Erdgas = ETH? Wie der Ölpreiskollaps (WTI) die Notwendigkeit digitaler Assets offenbart
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 4 Minuten

Arbeiter befindet sich auf gelber Bohrinsel für Öl und dreht an einem Ventil.

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Der Kollaps der Mai-Kontrakte für amerikanisches Öl (WTI) hat zum ersten Mal in der Börsengeschichte negative Kurse für das schwarze Gold wahrwerden lassen. Mehr denn je drängt es sich daher auf, das Werteverständnis von digitalen gegenüber physischen Assets zu vergleichen. Warum Erdgas und Ether-Gas die gleiche Funktion haben, es alles andere als einfach ist, physische Güter an Terminbörsen zu handeln und warum der digitale Raum einer neuen ökonomischen Werteanschauung bedarf. Ein Kommentar.

Die Aussage „Bitcoin hat keinen inneren Wert“, da es nicht in der physischen Welt existiert oder wie ein Unternehmen Rendite erwirtschaftet, hält sich hartnäckig. Selbstverständlich ist der Wert von Vermögensanlagen immer sozial konstruiert. Doch gerade bei digitalen Werten wird es schnell abstrakt. Zumal die Begrifflichkeit „Wert“ unterschiedlichen Betrachtungsweisen unterliegt.

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Weniger Abstraktionsvermögen als Bitcoin erfordert indes der Rohstoff Öl. Dennoch hat sich durch den Kollaps der Ölpreiskontrakte (WTI) für Mai mehr denn je gezeigt, auf welch wackeligen Beinen das Wertversprechen knapper, ergo vermeintlich wertvoller Ressourcen stehen kann. Kaum jemand hätte gedacht, dass das schwarze Gold einen negativen Preis haben kann.

Digitale vs. physische Rohstoffe

In ihrer Funktionsweise als „Rohstoff“ gibt es gewisse Parallelen zwischen Kryptowährungen und fossilen Energieträgern wie Öl oder Gas. Nicht umsonst bezeichnet man die Ethereum-Einheit zum Betreiben von Blockchain-Anwendungen als „Gas“. Genauso wie man ein Auto mit Benzin tankt, muss man Kryptowährungen beziehungsweise Token besitzen, um Smart Contracts zu nutzen. Keine Token, keine Transaktion. Anstatt physische Maschinen betreibt man Virtuelle. Förderkosten entstehen bei Bitcoin durch digitales Mining, anstatt durch Physisches. Nun zu behaupten Öl und Gold hätten einen inneren Wert, Bitcoin hingegen nicht, ist daher nur bedingt logisch.  

Aktuell stehen wir vor der Herausforderung ein Bewusstsein für digitale Rohstoffe zu entwickeln und gesellschaftlich zu kultivieren. Wir müssen lernen zu verstehen, dass auch im digitalen Raum Dinge selten respektive limitiert sein können. Auch darf nicht die physische Existenz allein bestimmten, was Wert hat und was nicht. Das Argument des intrinsischen Wertes wie es viele Gegner von Kryptowährungen anführen, verläuft in unserer immer digitaler werdenden Ökonomie im Sande. Letztlich kommt es darauf an, was nachgefragt wird und Nutzen stiftet. Das kann Erdgas, aber genauso gut auch das Gas der Ethereum Blockchain sein.

Der Nachteil physischer Rohstoffe bei Terminkontrakten

Rohstoffe werden an Terminbörsen gehandelt. Im Gegensatz zu Öl, Weizen oder Schweinehälften besteht bei Bitcoin oder Aktien diese Notwendigkeit nicht. Schließlich gibt es keinen physischen Konsum oder Verbrauch, der logistische Prozesse in der Realwirtschaft nach sich zieht. Wenn man Bitcoin wie an der CME oder Bakkt Future-Börse handelt, dann ohne realwirtschaftliche Konsequenzen, was Lagerung und Lieferung anbelangt.

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Zwar bietet Bakkt auch die traditionelle Abwicklung für Bitcoin-Kontrakte an, doch gibt es hier keine physische Abwicklung, die man organisieren muss. Die Lieferung der Bitcoin kann digital erfolgen. Anstatt nach Ablauf eines Terminkontraktes dem Öl-Lieferdienst sagen zu müssen, an welche Adresse das Öl geliefert werden muss, kann man bei Bitcoin Futures einfach seine Wallet-Adresse hinterlegen.

Auch gibt es keine Sorge vor extremen Rollverlusten wie bei Öl. Wer beispielsweise Öl in einem ETF hält, ergo Futures, muss sich darüber im Klaren sein, dass dieser heftige Verluste durch den Kollaps der Mai-Kontrakte erleiden musste. Schließlich ist der Ölpreis immer von der monatlichen Nachfrage sowie den Lagerbeständen abhängig, sodass zeitgleich ein Fass der Sorte WTI für Mai bei Minus 25 US-Dollar liegen konnte, während der Juni-Kontrakt positiv bei über 15 US-Dollar notiert.

Es braucht eine Öffnung der Wertedebatte

So groß die Unterschiede zwischen physischen und digitalen Rohstoffen in der realwirtschaftlichen Praxis sein mögen, basieren die Mechanismen hinter der Kurs- und Wertentstehung auf ganz ähnlichen Prinzipien. Dass es überhaupt soweit kommt, dass auch digitale Güter einmalig sein können, haben wir der Blockchain-Technologie zu verdanken. Man kann Bitcoin nicht beliebig kopieren oder neu erschaffen. Dieser Umstand bestimmt den gesamten Diskurs von digitalen Assets, die weit über Bitcoin hinausgehen können.

Ein noch junges Phänomen ist beispielsweise Kunst, die ausschließlich im digitalen Raum existiert. Nicht zu verwechseln mit der Tokenisierung von physischen Kunstwerken. Damit diese ihre Einmaligkeit behält, braucht es eine Blockchain-Lösung, um die Einzigartigkeit nachzuweisen und Kopierschutz zu gewährleisten. Blockchain– und Tokenlösungen können also Wertschöpfung und Werte ermöglichen, die es vorher nicht gab. Insbesondere in der Virtual Reality werden wir in den nächsten Jahren neue Wertschöpfungsformen erfahren, die ausschließlich digital sind.

Die Debatte über den inneren Wert, sollte nicht an der materiellen Dimension entschieden werden. Die Technologie verändert unsere Gesellschaft und unser ganzes Leben. Entsprechend ist es wichtig, dass wir Definitionen oder Anschauungen, wie eben ökonomische Wertedefinitionen, an die Entwicklung anpassen.

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