Mit der Blockchain für eine freie Welt – Eindrücke vom Blockstack-Event

Mit der Blockchain für eine freie Welt – Eindrücke vom Blockstack-Event

Das Blockchain-Unternehmen Blockstack hat ein Event organisiert, bei dem namhafte Redner wie Nick Szabo oder Edward Snowden vertreten waren. Außerdem wurde vorgestellt, welche Projekte auf der von Blockstack entwickelten Plattform aktuell verfolgt werden. Ein Bericht über einen Tag für die Dezentralität.



Das Axica Kongresszentrum ist intern sehr futuristisch eingerichtet. Die Aula, in der das Blockstack Berlin-Event stattfand, erinnert an ein Raumschiff. Natürlich drängte sich dem Krypto-Aficionado gleich die „to the moon“-Assoziation auf.

Empowerment durch Blockstack

Auf der vom Blockchain-Unternehmen Blockstack organisierten Veranstaltung ging es jedoch weder um Lambos noch um Bubbles – das Thema „Preis“ spielte bei allen Vorträgen wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle. Nur in einer Podiumsdiskussion über Investment in dezentrale Ökosysteme, die von William Mougayar moderiert wurde, war dies das Thema.

Der rote Faden der Veranstaltung war eher das Thema „Freiheit“. Es wurde über Eigentum der Daten, über Privatsphäre und Empowerment des einzelnen gesprochen. Entsprechend wurde von Peter van Falkenberg, dem Moderator der Veranstaltung und Research Director von Coincenter, der Tag mit einem Zitat vom jüngst verstorbenen John Perry Barlow eingeläutet:

„Um die Zukunft zu gestalten, hilft es, sie vorherzusehen. Und so habe ich Utopia vorhergesehen. Ich hatte gehofft, so der Freiheit einen kleinen Vorsprung gegenüber Moores und Metcalfes Gesetzen zu geben. Diese brachten schließlich das, was Ed Snowden als Turn-Key-Totalitarismus bezeichnet.“

John Perry Barlow war nicht nur Mitglied bei The Grateful Dead, sondern mit der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace auch eine wichtige Person in den Cypherpunk- und Hacktivism-Bewegungen. Den Bitcoin-Developern sagte er, dass sie aufpassen müssen: Sie bauen aktuell die Technologie der zukünftigen Freiheit und der zukünftigen Sklaverei. Diesem Ziel haben sich die verschiedenen Projekte an diesem Tag verschrieben.

Ein Blick auf die Rednerliste zeigt, dass ein Eingehen auf jeden Vortrag den Rahmen sprengen würde. Ein besonderer Fokus war das Vorstellen von Projekten, welche auf Basis der Plattform von Blockstack entwickelt wurden. Blockstack wird in einem separaten Artikel genauer vorgestellt, kurz gefasst erinnert die Oberfläche an Google Apps, jedoch ohne die Zentralität. So existiert mit Graphite ein Google Docs auf Basis von Blockstack. Am Nachmittag konnten sich verschiedene Projekte in kurzen Pitches vorstellen und Projekte von dezentralen Social Networks über eine zensurfreie Podcast-Plattform bis hin zu neuen dezentralen Organisationsmodellen demonstrieren. Viele davon sind auf der Blockstack-Plattform schon zu testen.

Bitcoin – Konkurrenz zum Dollar?

Doch es handelte sich nicht um eine Werbeveranstaltung von Blockstack: Neben Entwicklern, die diese Plattform nutzten, waren unter anderem auch Vertreterinnen und Vertreter der Democracy Earth Foundation oder Union Square Ventures vor Ort. Besonders interessant war, was Santiago Siri der Democracy Earth Foundation zum Thema „Geld“ zu sagen hatte: Er stellte dar, dass der US-Dollar an sich keine Fiatwährung, sondern nun an das Öl gebunden ist. Da dies seit 1974 der Fall ist, hat die USA aus seiner Sicht die Hand auf dem Energiemarkt.

Hier hat er meiner Meinung nach recht originell eine aktuell häufig angebrachte Kritik gegen Bitcoin umgekehrt: So wie der US-Dollar an Öl gebunden ist, kann man auch Bitcoin als durch Energie gedeckt ansehen – streng genommen dank der Transparenz noch viel mehr, da die Kopplung zwischen Bitcoin-Mining und Energie durchaus bekannt ist. Deshalb ist aus seiner Sicht Bitcoin eine direkte Konkurrenz zu den an Öl gebundenen Währungen wie der US-Dollar oder jüngst der Petro.

Das ist seiner Meinung nach auch der Grund für die Angriffe auf Bitcoin, die in Venezuela sogar zur Beschlagnahmung von Mining Equipment geführt haben.

