Erdöl, RCEP, Seidenstraße Wie der Yuan den US-Dollar als Leitwährung ablösen kann
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 6 Minuten

Us-Dollar Banknote vs. Yuan Banknote vor dem Hintergrund einer Weltkarte

Quelle: Shutterstock

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Dass digitales Zentralbankgeld (CBDC) kommt, ist klar. Weniger klar hingegen ist, wie sich dieses auf die internationale Währungsordnung auswirken wird. Mehr denn je stellt sich dabei die Frage, ob der US-Dollar auch noch am Ende dieses Jahrzehntes die globale Leitwährung stellen wird. Wie der Erdölkonzern Saudi Aramco dem US-Dollar den Rücken zukehrt und das größte Freihandelsabkommen der Welt, RCEP, zu einem neuen „asiatischen Bretton Woods“ führen könnte.

Zweifelsfrei ist der US-Dollar die globale Leitwährung. Selbst die weltweite Reservewährung Nr. 2, der Euro, ist im Vergleich zum „Greenback“ längst nicht so etabliert. Nicht nur wird der Rohstoffhandel in US-Dollar abgewickelt, auch halten Nicht-amerikanische Unternehmen und Staaten in erster Linie US-Dollar als Reservewährung, um auch losgelöst von ihrer nationalen Währung handlungsfähig auf dem globalen Parkett zu bleiben. Trotz des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas, beim gleichzeitigen Schwächeln der westlichen Industrienationen, ist gegenwärtig noch nicht an ein „Euro-Yuan-Flippening“ zu denken, von einer US-Dollar-Ablösung ganz zu schweigen.


Selbst eine ökonomische Überlegenheit von China über die USA, die sich in den nächsten fünf Jahren ergeben könnte, würde nicht per se zu einem Statuswechseln führen. Vielmehr ist der Auf- und Abstieg einer Leitwährung als ein Prozess zu verstehen, der sich über mehrere Jahre, gar Jahrzehnte erstrecken kann – Extremsituationen wie Kriege und Währungszusammenbruch ausgenommen. Neben der ökonomischen Dominanz ist auch die technologische, politische, militärische und kulturelle Dominanz ausschlaggebend für den Status einer Währung

Das Jahr 2020 markiert dabei einen Wendepunkt in der Währungshegemonie von US-Dollar und nachfolgend Euro. Nicht nur hat China in diesem Jahr Praxistests seiner digitalen Zentralbankwährung, also einem digitalen Yuan, durchgeführt, sondern es sind auch weitere Meilensteine für die Ablösung der aktuellen Leitwährung gesetzt worden.

Yuan anstatt US-Dollar: Saudi Aramco probiert neue Wege

Der saudi-arabische Ölkonzern Saudi Aramco – das wertvollste Börsenunternehmen der Welt ist – hat bekanntgeben, über eine Anleihenemission in Yuan und nicht in US-Dollar nachzudenken. Allein die Möglichkeit, dass im internationalen Erdölgeschäft Yuan-basierte Wertpapiere begeben werden, ist bis vor kurzem undenkbar gewesen. Doch die zunehmenden Geschäftsbeziehungen mit China und die Absicht Chinas einen „Petroyuan“ zu etablieren, kratzen an dem vermeintlich unverrückbaren Status des US-Dollars. Hinzu kommen neue technische Infrastrukturen, die die bisherigen westlich geprägten Abwicklungsstandards in Frage stellen.

So hat der Erdölkonzern Saudi Aramco im Februar dieses Jahres fünf Millionen US-Dollar in die Blockchain-basierte Öl-Handelsplattform Vakt investiert. Das Start-up Vakt möchte den Handelsprozess im Rohstoffhandel, insbesondere bei Erdöl, mithilfe von Smart Contracts, Tokenisierung und neuen Blockchain-Infrastrukturen deutlich effizienter machen. Für Staaten wie Dubai könnten die neuen Handelsinfrastrukturen Unabhängigkeit von bestehenden – vor allem US-amerikanisch geprägten – Strukturen bedeuten. Insbesondere die Umstellung auf Token-Infrastrukturen bietet die Chance, den bestehenden Status der Leitwährung US-Dollar zu hinterfragen. Die Auswirkungen von Sanktionen bei politischen Uneinigkeiten und Machtspielen könnte man damit reduzieren.

RCEP: Das größte Freihandelsabkommen der Welt

Wie das Beispiel mit dem Erdöl zeigt, spielt bei Währungsfragen vor allem der internationale Handel eine bedeutende Rolle. Je mehr Nationen sich bereit erklären eine Währung für Verträge und den Handel zu akzeptieren, desto mehr Macht gibt dies der ausgebenden Zentralbank und damit auch dem Staat. Mit dem in diesem Monat abgeschlossen Freihandelsabkommen RCEP kann man von einem historischen Wendepunkt im internationalen Handel sprechen. Das größte Freihandelsabkommen beziehungsweise -zone der Welt, bei der die USA und Europa nur von der Seitenlinie zuschauen dürfen, hat einen Anführer: China.

