Schuhe aus, Popcorn raus: Vitalik Buterin vs. Changpeng Zhao vs. Justin Sun

Quelle: Flickr/Tech Crunch/John Phillips

Schuhe aus, Popcorn raus: Vitalik Buterin vs. Changpeng Zhao vs. Justin Sun

Vitalik Buterin hat für seinen vermeintlich pessimistischen Ausblick für die Wachstumszahlen des Kryptomarktes starken Gegenwind aus der Kryptogemeinde zu spüren bekommen. An vorderster Front: Binance-CEO Changpeng Zhao und Tron-Gründer Justin Sun. Selbst Buterins Klarstellung hielt die beiden Bullen nicht davon ab, ihrer Hörner zu senken.

Der Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin versteht die Welt nicht mehr: Da gibt er einem renommierten Wirtschaftsblatt eine ehrliche Einschätzung zur Zukunft des Kryptomarktes, nur um kurze Zeit später von einigen prominenten Kryptobullen auf die Hörner genommen zu werden. Für diese war Buterins vermeintlich bearisher Ausblick für die Wachstumszahlen von Bitcoin & Co. anscheinend ein rotes Tuch. Namentlich Binance-Chef Changpeng Zhao und Tron-Mastermind Justin Sun machten ihren Dissens deutlich. Abgespielt hat sich das Ganze – wie könnte es anders sein – auf Twitter.

Widerspruch aus den eigenen Reihen

Am 8. September gab der Ethereum-Gründer Buterin der US-amerikanischen Nachrichtenplattform Bloomberg ein Interview. In diesem gab er seine Einschätzung zum Besten, dass es „für nichts in diesem [Krypto-]Space mehr die Möglichkeit eines 1000-fachen Wachstums“ gebe. Widerspruch kam zunächst von ungewohnter Seite: Am 11. September räumte ausgerechnet Ethereum-Mitbegründer Joseph Lubin gegenüber CNN ein, dass er die Einschätzung Buterins nicht teile. Dieser sei zwar ein brillanter Kopf, unterschätze aber anscheinend das (r)evolutionäre Potenzial der Technologie:

„Vitalik ist brillant, aber da muss ich ihm widersprechen. Das ist eine Technologie, die den Aufbau wirtschaftlicher, sozialer und politischer Systeme in den nächsten Jahrzehnten beeinflussen wird. Wir stehen also erst am Anfang. Es wird so viel Entwicklung geben. Die Technologie ist noch recht unausgereift. Aber es wird so viel Entwicklung in diesem Raum geben und alles, was im Moment ein Vermögenswert ist, wird wahrscheinlich irgendwann in der Zukunft eine Darstellung als Krypto-Asset haben. Es liegt also so viel Wachstum vor uns“,

stellte Lubin fest.

Buterin rudert zurück

Das wollte der nun nicht gerade als Fortschrittspessimist bekannte Buterin nicht auf sich sitzen lassen. Er bemühte sich deshalb am 12. September um eine Klarstellung:

„Um es klar zu sagen: Ich habe nie gesagt, dass es im Krypto-Ökosystem ‚keinen Raum für Wachstum‘ gibt. Ich sagte, es gibt keinen Platz für *1000-fache Kurssteigerungen*. Eine 1000-fache Kurssteigerung würde heute bedeuten, dass sich […] etwa 70 Prozent des Weltvermögens im Kryptomarkt befänden.“

Sich an Twitters Zeichenbegrenzung abarbeitend legte Vitalik Buterin nach:

„Was ich eigentlich gesagt habe, ist, dass aufgrund der Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung bereits von Krypto gehört haben, sich zukünftiges Wachstum im Kryptobereich aus der Tiefe (d. h. tatsächlicher Anwendung [der Technologie]) speisen muss, nicht aus wachsender Bekanntheit.“

Changpeng Zhao: Immer noch nicht überzeugt

Binance-Chef Changpeng Zhao überzeugt diese Argumentation nicht. Schelmisch hat er auf Twitter seine Widerworte angekündigt:

„Ich erinnere mich jedes Mal an Cunninghams Gesetz, bevor ich so etwas mache, aber diesmal kann ich nicht widerstehen, lol. Die folgenden Tweets sollen nur Diskussions- bzw. Unterhaltungszwecken dienen. Sie haben keinen Einfluss auf meine Freundschaft zu den Beteiligten, hoffe ich zumindest.“

Zhaos Follower rieben sich daraufhin die voyeuristischen Hände und verliehen ihrer Vorfreude mit obligatorischen Popcorn-Gifs Ausdruck:

1000-faches Wachstum? Na Klar!

Kaum hatten es sich die Mitleser bequem gemacht, legte der Binance-Chef los:

„Ich bin immer noch nicht einverstanden. Ich sage: Der Kryptomarkt wird definitv über ein 1000-faches wachsen. Alleine das Erreichen der Marktkapitalisierung des US-Dollars (bei dem es sich lediglich um eine einzelne Währung mit sehr beschränktem Anwendungsbereich handelt) würde bereits an ein 1000-faches Wachstum heranreichen und der Derivatemarkt ist noch deutlich größer.“

Ferner vergleiche der Ethereum-Erschaffer Äpfel mit Birnen, wenn er den traditionellen Markt als Zollstock für das Wachstumspotenzial gerade in der Entstehung begriffener Technologien und Industrien verwende. So hätten jene, die das Potential des „Taxi“-Dienstleisters Uber anhand des konventionellen Taxi-Marktes haben bestimmen wollen, „ziemlich daneben gelegen“.

