Co-Founder von Wikipedia Larry Sanger: „Der Bitcoin-Crash 2018 ist keine Analogie zum Platzen der Dot-Com-Blase”

Dana Hajek

von Dana Hajek

Am · Lesezeit: 8 Minuten

Dana Hajek

Dana absolviert ihr Masterstudium in Journalismus, Medien und Globalisierung an der City University in London. Sie ist überzeugt, dass Blockchains ein gewaltiges Nutzungs- und Transformationspotenzial aufweisen und in nur wenigen Jahren die Welt auf den Kopf stellen werden.

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Exklusiv: Dr. Larry Sanger, Mitgründer von Wikipedia, im Interview mit BTC-ECHO über Bitcoin, Blockchain und die Dot-Com-Blase.

Von Wikipedia zu Everipedia – und nebenbei noch Blockchain. Dr. Lawrence Mark „Larry“ Sanger experimentierte mit Technologie und der Wissenschaft des Wissens, bevor er 2001 Wikipedia mitgründete. Das Projekt entstand aus dem Wunsch heraus, Zensurwiderstand und Dezentralisierung im Online-Informationsaustausch zu erreichen. Seit Sanger Wikipedia verlassen hat, steht er dem Projekt kritisch gegenüber. Mittlerweile gründete er die Knowledge Standards Foundation, eine gemeinnützige Organisation, die technische Standards für Enzyklopädien setzt.

Du bezeichnest Wikipedia als eine Mobokratie, ein Machtvakuum ohne jegliche verfassungsmäßigen Regelungen oder verantwortlichen Entscheidungsträger. Kannst du dein Anliegen bzw. deine Kritik noch einmal genauer erklären?

Larry Sanger: Wikipedia ist eine Mobokratie, weil jeder anonym beitreten kann. Man kann sich das so vorstellen wie einen Haufen Antifa-Leute, die mit Masken über den Gesichtern herumlaufen. Sie werfen vielleicht keine Steine auf Autos, treffen aber online wichtige Entscheidungen, die den Ruf unterschiedlicher Leute und die öffentliche Meinung beeinflussen. Da es keine Verantwortlichen gibt, übernimmt auf individueller Ebene keiner Verantwortung für schlechte Entscheidungen.

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Es fehlt eine Charta oder eine gewisse Lizenz, mit ordnungsgemäß gewählten VertreterInnen, auf die sich jeder berufen kann. Das wird insbesondere in Situationen kritisch, wenn jemand Verantwortung übernehmen muss.  

Könnten sich fehlende Entscheidungsmechanismen auch in Form einer Mobokratie auf das Krypto-Ökosystem und Bitcoin auswirken? 

Larry Sanger: Bisher habe ich das nicht beobachtet. Allerdings gibt es tatsächlich ähnliche Arten von Governance-Problemen, die zwangsläufig auftauchen werden. Beispielsweise basiert Everypedia auf EOS.IO, die auf der einen Seite von Block.one kontrolliert und geleitet wird. Auf der anderen Seite haben die Block-Produzenten (BP), ähnlich den Minern von Bitcoin, eine große Kontrolle. Im Endeffekt kann Block.one zwar rechtliche Bestimmungen festlegen, aber die Block-Produzenten sind nur daran gebunden, solange es auch von irgendwem überprüft wird. Ansonsten können sie die Charta auch einfach ignorieren.

„Ohne konkrete Regelungen wird es immer wieder Probleme geben. Probleme, bei denen letztlich auch das Gesetz einschreiten muss.”

Blockchain-Projekte basieren doch auf einer Peer-to-Peer Interaktion zwischen Individuen und einem unpersönlichen System. Siehst du das anders?

Larry Sanger: Es wird gerne so getan, aber das ist nicht der Fall. Ich sehe durchaus die Notwendigkeit für eine umfangreichere Überprüfung dieser Projekte. Wenn du eine Social Software enwickelst, also ein System, das dazu dient, online eine Gemeinschaft zu schaffen und Menschen dazu einlädt, zu interagieren, ist dort zwangsläufig ein politisches Element involviert. Denn das ist es immer, wenn Menschen in Gruppen miteinander zu tun haben. 

Beim alltäglichen Kontakt von Menschen via Blockchain, wird es ohne konkrete Regelungen immer wieder Probleme geben. Probleme, bei denen letztlich auch das Gesetz einschreiten muss. Allerdings ist das Gesetz in dieser Hinsicht noch nicht ausgereift. Nicht mal ein bisschen.

