„Bitcoin ist eine Evolution des Geldes“: Cryptocurrency Researcher Hasu im Interview

„Bitcoin ist eine Evolution des Geldes“: Cryptocurrency Researcher Hasu im Interview

Hasu ist unabhängiger Autor, Ex-Pokerprofi und Evil Morty in Personalunion. Er forscht zu Bitcoin & Co. und veröffentlicht die Ergebnisse auf seinem Blog uncommoncore.co, den er gemeinsam mit Su Zhu betreibt. Mit über 12.400 Followern auf Twitter gehört Hasu zu den profiliertesten Bitcoinern im deutschsprachigen Raum. BTC-ECHO hat ihn zum Interview getroffen.

Wir sprachen mit Hasu über freie Märkte, die Cashless Society und warum es nicht schlimm ist, dass ihr euren Kaffee noch nicht mit Bitcoin bezahlen könnt.

BTC-ECHO: Was fasziniert dich an Bitcoin?

Hasu: Geld ist ein wahnsinnig wichtiges Wirtschaftsgut. Da alles gegen Geld gehandelt wird, macht es die Hälfte aller Transaktionen aus. Und trotzdem wissen wir überhaupt nicht so genau, was Geld eigentlich ist. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Verbraucher keine Wahl haben, welches Geld sie nutzen möchten. Denn in der Regel ist Geld ein monopolistisches Gut, das von Regierungen oder Zentralbanken herausgegeben wird, ein Wettbewerb wie bei anderen Gütern existiert nicht.

Und da setzt Bitcoin an: Es ist der Versuch, eine Währung zu schaffen, die ohne die Zustimmung von Staaten und Banken funktionieren kann. Sofern man an den freien Markt glaubt, ist man auch der Überzeugung, dass die Produkte im freien Wettbewerb besser werden. Und deshalb glaube ich auch, dass freie Märkte ein besseres Geld hervorbringen können als [monopolistisch agierende] Zentralbanken.

Private Geldformen anzubieten, ist allerdings kein neues Phänomen. Die Neuerung an Bitcoin ist aber, dass diese Form von Geld durch seine Dezentralisierung dem Widerstand von Nationalstaaten standhalten kann.

BTC-ECHO: Bitcoin ist ein komplexes Konstrukt, das kognitiv schwer zu durchdringen ist. Wo war bei dir der Punkt, an dem es „klick“ gemacht hat und dir klar wurde, dass Bitcoin wohl gekommen ist, um zu bleiben?

Hasu: Wie angedeutet war dieser Moment, als ich versucht habe, zu hinterfragen, was Geld eigentlich ist. Ich habe festgestellt, dass Geld ein Wirtschaftsgut wie jedes andere ist und auch vom freien Markt bestimmt werden sollte. Es ist auch ziemlich interessant, sich anzuschauen, welche Eigenschaften gutes Geld ausmachen, welche Eigenschaften Menschen an Geld schätzen und welche weniger vorteilhaft sind.

Was macht zum Beispiel den Euro besser als die Türkische Lira? Wenn man darüber nachdenkt, beginnt man schon damit, die Eigenschaften von gutem Geld aufzuschlüsseln. In freien Märkten würde sich dann wohl gutes Geld durchsetzen, denn der Verbraucher hält natürlich eher Geld, dessen Eigenschaften er für vorteilhaft hält.

Durch die Auswahlmöglichkeiten der Verbraucher ergeben sich dann Vorteile für Individuen, um von gutem Geld zu profitieren – eine robustere Weltwirtschaft beispielsweise – und natürlich für Anleger, die in dieser frühen Phase von Investitionen in Bitcoin profitieren können.

„Bitcoin kann man als das seltenste Asset der Welt bezeichnen.“

BTC-ECHO: Bitcoins Eigenschaften unterscheiden sich von Fiatgeld zum Teil enorm. Welche Eigenschaften machen Bitcoin zu gutem Geld? Was ist Bitcoins wichtigste Eigenschaft?

Hasu: Ich würde sagen, Bitcoins wichtigste Eigenschaft ist seine Zensurresistenz. Zudem denke ich, dass die 21-Millionen-Cap bei Bitcoins Adaption wohl ziemlich hilfreich war. Auf der Welt gibt es kein anderes Asset, das nachweisbar endlich ist – somit kann man Bitcoin als das seltenste Asset der Welt bezeichnen. Und das ist schon interessant: Wenn man bedenkt, dass es wahre Seltenheit nur im Digitalen geben kann, widerspricht das der Intuition. Denn Dateien können kopiert werden, Regeln können geändert werden.

Andererseits kann man nur im digitalen Bereich die Regeln derart absolut gestalten, dass sich so etwas wie Knappheit mathematisch nachweisen lässt.

So sieht es aus, wenn man nach dem seltensten Asset der Welt sucht.

