Robinhood will mit einer eigenen Blockchain seine Krypto-Strategie ausbauen und traditionelle Finanzprodukte stärker mit Onchain-Anwendungen verbinden. Im Gespräch mit BTC-ECHO erklärt Head of Crypto Johann Kerbrat, wie Robinhood mit der Chain Geld verdienen will, warum Memecoins zum Konzept gehören und welchen Vorteil das Unternehmen gegenüber nativen Krypto-Börsen sieht.
Das Interview wurde auf Englisch geführt und anschließend ins Deutsche übersetzt.
“Einen Robinhood Token planen wir derzeit nicht”
BTC-ECHO: Robinhood hätte seine Finanzprodukte auch auf einer bestehenden Blockchain aufbauen können. Warum braucht ihr eine eigene Chain?
Johann Kerbrat: Der Hauptgrund war, dass wir eine Chain bauen wollten, die gezielt den Finanzprodukten dient, die wir entwickeln. Wir investieren viel Arbeit in Stock Token und andere tokenisierte Real World Assets. Dafür brauchen wir eine bestimmte Geschwindigkeit, geringe Latenz und niedrige Gasgebühren. Mit einer eigenen Chain können wir diese Parameter selbst festlegen.
Bei einer fremden Chain könnte der Betreiber etwa die Gebühren erhöhen oder die Leistungsfähigkeit verändern. Eine eigene Blockchain gibt uns deshalb deutlich mehr Flexibilität. Wir haben uns für eine Layer 2 entschieden, weil wir die Sicherheit und Dezentralisierung von Ethereum nutzen und zugleich auf die Liquidität der EVM-Chains zugreifen wollen.
Ihr bezeichnet die Robinhood Chain als permissionless. Wie offen kann eine Blockchain für regulierte Finanzprodukte wirklich sein?
Wir sehen Regulierung vor allem auf der Ebene der jeweiligen Anwendung. Grundsätzlich kann jeder Entwickler Transaktionen auf der Chain ausführen und eigene Anwendungen darauf bauen.
Für Produkte wie unsere Stock Token gelten dagegen regulatorische Einschränkungen. Wir stellen sie deshalb nur über die Robin Wallet oder bestimmte andere Wallets außerhalb der USA bereit. Aus unserer Sicht müssen die Beschränkungen dort greifen und nicht auf der Ebene der gesamten Blockchain.
Wie verdient Robinhood an der Chain und welche Rolle spielt dabei ein möglicher eigener Token?
Es ist eine Kombination aus mehreren Einnahmequellen. Direkt verdient die Chain an den Sequencer-Gebühren. Robinhood erhält einen Anteil, ebenso Arbitrum und Ethereum. Zugleich betrachten wir die Chain als infrastrukturelles Rückgrat für die verschiedenen Systeme, mit denen wir Umsatz erzielen. Wenn jemand über die Robin Wallet handelt, erheben wir beispielsweise eine Transaktionsgebühr.
Einen Robinhood Token planen wir derzeit nicht. Ich sage niemals nie, weil man nicht weiß, was in der Welt passiert. ETH als Gas Token erhöht aber die Kompatibilität. Nutzer müssen keinen speziellen Token kaufen oder bridgen, um mit der Chain zu interagieren.
“Memecoins bringen Liquidität und Nutzer”
Woran messt ihr den Erfolg der Robinhood Chain und könnte sie langfristig unabhängig von Robinhood werden?
Wir betrachten unter anderem den Total Value Locked, die Zahl der Transaktionen und die aktiven Adressen. Wir wollen nicht, dass das Transaktionsvolumen und der TVL nur aus Aktivitäten zwischen zwei großen Institutionen bestehen. Wir wollen viele unterschiedliche Nutzer auf der Chain sehen. Für mich persönlich ist auch die Entwickleraktivität sehr wichtig. Sie zeigt, wie viele Menschen Anwendungen auf der Chain entwickeln.
