Sheila Warren (WEF) „Wesentliche Teile unseres Systems sind kaputt.“

Dana Hajek

von Dana Hajek

Am · Lesezeit: 10 Minuten

Dana Hajek

Dana absolviert ihr Masterstudium in Journalismus, Medien und Globalisierung an der City University in London. Sie ist überzeugt, dass Blockchains ein gewaltiges Nutzungs- und Transformationspotenzial aufweisen und in nur wenigen Jahren die Welt auf den Kopf stellen werden.

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Quelle: BTC-ECHO | CMK

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Das „Zentrum für die vierte industrielle Revolution“ des World Economic Forum beschäftigt sich mit den Herausforderungen der Ökonomie Zukunft. Besonders bekannt ist es durch das jährliche Treffen im schweizerischen Davos, bei dem der private und der öffentliche Sektor aufeinandertreffen, um sich Fragen zu Politik und Regulierung im Bereich neuer Technologien zu widmen. Sheila Warren ist Head of Blockchain, Digital Currency und Data Policy des WEF. Im Gespräch mit BTC-ECHO verrät sie die Ergebnisse von Davos 2020, umstrittene Erkenntnisse zur Blockchain und erklärt, warum die Technologie in der Coronavirus-Bekämpfung ein riesiges Unterfangen wäre.

BTC-ECHO: Du bist Harvard-Absolventin, ausgebildete Juristin und Expertin für Entwicklungsökonomie. Außerdem hast du in der Vergangenheit an der Wall Street und für große US-Hedgefonds gearbeitet. Kannst du erzählen, wie du im „Zentrum für die vierte industrielle Revolution” des World Economic Forums gelandet bist?

Sheila Warren: Das ist eigentlich ganz witzig. Ich komme nämlich nicht aus dem Finanz- oder FinTech-Bereich, sondern bin über den Datenschutz zur Blockchain gekommen. Vor acht Jahren zog ich aus beruflichen Gründen ins Silicon Valley und arbeitete im Gemeinnützigkeitsrecht, also an innovativen Business-Modellen für wohltätige Unternehmen. Eines der Produkte, die ich über das Start-up Techsoup entwickelten, heißt NGOSource und macht den Verkehr von landesübergreifenden Spendengeldern effizienter. Davor gab es massive Verluste und Verschwendung von Geldern, welche aufgewendet wurden, um Transfers sorgfältig und sicher zu prozessieren. Alle Daten sollten privat, anonym und geschützt – und gleichzeitig zensurresistent bleiben. So kam ich zur Blockchain-Technologie.

BTC-ECHO: Dein Blockchain-Team beim World Economic Forum ist noch relativ jung – es wurde 2017 gegründet. Wie genau positioniert ihr euch inmitten des Hypes in der Branche?

Sheila Warren:Team“ ist gut. Als ich beim WEF anfing, war ich das Team. Ein Jahr später auf dem Gipfel in Davos 2018 redete auf einmal jeder wie verrückt nur noch über Blockchain. Dabei lag mir vor allem am Herzen, uns als wichtige, aber objektive und neutrale Stimme in der Branche zu positionieren. Daher hieß mein erstes Paper, welches ich dort präsentierte, „Blockchain beyond the Hype”.

BTC-ECHO: Das bedeutet, dein Blockchain-Department befürwortete von Anfang an die Technologie? Kamen zwischendrin auch mal Zweifel auf?

Sheila Warren: Das Blockchain-Department am WEF besteht aus pragmatischen Optimisten! Wir sind uns sicher, dass die Technologie unsere Gesellschaft transformieren wird. Allerdings ist das alles eine Frage der Zeit. Die Zeitspanne wird sich deutlich länger hinziehen, als es einige Leute annehmen oder behaupten. Wenn du versuchst, fest etablierte Systeme mit vielen Anreizen umzuwandeln, die darauf abzielen, dieses aufrechtzuerhalten, gestaltet sich eine Veränderung schwierig. Sowas passiert eher von einem kleinen Stück zum nächsten. Über Nacht wird sich garantiert nicht alles ändern.