Albert Wenger von Union Square Ventures hat einige Denkanstöße zum Thema „Privatsphäre“ gegeben. Er begann mit der provokanten These, dass Privatsphäre kein Wert an sich, sondern ein Teil der Lösung ist. Der Cypherpunk im Zuhörer war natürlich irritiert, jedoch war sein Gedanke per se nicht schlecht. Er stellte dar, dass Privatsphäre verschiedene Herausforderungen mit sich bringt: Allem voran ist zu nennen, dass Privatsphäre allein nicht vor einem Deep Fake schützt. Heutzutage ist es einfach, Fotos zu fälschen, die beispielsweise kompromittierende Situationen vorgaukeln, mit denen Menschen erpresst werden könnten. Falls jemand ein Alibi unzweifelhaft nachweisen könnte, würden derartige Erpressungsszenarien ausgeschlossen sein – auf Kosten der Privatsphäre.

Sein Ansatz ist nicht „Anti-Anonymität“, er stellt nur dar, dass die Privatsphäre kein Wert an sich, sondern eines der vielen Puzzleteile ist, welches Freiheit bringt.

Nick Szabo und Edward Snowden über Gesellschaft und Privatsphäre

Mit diesen Ausführungen wollte sich Albert Wenger keineswegs gegen die zwei bekanntesten Redner wenden: Mit Nick Szabo und Edward Snowden waren zwei Giganten der Blockchain- und Digital-Rights-Bewegung zugegen. Im Fall von Edward Snowden war das natürlich nur eine virtuelle Anwesenheit über Google Hangout.

Nick Szabo, Erfinder des Konzepts der Smart Contracts und einer der vermeintlichen Satoshi Nakamotos, stellte in seinem Vortrag das Dilemma sozialer Skalierbarkeit dar. Einerseits strebt der Mensch, oder Leben im Allgemeinen, nach größeren Communities, nach größeren Netzwerken beziehungsweise Ökosystemen. Andererseits zeigte der Kommunismus sehr gut, dass Gesellschaften und Vertrauen schlecht skalieren. Was jedoch skalieren kann, ist Geld. Kaurischnecken zeigen, dass dies schon seit Jahrhunderten der Fall war. Geld als ein Tauschmedium kann in großen Gesellschaften beziehungsweise beim Kontakt dieser untereinander die Notwendigkeit von Vertrauen abbauen. Auf einer weltweiten Ebene stellt deshalb die Blockchain ein probates Mittel zur Etablierung einer größeren Gesellschaft dar.

Doch auch die Blockchain steht vor Herausforderungen: So wie Geld, wenn es ein Medium der Regulierung wird, als Tauschmedium weniger taugt, verliert eine Blockchain, in der eine Governance zu viele Entscheidungen vornimmt, die Trustlessness. Konkret sprach er die Rollbacks (das heißt Veränderungen der Blockchain) und das EIP 867 von Ethereum an, sprich die prinzipielle Möglichkeit der Umkehrung von Transaktionen, wie dies beispielsweise nach dem DAO-Exploit durchgeführt wurde.

Edward Snowden war für ein Interview aus Russland via Google Hangout dazu geschaltet. Er stellte das große Problem im regulären Internet dar: Alle Transaktionen, selbst wenn sie verschlüsselt sind, hinterlassen Fingerprints. Wenn bekannt ist, dass ich einer bestimmten Person regelmäßig Geld schicke, ist es sekundär, was der Grund für die Zahlung ist. Beobachter von außen wissen dann, dass hier eine Verbindung besteht. Über E-Mails, Chatprotokolle, über Facebook und Google lassen sich so Netzwerke aus Beziehungen konstruieren, die Angestellten vom NSA oder auch von Google genügend Informationen über den einzelnen geben. Mit Projekten wie Tor oder ZCash kann hier laut Snowden einiges zur Wahrung der eigenen Privatsphäre getan werden.

Auch wenn Edward Snowden das Konzept hinter ZCash sehr überzeugend findet, spricht er sich trotzdem gegen einen Maximalismus bezüglich der Kryptowährungen aus. Maximalismus wurde von einem anderen Redner sehr passend als der Nationalismus im Krypto-Ökosystem dargestellt. Es handelt sich um den Fokus einzelner Gruppen auf eine Kryptowährung – sei es der Fokus auf Bitcoin allein, sei es der Traum vom Flippening oder ähnliches. Diese Art von Maximalismus widerspricht dem Ansatz der Dezentralität.

Insgesamt war es eine äußerst spannende Veranstaltung. Sicherlich konnte der Kontrast zwischen der Crypto Assets Conference und dem Blockstack-Event kaum größer sein. Vertreter von Banken und der BaFin auf der einen, Hacker und Edward Snowden auf der anderen Seite. Die Woche zeigt sehr gut die große Spannbreite an Menschen, die sich für die Blockchain interessieren. Ich danke Blockstack für diese Veranstaltung und hoffe, dass es mehr davon mit einem Fokus auf Entwicklung und Hacktivism gibt!

BTC-ECHO

Über Dr. Philipp Giese

Dr. Philipp GieseDr. Philipp Giese arbeitet als Chief Analyst für BTC-ECHO und ist auf die Bereiche Chartanalyse und Technologie spezialisiert. Der promovierte Physiker kann dabei auf jahrelange Berufserfahrung als technologischer Berater zurückgreifen. Zudem ist er zentraler Ansprechpartner im Discord-Channel von BTC-ECHO und pflegt als Speaker und Interviewer den Austausch mit Startups, Entwicklern und Visionären.

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