Am Mittwoch stellte Cosmos (ATOM) sein neues “Cosmos Partner Network“ vor. Gemeinsam mit 17 Unternehmen, darunter BitGo, Galaxy Digital, OpenZeppelin und Hypernative, drängt das Projekt jetzt stärker in den institutionellen Blockchain-Sektor. Der Vorstoß steht ganz im Zeichen einer Neuerfindung, die auf mehrere Sicherheitsvorfälle und einen graduellen Abstieg in die Irrelevanz folgt. Hat Cosmos damit noch eine Zukunft?
Der Cosmos-Ruf ist beschädigt
Erst vor wenigen Wochen musste Cosmos Labs erklären, wie Angreifer eine Schwachstelle im gemeinsam genutzten Cosmos-EVM-Code gegen gleich sechs Blockchains ausnutzen konnten. Rund 2,9 Millionen US-Dollar wurden anschließend über dezentrale Börsen verkauft, weitere geschätzte 2,85 Millionen US-Dollar über zentralisierte Handelsplätze.
Brisant war vor allem, dass die zugrunde liegende Schwachstelle bereits im April gemeldet worden war. Cosmos Labs hatte ihre Tragweite zunächst unterschätzt und einen späteren Patch nicht mit ausreichender Dringlichkeit kommuniziert.
Es war nicht einmal der erste größere Zwischenfall des Jahres. Bereits im Januar führte eine kritische Schwachstelle der Cosmos EVM zu einem Verlust von rund sieben Millionen US-Dollar auf Saga EVM. Und ausgerechnet jetzt will Cosmos stärker zur Infrastruktur für Banken und institutionelle Finanzanwendungen werden.
Die Zukunft kam – nur weitgehend ohne Cosmos
Ironischerweise war Cosmos mit seiner ursprünglichen Vision erstaunlich früh dran. Statt einer Blockchain für alle Anwendungen sollte ein Netzwerk aus spezialisierten, souveränen Chains entstehen. Das Cosmos SDK lieferte den Baukasten, IBC sollte die einzelnen Netzwerke miteinander verbinden.
Heute sieht die Blockchain-Welt tatsächlich immer stärker so aus. Hyperliquid betreibt eine spezialisierte L1. Robinhood baut seine eigene Chain. Unternehmen setzen auf maßgeschneiderte Blockchain-Infrastruktur, während Ethereum selbst zunehmend aus einem Netzwerk verschiedener L2s besteht. Nur entsteht diese Welt inzwischen weitgehend ohne Cosmos.
Der Höhepunkt des Ökosystems liegt Jahre zurück. Terra zeigte 2021 und Anfang 2022, welche wirtschaftliche Größe eine mit Cosmos-Technologie gebaute Blockchain erreichen konnte. UST gehörte zu den größten Stablecoins und LUNA zeitweise zu den wertvollsten Kryptowährungen überhaupt.
Der Zusammenbruch im Mai 2022 markierte im Rückblick jedoch den Zenit. Cosmos verlor sein wirtschaftliches Gravitationszentrum und hat bis heute keinen vergleichbaren Nachfolger gefunden. Projekte wie dYdX, Celestia, Sei oder Injective erhielten große Bewertungen und viel Aufmerksamkeit. Keines entwickelte jedoch die wirtschaftliche Schwerkraft, die heute etwa Ethereum, Solana oder Hyperliquid besitzen.
Stablecoins zeigen das Problem
Darin verbigt sich ein strukturelles Problem des ursprünglichen Modells. Eine eigene Blockchain gibt Entwicklern maximale Freiheit. Dafür müssen sie Liquidität, Stablecoins, Nutzer und Distribution jedoch weitgehend selbst aufbauen. IBC verbindet Blockchains technisch miteinander, schafft aber nicht automatisch einen gemeinsamen Wirtschaftsraum.
Ausgerechnet bei Stablecoins, einer der wichtigsten Anwendungen öffentlicher Blockchains, ist Cosmos heute kaum relevant. Die durch den Kollaps von UST entstandene Lücke sollte später Noble schließen. Die spezialisierte Cosmos-Chain brachte natives USDC in das IBC-Ökosystem und verteilte die Liquidität auf zahlreiche angeschlossene Netzwerke. Doch Anfang 2026 kündigte selbst Noble an, den Cosmos-Stack zu verlassen und künftig als eigenständige EVM-L1 weiterzumachen.