BTC-ECHO: Gegenwärtig brachte das Coronavirus dafür über Nacht das politische und wirtschaftliche System Chinas und der restlichen Welt komplett durcheinander. Glaubst du, dass die Blockchain-Technologie helfen könnte – mit der dauerhaften Aufzeichnung medizinischer Daten beispielsweise –, das Virus zu bekämpfen?

Sheila Warren: Die Blockchain-Technologie kann das Problem der Datenhygiene oder -verfügbarkeit nicht lösen. Damit eine Blockchain in einer solchen Situation helfen kann, müsste das entsprechende Personal, also Patienten, Ärzte und Gesundheitsbehörden, sich bereit erklären, vollständige und genaue Daten einzureichen. Und zwar so, dass sie für die Nachverfolgung der Verbreitung und/oder die Suche nach einem Heilmittel hilfreich wären.

Außerdem hat die Erhebung von Gesundheitsdaten beträchtliche Auswirkungen auf die Privatsphäre. Somit solltest du dir genau darüber im Klaren sein, was dort gesammelt wird und wie die Daten anonymisiert und aggregiert wurden. Im Fall dieses Virus würdest du Tonnen an Menschen, wie die Kreuzfahrtpassagiere der Diamond Princess, befragen, die keine Symptome aufweisen. So müsstest du ihre Daten über einen Zeitraum verfolgen, für den Fall, dass die Symptome ausbrechen. Das ist ein riesiges Unterfangen und ein gutes Beispiel für die Veränderungen im System, die ich zuvor erwähnte. 

BTC-ECHO: Ich habe gelesen, dass euer Blockchain-Projekt in Medellin von der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) und dem kolumbianischen Generalinspektorat in einem Multi-Stakeholder-Prinzip unterstützt wird. Wie schafft es das WEF, sich „objektiv und neutral” zu positionieren, während es mit den unterschiedlichsten Regierungsorganisationen und Banken zusammenarbeitet?

Sheila Warren: Im Forum gehen wir mit allem, sei es Erfolg oder Fehlschlag, öffentlich. Wir sind keinem Risiko ausgesetzt, sei es finanziell oder anderweitig, wenn wir unsere Vorhaben erreichen wollen. Denn mit den Projekten verfolgen wir keine wirtschaftlichen Gewinne oder haben finanzielle Knotenpunkte mit Institutionen und Unternehmen, die wir betreuen. Selbst wenn sich der ganze Staat auflösen würde, wären wir nicht betroffen. Das bedeutet, wir befinden uns in einer Position, in der wir tatsächlich objektiv und neutral über all diese Themen sprechen können. Das WEF ist einer der wenigen Orte, der Expert*innen versammelt, die in keiner Weise finanziell in die Prozesse involviert sein dürfen.

BTC-ECHO: Du sagtest in einem Interview, dass der Verlust des öffentlichen Vertrauens eine der größten Krisen ist, mit der wir konfrontiert sind. Heute werden weltweit etwa 6 Prozent des BIP in Finanzsysteme gezahlt, um das Vertrauen sogfältig zu verwalten. Glaubst du, dass die Blockchain dieses Problem lösen könnte?

Sheila Warren: Dazu kann sie auf jeden Fall beitragen. Es reicht jedoch nicht aus, Informationen einfach nur transparenter zu machen. Man muss verstehen, was man da transparent macht und warum und für wen. Aber es gibt Wege, wie mehr Transparenz zu mehr Rechenschaftspflicht führen kann. Das hilft schwindendem öffentlichen Vertrauen entgegenzuwirken.

BTC-ECHO: Gibt es digitale Projekte, die beim WEF momentan auf der Agenda stehen? Ich habe gehört, im April findet ein Gipfel in San Francisco statt, ein wichtiger Monat für das Forum.

