„Dezentralität ist ein dreitausend Jahre altes Thema “ – Interview mit Nathan Kaiser von Cardano

Dr. Philipp Giese

von Dr. Philipp Giese

Am · Lesezeit: 8 Minuten

Dr. Philipp Giese

Dr. Philipp Giese arbeitet als Chief Analyst für BTC-ECHO und ist auf die Bereiche Chartanalyse und Technologie spezialisiert. Der promovierte Physiker kann dabei auf jahrelange Berufserfahrung als technologischer Berater zurückgreifen. Zudem ist er zentraler Ansprechpartner im Discord-Channel von BTC-ECHO und pflegt als Speaker und Interviewer den Austausch mit Startups, Entwicklern und Visionären.

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Nathan Kaiser von der Cardano-Stiftung
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Nathan Kaiser ist Stiftungsratsvorsitzender für die Cardano-Stiftung und General Counsel bei der IOHK. Der Jurist hat einen besonderen Fokus auf die rechtlichen Aspekte von Kryptowährungen. Auf der Unchain-Convention hatte BTC-ECHO die Möglichkeit, mit ihm über das Spannungsfeld zwischen Regulierung, On- und Off-Chain-Governance zu diskutieren.

BTC-ECHO: Du bist seit 2017 in Cardano und der IOHK involviert. Vorher hast du aber auch im Bereich der Rechtswissenschaften gearbeitet. Wie bist du auf das Thema Kryptowährungen gekommen?

Nathan Kaiser: Ursprünglich stamme ich aus der Schweiz und bin gelernter Jurist. Seit 1999 arbeite ich als Anwalt außerhalb der Schweiz, in Asien – bin aber weiterhin auch in der Schweiz und in Deutschland als Anwalt zugelassen. Mit dem Thema Kryptowährungen bin ich durch einen Artikel in Wired über Bitcoin in Kontakt gekommen, Ende 2011 / Anfang 2012, als der Kurs bei etwa fünf US-Dollar stand. Aber mein Fokus lag auf den rechtlichen Fragestellungen. Also: Was genau ist Bitcoin, welche rechtlichen Rahmenbedingungen finden überhaupt Anwendung und wer darf was damit machen? Damals habe ich damit angefangen, für die Miner sogenannte Bitcoin-Lieferverträge zu erstellen. Das war lange vor dem heute bestehenden Ökosystem von Handelsplattformen – in Zeiten, in denen Miner ihre Rewards noch nicht so einfach veräußern konnten wie es heute der Fall ist.

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Mit der Zeit haben sich meine geschäftlichen Aktivitäten in dem Gebiet weiterentwickelt. Und so kam auch IOHK ins Spiel, die war nämlich ursprünglich einer meiner Klienten. Durch IOHK bin ich letztendlich auch mit Cardano in Kontakt gekommen. Im Jahr 2017 bin ich dann nach insgesamt 19 Jahren in Asien in die USA gegangen und habe dort als Fellow im Berkman Klein Center for Internet & Society in Harvard angefangen. Inzwischen stecke ich 90 Prozent meiner Zeit in den Krypto-Sektor.

BTC-ECHO: Und dort setzt du den Fokus auf Cardano.

Nathan Kaiser: Ja, so kann man das sagen. Ich trage aber ganz bewusst zwei Hüte: Erstens als General Counsel bei IOHK. Und zweitens bin ich Stiftungsratsvorsitzender der Cardano Stiftung in der Schweiz, wo ich dann die Interessen der IOHK als Stiftungsratsmitglied vertrete.

BTC-ECHO: Cardano ist in Bezug auf die Off Chain Governance ja schon etwas Besonderes. Charles Hoskinson kritisiert beispielsweise die Art der auf Vitalik Buterin fokussierten Governance bei Ethereum auch ganz offen. Ist das ein Grund, weshalb man bei Cardano die unterschiedlichen Organisationen gebildet hat?

Nathan Kaiser: Governance ist ein sehr spannendes und ebenso wichtiges Thema. Du hast recht: Das Aufsplitten des Ökosystems in drei Parteien – die Cardano-Stiftung, IOHK und Emurgo – geschah tatsächlich aus dem Gedanken, Cardano zu dezentralisieren. Aber ganz ehrlich, auch das ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber trotzdem: Man kann schon sagen, dass das Cardano-Projekt echt dezentralisiert ist. Alle drei Einheiten sind rechtlich selbständig, unabhängig voneinander und in verschiedenen Teilen der Welt angesiedelt. Die Cardano-Stiftung ist komplett unabhängig und in der Schweiz angesiedelt. IOHK und Emurgo weisen wiederum verschiedene Eigentumsverhältnisse auf. Der ursprüngliche Fokus lag auf dem asiatischen Raum, was man gerade bei IOHK und Emurgo weiterhin sieht. Die Cardano-Stiftung selbst ist ja in der Schweiz angesiedelt.  