„Jeder Mensch sollte die Freiheit besitzen, selbst entscheiden zu können, welches Geld er nutzt.“

BTC-ECHO: In Ländern wie Venezuela liegt Bitcoins Wertversprechen auf der Hand. Dort würde Bitcoin wohl schon heute besser funktionieren als die staatliche Währung. Siehst du auch für Industriestaaten wie die USA, die hinreichend gut funktionierende Währungen haben, einen Use Case für Bitcoin?

Hasu: Philosophisch betrachtet, hat BTC auch in Ländern mit vergleichsweise stabilen Währungen seine Berechtigung; allein deshalb, weil ich denke, dass jeder Mensch die Freiheit besitzen sollte, selbst entscheiden zu können, welches Geld er nutzt.

Du hast aber gute Gründe genannt, weshalb die Bitcoin-Adaption in Ländern der ersten Welt viel langsamer vorangehen wird als anderswo. Denn hier [in Industriestaaten] hat man schlicht weniger zu gewinnen, wenn man Bitcoin nutzt. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns viel weniger mit Geld auseinandersetzen. Es besteht einfach keine Notwendigkeit.

Jemand, der in einem Land wohnt, in dem sein Geld monatlich zehn Prozent seiner Kaufkraft einbüßt – wie aktuell in der Türkei der Fall – der muss aktiv darüber nachdenken, wie er sein Vermögen schützt. Dort wird man dann viel schneller die sinnvollen Alternativen entdecken.

Aber auch in Staaten wie Russland oder China gibt es Bitcoin Use Cases für sogenannte High Networth Individuals, also sehr reiche Personen. Für solche Personen könnte es sich jetzt schon lohnen, einen Teil ihres Geldes in Bitcoin zu speichern, um Enteignungen vorzubeugen.

Für Bürger von Industriestaaten dürften die Vorteile von BTC allerdings trotzdem nicht groß genug für eine breite Adaption sein.

Ich würde noch tiefer gehen und sagen, dass Bitcoin mit Nationalstaaten konkurriert, nicht mit Zentralbanken. Nationalstaaten sind die wahren Gatekeeper des bestehenden Finanzsystems. Zentralbanken existieren, um in ihrem Interesse zu handeln.

BTC-ECHO: Auch nicht langfristig?

Hasu: Wenn wir sehr langfristig denken, dann schon. Derzeit ist die Volatilität der größte Kostenfaktor für Bitcoin-Investoren und verlangsamt so die Adaption. Bitcoin ist noch ziemlich klein im Vergleich zu anderen Währungen, der größte Teil seines Werts stammt aus Spekulationen. Und das sorgt dafür, dass der Kurs relativ volatil ist. Der jetzige Kurs enthält ja nicht nur die derzeitige Adaption, sondern auch die Erwartungen des Markts für zukünftige Adaption und das unterliegt zu einem großen Maße dem Optimismus oder Pessimismus der Spekulanten.

Je größer Bitcoin wird, desto mehr ändert sich das Verhältnis von aktueller Größe zu verbleibendem Wachstumspotential. Dadurch wird Bitcoin immer weniger volatil. Sobald Bitcoin dagegen wertstabil ist, muss ich mir keine Gedanken über reale Vermögensverluste bei Kursschwankungen machen. Dann zeigen sich die Vorteile gegenüber dem klassischen Geldsystem [Zensurresistenz, Permissionlessness] und ich bin viel eher bereit, Bitcoin zu halten. Langfristig könnte sich Bitcoin wie so eine Art Pacman seine Mitbewerber nach und nach einverleiben. Erst kleinere, schwache Währungen wie die Türkische Lira, aber mit wachsender Größe könnte Bitcoin auch mit dem Euro, dem US-Dollar oder dem Japanischen Yen konkurrieren.

„Bitcoin ist eine völlig neue Art von Geld.“

BTC-ECHO: Auf deinem Blog schreibst du auch über die sogenannte Cashless Society [ein Phänomen, welches auf das Verschwinden des Bargelds aus der Gesellschaft abstellt]. Inwiefern könnte Bitcoin eine Art Absicherung gegen die bargeldlose Gesellschaft sein?

Hasu: Ich habe den Eindruck, dass heute Effizienz immer wichtiger wird – und damit nimmt die Bedeutung von Mittelsmännern zu. Die Nachteile werden dabei gerne verdrängt. In jeder digitalen Transaktion mit einem Mittelsmann muss uns klar sein, dass dieser Daten über uns aufzeichnet und auswertet, Transaktionen blockieren oder sogar Konten einfrieren kann.

Die bargeldlose Gesellschaft wird – vereinfacht gesagt – vor allem von drei mächtigen Gruppen gewünscht: Zahlungsdienstleister wie Visa oder MasterCard verdienen an jeder Transaktion eine kleine Gebühr. Werbe-Giganten wie Google und Facebook wollen die zusätzlichen Daten, um unsere Aufmerksamkeit noch gezielter verkaufen zu können. Und Staaten und Geheimdienste träumen von nahtloser Überwachung, um Verbrechen zu verhindern, bevor sie geschehen. Das sind also mächtige Lobby-Gruppen, die mit vereinter Stimme sprechen können, während Bargeld nur dem Einzelnen nützt.

