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Coin der Woche Chainlink: Der Datenlieferdienst für Smart Contracts

Smart Contracts sind Triebfeder der digitalen Wende – und können mit falschen Daten große Schäden anrichten. Chainlink sorgt für einen richtigen Informationsaustausch und macht sich mit seiner Oracle-Lösung nicht nur im Bereich der dezentralisierten Finanzen als Daten-Lieferservice unentbehrlich.

Moritz Draht
 |  Lesezeit: 9 Minuten
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Chainlink-Münze

Quelle: Shutterstock

| Chainlink-Münze

Für Finanzprodukte im Versicherungs- und Gesundheitswesen, bei der Nach- und Rückverfolgung von Lieferketten, im Identitätsmanagement oder Bildungswesen: Smart Contracts spielen nicht nur im Krypto-Bereich eine immer wichtiger werdende Rolle. Prozesse automatisieren, Mittelsmänner umgehen, Vertrauensabhängigkeiten abbauen und dabei unveränderlich von der Blockchain verwaltet werden: Die Effizienzvorteile der intelligenten Verträge können branchenübergreifend ausgespielt werden. Man muss sie nur genügend füttern – mit Daten, und zwar verlässlichen.

Als Anfang der Kausalkette können eingespeiste Falschinformationen in Smart Contracts schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Das kennt jeder, der einmal Flüsterpost gespielt hat. Empfängt ein Smart Contract die Information, dass der Flug von Berlin nach London ausfällt, obwohl er planmäßig stattfindet, könnte eine Smart-Contract-basierte Rechtsschutzversicherung fälschlicherweise Beträge erstatten. Ein simples Beispiel, je mehr Kapital und Vertragsparteien die Smart Contracts aber einbinden, umso größere Schäden können entstehen. Chainlink wurde entwickelt, um das Informationsproblem zu lösen und Blockchains mit verlässlichen Daten aus der „realen“ Welt zu versorgen. Der Lösungsansatz von Chainlink nimmt schon jetzt eine Schlüsselfunktion im DeFi-Bereich ein. Durch die vermehrte Einbindung von Smart Contracts in anderen Sektoren gewinnt er aber weiter an Bedeutung.

Aktion, Reaktion: Smart Contracts

Das Konzept von Smart Contracts wurde bereits in den 90ern von dem Informatiker Nick Szabo entwickelt – einer der Namen, der auch immer wieder im Zusammenhang mit der sagenumwobenen Gestalt Satoshi Nakamoto fällt. Wirklich anwendbar wurden die autonomen Computer-Verträge dann erst 2015 durch die Ethereum-Blockchain. Blieben Netzwerke wie Bitcoin auf die Ausführung und Verwaltung von Peer-to-Peer-Transaktionen in einem dezentralen Register beschränkt, sollte das Projekt unter Federführung Vitalik Buterins mit der Unterstützung von dezentralen Anwendungen (dApps) auf Smart-Contract-Basis die Entwicklungen nicht nur in der Krypto-Ökonomie entscheidend verändern.

Vorstellen kann man sich einen Smart Contract zunächst als einfachen Vertrag, der auf einer Blockchain hinterlegt und ausgeführt wird. Warum smart? Weil sie sich entsprechend festgelegter Vorgaben selbstständig ausführen, ohne dass jemand auf einen Knopf drücken müsste. Auf einfacher Ebene bilden Smart Contracts Wenn-dann-Beziehungen zwischen zwei Vertragspartnern ab. Zum Beispiel ein Token-Tauschgeschäft: Der Contract zahlt Person B einen Betrag, sobald Person A einen vorher bestimmten Betrag einzahlt. Das funktioniert noch fehlerfrei, je komplexer die Vertragsstrukturen aber werden, umso anfälliger sind sie auch.

Inzwischen decken Smart Contracts nicht mehr nur Tausch- oder Leihgeschäfte ab. Sie sind Allrounder, ihr Einsatzgebiet ist überall dort, wo auch Verträge geschlossen und Daten sicher ausgetauscht werden müssen. Das stellt Smart Contracts vor neue Probleme. Denn anders als bei dem Token-Tausch, der in einem geschlossenen und transparenten Blockchain-Netzwerk durchgeführt wird, ist die Flugausfallversicherung auf externe Daten angewiesen. Informationen von außen müssen aber irgendwie in Smart Contracts gelangen und dabei einer Qualitätskontrolle unterzogen werden. Dafür wurden Oracles entwickelt.

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Bindeglied zwischen Off- und On-Chain

Oracles sind Computerprogramme, auch Agenten genannt, die als Schnittstelle zwischen Blockchain-Netzwerken und Datenlieferanten einen sicheren Informationsaustausch gewährleisten. Das können Messwerte von Wetterstationen, Satellitenbilder von Flughafenterminals oder Echtzeitkurse von Aktien für den Handel mit synthetischen Assets sein. In Smart Contracts eingebunden werden Oracles über Multisignature Contracts (Multisig), die von allen Vertragspartnern unterzeichnet werden müssen. Dabei wird zwischen fünf Oracle-Typen unterschieden.

