Bitcoin vs. Chiemgauer: Kann Geld Wertspeicher und Tauschmittel zugleich sein?

Max Kuhlmann

von Max Kuhlmann

Am · Lesezeit: 6 Minuten

Max Kuhlmann

Max Kuhlmann ist ein Universalist: Als Politikwissenschaftler, Kinderbuchautor, Qi-Gong-Lehrer, Werbesprecher und Erzieher hat er Einblick in viele Welten. Das verbindende Element all dieser Welten ist das Geldsystem, weshalb es aus seiner Sicht so wichtig ist, sich für ein gerechtes Geldwesen einzusetzen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich daher mit diesem Thema, wobei sein derzeitiger Fokus auf den Digitalwährungen rund um Bitcoin liegt.

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Kann Geld gleichzeitig laufen und ruhen? Im Umlauf sein und gespart werden? Ohne viel zu hinterfragen, nennen wir oft zwei Hauptfunktionen von Geld in einem Satz: Der Bitcoin etwa soll als Wertspeicher und Zahlungsmittel dienen. Doch passen diese zwei Eigenschaften überhaupt zusammen? Es gibt eine jahrhundertealte Bewegung, die behauptet, die einzelnen Funktionen müssen voneinander getrennt werden. Begleitet uns auf eine Reise durch die Geschichte der Freiwirtschaftslehre vom Mittelalter bis zur Regionalwährung „Chiemgauer“ und lernt dabei eine etwas andere Sichtweise auf Geld kennen.

Es begann im Mittelalter. Doch gemeint ist nicht die dunkle, mit dem 15. Jahrhundert einsetzende Epoche der Unterdrückung von Bauern, der Pest und der Hexenverbrennung. In der weniger bekannten Zeit des Hochmittelalters, von etwa 1150 bis 1450, herrschte in Mitteleuropa laut verschiedener Autoren wie etwa Klaus Schäfer für „breite Bevölkerungsschichten keine Not. In manchen bürgerlichen Segmenten festigte sich sogar Wohlstand.“

Die Wirtschaftsblüte im Hochmittelalter


Es war die Zeit der Kulturbauten und Städtegründungen. Man errichtete Kathedralen wie die von Notre Dame in Paris, den Stephansdom in Wien oder die bekannten Dombauten in Frankfurt und Regensburg – um nur einige Beispiele zu nennen. Die Baukunst der Gotik entstand und über 60 Städte wurden allein in dem heutigen Deutschland neu gegründet. Die Hanse erblühte und offenbar profitierte auch der kleine Mann vom Wohlstand, der sich ausbreitete. Damalige Städte fassten nur wenige Tausend Einwohner, was die Errichtung der mächtigen Kathedralen und Prunkbauten umso bemerkenswerter erscheinen lässt. Es existierten keine Sklavenheere, offenbar arbeiteten die Menschen sich nicht zu Tode. Über 90 kirchliche Feiertage im Jahr, ein Arbeitstag von sechs Stunden und der „blaue Montag“, der in vielen Gebieten arbeitsfrei war, bezeugen dies.

Karl Walker gerät in seinem Klassiker „Das Geld in der Geschichte“ über diese Epoche regelrecht ins Schwärmen und schreibt:

„Niemals vorher und niemals nachher ist eine Wirtschaftsblüte von gleicher Beständigkeit aufgetreten.“

Doch wie ist diese lange Zeit ohne Wirtschaftskrise zu erklären? Hier gibt es einige Modelle, die sicherlich ineinandergreifen. Einige argumentieren mit der neu gegründete Hanse, die den Überseehandel vorantrieb, andere sehen die politische Stabilität oder die christlichen Werte im Vordergrund. Die nächsten wiederum erklären das Phänomen mit dem damaligen Münzwesen.

Das erste Geld mit Umlaufsicherung: Die Brakteaten

Bei den damaligen Münzen, den Brakteaten, kam es alle paar Monate zur sogenannten „Renovatio Monetarum“. Hierbei zog der Landesfürst alle Münzen ein und gab dafür neue heraus. Diese tauschte er allerdings in einem schlechteren Verhältnis um. Für zehn eingetauschte Münzen bekamen die Bürger nur etwa acht Münzen zurück. Sparen machte keinen Sinn, da man wusste, man würde in ein paar Monaten einen Teil seines Ersparten verlieren.

Somit blieb das Geld stetig im Umlauf, wurde investiert und die Wirtschaft brummte. Das Geld war weniger ein Wertspeicher als ein Tauschmittel. Die Brakteaten endeten durch verschiedene, äußere Ereignisse, unter anderem auch mit der immer höheren Beliebtheit des „Ewigen Pfennig“, der in seinem Wert stabil war. Die Doppelfunktion als Wertspeicher und als Tauschmittel war gegeben.

In genau dieser Doppelfunktion jedoch sah ein Wirtschaftswissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts, Silvio Gesell, den Quell allen Übels der Geldwirtschaft.

