Während eines Bullenmarkts scheint es im Krypto-Space mittlerweile zum guten Ton zu gehören, sich mit Kursprognose für Bitcoin zu übertreffen. Von 500.000 bis 11,6 Millionen US-Dollar bis 2035 – die Ziele sind gigantisch und scheinen etwas absurd. Deswegen hat BTC-ECHO die Modelle überprüft. Was steckt hinter den Annahmen und wie realistisch sind sie wirklich?
Bitcoin: Von der Nische ins Rampenlicht
Kaum ein Asset hat in den vergangenen Jahren so polarisiert wie Bitcoin. Für die einen ist er digitales Gold und der beste Inflationsschutz der Welt, für andere ein spekulatives Risiko ohne intrinsischen Wert. Entsprechend weit auseinander gehen die Kursprognosen: Während “konservative” Analysten schon bei 500.000 US-Dollar von einem Meilenstein sprechen, sehen utopische Modelle Bitcoin in den kommenden Jahren bei mehreren Millionen. Doch was davon ist seriös und wo beginnt die Fantasie?
Bitwise: 1,3 Millionen US-Dollar bis 2035
Eine der aktuell fundiertesten Prognosen kommt von Bitwise Asset Management. Im Report “Bitcoin Long-Term Capital Market Assumptions” prognostiziert das Research-Team einen Bitcoin-Preis von 1,3 Millionen US-Dollar bis 2035 – das entspricht einer jährlichen Rendite von 28,3 Prozent ab heutigem Niveau.
Begründet wird diese Prognose mit drei Faktoren. Erstens beginne die institutionelle Nachfrage nach Bitcoin gerade erst, Fahrt aufzunehmen. Große Fonds, Pensionskassen und auch sogenannte Family Offices (private Vermögensverwaltungen reicher Familien) richten ihre Portfolios zunehmend auf Bitcoin aus. Bitwise schätzt, dass allein durch diese Nachfrage zwischen einer und fünf Billionen US-Dollar in den Markt fließen könnten. Zweitens bleibt das Angebot von Bitcoin strikt limitiert. Von den maximal 21 Millionen Coins sind schon heute über 94 Prozent im Umlauf. Drittens wächst die Sorge, dass Staaten ihre Schulden durch eine Entwertung von Fiatwährungen abbauen. Dieses Umfeld steigert die Attraktivität knapper Güter wie Gold oder eben Bitcoin.
Unternehmen, ETFs und Staaten: Bitcoin als strategische Reserve
Hinzu kommt, dass nicht nur Privatanleger und Institutionen Bitcoin akkumulieren. Auch Unternehmen und sogar Staaten haben begonnen, BTC als strategische Reserve aufzubauen. Besonders auffällig ist Strategy, das kontinuierlich kauft und mittlerweile rund 632.000 Bitcoin hält – knapp drei Prozent des maximalen Angebots. Damit ist das Unternehmen der weltweit größte private Bitcoin-Holder.
Dazu kommen börsengehandelte Fonds (ETFs), die seit ihrer Zulassung in den USA im Januar 2024 massiv Kapital eingesammelt haben. Zusammen halten ETFs und vergleichbare Vehikel inzwischen rund sieben Prozent aller im Umlauf befindlichen Bitcoins. Parallel dazu treten auch Staaten zunehmend als Halter auf. Die USA besitzen laut offiziellen Angaben knapp 198.000 BTC und sind damit der größte staatliche Bitcoin-Besitzer. Aber auch Länder wie China, das Vereinigte Königreich und El Salvador haben nennenswerte Reserven aufgebaut. All das trägt dazu bei, dass das verfügbare Angebot am Markt sinkt – und die Knappheit zunimmt.
