Interview mit Vexl-CEO Lea Petrášová “Vexl ist wie Tinder für Bitcoiner”

Strenge KYC-Regeln, mehr Regulierung und ETFs statt Bitcoin auf Cold-Wallets – das Recht auf Privatsphäre ist unter Beschuss. Wie die BTC-App Vexl jetzt dagegen ankämpft.

Tobias Zander
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Lea Petrášová

Beitragsbild: SatoshiLabs

| Mit Vexl kämpft die tschechische Bitcoinerin Lea Petrášová für mehr Privatsphäre

Der Verlust der finanziellen Privatsphäre erfolgt scheibchenweise – striktere Know-Your-Customer-Richtlinien, gesperrte Banktransaktionen, das Verschwinden von Privacy-orientierten Bitcoin-Wallets aus den App-Stores. Es ist ein langsamer, aber umso gefährlicherer Prozess, der über Jahre hinweg stattfindet. Doch spätestens, wenn in westlichen Ländern Programmierer für das Schreiben von Open-Source-Code inhaftiert werden, sollten eigentlich die Alarmglocken läuten. Im Gespräch mit BTC-ECHO erklärt Vexl-CEO und Mitgründerin Lea Petrášová, wie bedrohlich die Situation ist und warum es jetzt eine starke BTC-Community braucht. Außerdem: Wie du mit Vexl anonym Bitcoin kaufen und gleichzeitig neue Menschen kennenlernen kannst.

BTC-ECHO: Lea, was ist Vexl und warum braucht es überhaupt Peer-to-Peer?

Lea Petrášová: Vexl ist eine App, mit der du Bitcoin so kaufen oder verkaufen kannst, wie es ursprünglich beabsichtigt war. Und damit meine ich beabsichtigt von Satoshi Nakamoto, nicht etwa von mir. Schon im allerersten Satz des Bitcoin-Whitepapers steht geschrieben, dass Bitcoin eine Peer-to-Peer-Version von elektronischem Geld sein soll und es dir ermöglicht, Transaktionen ohne eine Drittpartei durchzuführen.

Vor ein paar Jahren haben wir aber festgestellt, dass es immer schwieriger wird, mit Bitcoin auf diese Art und Weise zu handeln. Zwar gab es bereits einige P2P-Projekte, aber nicht ohne eine Reihe von Nachteilen. Der schwerwiegendste war zumeist die problematische Reputation. Was ich meine, ist, dass ein Händler 5.000 gute Bewertungen haben kann, aber einen bei Nummer 5.001 trotzdem betrügt. Außerdem könnte jemand einen kriminellen Hintergrund haben. Wir haben versucht, dieses Problem mit Vexl zu lösen.

BTC-ECHO Volontär Tobias Zander im Gespräch mit Vexl-CEO Lea Petrášová

Was macht Vexl anders im Vergleich zu älteren Lösungen wie LocalBitcoins?

Zunächst einmal ist wirklich alles in unserer App Peer-to-Peer. Wir mischen uns also nicht in die Transaktionen ein. Als Treuhänder finden wir im Grunde eine Gegenpartei, und das auf eine sehr private Art und Weise. Wir verschlüsseln wirklich jede Buchung auf unserem Marktplatz für jeden einzelnen Teilnehmer. Selbst die Angebote und Chats in der App sind verschlüsselt, sodass nicht einmal wir wissen, was auf dem Marktplatz passiert, wer handelt, ob er handelt und was er handelt. Das ist etwas völlig Neues.

Wenn wir an die jüngsten Geschehnisse denken, etwa die Verhaftung der Samourai-Wallet-Gründer. Würden du sagen, dass Privatsphäre mehr und mehr unter Druck steht, auch in westlichen Ländern?

Ja, und das beunruhigt mich wirklich sehr, weshalb ich Anfang dieser Woche das Cypherpunk-Treffen hier in Prag mitorganisiert habe. Außerdem glaube ich an die Macht von Software, weshalb wir alles Open Source machen. Selbst wenn alle Leute hinter diesen Projekten ins Gefängnis gesteckt werden, wird es wieder eine nächste Open-Source-Software geben und werden wieder neue Leute da sein, um die Arbeit fortzusetzen.