Software Oracles übertragen online verfügbare Daten, beispielsweise Wetterdaten. Hardware Oracles leiten sensorisch erfasste Informationen aus der „realen“ Welt weiter, etwa Daten von RFID-Sensoren. Inbound Oracles wiederum versorgen Blockchains mit externen Daten wie Echtzeitkursen, während Outbound Oracles die Übertragung in die umgekehrte Richtung ermöglichen: Smart Contracts senden Informationen an die „Außenwelt“. Bei Consensus Based Oracles sind schließlich mehrere Oracles miteinander verbunden, um einen Konsens über die weitergeleiteten Daten zu schaffen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Oracles speisen zwar Daten in Smart Contracts ein, verifizieren sie aber zunächst nicht. Falsche oder manipulierte Daten können so zunächst weiterhin durchsickern. Hier setzt Chainlink an. Chainlink ist ein dezentrales OracleNetzwerk von Nodes, das Smart Contracts mit „Off-Chain-Daten“ versorgt. Vereinfacht gesagt: Chainlink nimmt Aufträge von Smart Contracts entgegen, schickt sie an Oracles weiter, prüft deren Antworten und leitet sie wieder zurück.

Im Detail: Benötigt ein Smart Contract Daten, schickt er zunächst eine Anfrage (Requesting Contract). Chainlink registriert diese Anfrage und generiert wiederum einen Smart Contract, den Chainlink Service Level Agreement Contract (SLA). Dieser erstellt anschließend drei Unterverträge: einen Reputationsvertrag (Reputation Contract), einen Auftragsabgleichsvertrag (Order-Matching Contract) und einen Aggregationsvertrag (Aggregating Contract).

Der Reputationsvertrag prüft die Erfolgshistorie eines Oracle-Anbieters und sortiert unzuverlässige Nodes aus. Enthält der anfragende Smart Contract keine Node-Vorauswahl, übermittelt der Order-Matching Contract die Anfrage an die Nodes, nimmt deren Preisangebote entgegen und wählt dann die richtige Anzahl und Art von Nodes aus, um die Anfrage zu erfüllen. Der Aggregationsvertrag nimmt alle Daten von den ausgewählten Oracles entgegen, validiert sie und gleicht sie miteinander ab. Hier hilft das Mehrheitsprinzip. Liefern von fünf Nodes drei die gleiche Antwort, zwei Nodes jedoch eine andere, schließt der Aggregating Contract die beiden aus.

Ein weiterer Schutzschirm: der LINK Token. Nodes werden nicht nur für ihre Arbeit mit LINK bezahlt. Sie müssen die Token auch als Sicherheit hinterlegen. Der Chainlink-Reputationsvertrag berücksichtigt die Höhe der LINK-Einlagen und bevorzugt bei der Anfrage Nodes mit einem höheren LINK-Pfand. Zudem bestraft Chainlink fehlerhafte oder unehrliche Nodes mit Abzügen. Die Kryptowährung LINK sorgt mit Zuckerbrot und Peitsche für ein funktionierendes Informationsnetzwerk.

Chainlink: Der Riese erwacht

Das Oracle-Netzwerk von Chainlink stellt die Infrastruktur für den Informationsfluss zwischen Smart Contracts und ist dadurch zu einer wichtigen Stütze für sämtliche dezentralen Anwendungen geworden. Nicht nur, aber besonders im Bereich Decentralized Finance (DeFi), wo Chainlink bereits über 600 Partnerschaften und Integrationen aufweist. Unter ihnen Aave, Synthetix und Curve, das nach Total Value Locked größte DeFi-Protokoll.

Aber auch Krypto-Börsen wie Kraken, Gemini und KuCoin beziehen ihre Price Feeds von Chainlink. Ebenso die Blockchains Ethereum, Binance Smart Chain, Cardano, Solana, Polkadot und Avalanche. In der langen Liste – Chainlink zählt insgesamt über 1.300 branchenübergreifende Integrationen und Partnerschaften – finden sich auch das internationale Zahlungssystem SWIFT, T-Systems der Deutschen Telekom, Swisscom, die Presseagentur Associated Press und die Google Cloud Plattform (GCP).

Nicht nur das breite Netzwerk verschafft Chainlink eine Monopolstellung. Das Oracle-Netzwerk von Chainlink ist nahezu konkurrenzlos. Die nächstgrößeren Oracle-Projekte mit ähnlichen Anwendungsbereichen sind UMA, WINkLink und API3, die es zusammengerechnet gerade einmal auf ein Siebtel der Marktkapitalisierung von Chainlink bringen.