Sheila Warren: Das wird ein verrückter Monat. Seit 1,5 Jahren arbeiten wir an verschiedenen Dingen, darunter sind die wichtigsten drei: ein Blockchain Deployment Toolkit, das sich auf Logistik und Lieferketten konzentriert und klärt, was bei der Einführung einer Blockchain beachtet werden muss. Dabei ist das gröbere Konzept, dass verschiedene Länder auf dem Toolkit basierend eigene Versionen entwickeln und sie für öffentliche Bereiche, wie die Energiegewinnung, anwenden können.

Das zweite große Thema ist unser Pilotprojekt in Medellin, Kolumbien. Im Prinzip ist es das, was ich in der vorherigen Frage erklärt habe. Wir konzentrieren uns auf das öffentliche Auftragswesen. Übergeordnetes Ziel der Technologie wäre die Korruptionsbekämpfung und die bisher undurchsichtige Verwaltung öffentlicher Gelder transparent zu machen. Ob wir mit dem Experiment erfolgreich sein werden, wissen wir noch nicht. Denn, wie gesagt, ein rein transparenter Zugang zu Information bringt uns erstmal nichts. Der Erfolg wäre am Ende mit der Information handlungsfähig zu werden und Entscheidungsträger zur Rechenschaft ziehen zu können.

Darüber hinaus entwickelten wir auch ein Policy-Maker Toolkit für digitale Währungen von Zentralbanken (CBDC), das in enger Zusammenarbeit mit 40 Zentralbanken entstand. So können sie in einer detailreichen Analyse feststellen, ob eine CBDC bei ihren Anliegen hilfreich sein könnte. Überraschenderweise ist sie das nämlich häufig nicht.

BTC-ECHO: Werden CBDCs deiner Meinung nach langfristig bessere Chancen haben als Stable Coins?

Sheila Warren: Ehrlich gesagt werden wir uns eher von CBDCs wegbewegen und mehr auf Stable Coins setzen. Mit CBDCs haben wir begonnen, weil wir Zentralbanken mit der Technologie vertraut machen wollten. Denn das ist ausschlaggebend, um zu verstehen, wie mögliche Szenarien zukünftig aussehen könnten. Mittlerweile verfügen Banken über ein gutes Fachwissen. Jetzt würden wir uns gerne mehr auf etwas anderes konzentrieren: die wirklichen Kosten, Risiken und Vorteile von CBDCs im Vergleich zu Stable Coins.

BTC-ECHO: Lass uns kurz rückblickend über den Gipfel 2020 in Davos sprechen. Was waren die wichtigsten Ausgänge für den digitalen Finanzbereich?

Sheila Warren: Ach du meine Güte, so viele! Ich habe das ganze Panel unter dem Namen „Creating a Credible and Trusted Digital Currency” moderiert. Sprecher waren unter anderem Tharman Shanmugaratnam, Vorstandsvorsitzender der Zentralbank Singapurs, der Head von Facebooks Calibra David Marcus und Benoît Coeuré von der Bank for International Settlements (BIS).

Wir sprachen über Tokenisierung und digitale Vermögenswerte. Was jetzt auch immer größere Wellen schlägt, ist alles rund um DeFi. Natürlich war auch Libra im Gespräch. Dabei waren wir uns einig: Regulatorische Regeln sollen durchgesetzt werden, allerdings benötigen wir Ansätze, die Innovationen wie diese auch gleichzeitig fördern.

BTC-ECHO: Was ist dein Standpunkt zu Libra, auch im Rahmen der Diskussion in Davos?

Sheila Warren: Ganz ehrlich: Ist es überraschend, dass Facebook eine digitale Währung herausgibt? Natürlich nicht. Ich finde es schade, dass das Projekt der Libra Association zurückgestuft wurde – und diese Meinung teile ich mit vielen. Ich kenne die Leitenden der Association und ich weiß, dass sie es wirklich ernst meinen. Wenn es am Ende nicht Libra ist, steigt jemand anderes ein. Ähnlich wie bei dem Myspace-Facebook-Problem: Ob es das eine ist oder das andere, irgendwas wird es sein. Das ist sicher.