Um zur Ursprungsfrage zurückzukommen: Die Effizienz von digitalen Zahlungen ist ja etwas Tolles. Allerdings muss uns klar sein, was wir damit an Souveränität aufgeben. Daher ist es interessant, zu erforschen, wie man beide Vorteile erhalten kann. Hier kommt meiner Meinung nach Bitcoin ins Spiel, weil es eine völlig neue Art von Geld ist. Bitcoin ist keine Revolution, sondern eher eine Evolution von Geld. Mit digitaler Zahlung und Bargeld vereint er zwei Arten von Geld, die vorher als unvereinbar galten.

Auch die Rai-Steine dienten auf den Yap-Inseln des Ulithi-Atolls als Geldmittel. Wert übertrugen die Einwohner, indem sie die Besitzverhältnisse in ein Kassenbuch eintrugen – das erinnert an Bitcoin.

BTC-ECHO: Wer meint, Bitcoin verstanden zu haben, ist meist überzeugt, dass die Währung auch in 20 Jahren noch existiert. Gibt es deiner Meinung nach gute Gründe, das Gegenteil anzunehmen? Was sind aus deiner Sicht die größten Risiken für Bitcoin?

Hasu: Das war tatsächlich die Methode, die ich anfangs angewandt habe. Ich habe versucht, mir Gründe auszumalen, wieso Bitcoin scheitern könnte – und sie dann entkräftet. Und ehrlich gesagt, ich finde das ziemlich schwer. Anfangs habe ich deutlich mehr Gründe gesehen, die haben aber mit der Zeit ihre Wirkung verloren.

Viele sehen das Risiko, dass Bitcoin verboten wird. Aber selbst dann könnte man Bitcoin noch benutzen [Radiowellen, Blockstream, Peer-to-Peer-Plattformen wie bisq oder LocalBitcoins würden auch bei Verboten Handel ermöglichen]. Außerdem wären Verbote ziemlich kostspielig. Denn bei Bitcoin gibt es keinen zentralen Angriffspunkt.

Ein zweiter Punkt ist die Skalierung. Alle dezentralen Systeme skalieren langsam, da nimmt sich Bitcoin nicht aus. Bitcoin skaliert, so gut es geht – aber eben langsamer als zentralisierte Projekte. Trotzdem würde ich sagen, dass Bitcoin diejenige Blockchain ist, die von allen am leichtesten skalierbar ist. Nirgendwo sonst kann man mit so wenig Bytes so viel Wert transportieren wie bei Bitcoin. Das macht die Blockchain „leicht“ und sorgt für eine potenziell schnellere Skalierbarkeit als bei Projekten wie Ethereum.

Ein dritter Punkt wäre Proof of Work. Bitcoin benutzt Proof of Work, um Änderungen im zentralen Ledger künstlich teuer zu machen, sodass nur ehrliche Miner sich dies leisten können [und für ihre Ehrlichkeit in Form von BTC-Ausschüttungen belohnt werden, Anm. d. Red.]. Dies ist ein zentraler Aspekt, ohne den Bitcoin nicht funktioniert, und somit in den Augen von Bitcoin-Nutzern natürlich keine Verschwendung (sie selbst bezahlen ja für die verbrauchte Elektrizität). Das wird allerdings noch von vielen Skeptikern missverstanden und ist somit politisch gesehen ein Angriffspunkt.

„Ob ich meinen Kaffee mit BTC bezahle, hat mit Bitcoin nicht viel zu tun.“

BTC-ECHO: Häufig spricht man von der sprichwörtlichen Tasse Kaffee. Glaubst du, in zehn Jahren kaufen wir Kaffee mit Bitcoin?

Hasu: Ich finde die Debatte ehrlich gesagt etwas mühselig. Denn hier geht es um den Teil des Zahlungsverkehrs, der es am wenigsten nötig hat, Konkurrenz zu bekommen. Es gibt unglaublich viele Lösungen, Kaffee zu bezahlen. Da sind wir bereits viel näher am Optimum. Bitcoin kann da kaum angreifen oder eine bessere Alternative schaffen.

Bitcoin konkurriert mit den niederen Ebenen [Basisgeld, man spricht von M1]. Eine neue Fiatwährung kann man nicht so leicht anbieten wie ein neues Zahlungssystem für Kaffee. Ob ich meinen Kaffee mit BTC bezahle, hat mit Bitcoin nicht viel zu tun. Das wäre eine tragische Verschwendung von Potenzial. Irgendwann kann das kommen; vorher darauf zu optimieren, wäre aber der völlig falsche Weg.

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