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Kommentar Krypto-Sanktionen spielen Putin in die Karten

Im aktuellen Konglomerat der Sanktionen gegen Russland könnte das Land auch von Krypto-Handelsplätzen ausgeschlossen werden. Sollten die Strafen auch auf den Krypto-Space erweitert werden oder würde das nur Putins zerstörerischen Kurs weiter begünstigen? Ein Kommentar.

Marlen Kremer
 |  Lesezeit: 4 Minuten
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Putin Poster

Beitragsbild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alastair Grant

Als ich heute Morgen kurz nach dem Aufstehen Twitter aufmachte, war “Russisch Brot” gerade im Trend. Gespräche über politische Korrektheit und die Frage, ob man nun immer noch das beliebte Gebäck zum Sonntagskaffee auf das Kassenband legen dürfe, denn: Es ist Krieg. 

Das mag für einige jetzt komisch klingen, aber lachen muss ich darüber ganz und gar nicht. Während eine Seite meines Twitter Feeds in solidarischem blau und gelb erleuchtet, legen andere eine Symbolpolitik vom feinsten hin, die letztendlich niemandem hilft, sondern nur schadet.

Russland ist entzweit. Und das nicht nur mit dem Rest der Welt, sondern auch innerhalb Russlands selbst. Festnahmen bei russischen Protesten gegen Putins Angriffskrieg treffen auf sich häufende Berichte von russischen Soldaten, die schon fast wie verirrt in der Ukraine herum torkeln. Eine gemeinsame, klare Kante Russlands in Bezug auf den Krieg gegen die Ukraine sieht jedenfalls anders aus. Putin ist es nicht gelungen, seine Bevölkerung hinter sich und seinem Angriffskrieg zu vereinen.

Gleichzeitig höre ich die heulenden Sirenen des Fliegeralarms in Kiew in meinen Ohren nachklingen. Ein Video hat sich in meinem Kopf eingenistet. Ein Welt-Journalist berichtet vor Ort in der ukrainischen Hauptstadt, während im Hintergrund immer wieder ein lauter, bedrohlicher Alarm ausgelöst wird.

Krypto-Sanktionen: Putins Treibsand

Der Westen sendet Waffen, Hilfsgelder und aufmunternde Worte in die Ukraine, während Russland der Empfänger von Sanktionen und der Wut der Menschheit ist. Und das zurecht. Natürlich sucht man momentan nach Optionen, diesen Krieg gegen die Ukraine schnellstmöglich zu beenden und eine weitere Eskalation zu verhindern. Man möchte der Ukraine so gut es geht beiseite stehen und Solidarität zeigen.

Der westliche Schlangenbiss zur Lähmung des Kremls sitzt dabei sehr tief. Neben dem Ausschluss aus dem SWIFT-Netzwerk verabschiedeten sich die Kreditkartengiganten Visa und Mastercard ebenfalls von Russland. Auch Google Pay und Apple Pay setzten ihre Aktivitäten für russische Transaktionen aus. 

Der ukrainische Digitalminister Mykhailo Fedorov geht mit einer Forderung jedoch noch einen Schritt weiter. Neben klassischen Finanzinstrumenten sollen auch die Krypto-Konten Russlands auf Börsen wie Binance und Kraken gesperrt werden. Während dies eine weitere Hebelwirkung zur Isolation des Kremls sein könnte, dürfte die gängige Annahme, mit Krypto die klassischen Sanktionen auszutricksen, ins Gewicht gefallen sein – der Bitcoin-Kurs ist nicht grundlos in die Höhe geschnellt.

Die Krypto-Börsen, die in Russland aktiv sind, reagierten auf den Appell im Großen und Ganzen ähnlich. Binance, Kraken und Co. sagen ja zur Sperrung von Adressen, die mit Sanktionen in Verbindung stehen. Sie verneinen aber die Massensperrung der russischen Öffentlichkeit. Und das ist gut so, denn die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen, würde Putin nur in die Karten spielen.

Mit dem Rubel im Sinkflug stellen Kryptowährungen wie Bitcoin für viele Russen die letzte Möglichkeit dar, den Wert ihrer Ersparnisse zu erhalten. Ein kompletter Ausschluss russischer Accounts vom Krypto-Markt könnte Putin deshalb in die Karten spielen, denn die Unabhängigkeit der russischen Staatsbürger, die sich von Putins Diktatur loslösen wollen, gingen im Treibsand des Kremls unter. Immer weiter stiege die Abhängigkeit an die zerstörerische Politik eines größenwahnsinnigen Präsidenten.

Ein Drahtseilakt

Letztendlich ist hier eine gewisse Balance gefragt. Ja, der einfachste Weg wäre vermutlich, einfach alle russischen Adressen auf Krypto-Handelsplätzen einzufrieren. Das zeugt jedoch von einem Schwarz-Weiß-Denken in einer sehr komplexen Situation.

Ein ganzheitlicher Ansatz zur Eindämmung Putins ist vonnöten. Der Krypto-Sektor sollte hierbei keinen Sonderstatus einnehmen. Im Zusammenspiel mit der Sperrung klassischer Finanzinstrumente wären Krypto-Sanktionen jedoch der Ruin unschuldiger Russen. Es bedarf mehr Mühe, als den offensichtlichsten Knopf zu drücken, der noch übrig ist: die russische Bevölkerung vollends finanziell zu ruinieren.

Bitcoin ist kein Fähnchen im Wind, sondern eine humanitäre Konstante, eine neutrale Technologie ohne politische Agenda. Die digitale Währung verspricht finanzielle Selbstbestimmtheit für die Bevölkerung des gesamten Erdballs, ungeachtet der von Menschen gezeichneten Ländergrenzen – für die unschuldigen Staatsbürger der Ukraine und Russlands. 

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