In den vergangenen Monaten fühlte ich mich zunehmend genervt von KI-Content. Von Fake-Videos, synthetischen Bildern und Texten, die soziale Netzwerke fluten und deren Herkunft niemand mehr wirklich prüft. Das Internet vermüllt gerade in rasantem Tempo, nicht durch Menschen, sondern durch Bots und automatisiert erzeugte Inhalte. Dass es neuerdings schon soziale Netzwerke im Reddit-Stil für KI-Agenten gibt, siehe Hype um Moltbook, beschleunigt nur noch weiter diese Entwicklung.
Mit Worldcoin gegen Meta und X?
Vor diesem Hintergrund finde ich es gut, dass OpenAI laut Forbes an einem eigenen sozialen Netzwerk arbeitet und dabei neue Formen der Identitätsprüfung plant. Biometrische Verfahren sind kein Wohlfühlthema, aber wir bewegen uns sichtbar auf einen Punkt zu, an dem niemand mehr zuverlässig sagen kann, ob hinter einem Account ein Mensch steckt oder eine Software. Dieses Gefühl wird nur noch weiter zunehmen und nicht einfach wieder verschwinden.
Dass im Zuge dieser Ankündigung auch World, das hauseigene Krypto-Identitätsprojekt rund um den Worldcoin, wieder stärker in den Fokus rückt, halte ich für folgerichtig. Nicht, weil es mir erlaubt, hier einen Bogen zu Krypto zu spannen, sondern weil digitale Identität längst kein rein staatliches oder plattforminternes Thema von Meta oder Google mehr sein sollte. Wenn Identität künftig Voraussetzung für Vertrauen im Netz ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, wer sie ausstellt, kontrolliert und durchsetzt.
Die reflexhafte Kritik an Lösungen wie World lässt nicht lange auf sich warten. Themen wie Datenschutz, Überwachung, EU-Regulierung hageln seit Längerem auf Worldcoin ein. Vieles davon ist berechtigt, manches wirkt allerdings erstaunlich selektiv. Wir haben uns über Jahre hinweg bereitwillig in die Abhängigkeit amerikanischer Plattformen begeben, inklusive ihrer Geschäftsmodelle und Datenpraktiken. Sich nun mahnend und ohne echte Alternativen gegen Worldcoin zu stellen, wirkt ein wenig moralisierend.
Fake-Inhalte mit Blockchain eindämmen?
Wenn niemand mehr weiß, was echt und was fake ist, weder bei Personen noch bei Inhalten, braucht es neue Wege. Worldcoin skizziert einen solchen Weg. Doch auch losgelöst von diesem Projekt braucht es die Blockchain-Technologie, um das Fake- und Identitätsproblem nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene in den Griff zu bekommen.
Laut dem Analysehaus Gartner kommt über 70 Prozent der globalen Cloud-Infrastruktur von amerikanischen Unternehmen, ein weiterer signifikanter Teil aus China. Neutrale digitale Infrastruktur existiert kaum. Ein dezentrales Blockchain-Netzwerk wie Ethereum könnte zumindest theoretisch eine Ebene bieten, der Staaten, Unternehmen und Individuen aus unterschiedlichen Regionen vertrauen können, ohne sich einer einzelnen staatlichen Macht zu unterwerfen.
Mit Ethereum zu mehr internationalem Vertrauen
China würde bei digitalen Inhalten und der Frage nach deren Echtheit niemals den USA vertrauen, und umgekehrt gilt das ebenso. Würden digitale Inhalte hingegen über eine dezentrale und nicht manipulierbare Infrastruktur laufen oder dort verifiziert werden, etwa über Ethereum, könnten dadurch neue digitale Brücken zwischen Nationen entstehen, die sich bislang eher kritisch gegenüberstehen.
Digitale Identität ist kein sexy Thema. Aber für mich ist sie der wichtigste Anwendungsfall für Blockchain außerhalb des Finanzsektors. Wahrscheinlich wird es noch Jahre dauern, bis blockchainbasierte Identitäten zum Standard werden. Und genauso wahrscheinlich werden wir uns dann wundern, wie lange wir geglaubt haben, dass es auch ohne ging.
