Estland erwägt eigenen ICO für estcoins

Danny de Boer

von Danny de Boer

Am · Lesezeit: 4 Minuten

Danny de Boer

Als Informatiker schaut Danny de Boer kritisch auf die Blockchain-Entwicklung und Kryptographie. Zwischen Komplexität und Hype erklärt er allgemeinverständlich und anwendungsbezogen. Seit 2014 berichtet er für BTC-ECHO aus der Krypto-Szene.

Auf einem Tisch ist der Richterhammer zu sehen sowie eine Waagschale aufgehängt.

Quelle: Brian A Jackson via Shutterstock

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Das baltische Land ist selbst unter Blockchain-Enthusiasten eher weniger bekannt, wohl aber zu Unrecht. Durch eine günstige Ausgangsposition und kluge Entscheidungen für die Zukunft entwickelte sich Estland zu einem der digitalisiertesten Länder der Welt. Mit seinem eResidency-Programm bietet es jedem Bürger die Möglichkeit an, an seinen Errungenschaften teilzuhaben. Nun geht Estland einen Schritt weiter und erwägt sogar die Einführung eines “estcoins”.
Von Grund auf

Von Grund auf

Nach dem Fall der Sowjetunion ließ der lähmende Griff des Kommunismus nach und 1991 erlangte Estland seine Unabhängigkeit zurück. Während die weitverbreitete Misswirtschaft seine Schäden offenbarte, brachte diese Situation aber auch eine neue Chance.


Bei dem Neuaufbau der Verwaltung ließ man sich durch das Aufkommen des Internets inspirieren. Die Integration sollte die Verwaltung des osteuropäischen Landes nach vorne katapultieren.

Heute profitieren 1,3 Millionen Esten von einer komplett digitalisierten Verwaltung, die Kosten minimiert und nervige Bürokratie in handliche Anwendungen umgewandelt hat. Rund 600 digitale Anwendungen stehen den Bürgern offen, knapp 1.300 weitere kommen für Unternehmen dazu. Während die deutsche Verwaltung langsam von Papier auf Computer umsteigt, lassen sich in Estland unter anderem die folgenden Dinge digital abwickeln:

  • online einen Vertrag unterzeichnen
  • mit dem Handy Parkgebühren bezahlen
  • online wählen
  • digitale Rezepte für Medikamente abrufen
  • innerhalb von 18 Minuten am eigenen PC eine Firma gründen
  • staatliche Fördergelder, wie das Elterngeld, beantragen

eResidency

Durch die einfache Skalierbarkeit einer digitalen Verwaltung entwickelte sich das eResidency-Projekt. Jeder kann eine digitale Staatsbürgerschaft beantragen und damit von vielen einfachen Anwendungen profitieren. So lässt sich eine eigene Firma gründen, für die Anwendungen der estnischen Verwaltung genutzt werden können. So kann man in Minutenschnelle einen PayPal-Account mit der Firma verknüpfen, Bankverbindungen einrichten und trotzdem völlig global und unabhängig unterwegs sein – gerade ein Trend in der aufkommenden Szene der “digitalen Nomaden”.

Globale eResidents

Derzeit übersteigt die Rate der Neueinsteiger ins eResidency-Programm die estnische Geburtenrate. Es stellte sich für Kaspar Korjus, Leiter des estnischen eResidency-Programm, die Frage, was nun passieren würde, wenn das Programm 10 Millionen digitale Bürger zählt?

Dadurch, dass die Verwaltung bereits digitalisiert ist, kann sie neue digitale Projekte schneller integrieren. Selbst China überlegte die Einführung einer Kryptowährung, also war auch in Estland der Gedanke nicht fremd.

Korjus schrieb in einem Blog-Eintrag auf Medium sogar:

“Es brauchte verständlicherweise eine lange Zeit für Regierungen bis sie Kryptowährungen verstanden und akzeptiert haben[.] Es ist immerhin ihre Pflicht, sich den großen Herausforderungen wie Geldwäsche zu widmen. Langfristig gesehen haben Regierungen aber keine andere Wahl als (wortwörtlich) Kryptowährungen zu akzeptieren.”

In ein Land investieren

Die Situation mag ungewohnt erscheinen, doch Korjus beschrieb mit einem nationalen ICO die Möglichkeit “in ein Land zu investieren”. Die Idee ist aber gar nicht so neu wie es scheint. Norwegen entwickelte beispielsweise einen Ölfonds namens “Statens pensjonsfonds“, der die großen Gewinne aus den Ölvorkommen der Nordsee für die nachfolgenden Generationen konserviert. Mit weiser Voraussicht entschieden sich die Norweger für die Zeit vorzusorgen, in der das Öl zu Neige gehen wird.

Aktuell zählt der Fonds rund 840 Milliarden Euro, was rund 150.000 Euro für jeden Norweger bedeuten würde. Interessant hierbei ist, dass der Fonds in Norwegen reinvestier. Dadurch dürfte es kaum verwundern, dass Norwegen nach dem HDI (Index menschlicher Entwicklung) das am weitesten entwickelte Land der Welt darstellt.

Ein ICO würde eine ähnliche Entwicklung für Estland bedeuten: Investoren könnten in die Chancen des Landes investieren, was laut Korjus gerade auf langfristige Sicht besonders starke Entwicklungen bedeuten könnte. Durch eine Kooperation des öffentlichen und privaten Sektors könnte Estland beispielsweise in zukunftsweisende Projekte wie Künstliche Intelligenz investieren, während es gleichzeitig als Vorbild für eine digitale Gesellschaft fungiert.

White Paper

Bevor die Unterstützung beginnen kann, muss der Vorschlag eines ICOs erstmal untersucht werden. Danach wird ein White Paper angefertigt, das den Wert eines estcoins beleuchten wird. Zudem wird es untersuchen, wie das Investment genutzt werden kann, um die digitale Nation zu entwickeln. Sobald ein Pilotprojekt steht, kann es skaliert und eingesetzt werden, so Kaspar Korjus.

Kommentar von Danny de Boer:

Freut euch außerdem auf den neuen Teil unserer Reisereportage auf YouTube! Im neuen Teil haben wir unter anderem mit Kaspar Korjus vom eResidency-Projekt und vielen anderen Blockchain-Unternehmern in Estlands Hauptstadt Tallinn gesprochen! Die Reportage wird voraussichtlich am Wochenende erscheinen.

BTC-ECHO

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