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Michael Chobanian Vom Staatsfeind zum Krypto-Krieger der Ukraine

Michael Chobanian gilt in der Ukraine als „Pate der Kryptowährungen“. Vor dem Krieg wäre er deshalb fast verhaftet worden. Jetzt kauft er mit Bitcoin kugelsichere Westen und Medizin für die Regierung.

Giacomo Maihofer
 |  Lesezeit: 6 Minuten
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Michael Chobanian

Beitragsbild: Michael Chobanian

| Der Krypto-Pate der Ukraine.

Michael Chobanian feuert im Krieg nie einen Schuss ab und wird trotzdem ein kleiner Nationalheld der Ukraine. Im verzweifelten Kampf gegen die russische Übermacht nutzt der 38-Jährige eine neue Waffe: die Macht der Kryptowährungen.

Seit Beginn der Invasion sammelt Michael Chobanian weltweit Spenden in Bitcoin, Ethereum und Co. für die ­ukrainische Regierung. Sie kauft damit Nahrungsmittel und Medizin für Zivilisten, kugelsichere Westen und Helme für die Soldaten. Über 100 Millionen US-Dollar an Krypto-Spenden kommen im März zusammen.

Es ist eine beispiellose Solidaritätskampagne in der jungen Geschichte des Krypto-Space. Und eine von vielen verrückten Wendungen im wilden Leben des jungen Ukrainers. In seiner Heimat gilt er als „Pate der Kryptowährungen“. Vor dem Krieg wäre er deshalb fast verhaftet worden.

Anfang April kontaktieren wir Michael Chobanian zum ersten Mal. Wir wollen mehr über die Spendenkampagne und seine Lebensgeschichte wissen. Der Ukrainer antwortet sofort auf unsere ­Anfrage. Zum vereinbarten Videocall schafft er es nicht. Nach zwei gescheiterten ­Versuchen kommunizieren wir über den Nachrichtendienst Telegram. Wir senden Fragen, Michael ­Chobanian antwortet mit kurzen Sprachnachrichten. Es sind Snippets aus einem einzigartigen Leben, kondensiert in Einheiten von dreißig Sekunden bis zu einer Minute, gesprochen in fast perfektem ­britischem Englisch.

Chobanians Vater schürft Kohle und Michael Bitcoin

Michael Chobanian wird 1984 im Osten der Ukraine geboren, der Region Donbass. Dort toben aktuell die heftigsten Kämpfe. Mit 13 Jahren schicken die Eltern den Sohn auf ein englisches Internat. Er soll es einmal besser haben als sie. „Mein Vater schuftete sein ganzes Leben in der Kohlemine, wie schon sein Vater davor“, berichtet Chobanian. „Ich schürfte später Bitcoin in seinem Büro.“ Das digitale Gold wird sein Ticket raus aus dem schmutzigen Familiengeschäft – in die Freiheit.

Dabei glaubt der studierte Wirtschaftswissenschaftler von der London School of Economics nicht einmal an den Wert von Bitcoin, als er 2011 erstmals davon hört. Er tut es als Spinnerei ab – wie so viele zu der Zeit. Die Offenbarung kommt für Chobanian erst zwei Jahre später, mit der Bankenkrise in Zypern. „Die Regierung holte sich das Geld der Bevölkerung“, so Chobanian. „Der Kauf von Bitcoin war der einzige Weg, wie Menschen ihr Vermögen retten konnten. Ich dachte: Wenn Bitcoin einen vor der Tyrannei des Staates schützen kann, sollte ich es studieren. Und das tat ich, fast eineinhalb Jahre. Es war überwältigend.“

Michael Chobanian liest und lernt jeden Tag über Bitcoin und Co., vernetzt sich mit der weltweiten Krypto-Community, findet im Internet Freunde und Verbündete, auch in der Ukraine. Im Sommer 2014 baut er in der Arbeitsküche seines Vaters seine erste Bitcoin-Farm mit ASIC-Minern auf. Ein Jahr später gründet er die erste ukrainische Krypto-Börse, Kuna, und stellt den ersten Bitcoin-Automaten im Land auf. Michael Chobanian wird das Gesicht der lokalen Krypto-Szene, tritt überall in den Medien auf, spricht auf Konferenzen, mit Banken. Das macht ihn auch zur Zielscheibe der Regierungsbehörden.

