Jetzt erst recht: Mehr Dezentralisierung statt Uploadfilter

Dr. Philipp Giese

von Dr. Philipp Giese

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Dr. Philipp Giese

Dr. Philipp Giese arbeitet als Chief Analyst für BTC-ECHO und ist auf die Bereiche Chartanalyse und Technologie spezialisiert. Der promovierte Physiker kann dabei auf jahrelange Berufserfahrung als technologischer Berater zurückgreifen. Zudem ist er zentraler Ansprechpartner im Discord-Channel von BTC-ECHO und pflegt als Speaker und Interviewer den Austausch mit Startups, Entwicklern und Visionären.

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Mit knapper Mehrheit stimmte das EU-Parlament für die Reform des Urheberrechts. Sowohl die Zitierung von Internet-Artikeln sowie die Nutzung von Content-Plattformen stehen damit großen Problemen gegenüber. Gerade Artikel 13 suggeriert Uploadfilter. Die Entscheidung der Verantwortlichen zeigt jedoch auch die Dringlichkeit eines wirklich dezentralen Netzes auf.

Der Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 26. Mai 2019 05:05 Uhr von Mark Preuss

Ein langer Kampf fand sein vorläufiges Ende. Leider zu Ungunsten der Freiheit: Die umstrittene Reform des Urheberrechts, die sich insbesondere in den Artikeln 11 und 13 zeigt, wurde mit einer Mehrheit von 348 zu 274 Stimmen durchgewunken. Alle Bestrebungen, nicht einfach von digitalen Bürgerrechtlern, sondern von knapp fünf Millionen Unterschreibenden und hunderttausenden Demonstrierenden, all die persönlichen Nachrichten an Abgeordnete des EU-Parlaments – all das brachte nichts. Das EU-Parlament hörte lieber auf den Willen von Verwertungsgesellschaften und großen Verlagen.

Uploadfilter sind nichts Neues bei zentralen Plattformen

Doch schon vor diesem schicksalshaften Beschluss stimmte einiges nicht. Die großen Plattformen YouTube und Facebook hatten schon zuvor im Sinne des (angeblichen) Urheberrechts zensiert. Gerade YouTube musste sich häufig den großen Rechteverwertern der Musik beugen, wenn beispielsweise in einem Fitness-Video im Hintergrund unter eine Lizenz fallende Musik lief. Eigentlich lächerlich: Die wenigsten Menschen werden Videos von Larry Wheels oder Stephanie Cohen schauen, weil sie unbedingt einen Beyoncé-Song in schlechter Qualität hören wollen.


Schon vor dem Fanal aus dem EU-Parlament gab es so manchen Vorgeschmack auf das, was dank Upload-Filter kommen mag:

Im Zuge des Werbe-Verbots für ICOs wurden und werden auf Facebook so gut wie alle Werbungen, welche „Krypto“ oder „Bitcoin“ im Text haben, pauschal zensiert. Selbst nach Lockerung dieses Verbots seitens Facebook haben es Unternehmen in diesem Bereich weiterhin schwer, Werbung zu schalten.

Derartige Beispiele sind auch nur der Anfang. Gerade der Blick nach China kann hier Besorgnis erregen. Ein Web 2.0, in welchem Informationen und Daten auf den Plattformen weniger mächtiger Player liegt, ist ein Single Point of Failure und eben der Ansatzpunkt, der Hebel, der überhaupt Dinge wie Artikel 13 möglich macht.

Vor über vier Jahren konstatierte Sascha Lobo, dass das Internet kaputt sei. Auch Tim Berners-Lee war entsetzt, als er sah, was aus seiner Erfindung geworden ist.

Nein, die digitale Welt schien auch vor der EU-Abstimmung nicht in Ordnung. Doch diese Entscheidung zeigt die Fehlentwicklungen vom Web 2.0 wieder auf.


Web 2.0 ist tot – Lang lebe das Web 3.0

Ist das nun das Ende des freien Internets? Die bekannte Struktur des World Wide Webs, gerade der Social Networks, wird durch die Entwicklungen der EU nachhaltig geprägt werden. Doch ich sehe keineswegs Grund zur Trauer. Das Ende des Internets ist das noch lange nicht. Vielmehr bestätigt die Abstimmung im EU-Parlament die Notwendigkeit einer größeren Dezentralität. Vielleicht ist es an der Zeit für einen großen Exodus hin zu dezentralen Alternativen sozialer Netzwerke und Content-Plattformen.

Steem, Yours oder auch ganz krypto-fern Mastodon zeigen, dass soziale Netzwerke auch dezentral gehen. Erstere sind durch die dezentrale Natur, sieht man von den Frontends ab, zensurresistent. Dezentrale Datenablagen sind mit Erfindungen wie IPFS auch keine Vision mehr, sondern Realität. Schließlich bietet das Tor-Netzwerk auch Möglichkeiten der Anonymität, die in Zeiten des gläsernen Menschen verlorengingen. Mehr gewöhnliche Nutzer, die nichts Illegales tun möchten, schaden dem Darknet ohnehin nicht, es könnte so in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

Zum zehnten Geburtstag von Bitcoin appellierte ich an die ideologischen Wurzeln von Bitcoin. Wir sollten mehr Autonomie wagen. Vielleicht ist es in Zeiten nach dem EU-Fanal an der Zeit, diese Autonomie auch jenseits des Geldes zu wagen. Das Zeitalter der unstoppable applications, welche Ethereum beworben hat, ist damit gekommen.

Lang lebe das Internet!

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