso viele Unterschiede. Mitglieder einer solchen DAO bündeln Kapital in Token-Form und entscheiden gemeinsam auf der Blockchain über Regeländerungen sowie Ausgaben der von einem Smart Contract verwalteten Treasury.

In einer DAO haben wirklich alle ein Mitspracherecht, es gibt keine Hierarchie und niemand hat ohne kollektive Zustimmung Zugriff auf den Code. Die im Smart Contract verankerten Regeln können also nicht manipuliert werden und sind immer transparent nachprüfbar.

Einen fehlerfreien Smart Contract vorausgesetzt, sind die Einlagen in der Treasury also immer vor unberechtigten Eingriffen sicher. Geheime Absprachen und Hinterstübchen-Deals, die Abstimmungen in eine Richtung lenken können, werden durch anonyme Stimmenabgaben verhindert.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Abgesehen von ihrer gemeinsamen Struktur, können DAOs aber ganz unterschiedliche Zwecke verfolgen. Es gibt DAOs, die die Entwicklung eines Blockchain-Protokolls protegieren, Wohltätigkeits-DAOs, DeFi-Investmentarme, DAOs für Medien oder Metaverse-DAOs.

Im Grunde kann jede Körperschaft in DAO-Form gegossen werden. Je nachdem, ob es sich dabei um eine offene oder private DAO handelt, variiert auch der Grat zwischen Inklusion und Exklusivität. Zutritt in offenen DAOs erhält man in der Regel über die entsprechenden Governance-Token, die an dezentralen Börsen erworben werden können. Geschlossene DAOs verlangen häufig einen Antrag und eine Token-Mitgift. Die Zugangsbarrieren sind ähnlich denen für akkreditierte Investoren

Startschwierigkeiten

Auch wenn Bitcoin als Blaupause bezeichnet werden kann, nahmen DAOs im heutigen Sinn ihren Anfang auf der Ethe­reum Blockchain. Eine der ersten prominenten DAOs wurde schließlich 2016 gegründet und trug den wenig originellen Namen „The DAO“.

Von einer gelungenen Vorstellung konnte bei der DAO-Generalprobe aber nicht gesprochen werden. Nachdem The DAO in kürzester Zeit 150 Millionen US-Dollar Kapital von über 11.000 Investor:innen eingesammelt hatte und damit eines der größten Crowdfunding-Projekte in der Geschichte wurde, sollte die Organisation keine drei Monate nach Launch das noch junge Ethereum-Netzwerk in eine tiefe Existenzkrise stürzen.

Durch einen Bug im Smart Contract wurde The DAO gehackt und 60 Millionen US-Dollar in Ether aus der Wallet gezogen. Der Angriff hinterließ nicht nur einen Imageschaden für DAOs. Er hatte auch schließlich einen Rosenkrieg in der Ethereum-Community zur Folge, der in der Abspaltung des Netzwerks endete.

Da die DAO-Staatskasse zwischenzeitlich 14 Prozent der gesamten damaligen Ether-Umlaufmenge enthielt, stellten Angriffe eine ernsthafte Bedrohung für das damals einjährige Ethereum-Netzwerk dar. Nach einigen hitzigen Diskussionen, wie man den Scherbenhaufen beseitigen könne, zog Ethereum letztlich die Notbremse: Eine Hard Fork, die die Transaktionshistorie bis vor dem Hack zurücksetzte und ihn dadurch praktisch ungeschehen machte, wurde veranlasst.

Die gestohlenen Gelder wurden in der geänderten Historie einem anderen Smart Contract zugewiesen, wodurch die Investor:innen ihre Gelder zurückerhielten. Nicht nur das Netzwerk, auch die Community wurde durch den tiefen Eingriff in die Blockchain, der als Verrat an der Zensurresistenz gesehen wurde, gespalten.

Die Folge war die Abkapselung von Ethereum zu Ethereum Classic. Hoch gestiegen, tief gefallen: The DAO hat tiefe Grabenkämpfe im Ethe­reum-Netzwerk hinterlassen und dem gerade entstehenden Hype um DAOs einen deutlichen Dämpfer verpasst.

DAO-Comeback

Ganz weg waren DAOs zwar nie, nachdem das Krypto-Spielfeld durch DeFi und NFTs aber erweitert wurde, kocht die Stimmung sechs Jahre nach dem Malheur von The DAO wieder spürbar hoch.

Aktuell zählt der Analysedienst DeepDAO über 4.000 solcher Organisationen. Allein im Vergleich zum Vorjahr hat sich das von DAOs verwaltete Vermögen auf 7,6 Milliarden US-Dollar mehr als verneunfacht. Dabei geht der Trend in Richtung privater DAOs, die sich für ganz unterschiedliche Ziele einsetzen.