Das verdeutlicht das grundsätzliche Problem: Das Cosmos SDK gehört heute nicht mehr automatisch zu den bevorzugten Blockchain-Umgebungen. Wer dort baut, verzichtet im Zweifel auf die bereits vorhandene Liquidität, Nutzerbasis, Wallet-Infrastruktur und Distribution von Ethereum oder Solana.
ATOM im Vakuum
Parallel plagt Cosmos ein inzwischen allgegenwärtiges Krypto-Problem. Der Coin selbst schöpft zu wenig Wert aus der Nutzung der zugrunde liegenden Technologie ab. Selbst wenn Cosmos technisch erfolgreich ist, führt das nicht zwingend zu zusätzlicher Nachfrage nach ATOM.
Das ist zum Teil eine direkte Folge der ursprünglichen Designentscheidung zugunsten souveräner Chains. Osmosis hat OSMO, Celestia TIA, Injective INJ und dYdX DYDX. Der wirtschaftliche Erfolg einer einzelnen Cosmos-Chain stärkt damit nicht automatisch den Cosmos Hub oder dessen Token.
Die Community hat mehrfach versucht, diese Lücke zu schließen. ATOM 2.0 sollte den Hub stärker zum wirtschaftlichen Zentrum des Interchains machen. Das Vorhaben scheiterte unter anderem an der geplanten Emission zusätzlicher ATOM, Governance-Bedenken und hohen Ausführungsrisiken.
Später sollte Interchain Security anderen Chains ermöglichen, die Sicherheit des Cosmos Hub gegen Bezahlung zu nutzen. Doch die Nachfrage blieb gering und die Einnahmen rechtfertigten den zusätzlichen Aufwand für Validatoren nicht. 2026 wird das Modell deshalb wieder zurückgebaut. Nun besinnt sich Cosmos erneut auf seine ursprüngliche Kernkompetenz.
Interoperabilität soll Cosmos retten
Mit IBC Eureka soll die Technologie nicht mehr nur Cosmos-Chains verbinden, sondern zunehmend auch Ethereum, Solana und andere Netzwerke. Anstatt dass die nächste erfolgreiche Blockchain mit seinem SDK gebaut wird, könnte es die Infrastruktur bereitstellen, über die verschiedene Blockchain-Systeme miteinander kommunizieren.
Nur wartet dort längst Konkurrenz. Circle verbindet Stablecoin-Liquidität über CCTP. Chainlink positioniert CCIP als Interoperabilitätsstandard für DeFi und institutionelle Finanzmärkte. LayerZero verfolgt seit Jahren eine ähnliche Crosschain-Vision.
Cosmos kehrt damit ausgerechnet zu seinem Kerngeschäft zurück, nachdem andere Anbieter dort bereits starke Netzwerkeffekte aufgebaut haben.
Das neue Partner Network markiert zumindest den Anfang der Offensive. Ob weitere Partner nach den jüngsten Sicherheitsvorfällen auf den Zug aufspringen, bleibt abzuwarten.
Kein einfacher Neustart
Die Neuausrichtung ist nachvollziehbar. Es ist jedoch nicht die erste. Cosmos litt über Jahre unter wechselnden Vorstellungen davon, welche Rolle der Hub eigentlich spielen soll. ATOM 2.0, Shared Security, eine Hub-EVM und nun der stärkere Fokus auf Interoperabilität und institutionelle Kunden. Für Stakeholder entsteht aus zu vielen Kurswechseln Unsicherheit.
Cosmos versucht jedoch ebenfalls einige strukturelle Schwächen seiner Governance anzugehen. Diskutiert wird eine stärkere Priorisierung und Arbeitsteilung bei den Kernbereichen Ökosystem, Open-Source und Unternehmen.
Aber selbst wenn Cosmos diesen Vertrauensverlust damit repariert, bleibt die Rolle von ATOM darin vergleichsweise vage. Das Projekt spricht weiterhin von einer künftigen Monetarisierung über Gebühren, Routing-Dienste, institutionelle Zahlungen oder mögliche Buybacks. Ein belastbarer Mechanismus, der steigende Cosmos-Nutzung zuverlässig in steigende ATOM-Nachfrage übersetzt, existiert bislang aber nicht.
Token-Holder werden auf mehr Perspektive in dieser Hinsicht pochen und hoffen. Bis dahin wird die Realität für sie aber zunehmend unbequem. Cosmos hat durchaus noch Chancen auf ein Comeback als technische Infrastruktur. Für den Coin ist der Weg zu neuer wirtschaftlicher Relevanz allerdings deutlich länger.