Banken und Research-Häuser: konservativ bis bullisch
Auch andere Finanzhäuser haben ambitionierte Prognosen vorgelegt. Standard Chartered rechnet bis 2028 mit einem Kurs von 500.000 US-Dollar. Alliance Bernstein sieht Bitcoin bis 2033 bei rund einer Million. ARK Invest geht noch weiter und erwartet 1,5 bis 2,5 Millionen US-Dollar bis 2030. Am extremsten ist die Strategie-Studie, die bis 2046 einen Preis von 21 Millionen US-Dollar für möglich hält.
Damit zeigt sich ein klarer Trend: Selbst konservative Banken rechnen mit Bitcoin im sechsstelligen Bereich, während die bullischsten Prognosen regelrechte Mondpreise skizzieren.
Alternative Modelle: Die utopischsten Prognosen
Noch weiter gehen Modelle aus der Krypto-Szene selbst. Das Stock-to-Flow-Modell, seit Jahren viel beachtet und ebenso umstritten, kommt für 2035 auf einen Bitcoin-Preis von 11,6 Millionen US-Dollar. Das sogenannte Power-Law-Modell kalkuliert mit etwa 1,5 Millionen US-Dollar. Und das Autocorrelation Exchange Rate Model (BAERM) geht von rund 7,5 Millionen US-Dollar aus.
Allen drei Ansätzen ist gemeinsam, dass sie historische Muster oder Knappheitslogiken fortschreiben, ohne externe Faktoren wie Regulierung oder technologische Umbrüche einzubeziehen. Kritiker werfen ihnen daher vor, zu optimistisch und einseitig zu sein.
Ethereum als Vergleich
Nicht nur Bitcoin sorgt für Fantasie. Auch Ethereum wird mit ambitionierten Prognosen bedacht. Die britische Großbank Standard Chartered erwartet 7.500 US-Dollar bis 2025 und langfristig sogar 25.000 US-Dollar bis Ende des Jahrzehnts. Institutionelle Treasury-Firmen wie BitMine und SharpLink akkumulieren bereits Milliardenbeträge in ETH.
Realismus-Check: Zwischen Traum und Wirklichkeit
So beeindruckend die Zahlen sind – Anleger sollten Vorsicht walten lassen. Die Prognosen hängen von mehreren unsicheren Faktoren ab. Zwar ist das regulatorische Klima in den USA seit 2024 deutlich freundlicher geworden, doch politische Stimmungswechsel bleiben ein Risiko. Auch die institutionelle Nachfrage könnte tatsächlich Billionen bewegen – oder aber im Sande verlaufen, wenn sich die Narrative ändern. Hinzu kommen technologische Risiken wie Fortschritte im Quantencomputing, die langfristig die Sicherheit des Bitcoin-Netzwerks herausfordern könnten.
Im Ergebnis erscheinen konservativere Szenarien im Bereich von 500.000 bis 1,5 Millionen US-Dollar plausibler. Modelle, die 7 oder gar 11,6 Millionen US-Dollar in Aussicht stellen, zeigen eher die enorme Spannbreite möglicher Zukunftsbilder als eine belastbare Prognose.
Bitcoin lebt von großen Erzählungen – und die Kursprognosen sind Teil davon. Ob 500.000, 1,3 Millionen oder 11,6 Millionen US-Dollar: Jede Zahl sagt weniger über die Realität von morgen als über die Erwartungen und Hoffnungen von heute. Für Anleger heißt das: Utopien können inspirieren – die eigene Investmentstrategie sollte aber immer auf konservativen Annahmen und einem klaren Risikomanagement basieren.

Quellen:
- Bitwise Asset Management Bericht: Bitcoin Long-Term Capital Market Assumptions 2025
- Strategy kauft weitere Bitcoin und hält nun 632.457 BTC
- Strategy und Metaplanet kontrollieren 3,1 Prozent des gesamten Bitcoin-Angebots
- Warum Bitcoin-Treasury-Unternehmen an Bedeutung gewinnen und was das für mittelständische Firmen bedeutet
- Bitcoin-Bestände von Ländern und Regierungen
- ETFs und Kryptobörsen halten rund 7 Prozent des Bitcoin-Angebots