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Catch me if you can Schwere Anschuldigungen gegen TRON-Gründer Justin Sun

“Fische fängt man mit Angeln, Leute mit Worten”, aber welchen Köder legt man aus, um jemanden zu fassen, der über Jahre ein funktionierendes Sicherheitsnetz gespannt hat? Von dem seine Mitarbeiter sagen, er schaffe ein Klima der Angst, der mal gegen, mal mit dem Strom schwimmt, und gelernt hat, wie man den Kopf aus der Schlinge zieht? Justin Sun scheint immer einen Schritt voraus zu sein, die Luft für den umtriebigen Krypto-Entrepreneur wird aber dünner. Neue Vorwürfe belasten den TRON-Gründer schwer: Insiderhandel, Verschleppung, Geldwäsche – und das ist nur ein Auszug aus dem Lebenswerk, für das sich auch die Strafverfolgungsbehörden zunehmend interessieren.

Moritz Draht
 |  Lesezeit: 6 Minuten
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Justin Sun

Quelle: Picture Alliance

| Justin Sun

Bescheidenheit zählt nicht gerade zu den Tugenden von Justin Sun. Mit seinem selbstverliebten Auftreten, diversen rhetorischen Totalausfällen und Hang zum protzigem Lebensstil hat sich der Unternehmer nicht nur Freunde in der Krypto-Community gemacht. Der 31-Jährige zeigt eben gerne, was er hat – wie er dazu gekommen ist, verschweigt er dann lieber. Mit Aktionen, wie dem als “große Sache” für TRON angekündigten Investorenbrunch mit Warren Buffett, oder der geschmacklosen Enttäuschung darüber, dass die ukrainische Regierung keinen Airdrop für TRON-Holder durchgeführt hat, hat Sun keine Sympathiepunkte gesammelt. Kriminell ist das alles aber nicht. Im Gegensatz zu den Vorwürfen, die der Journalist Christopher Harland-Dunaway jetzt gegen den Gründer der Krypto-Plattform TRON erhebt.

Ein Leben in Schlupflöchern

Der Weg von Justin Sun beginnt 2017. Es ist die Zeit der vielen ICOs, die mit über Nacht aus dem Boden gestampften Projekten die Kasse am Krypto-Markt klingeln lassen. Und eine Zeit, in der noch gar nicht so genau klar war, wie die mit Börsengängen vergleichbaren Token-Sales rechtlich einzuordnen sind. Als Mitarbeiter bei Ripple Labs hatte Justin Sun schon einige Erfahrungen im Krypto-Bereich sammeln können, ging dann aber mit seinem eigenen Projekt an den Start, welches das Internet von Grund auf dezentralisieren sollte: TRON.

Ein Versprechen, das zieht. TRON legt einen überaus erfolgreichen ICO hin, rund 70 Millionen US-Dollar hat die Aktion eingespült. Justin Sun hält sich da noch in seinem Heimatland China auf, wo aber dunkle Wolken aufziehen. Die Regierung veranlasst ein ICO-Verbot, Sun boxt den ICO dennoch durch – und plant dabei bereits seinen Fluchtweg. Angeblich soll Sun einen Tipp von Binance-Chef Changpeng Zhao erhalten und den ICO einen Tag vor offiziellem Verbot beendet haben. Die Koffer für die Flucht nach San Francisco stehen da schon bereit.

Nächster Halt: BitTorrent

Justin Sun reist mit kräftigem Rückenwind in die USA ein. Der TRX-Kurs ging durch die Decke, die Marktkapitalisierung stieg in kurzer Zeit über drei Milliarden US-Dollar an, von denen knapp die Hälfte auf das Konto der Tron Foundation ging. Sun bereitet da schon seinen nächsten Schachzug vor: Für 140 Millionen US-Dollar erwirbt er das in San Francisco ansässige Unternehmen BitTorrent, Herausgeber des gleichnamigen P2P-Filesharing Protokolls.

Eine Übernahme mit Geschmäckle: Weil sich die BitTorrent-Geschäftsführung mit anderen Interessenten traf, soll Sun eine einstweilige Verfügung erwirkt haben. Der Deal kam zwar zustande, verlief aber rückblickend wohl nicht reibungslos. “Weiß jemand, ob Justin Sun knapp bei Kasse ist?”, fragte BitTorrent-Gründer Bram Cohen die Twitter-Community im Juli 2019, und spielte mit dem Tweet darauf an, dass Zahlungen der Tron Foundation an BittTorrent noch ausstanden. Zu dem Zeitpunkt wurden schon Vorwürfe der Kursmanipulation um Sun, den TRX-Kurs und BitTorrent Token laut.

Mit Insiderhandel zum schnellen Geld

Diese Vorwürfe sollten sich immer weiter verdichten. Aus dem engeren Mitarbeiterkreis will Christopher Harland-Dunaway erfahren haben, dass Justin Sun Token-Käufe angewiesen habe, kurz bevor das Unternehmen mit positiven Nachrichten an die Öffentlichkeit ging – um die Token im Anschluss mit hohen Gewinnen zu verkaufen. Eine Praxis, die man als Insiderhandel bezeichnet, und die aus guten Gründen strafbar ist.

