Der Handel kennt bei Smartbroker derzeit kaum eine Sommerpause. Gleichzeitig bleiben die Investitionen der Kunden in Kryptowährungen überschaubar. Im Gespräch mit BTC-ECHO erklärt Vorstand Thomas Soltau, warum er dennoch am Krypto-Angebot festhält. Außerdem spricht er über die mögliche Abschaffung der steuerfreien Haltefrist und die Folgen eines T+0-Settlements.
“Kunden mit Kryptowährungen handeln aktiver”
BTC-ECHO: Merkt ihr bei Smartbroker aktuell etwas von der Sommerpause?
Thomas Soltau: Nein, ganz klar nicht. Die Handelsaktivität ist weiterhin sehr hoch. Ruhiger ist lediglich die Neukundengewinnung. Die Menschen liegen im Sommer eher am Strand, als sich mit einem neuen Depot oder möglichen Kosteneinsparungen zu beschäftigen.
Bei den bestehenden Kunden sehen wir diesen Effekt kaum. Aktien, Anleihen und ETFs werden weiterhin rege gehandelt. Die klassische Sommerpause war vor zwei oder drei Jahren noch deutlich stärker zu spüren. Heute läuft das Geschäft fast durchgehend. Lediglich rund um Ostern und Weihnachten wird es etwas ruhiger.
Welche Rolle spielen Kryptowährungen inzwischen für Smartbroker und eure Kunden?
Eine überraschend untergeordnete Rolle. Wir haben unser Krypto-Angebot vor knapp zwei Jahren gestartet und bieten inzwischen mehr als 40 Token an. Über 20 Prozent unserer Kunden haben eine Wallet eröffnet und nutzen diese auch.
Die investierten Summen sind aber vergleichsweise gering. Das durchschnittliche Depotvolumen liegt bei mehr als 50.000 Euro. Auf einer Krypto-Wallet befinden sich im Durchschnitt etwa 3.500 Euro. Das ist deutlich weniger als bei Aktien oder ETFs.
“Hätte mit stärkerer Akzeptanz gerechnet”
Gleichzeitig handeln Kunden mit Kryptowährungen aktiver. Die Transaktionshäufigkeit ist höher, das Gesamtvolumen bleibt für unser Geschäft aber relativ klein. Wir sind ein klassischer Aktienbroker und keine reine Krypto-Börse. Entsprechend ist unser Angebot auch nicht mit Plattformen wie Coinbase oder Binance vergleichbar.
Ich hätte trotzdem mit einer stärkeren Akzeptanz gerechnet. Wir werden das Angebot weiterentwickeln und unter anderem Krypto-Sparpläne einführen. Das Thema bleibt aus meiner Sicht relevant.
Die Bundesregierung plant Änderungen bei der Besteuerung von Kryptowährungen. Was könnte das für Anleger bedeuten?
Das Problem ist zunächst, dass noch niemand die genauen Details kennt. Ich rechne allerdings fest damit, dass die einjährige Haltefrist fällt. Die entscheidende Frage wird sein, ob bestehende Positionen einen Bestandsschutz erhalten.
Anleger sollten deshalb sehr genau verfolgen, was tatsächlich beschlossen wird. Sollte es keinen Bestandsschutz geben, hätte das erhebliche wirtschaftliche Folgen. Wer erst nach Inkrafttreten der neuen Regelung reagiert, könnte steuerlich deutlich schlechter dastehen. Für dieses Jahr gilt daher: der Dezember ist entscheidend. Sollte der Bestandsschutz nicht greifen, wäre das unter Umständen der letzte Monat, in dem Bitcoin und Co. noch steuerfrei veräußert werden können.
Ich halte die geplante Änderung für schwer nachvollziehbar. Kryptowährungen werden von der Politik offenbar anders behandelt als Gold oder andere Edelmetalle. Im Kern gibt es aus meiner Sicht aber durchaus Gemeinsamkeiten.
Was würde eine solche Änderung für Smartbroker bedeuten?
Für Broker wäre vor allem entscheidend, wie die Besteuerung technisch umgesetzt wird. Wir verfügen bereits über Systeme für die Abgeltungsteuer. Sollte die Besteuerung von Kryptowährungen daran angelehnt werden, könnten wir auf bestehende Strukturen zurückgreifen.
Deutlich aufwendiger wäre es, wenn der persönliche Einkommensteuersatz zur Anwendung käme. Darauf sind klassische Brokersysteme nicht ausgelegt. Ich gehe außerdem davon aus, dass Broker künftig verpflichtet sein könnten, die Steuer direkt abzuführen.
Die zentrale Frage lautet deshalb für uns: Abgeltungsteuer oder persönlicher Steuersatz? Da die Bundesregierung eine stärkere Angleichung an das Aktiengeschäft anstrebt, halte ich die Abgeltungsteuer für wahrscheinlicher.
“Die Banken müssten Teile ihrer Kernbankensysteme grundlegend erneuern”
Welche Bedeutung hat die Tokenisierung von Aktien und Anleihen derzeit für Smartbroker?
Wir beobachten die Entwicklung intensiv. Ein Grund für den Aufbau unseres Krypto-Angebots war die Erwartung, dass künftig auch klassische Wertpapiere stärker tokenisiert werden.
