Amerikas Schuldenberg nährt starke Zweifel an der langfristigen Entwicklung des US-Dollars. Für Anleger stellt sich schon seit geraumer Zeit die Frage nach Alternativen. 39,6 Billionen US-Dollar Schulden und erstmals eine Billion US-Dollar Zinsen pro Jahr: Das lässt die Fiskallage der USA nicht unbedingt vertrauenserweckend erscheinen. Mit dieser Entwicklung liefern die Staaten Krisenwarnern zurzeit jede Menge Futter.
Einer von ihnen ist der Verfassungsrechtler William Watkins, der den USA im Gespräch mit Kitco News kürzlich eine “Weimar-Situation” in Aussicht stellte. Gemeint ist die deutsche Hyperinflation von 1923, als sich Preise zeitweise binnen Tagen verdoppelten und Erspartes praktisch wertlos wurde. Der Vergleich wirkt wie ein Griff in die Mottenkiste, doch die Zahlen erklären, warum er wieder kursiert.
Eine Billion nur für Zinsen
Die US-Staatsverschuldung entspricht rund 119.000 US-Dollar pro Einwohner. Noch aussagekräftiger ist die Zinslast, also der Betrag, den Washington jedes Jahr allein für die Bedienung bestehender Schulden aufwendet, ohne einen einzigen Dollar zu tilgen. Diese Nettozinsen erreichen laut Congressional Budget Office, dem überparteilichen Rechnungsbüro des Kongresses, in diesem Fiskaljahr eine Billion US-Dollar und übersteigen damit das gesamte Verteidigungsbudget. Bis 2036 projiziert die Behörde eine Verdopplung auf 2,1 Billionen US-Dollar.
Der Anleihemarkt preist das Risiko bereits ein. Die Rendite 30-jähriger Treasuries, der langlaufenden US-Staatsanleihen, notiert über 5 Prozent und erreichte laut Committee for a Responsible Federal Budget zeitweise 5,2 Prozent. Das signalisiert den höchsten Stand seit fast 19 Jahren. Die Rendite ist der Zins, den Investoren verlangen, um dem Staat Geld zu leihen. Steigt sie, wird jede neue Schuldenaufnahme teurer. Weil laufend alte Anleihen fällig werden und durch neue ersetzt werden müssen, frisst sich das höhere Zinsniveau Jahr für Jahr tiefer in den Haushalt. Teurere Refinanzierung erzeugt größere Defizite, größere Defizite treiben die Renditen weiter. Diese Spirale ist der Kern des Weimar-Vergleichs.
Der Ratchet-Effekt des Geldes
Ein Ratchet ist ein Werkzeug, das sich nur in eine Richtung drehen lässt. Genau so verlief die Geschichte des Dollars: Jede Lockerung der Geldordnung begann als Notstandsmaßnahme und wurde letztendlich dauerhaft. Die Lincoln-Regierung machte 1862 zur Finanzierung des Bürgerkriegs erstmals ungedeckte Papiernoten, die sogenannten Greenbacks, zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Ungedeckt heißt: Hinter den Scheinen stand kein hinterlegtes Gold, nur das Zahlungsversprechen des Staates. 1933 zog Washington das Gold der Bürger zwangsweise zu 20,67 US-Dollar je Unze ein und wertete es anschließend auf 35 US-Dollar auf.
Als 1971 die Pflicht fiel, ausländischen Notenbanken ihre Dollars in Gold einzulösen, war die Währung vollständig vom Metall gelöst. Seither beruht der Wert des Dollars allein auf dem Vertrauen in die US-Fiskalpolitik. Der Goldpreis erzählt, was aus diesem Vertrauen wurde: von 35 US-Dollar im Jahr 1971 auf aktuell rund 4.060 US-Dollar.
Wie nah ist Weimar wirklich?
Die Daten mahnen zur Nüchternheit. Rund 23,9 Prozent der US-Schulden, etwa 9,4 Billionen US-Dollar, liegen laut Treasury bei ausländischen Gläubigern, angeführt von Japan mit circa 1,2 Billionen US-Dollar, vor Großbritannien und China. Ein koordinierter Käuferstreik dieser Halter wäre der gefürchtete Auslöser einer Krise. Tatsächlich erreichten die Auslandsbestände zuletzt Rekordniveaus, von Flucht jedoch keine Spur. Die deutsche Katastrophe von 1923 hatte zudem andere Treiber, allen voran die Reparationslasten aus dem Ersten Weltkrieg und eine Notenbank, die Staatsausgaben direkt mit der Druckerpresse finanzierte. Davon sind die USA institutionell weit entfernt.
Was das für Bitcoin bedeutet
Für den Krypto-Markt ist die Debatte dennoch interessant. Das Entwertungs-Narrativ, im Jargon “Debasement Trade” genannt, beschreibt die Wette, dass Kapital aus schwindendem Papiergeldvertrauen in knappe Anlagen fließt. Es ist das Fundament der Bitcoin-These: ein Asset, dessen Menge auf 21 Millionen Einheiten begrenzt ist und das keine Regierung nachdrucken kann, als Gegenentwurf zu beliebig vermehrbarem Staatsgeld. Gold hat seit 1971 vorgezeichnet, wie diese Umschichtung aussieht, und Bitcoin konkurriert um dieselbe Rolle. Eine Mechanik von Schuldenstand zu Kursanstieg existiert allerdings weder für das Metall noch für Bitcoin. Wächst die Zinslast weiter wie projiziert, dürfte das Argument knapper Assets an Gewicht gewinnen. Mit historischen Vergleichen sollte man jedoch vorsichtig sein.
