Was ist die technische Kursanalyse oder Chartanalyse?

Reich werden mit Bitcoin und Altcoins – Hand aufs Herz, für viele von uns ist oder war das die erste Motivation, uns mit Bitcoin, Kryptowährungen und schließlich mit dem Trading zu beschäftigen. Das nachfolgende Tutorial ist eine Einführung in die technische Analyse, das Werkzeuge eines jeden Traders.

Ehrlich muss natürlich betont werden: Dieses Tutorial ist keine Anleitung im Sinne von “wie werde ich reich”! Es soll Werkzeug liefern, um auf Basis technischer Analysen Entscheidungen treffen zu können.

Da der Themenkomplex technische Analyse auch im Rahmen einer Einführung recht umfangreich ist, werden wir in diesem Tutorial die Chartdarstellung, Trends und einige Beispielpatterns diskutieren. In einem anderen Tutorial werden Indikatoren betrachtet.

In dem Sinne gilt auch immer der Satz: setze nicht mehr aufs Spiel als du es dir leisten kannst.

Gerade Neulinge sind vom technischen Jargon überfordert und fragen sich, was eine bearish divergence der MACD-Linie bedeuten soll. Entsprechend ist ein weiteres Ziel, interessierten Lesern einen fundierten Grundstock an Vokabular zu liefern.

Das hier verwendete Werkzeug wird TradingView sein. TradingView ist eine Plattform, auf der diverse Wertepaare analysiert werden können. Toll ist, dass man hier auch Strategien testen kann und der TradingView nutzenden Community die Charts nebst der Trading-Ideen vorstellen kann.

Natürlich existieren verschiedene andere Tools – ambitionierte können sogar in R ihre eigenen Routinen schreiben, aber irgendein Tool muss man wählen.

So weit zum Vorgeplänkel. Lets go!

Was ist die Technische Kursanalyse?

Kurz ausgedrückt ist die technische Analyse oder Chartanalyse die Untersuchung vergangener Kursbewegungen mit dem Ziel, Aussagen über die weitere Entwicklung treffen zu können. Sie unterscheidet sich von der Fundamentalanalyse, die den realen Wert einer erkennen und als Grundlage für ein Investment nutzen will.

Seitens Anhängern der Fundamentalanalyse und noch mehr seitens Vertretern der effizienten Markttheorie (der Annahme, dass der aktuelle Marktpreis alle relevanten Informationen bereits erfasst hat und entsprechend die genannten Analysemethoden nicht zielführend seien) wird oft Kritik am Sinn der Technischen Analyse geäußert. Es wird die berechtigte Frage gestellt, ob die technische Analyse überhaupt in der Lage ist, dramatische Marktbewegungen, die durch Wildcards wie den DAO-Exploit initiiert werden, vorhersehen kann.

Hier ist die ehrliche Antwort zu geben: das kann die technische Analyse nicht. Letztlich klappt dies auch vom Wesen her nicht, würde das doch implizieren, dass innerhalb vorheriger Kursbewegungen solche unvorhersehbaren Ereignisse schon abzusehen wären.

Was die technische Kursanalyse liefern kann, und was letztlich auch ihr Selbstverständnis ist, ist eine Abschätzung, wie stark aktuelle Trends sind und ob mit einer baldigen Trendumkehr zu rechnen ist oder nicht.

Ein Ansatz, die technische Analyse von Kursentwicklungen korrekt zu verstehen, ist, diese als eine Art “Massenpsychologie” zu begreifen. Generell ist technische Kursanalyse nichts mehr als der Versuch, das Verhalten der Masse zu analysieren, die Stärke der Käufer und Verkäufer (dh. der Bullen und der Bären) zu bestimmen und daraus das zukünftige Verhalten abzuschätzen.

Auch wenn das Verhalten von einzelnen Personen per se nicht vorhersagbar ist, sind im Verhalten der Masse durchaus Trends zu erkennen. Wenn ein Handel großen Profit verspricht ist es wahrscheinlich, dass viele Menschen sich entsprechend entscheiden. Genauso gilt umgekehrt: wenn viele Leute sich für einen Kauf entscheiden, ist davon auszugehen, dass die Nachfrage weiter steigt. Menschen sind Herdentiere.

Um sich von der Herde abzuheben ist es deshalb sinnvoll, Entwicklungen und noch mehr das Ende bestehender Entwicklungen vorhersehen zu können.

Fundamentalanalyse, d.h. die langfristige Bewertung eines Investments, und technische Analyse müssen sich nicht ausschließen. Sollte bspw. eine Kryptowährung gemäß der technischen Analyse gerade eine unglaubliche Rallye erfahren, gemäß der Fundamentalanalyse aber keinen großartigen Wert besitzt, weiß man, dass man ggf. schnell abspringen sollte.