Ein prominentes Beispiel der jüngeren Zeit ist die Anfang Februar dieses Jahres gegründete AssangeDAO, die Gelder für Prozesskosten und Kampagnenarbeit des in Großbritannien inhaftierten Wiki­Leaks-Gründers sammelt.

Die Bilanz kann sich sehen lassen: In nur einer Woche hat die AssangeDAO Spendengelder in Höhe von über 50 Millionen US-Dollar eingenommen – großes mediales Interesse inklusive. Auch Ethereum-Chefentwickler Vitalik Buterin war als Spender beteiligt und Edward Snowden schwärmte von der Aktion auf Twitter als „Protestabstimmung gegen den Missbrauch des Spionagegesetzes durch das Weiße Haus“.

Sturm auf Auktionshäuser

Für Furore hat auch die ­inzwischen wieder aufgelöste ­ConstitutionDAO gesorgt, die im November 2021 eine seltene Kopie der US-Verfassung über das Auktionshaus Sotheby’s ersteigern wollte. Das 40-Millionen-US-Dollar-Gebot wurde zwar in letzter Sekunde überboten. Für den Bekanntheitsgrad von DAOs hat der gescheiterte Symbolakt seine Wirkung aber nicht verfehlt.

Kurios war auch der Plan der Spice DAO, die über Christie’s eine der noch 20 erhaltenen Ausgaben des Science-Fiction-Klassikers „Dune“ von Frank Herbert mit Illustrationen des Regisseurs Jodorowsky ersteigerte und daraus eigentliche eine Serie drehen wollte. Erst im Nachhinein fiel auf, dass man zwar das Buch, nicht aber die Verwertungsrechte ersteigert hatte.

Von DeFi bis Fußball

Und genau da könnte noch riesiges Potenzial schlummern. Durch einen zunehmend von Streaming-Diensten geprägten Film- und Musikkonsum stellen Tantiemen eine lukrative passive Einkommensquelle für Labels und Vertriebe dar.

In Kombination mit NFTs, über die sich Anteile an Nutzungsgebühren verbriefen lassen, und Smart Contracts, die diese direkt auszahlen, könnte die unberechenbare Crowdfunding-Maschinerie von DAOs zu einer allmählichen Umverteilung von Tantiemen in der Musikindustrie führen.

Zumindest in kleinem Maßstab versucht das bereits die BeatsDAO, die in seltene Musik-NFTs auf der EulerBeats-Plattform investiert. Wie bei BeatsDAO verschachteln sich die Zweige der Krypto-Ökonomie auch bei der BitDAO. Die mit einem verwalteten Vermögen von über 2,5 Milliarden US-Dollar größte DAO investiert in verschiedene DeFi-Projekte, bietet ihren Mitgliedern aber auch die Möglichkeit, Einlagen zu staken.

Einen ganz anderen Weg verfolgt dagegen die LexDAO, eine Gruppe von Jurist:innen und Programmierer:innen, die Blockchain Tools für den Computational-Law-Bereich entwickeln. Und selbst im Profisport ziehen DAOs ihre Bahnen. Die ehemaligen Manchester-United-Spieler Gary Neville und Paul Scholes sind Mitgründer der CO92 DAO (Class of ’92), die in Projekte rund um den Rasensport investiert.

DAO-Pionier Wyoming

Das ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt, zeigt die Vielfältigkeit der aufblühenden DAO-Landschaft aber auf. Langsam, aber sicher schälen sich DAOs aus ihrem Kokon, werden ihr volles Potenzial aber nur dann entfalten können, wenn sie in einen rechtssicheren Rahmen geschnürt werden.

Das betrifft nicht nur den Schutz von Investor:innen, für die ein DAO-Beitritt auch immer ein gewisses Risiko darstellt. Wer keine Smart Contracts lesen kann, und das dürfte auf die absolute Mehrheit aller DAO-Mitglieder zutreffen, muss dem Code vertrauen. DAOs sind nicht haftbar, das Risiko von Sicherheitslücken, wie sie zum Hack auf The DAO führten, besteht grundsätzlich immer, auch wenn seitdem bessere Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden.

Zum anderen müssen aber auch die Befugnisse von DAOs klar abgesteckt werden. Aufgrund ihrer dezentralen Natur, durch die es keine Geschäftsführung, keinen Standort und keinen Handelsregistereintrag gibt, es sich im Grunde um eine lose Internet-Community handelt, ist der Handlungsspielraum von DAOs noch nebulös.