Aktuell befindet sich die Chain noch in einer frühen Phase. Deshalb wollen wir ihr die Reichweite, die Anbindung an unsere Systeme und die Unterstützung eines Unternehmens wie Robinhood geben. Sollte sie deutlich größer werden, als wir heute erwarten, könnten wir uns vorstellen, sie unabhängiger zu machen. Konkrete Pläne gibt es dafür nicht. Zunächst wollen wir mit der Chain und unseren tokenisierten Produkten einen Product Market Fit erreichen.
Ein großer Teil der frühen Aktivität kam von Memecoins. Hat euch das überrascht?
Wir haben Memecoins, Launchpads und tokenisierte Vermögenswerte nie als vollständig getrennte Bereiche betrachtet. Memecoins und Launchpads gehören inzwischen zum Krypto-Universum. Sie bringen Liquidität, Nutzer und Market Maker auf die Chain.
Wir haben die Chain bewusst permissionless und offen für Entwickler aufgebaut. Hätten wir ausschließlich Real World Assets und eigene Produkte gewollt, hätten wir den Zugang beschränkt.
Für uns ist diese Aktivität deshalb positiv für die Liquidität und die Gesundheit der Blockchain. Gleichzeitig wächst auch die Nutzung der Real World Assets. Inzwischen ist der TVL auf 31 Millionen gestiegen. Am Wochenende sehen wir ebenfalls mehr Volumen, weil Stock Token gehandelt werden können, während die traditionellen Märkte geschlossen sind.
Wie entsteht am Wochenende ein Preis für einen Stock Token, wenn die zugrunde liegende Aktie nicht gehandelt wird?
Wir arbeiten bei der Preisbildung mit verschiedenen Market Makern zusammen. Als großes Unternehmen haben wir den Vorteil, seit Langem Beziehungen zu vielen von ihnen zu unterhalten. Sie stellen auch am Wochenende Preise und sichern die Risiken auf ihrer Seite auf unterschiedliche Weise ab. Für uns ist die Grundidee klar: Jeder Vermögenswert sollte rund um die Uhr handelbar sein. Die Welt hört am Freitagabend nicht auf, nur weil die Nasdaq schließt.
“Wir haben die Robinhood Chain sowohl für Menschen als auch für KI-Agenten gebaut”
Stock Token können auch auf externen DeFi-Protokollen eingesetzt werden. Wo endet bei einem Smart-Contract-Hack die Verantwortung von Robinhood?
Die Smart Contracts wurden mehrfach auditiert und getestet. Die zugrunde liegenden Aktien verwahren wir innerhalb unseres US-Brokerage-Geschäfts. Sollte es zu einer grundlegenden Veränderung der Blockchain kommen, durch die sich auch die Eigentumszuordnung verändert, müssten wir den jeweiligen Fall genauer prüfen. Wir haben zudem viel in Angriffssimulationen investiert, um die Smart Contracts abzusichern.
Auch Nasdaq, DTC und andere Anbieter arbeiten an tokenisierten Wertpapieren. Wird der Wettbewerb dadurch schwieriger?
Künftig kann es mehrere Versionen desselben tokenisierten Vermögenswertes geben, etwa von Nasdaq, DTC, Wettbewerbern wie xStocks oder von uns. Dann werden wir eine Abstraktionsebene schaffen, damit Nutzer einfach mit diesen Produkten interagieren können. Das machen wir bereits bei Stablecoins. Wir unterstützen mehrere Stablecoins, zwingen Kunden nicht zu einem bestimmten Anbieter und erheben keine Gebühren für Minting oder Burning.
Den Nutzern geht es aus meiner Sicht vor allem darum, ihre Vermögenswerte zu besitzen, sie an unterschiedlichen Stellen als Sicherheit einzusetzen und rund um die Uhr zu handeln. Solange sie auch im Fall einer Insolvenz von Robinhood abgesichert sind, ist die konkrete Ausgestaltung des zugrunde liegenden Produkts weniger wichtig als die neuen Nutzungsmöglichkeiten.
Welche Rolle spielen KI-Agenten für die Robinhood Chain?
Wir haben die Robinhood Chain sowohl für Menschen als auch für KI-Agenten gebaut. Der menschliche Anwendungsfall ist derzeit weiterhin der wichtigste. Gleichzeitig entstand die Chain in einer Phase, in der KI und Agenten deutlich an Bedeutung gewinnen. Deshalb wollten wir solche Anwendungen von Beginn an unterstützen.