„Die Firmen, die die Coins erschaffen, sind in 99% der Fälle die Diktatoren in den Gemeinschaften”

Meinst du, es mangelt Blockchain-Projekten an einem gemeinschaftlichen Mitspracherecht, vielleicht sogar von UserInnen?

Larry Sanger: Ja. Das habe ich ganz lange bei großen gewinnorientierten Unternehmen wie Facebook oder Twitter kritisiert: Alle Entscheidungen werden zentralisiert getroffen. Sie liegen in den Händen von den Führenden der Branche. Im Falle von Kryptos wären es beispielsweise Ethereum, EOS oder Monero. Die Firmen, die die Coins erschaffen, sind in 99 Prozent der Fälle die Diktatoren in den Communitys. Sie veröffentlichen ein Whitepaper und informieren die TeilnehmerInnen darüber – das wars. Wenn du teilnehmen willst, kannst du das tun oder auch nicht. Und die Leute wollen natürlich mitmachen, aber sie haben kaum Mitspracherecht.

Wie ist dein allgemeiner Eindruck von Kryptowährungen, Blockchain und dem Markt? Haben die aktuellen Entwicklungen eine Zukunft?

Larry Sanger: Definitiv! Ich glaube immer noch, dass irgendwer herausfinden wird, wie man es richtig macht. Menschen zu ermöglichen, über Netzwerke zu interagieren, die sich wiederum selbst dokumentieren, ist eine großartige Idee. Alleine, dass Bitcoin und Blockchain funktionieren, beweist doch schon, dass die Idee da ist, um zu bleiben. Ob die Projekt-Entwickler von heute noch in zehn Jahren im Geschäft sein werden, da bin ich mir [aber] nicht sicher. Trotzdem sind die Grundlagen von Blockchain und Bitcoin überragend. 

Worin siehst du also die größten Herausforderung für Blockchain-Projekte, um eine Adaption in den Mainstream zu ermöglichen?

Larry Sanger: Die meisten Projekte scheitern an den gleichen Fehlern: Sie leisten nicht die notwendige harte Arbeit, um die Dinge für nicht-technische BenutzerInnen so einfach wie möglich zu machen. Viele Blockchain-Apps setzen voraus, dass man bereits ein technisches Vorwissen hat. Für einige brauchst du beispielsweise zuerst einen bestimmten Token, um sie überhaupt benutzen zu können. Wenn du den Anweisungen genau folgst, kannst du es natürlich auch so schaffen, einen Token zu kaufen. In der Regel musst du trotzdem etwas Erfahrung bringen.

„Blockchain-Projekte verlangen von einer durchschnittlichen Person zu viel Vertrauen”

Um Glaubwürdigkeit bei den Endkonsumenten zu erreichen, bieten Blockchain-Projekte sehr hohe Sicherheit. Und wirklich gute Sicherheitsmechanismen sind in erster Linie meistens nicht sehr benutzerfreundlich. Du erwähntest in einem Interview Vertrauen als ein weiteres Anliegen. Wie meinst du das?

Larry Sanger: Blockchain-Projekte verlangen von einer durchschnittlichen Person zu viel davon. Vielleicht können sich Krypto-ExpertInnen auf ihr eigenes Urteil verlassen, was teilweise sogar fortgeschrittene Mathematik erfordert, aber für etwa 90 Prozent der Menschheit ist das nicht der Fall. Sie müssen auf das Urteilsvermögen und die Ehrlichkeit anderer Menschen vertrauen, also denjenigen, die die Whitepaper schreiben.

„Die meisten Blockchain-Projekte leisten nicht die notwendige harte Arbeit, um die Dinge für nicht-technische BenutzerInnen so einfach wie möglich zu machen”

Du bist selbst Amateur-Programmierer und schon sehr lange in der Technologie-Branche. Wie viel Fachwissen brauchen Menschen, um die White Paper zu verstehen? 

Larry Sanger: Um Codes in den Whitepaper zu überprüfen brauchst du sehr viel Zeit und sehr viel Fachwissen. Viele sind in einem technischem Kauderwelsch geschrieben, dass nicht mal ich das meiste verstehe. Damit will ich nicht sagen, dass es per se schlecht ist, aber es hält Projekte allgemein davon ab, so groß zu wachsen, wie sie eigentlich könnten.