Eine Warnung sei an dieser Stelle noch ausgesprochen: Gerade im Altcoin-Markt existieren viele Währungen, welche ein sehr geringes Marktkapital besitzen. Hier ist es nicht besonders schwer, die Kursentwicklung durch einen großen Kauf oder Verkauf zu beeinflussen. Es kam oft vor, dass Trader ihr Geld verloren haben, weil sie in einen Markt, der von einer Gruppe reicher Leute kontrolliert wurde, auf der Basis von falschen Signalen Geld investierten. Hier ist entsprechende Vorsicht angebracht. Zwar kann man auch aus solchen Situationen Geld machen, jedoch sollte man hier den Kurs gut verfolgen, um schnell auf Trendänderungen zu reagieren.

Einführung in die Chart-Darstellung

Technische Analyse findet graphisch statt. Bevor verschiedene Werkzeuge der technischen Analyse vorgestellt werden, soll Einsteigern der Chart selbst erklärt werden. Als Beispiel sei ein die Kursentwicklung von DASH von Januar bis März 2017 vorgestellt:

Hier ist die Kursentwicklung von DASH (oder genauer des Wertepaars DASH/BTC) dargestellt, wie sie sich auf Poloniex innerhalb des ersten Quartals 2017 entwickelt hat.

In der hier gewählten Darstellung – auch Kerzendarstellung oder Candlestick Chart genannt – kommt jeden Tag eine neue so genannte Kerze (auch Candlestick genannt) dazu. Kerzen sind die den Kurs darstellenden roten bzw. grünen Boxen. Mittels ihrer Farbe, ihrer Größe und ihren Spitzen offenbaren diese weitere interessante Informationen: Die Grenzen der Box selbst sind der erste bzw der letzte Kurswert innerhalb einer ausgewählten Periode. Diese beiden Werte werden als Open und Close bezeichnet.

Die in dem Bild ausgewählte Periode ist ein Tag, d.h. Für jeden Tag wird eine neue Kerze auf dem Chart erzeugt. Falls Close über Open liegt ist der Kurs innerhalb des Tages angestiegen, was durch eine grüne Einfärbung der Kerze angezeigt wird. Das umgekehrte Ergebnis wird durch eine rote Einfärbung derselben angezeigt. Dem Close kommt also eine zentrale Rolle zu: seine Position entscheidet, ob die bisherige Periode positiv oder negativ für den Kurs war.

Weiterhin sind mit Strichen an den Ober- bzw. Unterseiten dieser Kerzen die Höchst- bzw. Niedrigstwerte innerhalb der betrachteten Periode angezeigt. Diese Werte werden auch High und Low genannt. Bei diesen handelt es sich in erster Linie um Ausreißer, die bei der Kursanalyse nicht zu stark betrachtet werden sollten. Lange Striche wie am 2. März in obiger Darstellung zeigen jedoch eine innewohnende Volatilität an – der Markt ist aktuell an Kämpfen.

Die Größe der Boxen selbst ist durch Open und Close bestimmt und zeigt entsprechend eine Art mittlere Volatilität an. Innerhalb von Rallyes kann diese dramatisch ansteigen, wie es auch dem obigen Chart zu entnehmen ist.

In obiger Abbildung werden Kerzen jeden Tag neu gebildet. Doch es sind auch andere Perioden vorstellbar. Je nach dem Zeitrahmen, in dem getradet wird, können unterschiedliche Zeitskalen betrachtet werden. Sogenannte Day- oder Scalp Trader werden auf sehr kurze Zeitskalen – bis hinab zu einer Minute – schauen, Leute, die an der Langzeitentwicklung Interesse haben, werden auf längerfristige Zeitskalen schauen.

Es kann durchaus von Vorteil sein, mehrere Zeitskalen, beispielsweise eine Stunde, vier Stunden und einen Tag zu betrachten.

Trends und Patterns

Allein die Betrachtung der Candlestick Charts ohne hinzuziehen von verschiedenen Indikatoren kann schon helfen, bestimmte Aussagen über den Kurs zu machen. Wie obiger Darstellung zu entnehmen ist scheint der Kurs sich sehr positiv zu entwickeln. Hier wird von einem Uptrend oder Aufwärtstrend gesprochen. Konsequent wird im gegenteiligen Fall von einem Abwärtstrend oder Downtrend gesprochen.

Zur genaueren Analyse von Trends hilft es zuweilen, sich mit Trendlinien zu behelfen. Solche können einem helfen zu sehen, ob der jeweilige Trend noch verfolgt, getestet oder durchbrochen wird.