Von Silvio Gesell über den „Wörgl“ zum „Chiemgauer“

Silvio Gesell schrieb 1903:

„Das Geld dient heute als Spar- und Tauschmittel, also zwei völlig verschiedenen, vielfach sich kreuzenden und widersprechenden Zwecken. […] Das Geld soll also gleichzeitig laufen und ruhen, schlafen und arbeiten. (..) Aus dieser Doppelverwendung, diesen antagonistischen Zwecken entspringen alle Fehler des heutigen Geldwesens. Alle Widersprüche, Rätsel und Unklarheiten finden ihre Erklärung in dieser unnatürlichen Vereinigung von Tausch- und Sparmittel. Diese Doppelnatur des heutigen Geldes trägt ganz allein die Schuld, warum die Währungsfragen so überaus kompliziert erscheinen.“

Silvio Gesell versuchte im 19. Jahrhundert an die Zeit des Hochmittelalters anzuknüpfen. Er formte eine ganze Wirtschaftstheorie namens „Freiwirtschaftslehre“ aus seinen Erkenntnissen. Diese griff in den nachfolgenden Jahrzehnten um sich. So führte während der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre eine österreichische Kleinstadt namens Wörgl ein Regionalgeld ein, das mit der Zeit an Wert verlor und somit zum Ausgeben einlud.

Mit Erfolg, denn der „Wörgl“, wie das Schwundgeld genannt wurde, brachte inmitten der Krisenzeiten einen immensen Aufschwung in die Region. In Deutschland gab es unter der Bezeichnung „Wära-Tauschgesellschaft“ ein ähnliches Experiment. Beide Projekte beendete die jeweilige Regierung letztlich trotz – oder gerade wegen – ihres Erfolgs. Insbesondere in Wörgl verlief dies nicht ohne Widerstand und die Kleinstadt gab ihre neue Währung erst auf, als der Einmarsch der landeseigenen Armee drohte.

Auch heute ist die Theorie der Freiwirtschaftslehre noch lebendig und zeigt sich in Deutschland in vielen Regionalgeldbewegungen. Die bekannteste und größte unter ihnen ist sicherlich der Chiemgauer. Mit dem Regionalgeld rund um den Chiemsee kann heutzutage nach eigenen Angaben bereits bei über 500 Unternehmen gezahlt werden. Der Chiemgauer ist vom Grundprinzip her eine Kopie des Wörgl und verliert monatlich an Wert.

Bitcoin vs. Chiemgauer: Was ist das bessere Geld?

Beide Projekte versuchen, besseres Geld als Fiatgeld zu sein. Trotzdem könnten sie unterschiedlicher kaum sein.

Steigender Wert vs. schwindender Wert

Der erste Unterschied ist der offenkundigste: Während der Bitcoin durch seine künstliche Begrenzung auf 21 Millionen Einheiten tendenziell immer wertvoller wird und daher ein besonders starker Wertspeicher ist, versucht der Chiemgauer das Gegenteil zu bewirken. Durch seinen künstlichen Wertverlust zwingt er die Nutzer dazu, ihn auszugeben. Chiemgauer zu sparen wäre sinnlos, Bitcoin zu „hodln“ ist allerdings sehr beliebt. Für ein reines Tauschmittel eignet sich diese Eigenschaft des Chiemgauers besser, es stellt sich jedoch die Frage der Akzeptanz einer solchen Währung. Dies führt wiederum zur Frage der Zentralisierung von Geld.

Zentralisierung vs. Dezentralisierung

Bereits im Hochmittelalter brauchten die Brakteaten einen Landesherren für ihre Durchsetzung. Zentralisierung scheint für die Akzeptanz und Organisation eines derartigen Projektes von Vorteil, wenn nicht sogar notwendig zu sein. Bitcoin schließt eben zentrale Instanzen aus und fokussiert sich auf Dezentralisierung. Durch seine potentielle Wertsteigerung braucht er auch keine zentrale Institution, um Akzeptanz zu finden. Die Menschen nutzen ihn schon zur Profitmaximierung von selbst.

Regionalität vs. Globalität

Der Chiemgauer versucht, die Region zu stärken. Außerhalb des Gebiets rund um den Chiemsee kann niemand mit dem Regiogeld bezahlen. Dies soll unter anderem das Abwandern von Kapital verhindern. Der Bitcoin macht das genaue Gegenteil: Es macht keinen Unterschied, ob jemand Geld nach China oder an den Nachbarn schickt. Die Transaktionskosten und die Transaktionsdauer bleiben dieselben. Bitcoin überwindet Grenzen zwischen ganzen Ländern und führt die Welt enger zusammen, während der Chiemgauer die Region stärkt. In Wirtschaftskrisen ließe sich durch Bitcoin das eigene Portfolio absichern, während eine Regionalwährung den wirtschaftlichen Kern einer Region zu sichern versucht. Beide Perspektiven sind nachvollziehbar, könnten jedoch unterschiedlicher kaum sein.

Was ist besser? Ein Apfel oder eine Birne?

Letztlich haben beide Projekte Vor- und Nachteile. Sie scheinen sich auf verschiedene Aspekte von Geld zu fokussieren und genau das macht den Vergleich so spannend: Während Bitcoin insgesamt bessere Eigenschaften als Wertspeicher aufweist, scheint sich der Chiemgauer eher auf die Tauschfunktion von Geld zu konzentrieren. Zumindest scheint es lohnend, die freiwirtschaftliche Perspektive im Hinterkopf zu behalten, wenn wir von Geld als Wertspeicher und Tauschmittel zugleich zu sprechen. Und wer weiß, vielleicht müssen sich Birnen und Äpfel ja keine Konkurrenz machen, sondern können nebeneinander existieren.

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