Daten = Geld Nach geplanter Daten-Enteignung bei Alibaba: So behalten wir unsere Autonomie
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 6 Minuten

Hamsterrad
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China schaut den Tech-Konzernen nicht mehr länger tatenlos zu und will Alibaba zur Datenauslagerung zwingen. Warum es um sehr viel Geld geht, eine Dystopie unausweichlich erscheint und die Blockchain-Technologie Rettung verspricht.

Für Staaten ist es obligatorisch, sich Zugang zu Rohstoffen zu sichern. Da Daten zu den immateriellen Rohstoffen des 21. Jahrhunderts gehören, hat China mit der geplanten Daten-Enteignung von Alibaba ein klares Zeichen gesetzt. Der chinesische Konzern soll gezwungen werden, seine Benutzerdaten, die für die Zahlungs-App AliPay genutzt werden, in ein neues Unternehmen auszugliedern. Mit von der Partie ist auch der chinesische Staat, der das kostbare Datensilo damit unter seine Aufsicht stellt.

Datentotalitarismus Made in China

Der Wunsch, die großen Tech-Konzerne an die Kandare zu nehmen, ist in Europa und den USA ebenfalls sehr präsent. Aus nachvollziehbaren Gründen besteht die Sorge von einem zunehmenden Machtmissbrauch der Plattform-Giganten. Auch hierzulande diskutiert man, wie man die Datenkraken besser reguliert, um einer weiteren Monopolisierung entgegenzutreten. Dabei besteht die Gefahr, von einem Extrem ins andere zu kommen.

Wenn alle wichtigen Daten bei wenigen Konzernen abliegen, ist das besorgniserregend. Es ist allerdings nicht weniger besorgniserregend, wenn – wie das in China aktuell geschieht – sich der Staat alle Daten sichert. Ganz gleich, welcher Akteur sich durchsetzt, am Ende zieht eine Gruppe den Kürzeren: die privaten Haushalte respektive die Individuen.

Konzernen sowie Staaten ist nicht einmal ein direkter Vorwurf zu machen. Jedes System ist darauf aus, seine Macht zu erhalten und auszubauen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Entsprechend wichtig ist es, dass man mittels demokratischer Standards Konzentrationen entgegengewirkt.

Datenfrage = Geldfrage

Reich ist, wer Daten hat. Nicht umsonst sind die wertvollsten Unternehmen der Welt gleichzeitig auch die Unternehmen mit den meisten Daten. Der Wert unserer Daten dürfte in den nächsten Jahren noch signifikant zunehmen. Finanzdaten, die sich erst langsam neu verteilen und neu konzentrieren, sind besonders wertvoll. Wenig verwunderlich ist es daher, dass das harte Durchgreifen Chinas bei den Finanzdaten von Alibaba ansetzt. Doch auch Daten, die nicht direkt mit Finanzdienstleistungen verbunden sind, dürften in den nächsten Jahren um ein Vielfaches an Wert hinzugewinnen.

Wer aktuell nach einer neuen Küche Ausschau hält und beim Online-Shopping die Cookies aktiviert, der bekommt sehr wahrscheinlich beim späteren Öffnen von Instagram die passenden Angebote angezeigt. Dieses gegenwärtige Level an Kundendatenvermarktung befindet sich noch in seinem Anfangsstadium.

Jeden Tag entstehen aber mehr und mehr Daten, die man immer besser auswerten kann. Quantität und Komplexität nehmen gleichermaßen zu, sodass man einen höheren Nutzen aus den Daten “herausquetschen” kann, ergo diese wertvoller werden. Insbesondere das Internet der Dinge und KI-Systeme tragen dazu bei, dass sich die Daten-Ökonomie immer stärker selbst beschleunigt. Genau wie bei Verteilungskämpfen um Rohstoffe, hat auch der Verteilungskampf um Daten angefangen – auch wenn er weniger sichtbar ist. Spürbar ist er allemal: in der Geldbörse, in der Privatsphäre und letztlich bei der eigenen Abhängigkeit von datengetriebenen Dienstleistungsangeboten.

Die Alternative zur Dystopie

Angesichts der Entwicklungen ist es schwer, nicht eine Dystopie heraufzubeschwören. Weder chinesischer Staatstotalitarismus noch westliche Passivität bieten eine Lösung. Viel naheliegender ist es daher zu überlegen, wie man auf neutralem Boden, durch neutrale Institutionen und neutrale Infrastrukturen eine Kollektivierung von Daten ermöglicht, ohne demokratische und marktliberale Grundsätze zu missachten.