Was mich deshalb noch mehr beunruhigt, ist, dass die Menschen einfach aufhören könnten, sich für den Schutz der Privatsphäre zu interessieren. Dass sie erst dann aufwachen, wenn es schon zu spät ist. Deshalb wollten wir es mit Vexl cool und einfach machen, die eigenen Daten zu schützen. Als wir mit der Entwicklung begannen, standen bei uns immer die Benutzerfreundlichkeit und die Benutzererfahrung im Mittelpunkt. Bei allem, was wir entworfen haben, habe ich mich gefragt: Könnte meine Tante das benutzen, ohne dass ich ihr dabei helfe – ist es wirklich einfach genug?

Woher weiß ich bei einem Bitcoin-Kauf über Vexl, dass die Sicherheit gewährleistet ist und mein Gegenüber mich nicht ausraubt?

Das ist genau die Innovation, die uns auszeichnet: das Reputationsmodell. Wir sind dabei kein Peer-to-Peer-Dienst, sondern eher ein soziales Netzwerk. Es ist wie Tinder für Bitcoiner. Wir haben also keine Berührungspunkte mit den gehandelten Bitcoin, sondern verbinden einfach die Leute miteinander. Auf dem Marktplatz in unserer App siehst du immer nur die Angebote aus deinem eigenen sozialen Netzwerk, also von deinen Kontakten und den Kontakten deiner Kontakte.

In der Praxis wird dir ein anonymes Angebot angezeigt, aber du siehst auch, welche gemeinsamen Freunde du mit der Person hast. Das motiviert die Leute dazu, sich anständig zu verhalten. Der persönliche Ruf steht auf dem Spiel, denn du triffst eine echte Person, die deine Freunde oder Verwandten kennen könnte. Die Leute sind deshalb wirklich dazu angehalten, korrekt zu handeln.

Hier in Prag scheint recht einfach zu sein, Leute zu finden, die Bitcoin für Fiat kaufen wollen, aber umgekehrt ist es schwieriger. Wie könnte man die Liquidität erhöhen und mehr BTC-Verkäufer zu Vexl bringen?

Auch in meiner persönlichen App ist das Verhältnis zwischen Kauf und Verkauf meist etwa eins zu zwei, und mehr Leute wollen Bitcoin kaufen als verkaufen. Aber weil mein Vexl-Netzwerk schon sehr groß ist, könnte ich am Ende desselben Tages problemlos Bitcoin bekommen. Was hilft, ist die Community, sind die lokalen Bitcoin-Meetups Treffen, denn Vexl funktioniert über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir sind kein gewinnorientiertes Unternehmen und haben dementsprechend auch kein Geld für Marketing.

Das Team hinter Vexl auf der BTCPrague24

Es geht letztlich darum, dass die Vexl-Nutzer selbst neue Leute von der App überzeugen, damit mehr gehandelt wird. Viele Menschen haben jemanden im sozialen Umfeld, der noch Bitcoin aus 2016 besitzt und gerne verkaufen würde. Andere verdienen schon in Bitcoin und brauchen Bargeld für den Alltag. Man muss wirklich aktiv werden auf Vexl und selbst ein Angebot reinstellen. Darüber hinaus hilft es, sein soziales Netzwerk zu erweitern. Trifft man etwa drei neue Leute bei einem Meetup, hat man danach direkt auch Zugriff auf die Kontakte dieser neuen Kontakte bei Vexl.

Wenn du an unsere Welt im Jahr 2040 denkst – Welche Rolle wird Bitcoin zu diesem Zeitpunkt spielen?

Ich kann mir ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario vorstellen. In Letzterem wird Bitcoin 2040 ein paralleles Finanzsystem für eine sehr kleine Anzahl von Menschen sein, die frei handeln und leben wollen. Es gibt also ein funktionierendes Netzwerk, aber der Mehrheit der Menschen wird es egal sein, denn sie werden ihrer Regierung vertrauen, die ihnen erklärt, dass sie Bitcoin gar nicht brauchen. Und wenn sie trotzdem BTC wollen, dann lieber nicht direkt, sondern über einen Bitcoin ETF.

Das optimistische Szenario ist, dass Lightning oder jede andere darauf aufbauende Zahlungslösung so normalisiert sein wird, dass es viel bequemer und schneller wird als die derzeitigen Möglichkeiten. Und wenn wir dann auf dieses Interview zurückblicken, werden wir nicht mehr verstehen, wie wir jemals ein so kaputtes Finanzsystem nutzen konnten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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