Um den Unterschied zwischen Up- und Downtrend zu sehen sei hier ein weiteres Beispiel betrachtet, und zwar die Entwicklung des Wertepaars ETC/BTC zwischen dem vierten Quartal 2016 und erstem Quartal 2017. Ethereum Classic (ETC) ist zuvor bei der auf den DAO-Exploit folgenden Hard Fork von Ethereum entstanden; einige Miner wollten die Entscheidung der Änderung der Blockchain selbst nicht mittragen und führten das für den Hard Fork notwendige Update nicht aus. Nun kam noch hinzu, dass sich einige Exchanges bereit erklärten, diese alte Ethereum-Version als Währung zu listen.

Nach einer anfänglichen Begeistern flaute das Interesse ab, jedoch ist der Wert von Ethereum Classic nie ins Bodenlose gesunken:

In dieser Darstellung sind sich formende Uptrends blau, Downtrends rot eingezeichnet. Wie man sehen kann sind Downtrends so eingezeichnet, dass die momentanen Kursmaxima durch eine Linie, während bei Uptrends die Kursminima verbunden werden. Diese Linie stellt in beiden Fällen eine wichtige Grenze dar: Im Fall des Uptrends nennt man diese Linie einen Support, im Fall eines Downtrends eine Resistance. Supports und Resistances sind generell Kurslevel, die zu unter- bzw. überschreiten einem gewissen Aufwand bedeutet. Im Fall von Uptrends wird bspw. erwartet, dass der Support so lange hält, wie dieser Uptrend hält.

Durch diese Darstellung wird sichtbar, ob gegen einen bestimmten Kurs gekämpft wird – ob Bullen gegen einen Downtrend oder Bären gegen einen Uptrend kämpfen – und ob dieser durchbrochen wird. Sollte sichtbar sein, dass dieser Trend durchbrochen wird, ist das ein Handlungssignal: Ein durchgebrochener Uptrend bedeutet, dass verkauft werden sollte, ein durchbrochener Downtrend ist ein Kaufsignal.

Im Dezember 2016 und Februar 2017 sind jeweils zwei Trends eingetragen, jeweils eine langfristige und eine kurzfristige Version. Diese beiden Trends können jeweils von Interesse sein, je nachdem, welche Zeitskala betrachtet wird.

Wir sehen an dieser Stelle, dass das Arbeiten mit Trends keine formstrenge Methode ist, sondern vom Nutzer viel Interpretation verlangt. Ob die Linie exakt an den Kerzenmaxima oder -minima anliegen soll oder diese etwas schneiden soll ist nicht eindeutig geregelt, es gibt auf beiden Seiten Anwender. Entsprechend sind diese Trendlinien bezüglich ihres Support-oder Resistancecharakter mit Vorsicht zu genießen, am Ende des Tages ist man es selbst, der eine Linie in den Chart gemalt hat. Einer solchen Linie ist mehr Vertrauen entgegenzubringen, wenn sie häufiger getestet wurde.

So oder so können diese Trends helfen, verschiedene Pattern zu erkennen. Pattern sind bestimmte Formationen, die derart bekannt in der Welt der technischen Analyse sind, dass sie Namen bekommen haben. Die Formation eines solchen Patterns zu erkennen kann helfen, bestimmte Kursentwicklungen vorauszusehen und entsprechend zu reagieren.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien drei hier erwähnt: das Head and Shoulder-Pattern, das Triangle Pattern und die Flag.

Head and Shoulder-Pattern

Das Head and Shoulder – Pattern ist ein Chart Pattern, welches eine kommende Kursumkehr ankündigt. Als Beispiel hierfür sei auf das Wertepaar ETH/BTC verwiesen:

Wie wir sehen fiel der Kurs von Anfang bis Mitte April 2016 erst einmal stark ab. Es gab – sicherlich zusammenhängend mit dem damaligen DAO Token Sale-Announcement – einen ersten Kursanstieg bis zum 18. April. Bis Ende April – wo der DAO Token Sale schließlich begann – fiel der Kurs noch einmal. Danach stieg er wieder stark an, hatte am 9. Mai noch einmal ein lokales Minimum – worauf sich ein massiver Kursanstieg Mitte bis Ende Mai anschloss.

Letztlich konnte diese Entwicklung ca ab zehnten Mai antizipiert werden – ein umgedrehtes Head and shoulder-Pattern hatte sich geformt. In der Hinsicht wäre, falls der 26. April nicht zum Kaufen von Ether genutzt wurde, spätestens der 10. Mai gemäß des Patterns ein gutes Kaufsignal gewesen.

