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Dezentralität Inklusion: Wie viel Wahrheit steckt noch in dem Bitcoin-Narrativ?

Der Wert von Dezentralität ist für viele Menschen immer noch sehr abstrakt. Umso wichtiger ist es, ihn in der Praxis erlebbar zu machen. Wohin das ursprüngliche Bitcoin-Narrativ global steuert und warum wir in der Regulierungspraxis mehr Neutralität gegenüber dezentralen Infrastrukturen benötigen.

Sven Wagenknecht
 |  Lesezeit: 0 Minuten
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Beitragsbild: Shutterstock

| Bitcoin und Inklusion: Bringt Dezentralität die Menschen auch in Zukunft noch näher zusammen?

Das Versprechen von Bitcoin ist groß: Es ist die erste öffentliche und weltweit zugängliche Bezahlinfrastruktur. Zum ersten Mal in der Geschichte kann jeder Mensch damit Wert ohne einen zentralen Intermediär elektronisch versenden. Erstmalig sind elektronische Finanzinfrastrukturen inklusiv und nicht exklusiv. Wie das Internet unsere elektronischen Informationen emanzipiert hat – jeder kann zum Sender und Empfänger werden – emanzipiert Bitcoin Wert-Infrastrukturen. So weit, so gut. Doch was bleibt von dem Narrativ der Inklusion, der Wallet mit übergesetzlichem Kontrahierungszwang, im Jahr 2022 und darüber hinaus bestehen?

Banking the unbanked in der Praxis

Gerade in Ländern mit schwach ausgeprägter Finanzinfrastruktur drängt sich der Mehrwert von Bitcoin auf. In Ländern wie El Salvador, Venezuela oder in Teilen Afrikas besteht deshalb auch eine erhöhte Krypto-Etablierung. Allerdings bezieht sich diese nicht ausschließlich auf Bitcoin, sondern generell auf Token-Infrastrukturen.

So ist es die Wallet als Bankkonto-Alternative, die sich erfolgreich dort etabliert und bislang ausgeschlossenen Menschen einen neuen Zugang zu Finanzinfrastrukturen schafft. Dabei geht es oftmals um den digitalen US-Dollar beziehungsweise einem US-Dollar Stablecoin, der aufgrund seiner Bekanntheit und geringeren Volatilität von den Menschen gegenüber Bitcoin bevorzugt wird. Zynisch könnte man formulieren: Die Technologie hinter Bitcoin trägt zur weiteren Dollarisierung mancher Schwellen- und Entwicklungsländer bei.

Tesla-Wertpapier und Hochschulzeugnis als wahre Gamechanger

Das Versprechen hinter der Blockchain-Technologie ist allerdings viel mehr als die öffentliche Institutionalisierung von Geld-Infrastrukturen. Diese bilden nur die Spitze des Eisberges oder den ersten Berührungspunkt. Schließlich ist eine Wallet mehr als ein Bankkonto. Sie ist gleichzeitig auch Wertpapierdepot, Kreditverrechnungskonto und Aufbewahrungsort für NFTs oder Identitätsdokumente.

Vom Hochschulzeugnis über Tesla-Wertpapier: Eine Wallet kann im Sinne einer Sprunginnovation sämtliche alten Verwahr-Infrastrukturen substituieren und für größere Chancengleichheit auf der ganzen Welt sorgen. Die dezentralen Werte-Infrastrukturen, wie unter anderem dezentrale Börsen (DEX), sind damit das vielversprechendste Entwicklungsprogramm der letzten Jahre.

Als Beispiel denke man hier nur an die tausenden Menschen in Asien, die mit NFT-Spielen wie Axie Infinity mehr Geld verdienen konnten als über herkömmliche Jobs. Man mag hier den Vorwurf bringen, dass es sich “nur” um ein Blockchain Game handeln würde. Doch zeigt das Beispiel, dass Menschen dank Blockchain, ohne auf Mittelsmänner vertrauen zu müssen, Teil der digitalen grenzüberschreitenden Arbeitswelt sein können. 

