Regulierungs-Jahresrückblick Pleiten, Pech und Libra: Facebooks Kryptowährung in der Rückschau

Moritz Draht

von Moritz Draht

Am · Lesezeit: 7 Minuten

Moritz Draht

Moritz Draht hat Deutsche Literatur und Philosophie an der Universität Konstanz studiert. Sein Krypto-Engagement widmet sich den Zusammenhängen zwischen soziokulturellen und technischen Entwicklungen.

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Quelle: Shutterstock

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Wie kein zweites Projekt hat die Kryptowährung Libra aus dem Hause Facebook das Jahr 2019 geprägt und Regulierungsbehörden weltweit auf den Plan gerufen. Das ist insbesondere bemerkenswert, da die Währung bis heute nur in Form eines White Paper existiert. Ein Rückblick auf verschenkte und verbleibende Chancen des Libra-Projekts.

2019 war kein gutes Jahr für Facebooks aufsehenerregende Kryptowährung Libra. Mit großen Zielen gestartet, musste das Projekt einige Rückschläge einstecken und taumelt gegen Jahresende auf wackligen Beinen. Ein Rückblick über die bisherige Geschichte des Stable Coin, der die Finanzwelt in Atem hält – und vielleicht niemals über ein White Paper hinausreicht.

Schlafender Riese

Ein Blick auf nackte Zahlen erklärt das breite Interesse an Libra. Trotz diverser Datenschutzskandale beim Mutterkonzern Facebook steigt die Anzahl der monatlich aktiven Nutzer kontinuierlich und erreicht zum Jahresende 2019 rund 2,45 Milliarden Menschen. Alle Facebook-Kanäle zusammen, mitsamt WhatsApp und Instagram, erreichen monatlich sogar mehr als 2,7 Milliarden aktive Nutzer. Angesichts dieser Zahlen erklärt sich auch das mediale und politische Echo auf das das Unternehmen stieß, als es den Stable Coin Libra ankündigte.

Facebooks zugrundeliegende Kalkulation ist denkbar simpel: 2,7 Milliarden Facebook-Nutzer bedeuten im Umkehrschluss auch 2,7 Milliarden potenzielle Libra-Nutzer. Diese Reichweite entging auch den Finanzbehörden nicht, die schnell eine Bedrohung der Finanzsouveränität befürchteten. Da Facebooks Gefolgschaft (in etwa) ein Drittel der Weltbevölkerung abbildet, ist die Sorge seitens der Politik und Zentralbanken, Libra könne das traditionelle Geldsystem gefährden, also nicht aus der Luft gegriffen.

Erwachender Riese


Projekt Libra spross im Frühling aus dem Boden. Schnell trug das Projekt Früchte und konnte wichtige Partner an Land ziehen, darunter Visa, MasterCard und PayPal. Es schien zunächst, als wachse rasch eine stabiles Netzwerk heran und dass Zuckerbergs Krypto-Projekt eine blühende Zukunft bevorstünde.

Zudem stand der Tech-Konzern noch Anfang Juni mit der US-amerikanischen Börsenaufsicht „Commodity Futures Trading Commission“ (CFTC) in Gesprächen, bei denen regulatorische Zuständigkeiten zur damals noch ambitioniert als „Global Coin“ bezeichneten Währung geklärt wurden. Doch das Libra-Aufblühen währte nicht lange. Nach einem kurzen Flirt mit der Börsenaufsicht musste es sich auf eine bevorstehende Dürreperiode gefasst machen.

Spaßbremse Europa

In Europa regte sich allmählich Widerstand gegen das Libra-Projekt. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sprach sich im Juni ausdrücklich gegen eine Einführung des Stable Coin aus und warnte vor der Datenkrake Facebook. Eine entsprechende Währung müsse laut Le Maire in bestehende Regularien eingebettet werden. Zudem sei zu verhindern, dass Libra den Status einer souveränen Währung erlangt.