Im September 2015 stürmen Polizisten sein Apartment in Kiew. Sie beschlagnahmen Festplatten, CDs und Handys und suchen nach Material, mit dem sie den Krypto-Banker erpressen können. Sie finden nichts. Michael Chobanian veröffentlicht den Vorfall im Internet. Das macht ihn endgültig im ganzen Land berühmt.

Krypto verbreitet sich in diesen Jahren wie ein Lauffeuer in der Ukraine. Laut Chainalysis ist es schon 2020 eines der Länder mit der stärksten Adoption weltweit. Kiew wird zum Zentrum dieser pulsierenden Szene. Viele große Unternehmen siedeln sich in der ukrainischen Hauptstadt an. Jede Woche treffen sich Nerds zu Hunderten auf Programmierwettbewerben, sogenannten Hackathons. Sie feiern Partys. „Es war eine wilde Zeit“, erzählt Chobanian.

Mit zwei Oldtimern auf der Flucht aus der Ukraine

Am 24. Februar 2022, um fünf Uhr morgens, findet dieses Kapitel endgültig sein Ende. Die ersten russischen Bomben fallen über der Ukraine, auch in Kiew. Der Fliegeralarm weckt Michael Chobanian und seine Familie. Sie sind seit Wochen auf den Ernstfall vorbereitet. In der Garage stehen zwei vollgetankte Oldtimer, die Rucksäcke sind gepackt mit US-Dollar, Euro und ihrem Krypto-Vermögen, gespeichert auf Hardware-Wallets. Über die Westukraine flüchten die Chobanians ins europäische Ausland, 700 Kilometer, 36 Stunden Fahrt, ein riesiger Stau an der Grenze. Zwischenzeitlich waren Millionen von Ukrainern auf der Flucht.

Einen Tag nach seiner Ankunft im Ausland startet Michael Chobanian eine Krypto-Spendenkampagne, erst über seinen Telegram-Channel mit über 100.000 Followern. Dann ruft ihn der ukrainische Minister für digitale Transformation an. Chobanian soll mit seiner Plattform Kuna die offizielle Krypto-Spendenkampagne der ­Ukraine leiten. Sie posten den Aufruf in den sozialen Medien. Die Aktion geht viral, die gesamte Presse berichtet, auch BTC-ECHO. Krypto-Stars wie Ethereum-Gründer Vitalik Buterin und Polkadot-Gründer Gavin Wood beteiligen sich mit Millionenbeträgen. Im April legalisiert Präsident Selenskyj sogar Kryptowährungen im Schnellverfahren als Zahlungsmittel.

„Die Kampagne hat viele Leben gerettet“, erzählt Chobanian. „Eine Bitcoin-Transaktion dauert fünfzehn Minuten, Geld aus dem Ausland per SWIFT zu schicken zwei Tage oder länger. Selbst die letzten Skeptiker im Militär und der Regierung verstehen nun: Krypto hat einen Wert für sie – und für unser Land.“

Michael Chobanian trägt seine Bitcoin-Botschaft heute in die ganze Welt. Jede Woche ist er auf einem anderen Kontinent, wirbt auf Konferenzen um die Unterstützung der Krypto-Community. „Ich lebe momentan im Flugzeug“, erzählt er. Gerade sei er in Asien, nächste Woche in den USA, dann Europa.

Obwohl ihn Tausende Kilometer vom Kampfgeschehen trennen, bleibt der Schock des Krieges bei ihm. „Wenn ich hier nachts die Zikaden höre, muss ich an den Fliegeralarm und die Bomben denken. Dann werde ich nervös“, erzählt der Ukrainer.

Der Glaube an die Macht der Kryptowährungen hat den Sohn eines Bergarbeiters weit gebracht. Michael Chobanian spricht Mitte April sogar vor dem US-Senat. Der Titel seiner kurzen, aber bewegenden Rede: „Kryptowährungen – die Verteidiger der Freiheit und Demokratie“.

Disclaimer

Dieser Artikel wurde redaktionell überarbeitet und ist zuvor in der Mai-Ausgabe des BTC-ECHO Magazins erschienen.

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