Bislang ist in Europa aber noch nicht besonders viel passiert. In der Schweiz werden bereits einige Anleihen tokenisiert. Auch die Deutsche Börse arbeitet an entsprechenden Lösungen. Gemessen am gesamten Wertpapiermarkt bleibt das Volumen allerdings gering.
Viele tokenisierte Anleihen, die Privatanlegern angeboten werden, überzeugen mich zudem nicht. Häufig handelt es sich um kleinere Emittenten und Produkte mit erhöhten Risiken. Wir sehen derzeit noch keinen Markt, bei dem wir sagen müssten, dass wir diese Produkte sofort für unsere Kunden anbieten wollen.
In den USA ist die Entwicklung weiter. Dort werden konkrete Modelle für den Handel tokenisierter Aktien getestet. Ich erwarte, dass wir in den kommenden fünf bis sieben Jahren einen deutlich größeren Wandel sehen werden.
Was macht tokenisierte Wertpapiere so interessant?
Der große Vorteil ist die direkte Abwicklung. Aktiengeschäfte werden in Europa heute mit T+1 oder T+2 abgewickelt – in den USA seit Mai 2024 bereits einheitlich mit T+1. Das Geld und die Wertpapiere wechseln also erst einen oder zwei Tage nach dem Handel endgültig den Besitzer.
“Ich erwarte einen größeren Wandel”
Auf einer Blockchain kann die Abwicklung dagegen sofort erfolgen. T+0 bedeutet Echtzeit, und solche Systeme können rund um die Uhr laufen. In den USA arbeiten NYSE und Nasdaq bereits an entsprechenden Plattformen mit Sofort-Settlement und teils 24/7-Handel – diese stehen allerdings noch unter Regulierungsvorbehalt und sind noch nicht live. Aktuell regulär gehandelte tokenisierte Wertpapiere werden dort weiterhin T+1 abgewickelt. Ich erwarte, dass wir hier in den kommenden fünf bis sieben Jahren einen deutlich größeren Wandel sehen werden.
Wer profitiert von T+0 und wer bekommt Probleme?
Junge Unternehmen und neue Finanzdienstleister haben einen Vorteil. Ihre Systeme wurden in den vergangenen Jahren auf moderner Infrastruktur aufgebaut und können Transaktionen bereits in Echtzeit verarbeiten.
Viele große Banken arbeiten dagegen weiterhin mit nächtlichen Verarbeitungsläufen und umfangreichen Stapelprozessen am Wochenende. Diese Systeme sind nicht für eine permanente Echtzeitabwicklung ausgelegt. Die Banken müssten Teile ihrer Kernbankensysteme grundlegend erneuern.
Das ist möglich, bleibt aber eine gewaltige Aufgabe. Unternehmen, die auf der grünen Wiese angefangen haben, besitzen hier einen klaren technologischen Vorsprung.
Neben Assets, wird auch das Geld tokenisiert. Gefährden Stablecoins das Einlagengeschäft der Banken?
Sie verändern es auf jeden Fall. Geld, das bisher als Einlage bei einer Bank lag, könnte künftig bei einem Stablecoin-Anbieter liegen. Damit steht es der Bank nicht mehr unmittelbar für die Kreditvergabe zur Verfügung.
Das bedeutet aber nicht, dass dieses Kapital aus dem Finanzkreislauf verschwindet. Auch Stablecoin-Anbieter müssen mit den hinterlegten Mitteln arbeiten. Daraus können neue Finanzierungsmodelle entstehen.
“Für Krypto sehe ich Chancen”
Strukturell könnte sich der Intermediär verschieben. Für Banken ist das eine ernsthafte Herausforderung. Sie sollten sich deshalb stärker auf Infrastrukturleistungen konzentrieren und weniger darauf vertrauen, dass das klassische Geschäft mit Endkunden unverändert bestehen bleibt.
Wie blickst du auf die weitere Entwicklung der Finanzmärkte?
Ich bin für den Aktienmarkt grundsätzlich optimistisch. Die Bewertungen sind in einigen Bereichen sehr hoch. Gleichzeitig sorgt künstliche Intelligenz bereits heute für erhebliche Produktivitätssteigerungen. Das sehe ich auch in unserem eigenen Unternehmen.
Diese zusätzliche Wertschöpfung kann einen Teil der hohen Bewertungen rechtfertigen. Anleger sollten selbstverständlich weiterhin mit Rücksetzern rechnen. Langfristig halte ich regelmäßiges Investieren über Sparpläne aber für sinnvoll.
Für Krypto sehe ich vor allem bei der Blockchain-Technologie Chancen. Künstliche Intelligenz kann Menschen ohne Programmierkenntnisse dabei helfen, eigene Blockchain-basierte Anwendungen zu entwickeln. Dadurch könnten viele kleinere und spezialisierte Lösungen entstehen.
Die Produktlandschaft dürfte kleinteiliger werden. Gleichzeitig werden einige große Dienstleister die notwendige Infrastruktur bereitstellen. Sobald daraus überzeugende Anwendungen entstehen, kann sich das auch wieder stärker im Krypto-Markt bemerkbar machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