Auch die Europäische Zentralbank meldete sich skeptisch zu Wort. EZB-Direktor Benoît Cœuré warnte im Juli vor einem regulatorischen Vakuum, in das Libra stoße. Daher empfahl er, das Vordringen privater Unternehmen in den Finanzsektor durch entsprechende Gesetze schnellstmöglich vorzubereiten. Seine Kritik wiederholte er im September in Basel bei einem Treffen zwischen Vertretern der Libra Association und 26 Zentralbankvertretern. Die von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIS) organisierte Konferenz brachte erneut Zweifel an dem Stable Coin hervor und betonte die Notwendigkeit einer internationalen Zusammenarbeit der Regulierungsbehörden.

Apropos Schweiz: In der Finanzoase fiel das Urteil bezüglich Libra auf politischer Seite vergleichsweise mild aus. Eine Erklärung des Schweizer Bundesrats im Juni hat die Einführung von Libra in der Schweiz bei Einhaltung des Bankengesetzes, Finanzinfrastrukturgesetzes und Geldwäschereigesetzes grundsätzlich in Aussicht gestellt. Der Präsident der eidgenössischen Zentralbank SNB, Thomas Jordan, meldete im September jedoch in einer Rede an der Universität Basel Bedenken an. Laut Jordan könne Libra die Finanzstabilität zum Kollabieren bringen.

Sargnägel aus aller Welt

Auf der anderen Seite des Teichs verbreitet sich ebenfalls Skepsis gegenüber dem Facebook Coin. US-Kongressabgeordnete beider Parteien haben diesbezüglich im Juni die Expertise von Kenneth Blanco, Direktor des Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN), in einer Anhörung eingeholt. Der Vorsitzende des Unterausschusses für nationale Sicherheit, internationale Entwicklung und Geldpolitik, Emanuel Cleaver II., sprach im Zusammenhang mit Libra ebenfalls von einem hohen Risiko. Die Kryptowährung stelle insbesondere hinsichtlich der Finanzkriminalität eine potenzielle Gefahr dar.

Und Russlands Antwort auf Libra? Niet! Wenig überraschend zeigte man sich auch dort nicht begeistert von einer Währung des US-amerikanischen Großkonzerns. Der Vorsitzende des Parlamentsausschusses zu Finanzmärkten, Anatolij Aksakow, äußerte sich im Juni entsprechend abweisend in einem Radiointerview und sprach sich gegen eine Adaption des Coins auf russischem Terrain aus.

Auch in Down Under lässt man kein gutes Haar an Libra. Wie im November bekannt wurde, verlangen australische Finanzbehörden zusammen mit dem für Datenschutz zuständigen „Office of the Australian Information Commissioner“ mehr Transparenz von dem Konzern. Der Forderung war ein ergebnisloses Treffen zwischen einer Facebook-Delegation und Vertretern der wichtigsten Finanzbehörden Australiens im Oktober vorausgegangen. Nachdem ein Spezialkomitee der australischen Finanzaufsicht bereits im Juli vor Risiken für Investoren und Verbraucher gewarnt hat, scheint sich die ablehnende Haltung gegenüber Libra erneut zu bestätigen.

Doch die wahrscheinlich bitterste Pille musste Facebook von der G7 schlucken. Im Oktober haben sich die mächtigsten Industrienationen der Welt in einem Stable-Coin-Bericht ausdrücklich gegen Libra positioniert. Demnach bestünden erhebliche Risiken im Bezug auf die Finanzstabilität und den Verbraucherschutz. Solange Facebook sein Libra-Konzept nicht in wesentlichen Punkten nachbessert, rückt der Coin somit vorerst in weite Ferne.

Aus einem mach viele

Während sich auf politischer Ebene deutlicher Widerstand formiert, hat auch das Netzwerk rund um Libra Risse bekommen. Im Oktober gaben sowohl MasterCard, als auch PayPal und Ebay ihre Rücktritte aus der Libra Association bekannt. Projekt Libra drohte immer mehr, in sich zusammenzufallen.