Die Gegenbewegung

Auf der anderen Seite sehen wir vor allem in den Industrienationen einen Krypto-Dienstleistungssektor, der immer stärker nach den Prinzipien der alten Finanzwelt funktioniert. In gewisser Weise findet damit eine Umkehr des Narratives der bedingungslosen Inklusion statt. Bedingt durch die Regulatorik kann nicht mehr jeder Mensch jeden Dienst nutzen. Es kommt wieder darauf an, von wo man herkommt.

Durch die Regulatorik privatisiert man, zumindest in Teilen, ein öffentliches Gut. Dabei lockt die Privatisierung wiederum mit einem attraktiven Dienstleistungsportfolio, wie zum Beispiel die Drittverwahrung oder das Delegieren von Staking-Diensten. Man mag hier unterstellen, dass es im Sinne des Staates ist, vermehrt Kontrolle zurückzugewinnen. Aus diesem Grund dürfte der Staat zentrale, ergo durch Mittelsmänner erbrachte Krypto-Dienstleistungen, gegenüber dezentralen, bevorzugen.

Die regulatorische Benachteiligung der Dezentralität

Solange ausreichende Wahlfreiheit unter den Nutzern existiert, ist dies grundsätzlich überhaupt kein Problem. Die einen entscheiden sich für die regulierte und zentralisierte Variante und die anderen für die rein dezentrale Option. Im Sinne einer Koexistenz ein durchaus vielversprechendes Modell. Allerdings besteht die Sorge, dass dezentrale Krypto-Anwendungen gegenüber regulierten immer stärker benachteiligt werden.

Regulierungsvorhaben wie MiCA in der EU könnten zum Beispiel dafür sorgen, dass es ein zentral gemanagter Stablecoin leichter hat, ein Börsenlisting zu erhalten, als ein dezentraler Stablecoin, wie Dai von Maker. Dadurch entsteht die Gefahr, dass wir zwei Krypto-Welten erleben, die immer weniger miteinander im Austausch stehen. Der Nutzer wird damit immer stärker gezwungen, sich zu entscheiden, auf welcher Seite er vermeintlich steht.

Lieber Selbstverwahrung (non-custodial Wallet) oder lieber Drittverwahrer? Die Brücken könnten in den kommenden Monaten immer weiter eingerissen werden. Das Narrativ der Inklusion beziehungsweise Banking the unbanked kann man dann nur noch mit Einschränkungen auf den Kryptosektor anwenden.

Umso wichtiger ist es, die Nutzerfreundlichkeit von DeFi-Anwendungen weiter zu optimieren, damit keine Zweiklassengesellschaft entsteht.

Der Preis der Privatisierung

Eine Begleiterscheinung der Krypto-Privatisierung ist die Entstehung neuer Single-Point-of-Failure. Ebenjene sollte die Blockchain-Ökonomie aber überwinden. Durch das Entstehen immer mächtigerer Krypto-Unternehmen erhöht sich wiederum die Gefahr, dass Single-Point-of-Failure den ganzen Sektor ins Wanken bringen können. Sei es der Zusammenbruch des Lending-Marktes, siehe Celsius, oder der Hack von über 8.000 Solana Hot Wallets. Ob selbst verschuldet oder einfach nur einem Cyberangriff zum Opfer gefallen, die Verwundbarkeit der zentralisierten Infrastrukturen zeigt sich dieser Tage mehr denn je.

Dezentralität ist nicht immer die perfekte Alternative und weist ebenfalls ihre Nachteile auf. Sinnvoll eingesetzt, kann sie aber sehr wohl zur Reduzierung von Ausfallrisiken beitragen. Dies gilt nicht nur für Finanz- und Verwaltungsangelegenheiten, sondern beispielsweise auch für Infrastrukturen, die auf dem Internet der Dinge (IoT) aufsetzen. Wenn immer mehr Transaktionen durch immer mehr Endgeräte, zum Beispiel Drohnen oder autonomes Fahren, abgewickelt werden, entstehen ebenfalls immer größere Risiken, wenn es zum Ausfall einzelner Schnittstellen oder Abwicklungsstellen kommt.

Angelehnt an die politisch proklamierte Technologieneutralität, wäre es daher wünschenswert, eine neue Neutralität gegenüber Organisationsformen zu definieren. Damit ist gemeint, dass dezentrale Projekte nicht gegenüber zentralen Projekten de jure benachteiligt werden sollten.

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