Hier nimmt der US-Bundesstaat Wyoming weltweit eine Vorreiterrolle ein. Im Juli 2021 trat ein Gesetz in Kraft, das DAOs formell anerkennt und sie auf den gleichen Status von Limited Liability Companies (LLCs) stellt, vergleichbar mit GmbHs in Deutschland. Das Gesetz hat einen Stein ins Rollen gebracht, denn als LLCs wurde DAOs auch das Recht zugesprochen, Grundstücke in Wyoming zu erwerben. Vor diesem Hintergrund hat sich etwa die CityDAO gegründet.

Dezentraler Grundbesitz

Die CityDAO kauft Grundstücke in Wyoming, unterteilt sie in Parzellen und bildet sie als NFTs ab. Einzelpersonen oder auch Gruppen können somit bestimmte Anteile an einem Stück Land erwerben, deren Besitz als NFTs verbrieft werden, und über die Verwendung der Parzellen abstimmen. Im Grunde das gleiche Prinzip, das auch auf Metaverse-Plattformen wie Decentraland angewandt wird, nur auf die „echte“ Welt übertragen.

Eine CityDAO-Citizenship erhält man über die NFT-Handelsplattform OpenSea. Der wohl prominenteste „Staatsbürger“ ist Vitalik Buterin. Bei der Tokenisierung von Grundbesitz greifen die gleichen Effizienzvorteile wie auch bei Wertpapieren: demokratischer Zugang zum Markt, transparente Peer-to-Peer-Handelbarkeit über die Blockchain und Abbau von Intermediären.

Die sich daran anknüpfenden Möglichkeiten lassen sich erst erahnen. Findet das Pilotprojekt Nachahmer und folgen weitere Jurisdiktionen dem Beispiel von Wyoming, könnte sich ein Kaskadeneffekt auslösen: DAOs, die Land erwerben, es verpachten und aus den Einnahmen weiteres Land erwerben, das an DAOs verkauft werden kann, die es beispielsweise mit Mining-Farmen besiedeln, aus deren Einnahmen wiederum in DeFi-Projekte investiert werden kann – ad infinitum.

Leben in Krypto-Städten

Kombiniert man schließlich DAOs mit NFTs und City Coins, also kommunalen Kryptowährungen, könnten auch ganz neue Formen der Lokalpolitik entstehen: Crypto Cities.

Auf Grundlage der Token-Ökonomie und Blockchain-Technologie ließen sich neue Wirtschaftskreisläufe auf lokaler Ebene anschieben, die Bürger:innen mehr Mitsprache und Mitbestimmung bei der Städteplanung bei gleichzeitigem Bürokratieabbau gewähren würden.

Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Ob für direkte Abstimmungsverfahren, Kulturförderung oder den Wohnungsmarkt: Die Idee, Bürger:innen über Crypto Cities zu organisieren, könnte viele Früchte tragen. So radikal das auch klingen mag: Eigentlich schaffen Crypto Cities nur neue Ventile für alte Konzepte. Lokalwährungen sind ein gängiges Mittel, um regionale Wirtschaften anzukurbeln, Wohngenossenschaften verwalten Mietraum für ihre Mitglieder und dezentrale Energieversorger decken bereits den Bedarf auf vielen lokalen Ebenen.

Krypto und Blockchain verschieben nur die Grenzen des Machbaren. Darin liegt sogar vielleicht der größte gesellschaftliche Mehrwert der Krypto-Ökonomie. Welche Idee ist schließlich größer, als den Lebensraum durch kollektive Entscheidungsprozesse für alle besser zu machen?

Dafür müssen Crypto Cities auch nicht groß gedacht werden. Ihr Anwendungsbereich könnte sich auf einen Kiez, eine Geschäftsmeile, einen sozialen Brennpunkt beschränken. Über Blockchain-IDs würden Bürger:innen Zugang zu Abstimmungsverfahren erhalten, könnten eigene Vorschläge zur Energie- und Mobilitätswende auf Städteebene einbringen, in lokale Nachhaltigkeits-, Kultur- oder Sozialprojekte investieren, Einnahmen beispielsweise aus Veranstaltungen oder der Einspeisung von Strom erhalten und sie dazu nutzen, um Wohnraum zu erschließen.

Fazit

Zugegeben: Bei DAOs steht noch vieles im Konjunktiv. Von den vielen Erwar­tungen, die an DAOs gestellt werden, werden auch viele auf der Strecke bleiben. Der Schlüssel liegt letztlich in der Kooperationsbereitschaft von DAOs, die sich zu über­­geordneten In­te­ressengemeinschaften zusammenschließen können.

Bis sich DAOs dahin entwickelt haben und auf breite Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen, ist es ein weiter Weg. Einer, der vielleicht nie zum Ziel führt, aber den es sich zu gehen lohnt.

Disclaimer

Dieser Artikel erschien bereits in der März-Ausgabe des BTC-ECHO Magazins.

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