BTC-ECHO: Ich denke, da kommt noch ein anderer interessanter Aspekt dazu. Denn der Anarcho-Kapitalist könnte ja jetzt behaupten: „Wieso hat man denn überhaupt solche Stiftungen?“ Ich könnte mir vorstellen, die Motivation von Cardano war es, ein dezentrales, aber auch geordnetes Ökosystem zu schaffen. Schließlich sind die Rollen ja ziemlich genau definiert. Und die IOHK ja dementsprechend auch eine non-profit-Organisation, oder?

Nathan Kaiser: Nein. Die IOHK ist ein normales Unternehmen. Die IOHK ist, eine Software-Firma, mit dem Zweck, Kryptowährungen zu entwickeln. 

BTC-ECHO: Die IOHK ist auch im Bereich der Forschung tätig.

Nathan Kaiser: Ja. Hier muss man dazu sagen, dass ursprünglich vorgesehen war, dass die Stiftung im Research-Bereich aktiver hätte sein sollen. Sprich, dass die Stiftung z.B.  Forschungsprojekte finanziert. Das hat leider zwei Jahre gedauert, bis das so richtig in Fahrt gekommen ist. Ab 2019 wird es aber in Sachen Research vorangehen.

Zur Governance noch eine Sache: Der Zustand der Governance wie er aktuell ist, soll ein Übergangszustand sein. Die feste Rollenverteilung soll später einem offeneren Modell weichen. Aber auch wir wissen noch nicht genau, wie dieses genau aussehen wird. Langfristig soll voraussichtlicheine Treasury gebildet werden, in derdezentral über verschiedene Staker entschieden werden kann, wie das in dieser Treasury gesammelte Geld verwendet werden soll. 

BTC-ECHO: Das erinnert mich an die Governance im Dash-Ökosystem. Da kann man ja auch sogenannte Proposals einreichen. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das im Cardano-Ökosystem ähnlich.

Nathan Kaiser: Richtig! Das langfristige Ziel – und da sind wir noch Jahre davon entfernt – ist, dass sich die Stiftung im Sinne einer DAO [Dezentrale Autonome Organisation] verselbstständigt.

BTC-ECHO: Du hast auf der Unchain-Convention zu On- und Off-Chain-Governance. On-Chain-Governance gilt als Steckenpferd der Krypto-Community. Aber es gab vor kurzem einen Artikel von Hasu, dass man auch die Off-Chain-Governance nicht außer Acht lassen sollte. Wie geht Cardano mit diesem Wechselspiel um?

Nathan Kaiser: Da sind wir aktuell mitten in der Forschung dazu. Man vergisst schnell, dass bereits in den letzten dreitausend Jahren viel geforscht wurde. Leider gibtes da in der Krypto-Community einen Nachholbedarf. Wenn ich sage dreitausend Jahre, dann meine ich „zurück zu den Griechen, den Römern oder zu Montesquieu“. Die haben sich nämlich eigentlich immer dieselben Fragen gestellt. Und zwar: Wir haben eine Community und diese Community sind letztlich immer Menschen. Das heißt die Blockchain ist keine Governance eines Systems das menschenleer ist, sondern wo es eigentlich letztlich nicht um Werte oder Codes, sondern um Menschen geht. 

BTC-ECHO: Gerade 2016, zur DAO, war das große Stichwort „The Code is the law“. Im Extrem gedacht, wollen dann manche die gesamte Juristerei über Smart Contracts regeln. Wenn man das tun würde, hätte man einen grausameren Rechtsapparat geschaffen als zu Zeiten von Hammurabi. Schließlich ist eine Grundannahme einer offenen Gesellschaft, dass der Rechtsapparat falsch liegen kann, dass also jedes Rechtssubjekt auch Widerspruch einlegen kann und jeder Richter auch haftbar ist. 

Nathan Kaiser: Da stimme ich Dir voll und ganz zu. Außerdem ist auch die Grundannahme, dass ein Smart Contract keine Fehler machen kann, inkorrekt. In der Vergangenheit wurde immer wieder die Unfehlbarkeit von Smart Contracts angepriesen. Und das ist absoluter Käse. Realität ist ja, dass ein Contractor den Smart Contract im Auge des Bestellers immer noch ungenügend ausführen kann. Derartiges kann in einem Smart Contract schwierig implementiert werden. 

