Seamus Rocca steht als CEO an der Spitze der Xapo Bank, die sich auf Bitcoin und entsprechende Finanzlösungen spezialisiert hat. Auf der Paris Blockchain Week hat BTC-ECHO mit ihm über die aktuelle Lage am Krypto-Markt gesprochen und auch darüber, in welcher Phase des Zyklus sich Bitcoin befindet. Im Interview ordnet Rocca ein, welche Rolle institutionelle Investoren heute wirklich spielen und warum der große Nachfrageeffekt noch ausbleibt. Außerdem: Welches Bitcoin-Risiko von vielen Anlegern unterschätzt wird.
BTC-ECHO: 2026 war bisher kein gutes Jahr für Bitcoin und den Krypto-Markt. Wie bewertest du die Lage, auch vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen?
Seamus Rocca: Wir befinden uns klar in einer Akkumulationsphase. Wer mehrere Zyklen erlebt hat, erkennt, dass sich diese Muster wiederholen. Nach dem Halving und einzelnen Impulsen – etwa durch politische Entwicklungen oder den Start von Bitcoin ETFs – baut sich ein Bullenmarkt langsam auf. Doch etwa zur Mitte des Zyklus verliert dieser an Dynamik. Jeder, der kaufen will, hat bereits gekauft. Es kommen keine neuen Käufer mehr hinzu.
Dann beginnt die typische Korrektur. Anleger, die zu hohen Preisen eingestiegen sind, geraten unter Druck, verkaufen und es kommt zum Crash. Genau in dieser Phase befinden wir uns aktuell. Viele versuchen, das mit makroökonomischen Faktoren zu erklären – tatsächlich ist es jedoch schlicht Teil des wiederkehrenden Marktzyklus.
Viele haben im vergangenen Jahr behauptet, dieser sei tot, doch das hat sich nicht bestätigt. Für erfahrene Bitcoin-Investoren ist diese Phase nichts Neues: Es ist der eher ruhige, manchmal als langweilig empfundene Abschnitt. Gleichzeitig ist es eine Phase, in der sich der Markt über längere Zeit seitwärts bewegt und die sich besonders zum Aufbau von Positionen eignet.
Wie glaubst du, haben institutionelle Investoren den Bitcoin-Markt bislang verändert?
Was wir bisher gesehen haben, ist weniger echte institutionelle Adoption, sondern eher klassisches TradFi-Verhalten. Fonds oder Unternehmen investieren kleine Anteile, häufig um die zwei Prozent, und nutzen Bitcoin vor allem für Arbitrage-Strategien, insbesondere über ETFs.
Was ich konkret beobachtet habe: Es waren vor allem Finanzvorstände von Unternehmen oder Pensionskassen, die gesagt haben, sie allokieren einen kleinen Teil ihres Kapitals. Das ist aber nicht dasselbe wie eine strukturelle, langfristige Nachfrage. Der wichtigste Unterschied zwischen echter institutioneller Adoption und traditionellem Finanzverhalten liegt darin, dass viele dieser Investments eher auf Arbitrage basieren.
Man braucht also Exposure zum Basiswert, um Preisunterschiede auszunutzen. Die Volatilität, die wir in ETFs gesehen haben, ist deshalb häufig das Ergebnis von Arbitrage-Handel und nicht von konstantem Kapitalzufluss. Was fehlt, ist eben dieser stetige Kaufdruck, etwa durch Fonds oder Pensionskassen mit festen Mandaten, die regelmäßig Bitcoin kaufen müssen.
Könnte ein externer Schock den Markt erneut massiv unter Druck setzen?
Das größte Risiko sehe ich weniger in technologischen Entwicklungen wie Quantencomputer, dafür gibt es aus meiner Sicht ausreichend Lösungen. Was mich deutlich mehr beschäftigt, ist die Frage nach großen Marktteilnehmern und deren Einfluss.
Wir haben aktuell nicht viele Akteure, die für einen konstanten Käuferstrom sorgen. Einer der wenigen wirklich großen Player ist Strategy. Sollte ein solcher Akteur ins Wanken geraten, hätte das erhebliche Auswirkungen auf den Markt.
Ich kenne die internen Strukturen dort nicht im Detail – etwa, wie stark sie gehebelt sind oder welche Risiken bestehen. Aber wenn man eines Tages aufwacht und Strategy plötzlich negativ in den Schlagzeilen ist, wäre das ein massiver Schock für den Markt. Ein solches Ereignis könnte durchaus mit einem Moment wie dem FTX-Kollaps vergleichbar sein.
Bitcoin wird zunehmend als digitales Gold gesehen. Wird es langfristig tatsächlich zum sicheren Hafen?
Das ist im Grunde die große Wette bei Bitcoin. Auf der einen Seite stehen die fundamentalen Eigenschaften: Bitcoin ist begrenzt, digital, leicht transportierbar und sicher. Gerade in Krisensituationen zeigt sich dieser Vorteil deutlich. Während physisches Gold schwer zu transportieren ist und mit erheblichen Risiken verbunden sein kann, lässt sich Bitcoin einfach und global übertragen. Im Extremfall reicht es, sich die Seed Phrase zu merken.
Der entscheidende Punkt ist, dass Bitcoin durch seine digitale und teilbare Natur rein theoretisch Gold überlegen ist. Wenn Kritiker sagen: “Gold ist eben Gold“, lässt sich genauso argumentieren: “Bitcoin ist Bitcoin.“ Letztlich basiert auch Gold nur darauf, dass wir ihm als Gesellschaft einen Wert zuschreiben. Es ist etwas, das wir aus der Erde abbauen und als wertvoll definieren.