Was sollte Changpeng auch anderes behaupten. Als Chef der weltgrößten Kryptobörse hat man bullish zu sein. Alles andere wäre ein Eingeständnis, sein Haus möglicherweise auf Sand errichtet zu haben und ist entsprechend auf Abstand zu halten.

Zum Abschluss seiner Tweet-Trilogie stimmt der Binance-Boss jedoch versöhnliche Töne an. In Hinblick auf die Bedeutung konkreter Anwendungsbeispiele für die Blockchain-Technologie, ist Zhao ganz auf Buterins Seite:

„Um zum Schluss noch etwas Positives zu sagen: Diesem Part stimme ich 100%ig zu. Die Tiefe wird kommen. Blockchains mit mehr Anwendungsfällen.“

Beleidigter Buterin besudelt Justin Sun

Auch der Ethereum-Gründer begnügte sich nicht mit zwei Tweets. In einem dritten Post lässt er seine Entrüstung ob der Reaktionen auf sein Bloomberg-Interview durchscheinen:

„Ich: Lasst uns realistisch bleiben, es wird sich nicht das gesamte Weltvermögen in Kryptowährungen verwandeln…
Die Medien: VITALIK IST EIN PESSIMIST!!!!!1!!1!“,

beklagte Buterin – und schoss dabei, praktisch im Vorbeigehen, noch eine Spitze in Richtung Tron-Gründer Justin Sun:

„Leute, wenn ihr die Dinge so verdreht, verleitet ihr nur die Menschen, sich mehr wie @justinsuntron aufzuführen.“

Selbstverständlich rief das den Tron-Chef höchstselbst auf den Plan. Dieser gab sich gewohnt bullish — den verwendeten Hashtags nach zu urteilen besonders hinsichtlich seiner Kopfgeburt Tron:

„Ich glaube sehr wohl, dass sich das ganze Vermögen der Welt in Kryptowährungen verwandelt, wie bei einem Schwarzen Loch, und es wird in Zukunft noch viel größer werden. Kryptowährungen werden die Zehn-Billionen-US-Dollar-Marktkapitalisierung noch vor Apple und Amazon erreichen. Wir werden sehen. Die Zeit wird es zeigen. #TRON #TRX $TRX“,

hielt Sun dagegen.

Zhao grätscht amüsiert dazwischen

Binance-Chef Zhao lacht sich indes schief über Buterins Angriff auf Sun:

„Du bist offensichtlich ein Opfer der Medien. Sie nehmen einen Satz von dir und verdrehen ihn maximal. Passiert die ganze Zeit. Aber armer Justin, lol. Einfach zu witzig.“

Damit wurden genug Brocken in die Twitter-Arena geworfen, um die restliche Austragung des Konfliktes den jeweiligen Fanboys- und -girls zu überlassen.

Zwischen zahlreichen noblen Naturen und falschen Vitaliks, die mit den obligatorischen Ether-Geschenken werben (räusper), bekriegen sich die Ethereum-, Tron- und Binance-Anhänger untereinander. Die einen werfen Buterin vor, angesichts des aktuellen Ether-Kurses zu schmollen, andere provozieren mit Aussagen wie „1000-faches Wachstum ist schon drin, wenn wir deinen Shitcoin shorten”. Ein Fürsprecher des Wunderknaben sieht derweil eine konzertierte Attacke der Medien auf Ethereum im Gange:

„Ethereum ist gerade einer spektakulären FUD-Attacke ausgesetzt. Alles, was Vitalik sagt, wird in Scheiben und Würfel geschnitten und so verpackt, dass dieses Ziel erreicht wird.“

Andere wiederum suchen den Fehler beim Ethereum-Gründer. Buterin sei neidisch auf Projekte wie Tron, meint ein weiterer Twitterati. Er solle die Reaktionen des Marktes bedenken, bevor er solche Vorhersagen treffe. In eine ähnliche Kerbe schlägt ein User, der Buterin empfiehlt, lieber für sein eigenes Projekt zu kämpfen, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.


Dies und dergleichen mehr muss sich der Ethereum-Gründer aktuell gefallen lassen. Eine Lektüre des Threads sei jedem empfohlen, der noch über einen Eimer Popcorn und die Neugierde verfügt, in die Abgründe zu blicken, die sich in der Kryptogemeinde auftun können.

Man kann wohl davon ausgehen, dass Vitalik Buterin bei seiner nächsten Prognose mehr auf die Wortwahl achtet, um ein solches Twitter-Drama zu vermeiden. Der Ausspruch „any publicity is good publicity” ist nämlich nicht in Stein gemeißelt. Zumindest hat Changpeng Zhao bekommen, wonach er gesucht hat: Entertainment und Debatte.

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