Versteckte Kinderpornografie in der Bitcoin-Blockchain

Fabian Kaul

von Fabian Kaul

Am · Lesezeit: 4 Minuten

Fabian Kaul

Fabian Kaul hat Neuere Deutsche Literatur in Göttingen studiert. Seit März 2018 schreibt er als freier Redakteur für BTC-ECHO. Sein Hauptinteresse gilt den Chancen und Risiken, die sich aus dem Themenkomplex Blockchains und Kryptowährungen für die Gesellschaft ergeben.

Quelle: Closeup of young male theift in sweatshirt with hood transfering money from bills of stolen creding cards via Shutterstock

Wissenschaftler der Universitäten in Aachen und Frankfurt a. M. haben versteckten Content auf der Bitcoin-Blockchain untersucht. Dabei hat man unter anderem Links zu Kinderpornografie gefunden. Dies könnte eine Kriminalisierung der gesamten Blockchain-Industrie zur Folge haben.

Eine tiefergehende Einordnung dieser Ergebnisse findet sich in einer Kolumne von Philipp Giese. 

Eine Blockchain dient dazu, alle getätigten Transaktionen aufzuzeichnen. Durch die dezentrale Speicherung der Blockchain werden Veränderungen und Manipulationen unmöglich. Das ist bekanntermaßen die große Innovation hinter Bitcoin. Neben den Transaktionen können jedoch auch weitere Dateien auf der Blockchain gespeichert werden. Wie das funktioniert, haben wir hier erklärt.

Erkenntnisse der Studie

Eine Forschergruppe aus Aachen und Frankfurt hat diese versteckten Dateien nun analysiert. Dabei konnten sie feststellen:

„Bitcoins Blockchain enthält mindestens acht Dateien mit sexuellem Inhalt. Während fünf Dateien nur harmlosen pornografischen Inhalt zeigen, beschreiben oder verlinken, halten wir die restlichen drei Fälle für strafbar nach nahezu allen Rechtsprechungen: Zwei davon sind Link-Listen zu Kinderpornografie, enthalten sind 274 Links zu Webseiten, wovon 142 auf einen durch Tor geschützten Bereich verweisen. Der dritte Fall ist ein Bild, das eine nackte junge Frau zeigt.“


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Neben den genannten Fällen von Kinderpornografie konnten auf der Bitcoin-Blockchain mehrere Verletzungen von Persönlichkeitsrechten festgestellt werden. Dazu gehören mindestens zwei Fälle, in denen Informationen wie Bankkonten, Passwörter, Adressen und Online-Identitäten der betroffenen Personen offengelegt wurden.

Welche Folgen hat das für Bitcoin?

Die Möglichkeit, dass strafbare oder schädliche Dateien in der Bitcoin-Blockchain gespeichert werden, ist seit mindestens zwei Jahren bekannt. Auch BTC-ECHO hat schon über versteckte Botschaften auf der Bitcoin-Blockchain berichtet. In der Studie aus Aachen und Frankfurt wurde die Blockchain jedoch zum ersten Mal systematisch untersucht. Problematisch ist die Nutzung der Blockchain zu kriminellen Zwecken vor allem deshalb, weil sie auf zahlreichen Computern gespeichert ist. Jeder, der die Blockchain herunterlädt, gelangt in den Besitz aller darauf gespeicherter Dateien. Die Forscher schreiben dazu:

„Auch wenn dazu noch keine Gerichtsentscheide existieren, Gesetzestexte aus Ländern wie Deutschland, Großbritannien und den USA legen nahe, dass illegaler Inhalt wie Kinderpornografie den Besitz der Blockchain für alle Nutzer illegal machen könnte.“

Die Verbreitung von Kinderpornografie zeigt ein großes Dilemma des Bitcoin. Auf der einen Seite sind fehlende Kontrollinstanzen gewollt, sie sind sogar eine der Stärken des Bitcoin und der zugehörigen Blockchain. Dadurch ist der Bitcoin sicher vor Fälschungen und Manipulationen. Auch Whistleblower und Journalisten können sich staatlicher Zensur und Kontrolle entziehen, wenn sie ihre Informationen auf einer Blockchain speichern. Auf der anderen Seite hat der Nutzer der Blockchain keine Möglichkeit, die dort hinterlegten Dateien abzulehnen. Dazu gehören eben Kinderpornografie und streng vertrauliche, personenbezogene Daten. Eine der großen Fragen in Bezug auf die Zukunft der Blockchains wird es daher sein, das richtige Augenmaß zwischen freiem Netzwerk und notwendigen Kontrollmechanismen zu finden.

Der Versuch einer Einordnung

Natürlich sind die Untersuchungsergebnisse dramatisch und demonstrieren ein Damoklesschwert, welches über der gesellschaftlichen Akzeptanz von Bitcoin schwebt. Es demonstriert auf eine teuflische Weise die Schattenseite der Freiheit. Forderungen, dass derartige Inhalte von der Blockchain verschwinden müssen, sind mehr als nachvollziehbar. Entsprechend wurde an verschiedenen Stellen im Netz schon über Lösungen mithilfe einer Hard Forks oder eines Umstellens auf Pruned Nodes diskutiert. Pruned Nodes speichern nur die jüngste Geschichte, sodass diese Links verschwinden würden.

Dennoch sind verschiedene Dinge zu betonen:

  1. Nicht jeder, der Bitcoin nutzt, besitzt die Blockchain. Ein Großteil der Nutzer arbeitet mit Wallets, welche weder das Mitversenden noch das Empfangen von nicht zahlungsrelevanten Daten gestatten. Entsprechend sind Besitzer einer normalen Wallet keineswegs Distributoren von Kinderpornografie.
  2. Selbst die Nodes, welche die Blockchain verwalten, sind Full Nodes und haben entsprechend die gesamte Blockchain heruntergeladen. Den oben angesprochenen Pruned Nodes kann man also ebenso wenig den Vorwurf einer Distribution von kinderpornografischen Inhalten machen.
  3. Die Forscher konnten auf der gesamten Bitcoin-Blockchain 274 Links zu illegalen pornografischen Inhalten detektieren. Zusätzlich konnten sie zwei pornografische Bilder auf der Blockchain finden. Ob diese Webseiten noch betrieben werden, ist unbekannt. Von einem „Distributor für Kinderpornografie“ zu sprechen, wie es verschiedene Mainstream-Medien taten, ist irreführend, wenn ein verschwindend geringer Teil der fast 200 GB großen Blockchain mit schrecklichen Links und in Textform gespeicherten Bildern besudelt wurde.
  4. Bitcoin ist pseudonym und, wie jüngst von Edward Snowden gezeigt, transparenter als viele Nutzer dachten. Diese Transparenz bietet eine Chance, die Übeltäter zu erwischen. Während auf klassischem Weg eine Spur„kalt“ wird, kann dies im Rahmen einer unveränderlichen Blockchain nicht geschehen.

Statt also die Bitcoin-Blockchain, die Hoster von Nodes oder gar alle Bitcoin-Nutzer mit Pädophilen in einen Topf zu werfen, bietet sich viel mehr die Chance, diese Technologie zur Überführung der Täter zu nutzen.

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