Rückblick 

9 Milliarden XRP und ein Taco-Stand: Warum Holder lange zittern mussten

Über acht Jahre verfolgte die XRP-Community einen der größten Abverkäufe ihrer Geschichte. Warum Ripple dabei jede Woche mitrechnete?

Jan-Malte Minnerup
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Beitragsbild: Stellar I Fotomontage

| Über acht Jahre verkaufte Jed McCaleb seine XRP-Bestände schrittweise über die Wallet "tacostand"

Jahrelang beobachteten XRP-Anleger eine Wallet mit einem Namen, der kaum zu ihrer Bedeutung passte. Was klingt wie ein mexikanisches Restaurant oder ein kulinarisch passender Schnellimbiss ist in Wahrheit eines der größten XRP-Vermögen überhaupt. Bis die Wallet mit dem ungewöhnlichen Namen „tacostand“ im Juli 2022 fast vollständig geleert war, wanderten von dort Millionen Token in kleinen Schritten auf den Markt. Die Geschichte dahinter begann rund ein Jahrzehnt zuvor. Ihr Protagonist war Jed McCaleb, einer der ursprünglichen Entwickler des XRP Ledgers. Als er Ripple verließ, verfügte er über neun Milliarden XRP, was für das Unternehmen und die Community zu einem jahrelangen Problem wurde.

Wie Jed McCaleb zu neun Milliarden XRP kam

Als die Kryptografen David Schwartz, Jed McCaleb und Arthur Britto 2011 mit der Entwicklung des späteren XRP Ledgers begannen, entschieden sie sich für einen grundlegend anderen Ansatz als Bitcoin. Beim Start des Netzwerks wurden einmalig 100 Milliarden XRP erzeugt und seitdem sollte es keine neuen Token mehr geben. 80 Milliarden XRP gingen später an das Unternehmen, aus dem Ripple hervorging. Die übrigen 20 Milliarden blieben bei den früheren Beteiligten. Allein McCaleb erhielt davon neun Milliarden XRP, was neun Prozent der gesamten jemals existierenden Menge entspricht. In einem später veröffentlichten Beitrag bestätigte McCaleb diese Größenordnung selbst.

Von den ursprünglich neun Milliarden XRP ist nur ein symbolischer Restbetrag geblieben I bithomp

Das war zunächst auch nicht sonderlich problematisch und vor allem eine außergewöhnlich große Gründerzuteilung. Brisant wurde sie erst, nachdem der Kryptograf das Unternehmen Ripple im Juni 2013 nach Streitigkeiten mit den beiden Mitgründern verlassen hatte. Die Vorstellungen über die weitere Entwicklung des Unternehmens gingen damals zu weit auseinander, um sich einigen zu können. Daher hat sich McCaleb an einem neuen Projekt zugewidmet, aus dem das später mit Ripple konkurrierende Stellar hervorging. Seine XRP verschwanden mit dem Abschied allerdings nicht.

Eine Ankündigung mit Folgen

Am 22. Mai 2014 veröffentlichte er einen kurzen Beitrag mit dem Titel „Selling my XRP“. Darin erklärte McCaleb, bereits einen Teil seiner ursprünglichen neun Milliarden Coins verschenkt oder gespendet zu haben, der eigentliche Verkauf seines verbliebenen Bestandes wollte er zwei Wochen später beginnen. Die Ankündigung erzeugte zum damaligen Zeitpunkt große Unruhe innerhalb der XRP-Community, auch weil sich der Markt kaum mit den heutigen Verhältnissen vergleichen ließ. Zum Zeitpunkt der Ankündigung lag der XRP-Kurs bei gerade einmal 0,006 US-Dollar und hatte eine zirkulierende Marktkapitalisierung von lediglich 47 Millionen US-Dollar. Außerdem lag das 24-stündige Handelsvolumen bei gerade einmal 350.000 US-Dollar.