Überträgt man dieses Prinzip auf Bitcoin, entsteht ein ähnliches Narrativ: ein kryptografisch gesichertes System mit einem transparenten Hauptbuch, dem wir als Gesellschaft ebenfalls einen Wert zuschreiben. Digitale Güter können genauso Wert haben. Gerade für jüngere Generationen ist dieses Konzept deutlich verständlicher als physisches Gold.
Auf der anderen Seite hat Gold heute noch einen entscheidenden Vorteil: einen konstanten Käuferstrom. Zentralbanken und große Institutionen sorgen regelmäßig für Nachfrage. Das fehlt Bitcoin bislang.
Wird es deiner Meinung nach so weit kommen, dass Zentralbanken Bitcoin halten?
Ich denke, es wird passieren. Die Frage ist nur wann. Ob in fünf, zehn oder vielleicht erst in 30 Jahren, lässt sich schwer sagen. Viele der heutigen Entscheidungsträger stehen Bitcoin noch skeptisch gegenüber. Besonders Leute wie Christine Lagarde sind “Dinosaurier“. Irgendwann gehen sie in Rente, und eine neue Generation übernimmt. Und wenn diese Generation an der Spitze von Zentralbanken steht, wird es deutlich einfacher sein zu sagen: Bitcoin ist aus rationaler Sicht eine bessere Form von Gold, warum also nicht?
In einem solchen Szenario würde sich auch die Marktstruktur verändern. Die heutige Volatilität ist letztlich ein Henne-Ei-Problem: Es fehlt der stetige Kapitalzufluss. Der Markt wird stark von emotionalen Privatanlegern geprägt. Sobald jedoch Kapital in Billionenhöhe kontinuierlich in Bitcoin fließt, würde die Volatilität deutlich zurückgehen und wir würden uns in einem völlig anderen Marktumfeld bewegen.
Bitcoin-gesicherte Kredite werden immer populärer. Wie funktioniert dieses Modell?
Wir kommen ursprünglich aus der Verwahrung von Bitcoin und haben viele Kunden, die ihre Bestände seit Jahren bei uns halten. Parallel merken wir, dass viele Investoren ihre Bitcoin nicht verkaufen wollen – selbst wenn der Preis stark gestiegen ist. Stattdessen entsteht der Wunsch, Liquidität zu schaffen, ohne die eigene Position aufzugeben.
Kunden hinterlegen ihre Bitcoin als Sicherheit, und wir verleihen im Gegenzug Fiat-Währung. Typischerweise liegt das Beleihungsverhältnis bei etwa 20 bis 40 Prozent. Das bedeutet, dass der Kredit stark überbesichert ist. Selbst bei deutlichen Kursrückgängen bleibt ausreichend Puffer, bevor es zu einer Liquidation kommt.
Der Vorteil für Investoren: Sie können Kapital nutzen – etwa für Immobilien, größere Anschaffungen oder andere Investments – ohne ihre Bitcoin verkaufen zu müssen und damit auf potenzielle zukünftige Kursgewinne zu verzichten. Währenddessen lässt sich das Risiko individuell steuern: Wer mehr Sicherheiten hinterlegt, reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Liquidation zusätzlich.
In Zukunft soll dieses Modell auch auf andere Assets ausgeweitet werden. Neben Bitcoin könnten dann auch Aktien oder andere Vermögenswerte als Sicherheiten dienen und gemeinsam in eine Gesamtbetrachtung einfließen.
Ist Bitcoin eine Bedrohung für das bestehende Finanzsystem?
Bitcoin ist nur dann eine Bedrohung, wenn es als solche wahrgenommen wird. Wenn Akteure im traditionellen Finanzsystem Angst davor haben und versuchen, es zu bekämpfen (etwa durch Verbote oder übermäßige Regulierung) kann das mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.
Denn Bitcoin ist digitale Technologie. Es lässt sich nicht einfach stoppen oder verbieten, weil es keine zentrale Instanz gibt, die man kontrollieren kann. Selbst wenn man versucht, den Zugang einzuschränken, werden Menschen weiterhin Wege finden, es zu nutzen.
Sinnvoller ist es daher, die Schnittstellen zum traditionellen Finanzsystem zu regulieren und so Vertrauen zu schaffen. Anbieter können eine wichtige Rolle spielen, indem sie sichere Infrastruktur bereitstellen. Gerade bei großen Vermögen ist Selbstverwahrung nicht immer die beste Lösung, da auch hier Risiken bestehen.
Langfristig sollte Bitcoin nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung betrachtet werden. Es kann als digitale Alternative zu Gold dienen und zusätzliche Funktionen erfüllen, etwa im Bereich Wertaufbewahrung oder auch im Zahlungsverkehr, der sich noch in einer frühen Phase befindet.
Viele unterschätzen, wie früh wir noch sind. Entwicklungen, die heute unrealistisch erscheinen, können in zehn Jahren selbstverständlich sein. Deshalb sollte Bitcoin nicht bekämpft, sondern sinnvoll integriert werden, um die Vorteile dieser Technologie zu nutzen, ohne die Stabilität des bestehenden Systems zu gefährden.
Vielen Dank für das Gespräch.
