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Ablaufdatum erreicht  Tether (USDT): Ein Armutszeugnis für den Kryptosektor

Der Zusammenbruch des Terra Luna Stablecoins UST ist das eine, dass der Stablecoin Tether USDT hingegen nach wie vor die Nr.1 unter den US-Dollar-Abbildungen ist, das andere. Mehr als überfällig dürfte diese Position nun im Laufe dieses Sommers durch den deutlich vertrauenswürdigeren USDC Stablecoin von Circle abgelöst werden. Wie der ideale Stablecoin auszusehen hat und warum Tether ein Armutszeugnis für den Kryptosektor ist.

Sven Wagenknecht
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Tether USDT als Münze

Beitragsbild: Shutterstock

Die Kritik am Tether USDT ist so alt, wie der Stablecoin selbst. Umso verwunderlicher ist es, dass es bislang kein anderer US-Dollar-Stablecoin geschafft hat, ihn vom Thron zu stoßen. Ein signifikanter Firstmover-Vorteil – Tether gibt es schon seit 2015 – sowie die schlagkräftige Kryptobörse Bitfinex im Hintergrund, haben sich als extrem belastbarere Erfolgsgrundlage, trotz des unseriösen Images, erwiesen. Dass die Tether-Ära nun anscheinend doch zu Ende geht, ist mehr als überfällig.

Wie ein Stablecoin aussehen sollte und wie nicht

Der ideale US-Dollar Stablecoin ist vor allem eines: langweilig, transparent und wenig ertragreich für seinen Herausgeber. Warum: Weil Ertrag immer auch mit einem höheren Risiko einhergeht. Letzteres soll gerade bei Stablecoins auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Der primäre Anwendungsfall von Stablecoins ist nicht die Gewinnerzielung durch Zinserträge, sondern die vertrauenswürdige Abbildung eines Basiswertes.

Im aller einfachsten Fall bedeutet das, dass man auf ein Bankkonto 1.000 US-Dollar einzahlt und dann im Gegenzug 1.000 US-Dollar in Stablecoin-Token herausgeben kann. Schnell merkt man dabei, dass sich damit nicht so viel Geld verdienen lässt. Anders hingegen ist es, wenn man 1.000 US-Dollar an Stablecoin Token herausgibt, die nur zum Teil mit Bankguthaben gedeckt sind. Schließlich ist die Deckung durch ertragreiche Wertpapiere, gar Kryptowährungen, deutlich lohnenswerter.

Subprime US-Dollars

Die Konsequenz dieser kreativen Stablecoin-Konstruktionen ist, dass wir etwas anderes erhalten, als wir bestellt haben. Wenn wir im Restaurant für 38 Euro eine Seezunge ordern und dann stattdessen ein billiges Pangasius-Filet untergejubelt bekommen, dann ist das mit manch einem Stablecoin vergleichbar – Etikettenschwindel oder zumindest eine wagemutige Nachbildung.

Natürlich gehen einige Stablecoin-Anbieter auch offen mit der Deckung um. Dennoch muss man sich als Stablecoin-Halter dann immer fragen, was man für das Risiko, das man eingeht, im Gegenzug erhält. Kursgewinne können es schon einmal nicht sein. Schnell kommen da Erinnerungen an die Subprime-Kredite aus der Finanzkrise 2008 hoch. Denn ähnlich wie bei einigen Stablecoins war nicht das drin, was drin sein sollte, nämlich Forderungen mit einer geringen Ausfallwahrscheinlichkeit.

Tether setzt auf Wundertüten

Besonders verwunderlich ist es daher, dass der Platzhirsch Tether immer wieder zur Transparenz gezwungen werden muss. Man sollte meinen, dass es im Eigeninteresse des Stablecoin-Herausgebers ist, der ganzen Welt zu zeigen, wie vertrauenswürdig die Deckung ist. Stattdessen hat der oberste Gerichtshof von New York eine Klage von Tether zurückgewiesen, mit der das Unternehmen hinter dem Stablecoin USDT die Offenlegung von Dokumenten bezüglich der Geldreserven verhindern wollte. Hintergrund war unter anderem, dass es fragwürdige Kreditgeschäfte zwischen der Börse Bitfinex und Tether in Höhe von 850 Millionen US-Dollar gab, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind.