BTC-ECHO: Du hast dich in deiner Ausbildung auf Entwicklungsökonomie spezialisiert. Insbesondere in Schwellenländern gibt es viele Bankenlose. Dort seien digitale Währungen wie Facebooks Libra nützlich. Siehst du das auch so?

Sheila Warren: Dabei muss man erstmal schauen, was die tatsächlichen Probleme in den Wirtschaften von Schwellenländern sind und ob digitale Währungen sie überhaupt lösen könnten. Ich rede von Geldtransfer, finanzieller Inklusion und Mikrozahlungen beispielsweise. Wie gesagt, auch da bleiben wir objektiv und sind nicht direkt in die Entwicklungshilfe mit eingebunden. Andere relevante Fragen betreffen die Sicherheit, Terrorismus-Finanzierung oder KYC AML. Geht mit digitalen Währungen ein gewisser Grad an Sicherheit drauf? Ist KYC AML wirklich so sinnvoll, wie manche denken? Antworten auf diese Fragen folgen im April.

BTC-ECHO: In einem Gespräch erwähntest du, es sei wichtig, die Blockchain-Technologie korrekt einzusetzen und nicht die gleichen Fehler aus der Vergangenheit zu machen. Welchen Problemen stehen wir gerade gegenüber?

Sheila Warren: Ich finde, wir sehen eine ungeheure Anzahl an Blockchain-Anwendungen, die dem Aktionärskapitalismus zum Opfer fallen. Dies ist eine inakzeptable Form von institutionalisiertem Egoismus, in dem nur einzelne Individuen, Miner, Protokolle oder wer auch immer Wert schöpfen. Wir befürworten viel mehr das Modell des Stakeholder-Kapitalismus. So wollen wir einen Wert entlang der Wertschöpfungskette schaffen, von dem alle Teilhaber*innen profitieren. Denn wenn du Wert bietest, solltest du auch einen tatsächlichen Wert zurückbekommen. Und zwar nicht einzig als Verbraucher*in.

BTC-ECHO: Spielst du auf den Flash Loan aus dem Decentralized-Finance-Bereich an?

Sheila Warren: Ich finde das faszinierend, denn es ist eine neue Form der Arbitrage. Flash Loans geben Anstöße, unser System zu überdenken. Es handelt sich nicht nur um Randgruppen-Denkern*innen oder ein tiefgreifendes Engagement in dem Bereich, das das Konzept von DeFi populär gemacht hat. Die wirklichen Gründe dahinter sind ganz einfach: Wesentliche Teile unseres Systems sind kaputt. Sie funktionieren nicht. Das müssen wir erkennen.

BTC-ECHO: Wie stellst du dir eine ideale Krypto-Regulierung vor?

Sheila Warren: Wir brauchen mehr Flexibilität und Agilität in Regulierungen, um mögliche Chancen rechtzeitig zu ergreifen und nicht zu blockieren. Dabei wird häufig der Finanzbereich angeführt, ich spreche eher von der Datenperspektive. Denn meistens ist es die Datenpolitik, die eine Einführung der Blockchain verhindert. Natürlich beschreibe ich es gerade als Schwarz und Weiß, so ist es nicht, es gibt immer Pro und Kontra. Nur finde ich es wichtig, dass wir in dem Bereich die richtigen Punkte miteinander verknüpfen. Manche Datenschutz-Gesetze funktionieren für ein Plattform-Modell gut, aber bedeuten ein Problem für ein Blockchain-Modell.

BTC-ECHO: Was ist deine umstrittenste Meinung zu Blockchain und Kryptowährungen?

Sheila Warren: Ich bin ein Fan von Bitcoin. Das mag für einige sehr umstritten sein und für die anderen überhaupt nicht! 

BTC-ECHO: Wird 2020 das Jahr sein, in dem die Blockchain ihren Hype überwindet?

Sheila Warren: Wir sehen einen erfrischenden neuen Fokus im Bereich. Die Bereitschaft, Einschränkungen anzuerkennen und anzugehen. Ich denke, der anfängliche Hype-Zyklus hat seinen Höhepunkt erreicht, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.


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