BTC-ECHO: Stichwort On- und Off-Chain-Governance. Ich kann mir vorstellen, dass diese Themenkomplexe – sowohl On-Chain als auch Off-Chain – im Dialog mit den Behörden ein wichtiges Thema sind. Könnte man im Augenblick sagen, dass ein Grund für die geringe Krypto-Adaption in der schlechten Governance begründet liegt?

Nathan Kaiser: Ich denke, dass die Regulierung gegenwärtig nicht das größte Problem für die Krypto-Adaption ist. Ich glaube, der eigentliche Grund liegt immer noch in der Technik selbst begründet. Wir stehen hier immer noch am Anfang. Am Problem mit der Regulierung sind eigentlich alle schon dran. Die echten Herausforderungen sind die Skalierbarkeit, die allgemeine Nutzerfreundlichkeit und die Benutzeroberflächen. Bevor man etwaige Laien regulatorisch schützen muss, müssen sie erst mal das System nutzen können. Und hier existieren bezüglich Usability noch zu viele Stolpersteine. 

BTC-ECHO: Im Augenblick kann man also sagen, wer Kryptowährungen wie Bitcoin nutzt, weiß ohnehin was er oder sie tut. Da muss der Regulator auch nicht groß schützen oder?

Nathan Kaiser: Ich denke, es ist nicht so, dass Projekte aufgrund der Regulierung scheitern. Es gibt Hürden, es ist mühsam, aber letztlich geht es – zumindest in den Industriestaaten – schon. Natürlich gibt es mit China, Indien und Russland auch einzelne Ausreißer, in denen nicht jedes Krypto-Projekt realisierbar ist. Streng genommen können Gründer aus diesen Gebieten ihre Projekte in einem anderen Staat realisieren.

BTC-ECHO: Ein dritter Schwerpunkt von dir ist das Thema Privatsphäre und Identität. Inwiefern kann Blockchain deiner Meinung nach eine Lösung in diesem Themenkomplex darstellen? Stehen da nicht Dinge wie die DSGVO im Weg? 

Nathan Kaiser: Ich rede in diesem Zusammenhang immer von neuen Blockchain-Lösungen wie zk-SNARKs. Aber ich muss auch ganz klar sagen: Ich bin weder Kryptograph noch Technologe; ich bin und bleibe Anwalt. Zk-Snarks gibt es bereits seit Jahren – kryptographisch sind die ein alter Hut. Anwendungsfälle gibt es allerdings derzeit kaum, die kommen jetzt erst so langsam. Als Beispiel: Monero, ZCash, Dash, etc. Ich denke beim Thema Privatsphäre sind wir von Cardano vorne mit dabei. Hier wird bereits geflickt, was bei Bitcoin noch nicht geflickt werden konnte – einfach, weil es dafür bisher zu früh war.

Im Gegensatz zu vielen anderen Coins kann man bei Bitcoin allerdings sagen: Es funktioniert! Bei den zk-SNARKs sieht man nun, wie man die in verschiedene Blockchains integrieren kann. Und die zk-SNARKs sind schon ein Weg, das Bitcoin-Privacy-Problem eben auf anderem Wege zu lösen.

Zum Datenschutz: Ich würde das Problem DSGVO unabhängig von der Technologie trennen. Sollte man beispielsweise merken, dass zk-SNARKs durch neue Technologien wie Quantencomputer entschlüsselt werden können, ist es ein Problem der Technologie, nicht der Juristerei. Es muss dann eben mit einem neuen Algorithmus gearbeitet werden, der quantum safe ist. 

BTC-ECHO: Ich hatte ja vorher gesagt, dass Charles Hoskinson sich scharf gegenüber Vitalik Buterin als „Benevolent Dictator“ geäußert hatte. Was ist Charles Rolle bei Cardano?

Nathan Kaiser: Er ist für mich schlicht der Vordenker bei Cardano. Er denkt einfach noch fünf Schritte voraus. Aber er hat keine absolute Rolle wenn auch eine sehr wichtige Stimme. Im Kosmos von Cardano findet ein dezentraler, offener Dialog statt, zwischen den drei Organisationen, der Cardano Community, und auch mit Charles Hoskinson.wir alle haben ein gemeinsames Ziel, das Cardano-Projekt erfolgreich zu machen. Alles auf Augenhöhe. 

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Lieber Nathan, herzlichen Dank für das Gespräch!

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