Für den Erfolg scheint Justin Sun spätestens jetzt aber jedes Mittel recht. Ex-Mitarbeiter berichten von einem Klima der Angst, und Sun, der inzwischen wieder nach China zurückgekehrt ist, um dort ein “Market-making-Team” aufzubauen – ein Schelm, wer böses dabei denkt – inzwischen von sich selbst in Konferenzen als “Vorsitzender Mao” gesprochen haben.

Justin Sun kauft Poloniex

Auf dem Einkaufszettel stand als nächstes Poloniex. Eine Krypto-Börse mit zweifelhaftem Ruf. Als “Shitcoin-Casino numero uno” bezeichnete ein ehemaliger Mitarbeiter den Betrieb, bei dem Pump-and-Dump-Methoden an der Tagesordnung gestanden haben sollen.

Umgekrempelt wurde Poloniex zwar 2018, als es von Circle aufgekauft wurde, das die Börse mit KYC-Verfahren rehabilitieren wollte. Der Erfolg war aber bescheiden: Das Handelsvolumen brach mit Einführung der Legitimationsprüfung ein. Justin Sun erkannte in Poloniex jedoch scheinbar das fehlende Puzzlestück in seinem Firmengeflecht – und übernahm den Laden.

Umzug auf die Seychellen

Sun verlegte Poloniex schließlich auf die Seychellen. Das streitet er zwar noch heute ab. Ein Schreiben der Ontario Securities Commission, in dem die Behörde Poloniex unerlaubter Wertpapiergeschäfte bezichtigt, spricht aber eindeutige Sprache: “Poloniex ist eine nach dem Recht der Republik Seychellen gegründete Gesellschaft”. Die Wahl dürfte nicht nur wegen der Traumstrände auf den Inselstaat gefallen sein.

Um den Nutzerstrom wieder anzukurbeln, soll Justin Sun angewiesen haben, das KYC-Verfahren aufzuweichen. “Fake the KYC!” soll er einmal gesagt haben, berichten ehemalige Mitarbeiter. Poloniex führte schließlich ein automatisiertes KYC-Verfahren ein, das es mit der Identifizierung wohl nicht so eng sah.

Lukrative Fundgrube

Jetzt wird es schmutzig(er): Laut Christopher Harland-Dunaway soll Justin Sun die “Operation Couch Cushions” initiiert haben – und damit im Grunde Gelder von Poloniex-Nutzern gestohlen haben. Über Jahre hinweg sollen Bitcoin in Wallets gesendet worden sein, die nur Tether empfangen konnten. Die Transaktionen wurden blockiert, auf die Bitcoin hatte man jedoch keinen Zugriff mehr. So sollen sich über Jahre beträchtliche Summen angehäuft haben. Etwa 300 Bitcoin sollen auf diesem Weg abgegriffen worden sein, deren Spur sich letztlich in einer gemeinschaftlichen Wallet von Poloniex verliert.

Zufluchtsort Malta

So wie Sun sein Vermögen verschleiert – allein in den USA soll er 13 Konten besitzen – verwischt er auch die Spur seiner Wohnsitze. Für Malta habe Sun eine Staatsbürgerschaft gekauft – inklusive acht maltesischer Bankkonten. Aus naheliegenden Gründen: “Er hielt Steuern für dumm”, soll ein Mitarbeiter von Sun gesagt haben. Zudem sei er auch Staatsbürger der Karibikinseln St. Kitts und Nevis. Auch einen Pass für das westafrikanische Land Guinea-Bissau soll Sun gekauft haben.

Allmählich geriet er aber wohl ins Fadenkreuz chinesischer Behörden. Dass Sun das chinesische ICO-Verbot umgangen hatte, sollte ihn einholen. Sechs Mitarbeiter von Tron seien in China verhaftet worden, und das Investorentreffen mit Warren Buffett ausgefallen, weil Justin Sun von chinesischen Behörden festgehalten worden sein soll.

Behörden im Nacken

Nach seinem Aufenthalt in China, wo Justin Sun nach allen Regeln des Repressionsapparats weich gekocht worden sein soll, kehrte er schließlich nach San Francisco zurück, verließ die USA aber kurz vor der Pandemie und kehrte nie zurück. Angeblich ermitteln das FBI, die SCE und das IRS gegen Sun. Im Raum stehen unter anderem Vorwürfe der Geldwäsche, unerlaubten Wertpapierausgabe und Betrug.

Inzwischen ist Sun, dessen persönliches Vermögen auf 300 Millionen US-Dollar geschätzt wird, Grenadas Botschafter bei der Welthandelsorganisation. Wohl hauptsächlich aus Marketinggründen für Tron, aber auch aus taktischem Kalkül, um diplomatische Immunität zu erlangen.

Eine Bitte um Stellungnahme von TRON und Poloniex zu den Vorwürfen blieb zu Redaktionsschluss unbeantwortet.

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