Bereits zum Start gab es Schnittstellen von Privy und Uniswap, mit denen ein Agent eine Wallet nutzen und auf dezentralen Börsen interagieren kann. Auch auf unserer zentralisierten Plattform können Nutzer Agenten über Schnittstellen mit den Robinhood APIs verbinden. Hinzu kommen eine Zusammenfassung des Marktgeschehens und ein Assistent, der Nutzern hilft, ihr Portfolio zu verstehen und neue Investments zu filtern.
Ob KI-Agenten die Rendite erhöhen, hängt stark von der jeweiligen Strategie ab. Für uns ging es bei der Chain nicht ausschließlich um Rendite oder Umsatz. Wir wollten sicherstellen, dass niemand an fehlender Infrastruktur scheitert, wenn er mit einem Agenten auf der Chain interagieren möchte.
“Robinhood Earn nutzt DeFi im Hintergrund”
Wo liegt euer größter Wettbewerbsvorteil gegenüber Coinbase oder Binance?
Wir verbinden viele unterschiedliche Produkte in einer Anwendung. Es gibt nur wenige Plattformen, auf denen Nutzer Aktienoptionen, Futures, Prognosemärkte und Kryptowährungen handeln können. Hinzu kommen eine Kreditkarte und Banking-Angebote. Robinhood ist inzwischen ein sehr diversifiziertes Unternehmen mit mehr als 13 Geschäftsbereichen, die jeweils mindestens eine Million an Umsatz erzielen. Der Wert liegt darin, dass diese Bereiche miteinander verbunden sind.
Ein weiterer Vorteil ist unsere Nutzeroberfläche und das Bildungssystem innerhalb der App. Beim ersten Einsatz eines Produkts zeigen wir passende Lerninhalte und prüfen je nach Angebot auch das Wissen der Nutzer. Bei unseren Perpetuals in der EU können Stop-Loss und Take-Profit direkt im Chart eingestellt werden.
Welche Bedeutung haben Europa und Deutschland für eure Expansion?
Europa ist einer der größten Märkte außerhalb der USA. Die Europäische Union verfügt aus unserer Sicht über ein starkes regulatorisches System. Mit einer MiCA- oder MiFID-Lizenz können Unternehmen ihre Produkte in verschiedenen europäischen Märkten anbieten. Wir verfügen über beide Lizenzen.
Das macht den Markt für ein Unternehmen wie Robinhood attraktiv. Wir wissen, wie man mit Aufsichtsbehörden arbeitet, und verfügen weltweit über mehr als 50 Lizenzen. Probleme entstehen eher in Ländern ohne klare Regeln.
Mehrere Märkte in der EU, darunter Deutschland, interessieren sich stark für digitale Vermögenswerte. Aktuell bieten wir in Europa Spot-Krypto-Handel, Perpetuals und Stock Token an. Außerdem haben wir einen Geldmarktfonds mit einer erhöhten Rendite von fünf Prozent eingeführt. Weitere Funktionen sollen folgen.
Mit Robinhood Earn bietet ihr in den USA ungefähr sieben Prozent Rendite auf Stablecoins an. Wie funktioniert das Produkt?
Robinhood Earn nutzt DeFi im Hintergrund. Der Kunde bleibt in der zentralen Robinhood App. Wir erstellen für ihn eine Smart Wallet und verleihen das Geld anschließend Onchain über einen der Vaults.
Weil wir zusätzliche Sicherheitsmechanismen bieten wollten, haben wir ein umfangreiches Versicherungsprogramm aufgesetzt, das einen großen Teil der verwendeten Vaults abdeckt. Unser Ziel ist ein hybrides Modell aus den Renditemöglichkeiten von DeFi und den Sicherheitsaspekten einer zentralisierten Plattform. Das Produkt ist derzeit nur in den USA verfügbar. Wir glauben aber, dass es für viele Kunden interessant sein kann, und arbeiten daran, es künftig auch in weiteren Märkten anzubieten.
Danke für das Gespräch.