Einige ExpertInnen vergleichen die Entwicklungen von Blockchain und Kryptowährungen sehr gerne mit der Entstehung des Internets. Stimmst du dem zu?

Larry Sanger: Vielleicht. Damals hat auch niemand wirklich verstanden, worum es ging. Jetzt verstehen die Leute es meistens immer noch nicht, aber zumindestens wird es benutzt. Ich denke allerdings nicht, dass wir uns in dem Stadium des Internets von 1990 befinden. Und der Bitcoin-Crash von 2018 ist auch keine eine Analogie zum Platzen der Dot-Com-Bubble.

„Die Technologie ist höchstens vergleichbar mit dem Internet der 70er und 80er Jahre”

Die Technologie ist höchstens vergleichbar mit dem Internet der 70er oder 80er Jahre; In der Zeit, als einige Technik-Freaks ihre eigenen Bulletin Boards entwickelten. Das sind allein stehende PCs mit einer oder mehreren Einwahlverbindungen. Genau die sind heute in der Krypto-Welt aktiv. Das wäre die bessere Analogie. Trotzdem ist es heute noch ein bisschen anders, weil man mit Kryptos unverschämt reich werden kann. Das war in den frühen Tagen des Internets nicht möglich.

Lass uns über dein aktuelles Projekt sprechen. Während Everipedia die weltweit größte Blockchain-basierte Enzyklopädie werden will, soll sie in der Lage sein, mit der BlockchainTechnologie EOS.IO die Qualität hoch zu halten. Setzt die Knowledge Standards Foundation auch auf Blockchain?

Larry Sanger: Nein. Es ist keine konkurrierende Enzyklopädie, sondern vielmehr ein Netzwerk, an dem jede Enzyklopädie, wie auch Everypedia, teilnehmen kann. Insgesamt sollen einheitliche Standards für die Veröffentlichung von Beiträgen aus allen möglichen Enzyklopädien festgelegt werden. Sowas gibt es bisher nur in der Blogosphäre mit dem Namen RSS.

Everypedia benutzt Token, um BenutzerInnen Anreize zu geben, Beiträge zu veröffentlichen. Wie motivierst du Menschen, an deinem Netzwerk teilzunehmen?

Larry Sanger: Es geht weniger darum, Anreize zu schaffen. Normalerweise wird aus Profitgründen versucht, Menschen zur Nutzung eines bestimmten Netzwerks zu animieren, aber die Knowledge Standards Foundation ist eine gemeinnützige Organisation. Ähnlich wie bei Wikipedia sollen Menschen im Sinne einer sozialen, intellektuellen und akademischen Mission bei dem Projekt mitmachen.

Hätte eine Blockchain, wie EOS.IO, sich als Grundlage für dein Projekt nicht trotzdem anbieten können? 

Larry Sanger: Es ist nicht unbedingt notwendig. Unsere Software funktioniert wie ein Webtorrent, also ein freier, dezentralisierter Peer-to-Peer Dateiaustausch. Das funktioniert ähnlich wie eine Blockchain, nur ohne Coins. BenutzerInnen sind in der Lage einen Artikel, den sie veröffentlichen möchten, in ein uniformiertes Format zu bringen. Es geht darum, keinen bestimmten Veröffentlicher zu bevorzugen, also keine zentralisierten Repositorien wie Wikipedia oder soziale Medien wie Twitter und Facebook.

„Es kann keine völlig unzensierte, unkontrollierte Interaktion zwischen Menschengruppen im Internet geben”

Du stehst mittlerweile Wikipedia insgesamt sehr kritisch gegenüber. Was sind denn die Lektionen, die du seit deinem Ausstieg über solche Projekte gelernt hast?

Larry Sanger: Dass häufig strenge, vielleicht lästige, Regeln eingeführt werden müssen, um bestimmte Aufgaben in einer Gruppe zu schaffen. Es kann keine völlig unzensierte, unkontrollierte Interaktion zwischen Menschengruppen im Internet geben. Ich glaube an die Redefreiheit, aber es muss die Möglichkeit bestehen, einzugreifen. Im Falle von Enzyklopädien zum Beispiel, Menschen zu blockieren oder aus dem System zu werfen.

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