Doch Not macht erfinderisch. Angesichts der regulatorischen Hürden, die sich dem Konzern-Coin in den Weg stellen, hat der Leiter der Libra Association, David Marcus, seine Taschenspielerqualitäten unter Beweis gestellt und die Einführung gleich mehrerer Stable Coins angeregt. Statt einer globalen Libra-Währung stünde man grundsätzlich der Idee offen, länderspezifische Stable Coins einzuführen. Doch auch dieses Manöver hat – zumindest bislang – nicht retten können, was bereits in Scherben lag.

Röstung à la Zuckerberg

Obwohl Facebook mit den Daten seiner Nutzer recht freizügig umgeht, nimmt der Konzern das Gebot der Transparenz in puncto eigener Unternehmensstrukturen nicht ganz so streng. Im Oktober musste Zuckerberg dann dem US-Kongress Rede und Antwort stehen. Während des sechsstündigen Kreuzverhörs dürften Zuckerberg ein paar Schweißtropfen von der Stirn getropft sein. Immer wieder ging es um den Datenmissbrauch, den Facebook betreibe. Auch wie dieser mit sensiblen Kontodaten von Nutzern eines möglichen Zahlungsnetzwerks in Einklang zu bringen sei, war ein wichtiges Thema.

Zuckerberg bemühte sich, den Fokus von Facebook auf die Libra Association zu lenken. Zwar sei der Konzern ein Mitglied der Organisation. Grundsätzlich seien die Geschäftsbereiche aber voneinander getrennt. Zuckerbergs Argument ging jedoch in der harschen Kritik, die ihm von den Abgeordneten entgegen gebracht wurde, regelrecht unter. Von Wahlbetrug über Diskriminierung bis hin zu Kinderpornographie wurde kein Kritikpunkt an Facebook ausgelassen.

Auch hierzulande fand im Oktober eine Anhörung vor dem Ausschuss „Digitale Agenda“ im Bundestag statt. Dabei ging es zwar etwas verhaltener zu als bei den amerikanischen Kollegen. Mit deutlicher Kritik an Libra wurde dennoch nicht gespart. Im Vordergrund stand die Frage nach der Datenintegrität und die Sorge vor einer Untergrabung der nationalen Finanzsouveränität durch Libra.

Die Geister, die Libra rief

Facebook hat ungewollt mit Libra die Einführung einer digitalen Zentralbankenwährung (CBDC) durch die EZB entfacht. In Anbetracht eines globalen Stable Coin, der die Finanzsouveränität der Länder schwächt, rät ein aktueller EU-Entwurf den Zentralbanken, die Entwicklung einer europaweiten virtuellen Währung zu verstärken. Das Bemühen um einen CBDC ist 2019 zu einem globalen Trend herangewachsen. Nicht nur die EU bereitet sich derzeit auf die Einführung einer entsprechenden Währung vor und hat jüngst mit einem Proof of Concept den ersten Stein gelegt. Auch die USA, Kanada, China, Singapur, Tunesien, Thailand, Schweden und die Ukraine bringen sich derzeit in Stellung.

Scheinbar von alldem unbeirrt, hat die Libra Association erst vor wenigen Tagen eine Roadmap zur Einführung von Libra im kommenden Jahr vorgestellt. Die Infrastruktur sei demnach entwickelt und das Mainnet stehe in den Startlöchern.

Das Projekt wird uns also auch noch 2020 begleiten und für Sorgenfalten in den Finanzbehörden sorgen. Da Libra bislang aber von wenig Erfolg gekrönt ist und im Falle eines Scheiterns negativ auf den Konzern zurückfallen wird, hätte Zuckerberg den schlafenden Riesen vielleicht nie wecken sollen.


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