Der Coin-Bestand von McCaleb hatte mit einem rechnerischen Gegenwert von 54 Millionen US-Dollar somit das Potenzial, den Kurs implodieren zu lassen. Entsprechend heftig fiel die Reaktion auf seine Verkaufsankündigung aus. Innerhalb einer Woche rutschte der Kurs um 36,5 Prozent auf einen Preis von 0,0041 US-Dollar ab. Zudem schoss das tägliche Handelsvolumen auf mehr als 1,1 Millionen US-Dollar nach oben und verdreifachte sich so.

Der Streit um McCalebs Milliarden

Um das Unternehmen vor einem möglichen Verkaufsdruck zu schützen, versuchte Ripple zu verhindern, dass der frühere Mitgründer seine verbliebenen Token innerhalb kurzer Zeit verkauft. Im August 2014 einigten sich beide Seiten schließlich auf ein Verfahren, bei dem die Verkäufe über Jahre gestreckt werden sollten. Dabei durfte McCaleb im ersten Jahr XRP im Wert von höchstens 10.000 US-Dollar pro Woche verkaufen, in den drei darauffolgenden Jahren stieg die Grenze auf 20.000 US-Dollar wöchentlich. Danach sollte sich die Grenze nicht mehr an Dollarbeträgen orientieren und wechselte zu einer festen Tokenmenge von zunächst 750 Millionen XRP pro Jahr.

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Vorgesehen war, dass dieser Wert noch auf bis zu zwei Milliarden Token jährlich steigt, aus dem Kompromiss entwickelte sich jedoch schon wenige Monate später der nächste Streit. Ripple warf seinem ehemaligen Mitgründer 2015 vor, gegen die vereinbarten Verkaufsbeschränkungen verstoßen zu haben. Daraus entwickelte sich eine juristische Auseinandersetzung, die erst im Februar 2016 mit einem neuen Vergleich und veränderten Bedingungen endete.

Warum alle auf „tacostand“ schauten

Anders als die bisherige Vereinbarung orientierten sich die erlaubten Verkäufe nun am tatsächlichen Handelsvolumen. Im ersten Jahr durfte McCaleb nur 0,5 Prozent dieses Volumens verkaufen. Anschließend stieg die Grenze zunächst auf 0,75 Prozent, später auf ein Prozent und nach dem vierten Jahr auf 1,5 Prozent. So durften mit zunehmender Größe und Liquidität auch mehr Token verkauft werden.

Für Anleger hatte die ungewöhnliche Konstruktion den Nebeneffekt, dass sie den Abbau eines der größten privaten XRP-Vermögen der Geschichte praktisch in Echtzeit verfolgen konnten. Im Mittelpunkt stand dabei die öffentlich bekannte Wallet „tacostand“, die sich über die Jahre zu einer Art Countdown innerhalb der Community entwickelte. Stieg das Handelsvolumen, durfte McCaleb mehr Token verkaufen, bei zurückgehender Aktivität verlangsamte sich der Abbau entsprechend. Aus dem verbliebenen Wallet-Bestand und den jeweils zulässigen Verkäufen ließ sich deshalb immer wieder neu hochrechnen, wie lange der ehemalige Ripple-Mitgründer noch brauchen würde.

Der Taco-Stand ist leer

Am 17. Juli 2022 war es schließlich so weit, dass alle XRP aus der „tacostand“-Wallet verkauft waren. Übrig geblieben ist lediglich ein symbolischer Restbestand von weniger als 100 XRP. Ripple nahm das Ende zwei Tage später selbst zum Anlass für einen Rückblick und wählte eine Überschrift, die den jahrelangen Countdown entsprechend zusammenfasste: „The Stand is Finally Out of Tacos“. Auch innerhalb der Community wurde das Ende des Abverkaufs gebührend gefeiert. Für einen Teil der XRP-Anleger hatte der 17. Juli beinahe den Charakter eines Feiertags, weil einer der größten Unsicherheitsfaktoren aus der Frühgeschichte des Projekts endgültig verschwunden war.

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