Neutralität ist in diesem Sinne nicht als etwas Absolutes zu begreifen, sondern als ein Zustand, an den man sich versucht anzunähern. Ebenjene neutralen Institutionen könnte man in Form von dezentralen Organisationen erschaffen. Zwar muss auch ihren Programmcode jemand schreiben, doch kann hier unter dem Dogma der gleichen Zugangsrechte für alle (Permissionless) sowie wie der systemischen Offenheit (Open Source) eine annähernd idealtypische Infrastruktur entstehen.

Alle kontrollieren die Daten in den dezentralen Datensilos, die letztlich bei ihrem “Erschaffer” verbleiben. Kryptografie sorgt bei gleichzeitigem Zugang für alle dafür, dass jede Unternehmung, jeder Staat und jedes Individuum, nicht mehr durch den begrenzten Zugriff einer Daten-Limitierung ausgesetzt ist.

Mehr Wettbewerb, als jemals zuvor

Durch das Aufsprengen der Datensilos bei gleichzeitiger Beachtung der Privatsphäre wäre eine neue Dimension an Wettbewerb und letztlich Wachstum vorstellbar. Geschäftsmodelle, die bislang nur den großen Tech-Konzernen vorbehalten waren, könnte man nun zu geringeren Transaktionskosten – hier ist die betriebswirtschaftliche Definition gemeint – mehr Akteuren zugänglich machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dadurch beispielsweise schneller Medikamente entwickelt werden können, steigt genauso, wie die sogenannte Monopolrente des Monopolisten fällt.

Gerade deutsche Industrieunternehmen könnten mehr als andere von dieser Entwicklung profitieren. Schließlich sind ihre Geschäftsmodelle besonders stark durch die Silicon-Valley-Konzerne gefährdet. Beispielsweise findet die Wertschöpfung im Automobilsektor immer weniger im traditionellen Fahrzeugbau statt, als in der Ausgestaltung der Hard- und Software. Apple und Google könnten so perspektivisch mehr im Automotive-Sektor verdienen, als VW und Daimler.

Praxis statt Theorie

Doch wie soll eine derart neu organisierte Daten-Ökonomie umgesetzt werden? Eine einfache Antwort kann es jedenfalls nicht geben, sondern vielmehr verschiedene Szenarien. In Anlehnung an die Forderungen einer Art Datensteuer (auch unter Data Sharing diskutiert), kann man staatlich vorgegeben die Daten-Auslagerung auf unternehmensfremde Infrastrukturen vorgeben. Die Datensilos der Unternehmen werden folglich angezapft und in “neutrale Becken” umgeleitet. Allerdings muss es dazu nicht wirklich eine Blockchain-Lösung im Sinne einer dezentralen Organisation geben, da man die Kollektivierung der Daten theoretisch auch über zentrale Datenbanken organisieren kann. Die notwendige staatliche Einmischung und schwierige internationale Koordination erschweren dieses Unterfangen allerdings.

Dezentralität als besseres System?

Im Sinne einer marktorientierten Lösung müsste es gar nicht erst zu einer nachgelagerten Datenumverteilung kommen. Angenommen, Konsumenten und Unternehmen würden freiwillig auf dezentrale Infrastrukturen ausweichen, da diese einen größeren Nutzen stiften als ihre zentralen Pendants, dann würden die Datensilos von Facebook und Co. austrocknen. Durch Nutzung eines dezentralen Facebooks oder dezentralen AirBnbs würden die Daten automatisch bei den Nutzern verbleiben. Was an Daten freigegeben wird und was nicht, würden in dem Fall die “Datenerschaffer” und nicht die Staaten oder Unternehmen entscheiden. Auch könnte man Daten anonymisieren und damit grundsätzlich allem und jedem zugänglich machen. Dieser Gedankengang setzt allerdings voraus, dass bislang oftmals unterlegene dezentrale Systeme an Effizienz, Nutzerfreundlichkeit und Kompatibilität hinzugewinnen.

Das bewusste Umgehen der Google- und Amazon Cloud Services könnte in diesem Sinne eine Lösung des Urkonfliktes der digitalen Ökonomie im 21. Jahrhundert bedeuten. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft weniger Fantasie vonnöten ist, um sich dies vorzustellen. Dass Daten und Geld in diesem Szenario zu Token verschwimmen, dürfte auf der Hand liegen. Genauso wie das neue Verständnis von Geld, das sich immer weniger an der numerischen Kaufkraft ausrichtet, als an der Identität des Besitzers. Dass sich das Wesen von Geld ändert, lässt sich bereits heute in China beobachten. Digitales Zentralbankgeld bekommt dort nicht mehr nur Payment-, sondern auch Utility-Funktionen einprogrammiert. Die Frage ist also nicht ob, sondern unter wessen Kontrolle das neue Geld in die Welt kommt.  



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