Regulatorische Stolpersteine

Hinter Chainlink steht die Überzeugung, dass Smart Contracts über kurz oder lang analoge Prozesse in vielen Bereichen ersetzen. Überall dort, wo Daten sicher ausgetauscht werden und als Handlungsanweisung dienen, verspricht der Einsatz intelligenter Verträge effizientere, sicherere und transparentere Verfahren. Von der Verwaltung von Gesundheitsdaten und Urkunden über die Versicherungsbranche und Industrie 4.0 bis zum Identitätsmanagement. Das Potenzial in einer zunehmend digitalisierten Welt ist gigantisch und somit auch das für Chainlink, das nur durch regulatorische Hürden ausgebremst wird.

Denn Smart Contracts sind keine Verträge im juristischen Sinn und daher auch nicht anfechtbar. Solange die Gesetzgebung nicht nachbessert und Smart Contracts vertraglich unverbindliche „Rechenoperationen“ bleiben, dürfte ihr Einsatzgebiet überschaubar bleiben. Insofern ist ein Investment in Chainlink trotz seines weitverzweigten Netzwerks noch eine Wette auf die Zukunft.

Hybride Smart Contracts

Wie die aber für Chainlink aussehen könnte, hat Mitgründer Sergey Nazarov auf dem Smart Contract Summit im letzten Jahr skizziert. „Die Vision hinter Chainlink ist es, die Möglichkeiten von Smart Contracts zu erweitern, zu ergänzen und zu verbessern, um eine neue, fortschrittlichere Klasse von Smart Contracts zu ermöglichen, die als hybride Smart Contracts bezeichnet werden und die Einsatzmöglichkeiten von Blockchains und Smart Contracts erweitern.“

Für Nazarov werden die Schranken zwischen Off- und On-Chain immer durchlässiger, Smart Contracts zum Industriestandard und die Papiertiger bürokratischer Verwaltungsapparate zum Auslaufmodell. Dieser gewaltige Transformationsprozess im Datenmanagement schaffe laut Nazarov ein neues Verständnis von kryptografischer Wahrheit einer codegetriebenen und zensurresistenten Informationsbeschaffung – mit spürbaren Auswirkungen auf unsere Lebensumstände.

„Es geht nicht nur um Finanzen, Glücksspiele oder Versicherungen, sondern um die Art und Weise, wie die Welt funktioniert – und die Art und Weise, wie die Welt funktioniert, beeinflusst jeden.“ Papierverträge fressen personelle und zeitliche Ressourcen und fordern zudem ein hohes Maß an Vertrauen. Blockchains, Smart Contracts und Oracles sollen diese Vertrauensabhängigkeit abbauen: Code is law. Das erklärte Ziel von Chainlink besteht im Aufbau eines dezentralisierten Informationsnetzwerks, das eine transparente Kommunikation zwischen Blockchain-Netzwerken und der Außenwelt ermöglicht. DeFi ist nur der Anfang dieses Umbruchs: Für Nazarov werden irgendwann sämtliche Dokumente in Smart Contracts hinterlegt sein. Die Welt wächst durch die Blockchain zusammen – so die Vision.

Die Uhr tickt für Chainlink

So kühn die Vision, so ehrgeizig auch die Entwicklungsziele. Chainlink steht noch lange nicht am Ende der Roadmap. Noch dieses Jahr will Chainlink das Staking ermöglichen. Die Möglichkeit, Zinsen auf temporär gesperrte LINK-Einlagen zu generieren, könnte die Nutzeraktivitäten weiter ankurbeln und für einen Nachfrageschub für den Token sorgen. Mit Blick auf die Kursentwicklung scheint der auch noch Luft nach oben zu haben.

Unter den dreißig größten Kryptowährungen verbucht LINK auf Jahressicht zusammen mit Bitcoin Cash die schlechteste Performance. Verglichen mit diversen hypegetriebenen Metaverse-Token und lautstarken Meme-Coins hat Chainlink, das als stiller Smart-Contract-Begleiter eher im Dunkeln operiert, ein Marketingproblem. Umso steiler könnte die Wachstumskurve aber ausfallen, wenn LINK die angemessene Aufmerksamkeit erhält. Denn am Stellenwert im Krypto-Ökosystem besteht kein Zweifel. Das vom Oracle-Netzwerk abgesicherte Vermögen (Total value secured, TVS) hat in 2021 die Marke von 75 Milliarden US-Dollar überschritten – eine Verzehnfachung gegenüber 2020.

Disclaimer: Dieser Beitrag erschien zunächst in der Februar-Ausgabe des BTC-ECHO Magazins. Für die Online-Veröffentlichung wurde er entsprechend aktualisiert. Zum Magazin-Shop gehts hier entlang.

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