Die größte Volkswirtschaft im RCEP kann damit im Handel die Rolle einnehmen, wie sie die USA nach dem zweiten Weltkrieg eingenommen haben. Nicht nur macht sich China damit zunehmend unabhängig vom Westen, auch kann es seine ganz eigenen Standards, Yuan als Leitwährung inklusive, durchsetzen. Zumal bereits heute der asiatische Raum hinsichtlich Bezahlmethoden dem Westen deutlich überlegen ist. Aufgrund des höheren Digitalisierungsgrades bei den Bezahlmethoden ist eine Integration von digitalen Zentralbankgeld leichter als beispielsweise im bargeldverliebten Deutschland.


E-Yuan als Standard: Kommt das „asiatische Bretton Woods“?

In Anlehnung an das Bretton-Woods-System, das nach dem zweiten Weltkrieg unter US-amerikanischer Führung die internationale Währungsordnung definiert hat, kann das RCEP als eine Vorstufe einer neuen, asiatisch geprägten Währungsordnung interpretiert werden. Nachdem man nun Handelsrichtlinien und Standards untereinander festgelegt hat, können zur effizienteren Abwicklung von Wertetransaktionen auch tokenbasierte Währungsstandards zum Einsatz kommen.

Dass China schneller als die meisten anderen Nationen ihre digitale Fiatwährung vorantreibt, deutet darauf hin, dass sie mit dem digitalen Yuan einen Abwicklungsstandard schaffen möchte, bevor andere Nationen überhaupt dazu technisch in der Lage sind. Man möchte anscheinend Fakten schaffen. Wenn es also zum Ex- und Import von Waren und Gütern kommt, hat China auf diese Weise gute Chancen ihre Handelspartner von ihrem Abwicklungsstandard zu überzeugen.

One Belt, one Block: Mit der Seidenstraße von Duisburg bis nach Peking

Dass China den Handel als Grundlage für ihre internationale Expansion sieht, zeigt sich auch im Projekt der neuen Seidenstraße. Im gleichen Monat als man die ersten Yuan-Token in der Öffentlichkeit getestet hat, im April 2020, hat man auch den Start des staatlichen Blockchain-Netzwerkes BSN bekanntgeben. Diese Blockchain-Lösung richtet sich dabei nicht nur ans Inland, da die Netzwerknoten auch zum Teil im Ausland stehen. Entsprechend naheliegend ist es, das BSN vor allem für den internationalen Handel zu nutzen.

Beispielsweise könnte man so die Übergabe von Frachtpapieren mit Handelspartner automatisieren und mit ihnen alle Zahlungsströme. Banken könnten somit in Echtzeit unter anderem Akkreditiv-Geschäfte mit den angeschlossenen Akteuren abwickeln. Wer verstehen möchte, wie solche Vorgänge technisch durchgeführt werden können, dem sei ein Demo-Video von IBM und Maersk zu Blockchain in Supply Chain and Finance empfohlen.

Blockchain und Token mischen die Karten neu

Auch wenn sich der digitale Yuan, das Freihandelsabkommen RCEP und die neue Seidenstraße noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung befinden, so legen sie dennoch den Grundstein für einen Hegemonialwechsel, der Asien als neues Zentrum der Welt vorsieht. So unvorstellbar eine Ablösung des US-Dollars aus heutiger Sicht scheinen mag, können die aktuellen technologischen, politischen und letztlich ökonomischen Entwicklungen dazu führen, dass am Ende dieses Jahrzehntes der Yuan zur weltweiten Reservewährung Nr.1 aufsteigt.

Ganz gleich, ob bei einer Anleihenemission, dem Handel von Rohstoffen oder Logistikdienstleistungen: Die Blockchain-Technologie und das Medium Token schaffen neue Transaktionsinfrastrukturen. Neue Infrastrukturen – falls beispielsweise der Transaktionsstandard SWIFT durch Alternativen abgelöst wird – schaffen immer Gewinner und Verlierer. Mehr denn je hat das Jahr 2020 gezeigt, dass sich der Westen seine zögerliche Art nicht mehr leisten kann, sofern er nach wie vor den Anspruch besitzt weltweite Standards zu setzen.

Die Aussage von EZB-Chefin Christine Lagarde hinsichtlich eine Startdatums des digitalen Euro wirkt in diesem Kontext wie eine Ausrede aus Verlegenheit. So hieß es im November von der Notenbankhüterin, dass es nicht darum gehe Erster im Wettlauf um eine digitale Zentralbankwährung zu sein. Immerhin möchte man im Januar 2021 Klarheit schaffen, wie es nun mit der Entwicklung einer digitalen Zentralbankwährung weitergeht. Auch wenn man als Demokratie nur schwer mit der Geschwindigkeit von Autokratien wie China mithalten kann, hätte man längst weiter sein können als dies derzeit der Fall ist.  


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