Besonders pikant war dabei das Argument von Tether, dass eine Offenlegung der Dokumente geschäftsschädigend sei. Eine Aussage, die schon sehr bezeichnend ist und wie ein Eingeständnis klingt. Wie ominös das Zusammenspiel zwischen Tether, Bitfinex und Protagonisten wie Brock Pierce ist, haben wir in der Mai-Ausgabe des BTC-ECHO Magazins gründlich untersucht.

USDC: Es kommt zusammen, was zusammengehört

Vor diesem Hintergrund ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass vor allem institutionelle Investoren primär auf den Stablecoin USDC aus dem Hause Circle setzen. Dieser ist zu 100 Prozent durch amerikanische Staatsanleihen besichert.

Gemäß Marktkapitalisierung handelt es sich bereits um die 4. größte Kryptowährung – Platz 3 belegt Konkurrent Tether. Aktuell trennen die beiden Stablecoins noch 20 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung. Blickt man auf das relative Wachstum von USDC gegenüber USDT, dann könnte ein Flippening zwischen Sommer und Herbst dieses Jahres eine realistische Option sein. Anders sieht es beim Handelsumsatz aus. Dieses ist bei Tether rund 10-mal so hoch wie bei USDC.

Die Wall Street übernimmt

Bislang hat es der Kryptosektor nicht geschafft, einen vertrauenswürdigen Stablecoin zu etablieren. Mit USDC gibt es nun einen Kandidaten, der auf die Rückendeckung der Wall Street zurückgreifen kann. So wird das Unternehmen hinter USDC von Goldman Sachs und Blackrock finanziert. Für manch einen Krypto-Enthusiasten mag das ein Schlag ins Gesicht sein. Schließlich sind es damit wieder die alten Finanzakteure, die mehr Einfluss im Kryptosektor gewinnen.

Auf der anderen Seite muss man sich fragen, wem man eher die Deckung eines Stablecoins zutraut. Hochregulierten Wall-Street-Akteuren mit einem jahrzehntelangen Track-Record oder undurchsichtigen Tether-Offshore-Konstruktionen? Sollte sich dann auch noch eine Regulierung durchsetzen, wie sie aktuell im MiCA-Trilog der EU diskutiert wird, dann hätten waghalsigere Stablecoin-Konstruktionen sowieso ein Problem.

Selbstkritik angebracht

Die Krypto-Community sollte selbstkritisch mit der Causa Stablecoins umgehen. Zwar ist eine mögliche Stablecoin-Überregulierung, wie sie in der EU droht, ebenfalls nicht die richtige Antwort. Doch ist es auf der anderen Seite auch naiv zu glauben, dass Stablecoins sehr sicher und gleichzeitig super ertragreich – siehe Terra Luna – sein können. Man muss sich auch mal entscheiden können.

Der Versuch, Fiatwährungen zu kreativen Token-Derivaten zu transformieren, führt zu teils unnötig hohen Risiken. Gerade Krypto-Enthusiasten mit einer kritischen Haltung gegenüber Fiatwährungen und Notenbanken sollten es sich gut überlegen, ob sie dann auch Stablecoins halten möchten. Auf der einen Seite das staatliche Geldsystem und die hohe Inflation zu kritisieren und dann auf der anderen Seite hohe Volumina in Fiat-Stablecoins zu verwahren, passt nicht so ganz zusammen. Wer dermaßen überzeugt von Bitcoin und “richtigen” Kryptowährungen ist, der braucht auch keine Stablecoins und muss mit den großen Schwankungen leben können.

Sollte es in Zukunft digitales Zentralbankgeld geben, das mit den Token-Infrastrukturen kompatibel ist, dann dürfte vieles von dem hier diskutierten sowieso obsolet sein. Die meisten Anleger dürften dann auf die staatliche Version, das Original, setzen. Doch wer weiß, bis es in den USA und der Eurozone so weit ist, ist Bitcoin vielleicht schon derart wenig volatil, dass es keine Stablecoins mehr braucht.

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