Head and shoulder-Patterns können auch umgekehrt auftreten und einen kommenden Abwärtstrend anzeigen. In dem Fall gibt die rechte Schulter die letzte Warnung, dass verkauft werden sollte.

Triangle Pattern

Ein äußerst bekanntes Pattern ist das Triangle Pattern. Dieses Pattern steht für einen sich immer stärker zuspitzenden Kampf zwischen Bullen und Bären: Die Volatilität nimmt ab, d.h. der Abstand zwischen Support und Resistance wird immer geringer – bis der Kurs aus diesem Pattern ausbricht. Support und Resistance verjüngen sich in diesem Pattern wie bei einem Pfeil – oder eben einem Triangel, der schließlich auch Namensgeber ist.

Entsprechend wird gerade dann, wenn der Kurs die Resistance oder den Support testet, der weiteren Entwicklung besondere Aufmerksamkeit geschenkt, spricht doch hier das Herausbrechen dann für eine besonders signifikante Kursentwicklung.

Generell lassen sich drei Typen von Triangle Pattern unterscheiden: aufsteigend oder ascending (auch als bullishes Triangle Pattern bezeichnet), absteigend oder descending bzw. bearish und das symmetrische Triangle Pattern.

Das aufsteigende Triangle Pattern zeichnet sich dadurch aus, dass die Bären immer schwächer werden, während die Bullen ihre Kraft beibehalten oder gar noch kräftiger werden. Das durch Support und Resistance beschriebene Triangel zeigt zu höheren Kursen. Entsprechend ist ein derartiges Pattern bullish zu bewerten: Aktuell werden die Bären schwächer, so dass von einer größeren Kaufkraft der Bullen ausgegangen werden kann:

Man sieht, dass die Resistance bestenfalls leicht nachgibt – der Support aber dramatisch ansteigt. Die Entwicklung jenseits des Triangle Patterns bestätigt die Dominanz der Bullen: was vor dem Pattern eine Resistance war wurde zum Support.

Entsprechendes kann über das descending Triangle Pattern sagen:

Wie gezeigt entwickelt sich der Kurs weiterhin bearish; ein alter Support wurde zu einer Resistance.

Bei symmetrischen Triangle Patterns ist eine derartige Prognose nicht so einfach. Zwar könnten die Winkel von beiden Schenkeln des Triangels analysiert werden, um daraus abzuleiten, ob ein Pattern nicht doch leicht auf- oder absteigend ist, aber derartige genaue Analysen sind für hineingezeichnete Linien doch mit zu großen Unsicherheiten behaftet. Entsprechend ist bei derartigen Kursverläufen eine Prognose schwierig:

Ein Weg, hier Licht ins dunkel zu bringen, ist, zu überlegen, wie wahrscheinlich nach einem Bounce ein weiterer ist. In obigem Beispiel ist das Ende des Triangle Patterns fast erreicht. Nach einem Bounce am Support ist ein weiteres Bouncen an der Resistance zeitlich kaum noch möglich, eine valide Annahme wäre also die Kurssteigerung. Da auch dies jedoch eine unsichere Methode sollte man an dieser Stelle auch andere Analysemethoden wie MACD oder RSI nutzen.

Flag

Das letzte hier diskutierte Pattern ist die Flag. Im Wertepaar BTC/EUR konnte diesbezüglich vor fast zwei Jahren eine sehr flache wahrgenommen werden:

Wir sehen, dass der Kurs für ca zwei Monate innerhalb einer durch die beiden roten Linien definierten Range blieb. Ein eindeutiges Kaufsignal war spätestens Anfang Juli, als der Kurs nachweislich aus diesem Trend ausgebrochen ist.

Ein solcher Kurs zeigt einen Kampf zwischen Bullen und Bären an. Über lange Zeit sind beide ähnlich stark. Das Ausbrechen aus diesem fast konstanten Kurs ist ein Zeichen dafür, dass ein wichtiges Marktereignis passierte, welches diese Balance zerstörte.

Flags sind längst nicht immer ein Zeichen für einen derartig ruhenden Markt, eine typische Flag ist ein auf einen Uptrend folgenden negativer Trend:

Sollte dieser Trend nach oben ausbrechen ist das ein eindeutiges Kauf- bei einem Ausbrechen nach unten ein Verkaufssignal.

Oft ist eine Flag wie die oben gezeigte ein Zeichen für eine weitere positive Kursentwicklung. Die Bullen scheinen sich eine kurze Pause zu gönnen, um den Preis dann wieder hochzutreiben.

BTC-ECHO

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