Gläserne Venezolaner Venezuela bindet Petro in umstrittenes Identifikationssystem ein

Anton Livshits

von Anton Livshits

Am · Lesezeit: 3 Minuten

Anton Livshits

Anton Livshits absolviert ein Masterstudium der Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig. Seine Beschäftigung mit Krypto-Themen ist das Resultat eines grundlegenden Interesses am Wechselspiel von technischer Innovation und gesellschaftlichem Wandel.

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Digitale Identifikationssysteme samt riesigen Sammlungen an personenbezogenen Daten scheinen bei autokratischen Regimen weltweit im Kurs zu stehen. Der prominenteste Vorreiter dieses Trends ist zweifellos das chinesische Sozialkredit-System. Auch die Regierung Venezuelas ist jedoch auf diesen Zug aufgesprungen. Und auch die staatliche Kryptowährung Petro erhält ihren Platz in der Identitätsplattform aus Caracas.

Die Regierung Venezuelas hat bereits im Dezember 2016 mit der Einführung eines digitalen Identifikationssystems begonnen. Auch die staatliche Kryptowährung Petro ist in die Plattform hinter den sogenannten „Vaterlandkarten“ eingebunden. Kritiker beschreiben diese Identifikationskarten als ein Werkzeug der staatlichen Kontrolle. So könnte etwa der Petro um Einsatz kommen, um regierungstreues Verhalten zu belohnen.

Der aus Venezuela stammende Krypto-Unternehmer Eduardo Gomez hatte in einer Reihe von Tweets vom 28. Dezember auf die Rolle hingewiesen, die der Petro innerhalb des Systems der „Carnet de la patria“ einnimmt.  Der Mitarbeiter des Blockchain-Startups Purse.io führte aus, dass die Einbindung des Petro zu einer Situation führe, in der Regierungsvertreter sich bereichern können, während Händler enorme Verluste einfahren. Zudem widmete auch Reuters dem gesamten Identifikationssystem schon im Jahr 2018 eine ausführliche Reportage. Ein ehemaliger Minister bezeichnete die „Vaterlandkarten“ damals als „Erpressung,“ denn Bürger die im Besitz der Karte sind, hätten mehr Rechte als diejenigen ohne.

Händlern wird Petro-Kurs diktiert

Gomez erklärt in seinen Tweets, dass die Identifkationsplattform über eine eingebauten Petro-Wallet samt eigener Umtauschbörse verfügt. Venezuelas Regierung hatte weiterhin allen Bürgern, die eine Karte besitzen, einen halben Petro gut geschrieben. Derartige Geschenke sind nicht unüblich, da die Administration von Präsident Maduro die Nutzung der Identifikationskarten sowie der staatseigenen Kryptowährung ankurbeln will. Allerdings seien laut Gomez nur manche Händler mit dem neuen Petro-System verbunden. Kern des Problems ist für ihn jedoch folgendes:

Die Händler sind gezwungen, den Petro als Zahlung zu einem festen Kurs zu akzeptieren. (2,5 Millionen VES/PTR), während man den Token auf dem freien Markt schon ab 1 Million VES/PTR kaufen kann.
Mit anderen Worten, man kann einen Gewinn von 50 Prozent erzielen, wenn man den Petro billig kauft und bei den Händlern ausgibt.


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Laut Gomez lasse dies eine Situation entstehen, in der zum ersten mal ein Anreiz besteht, Petro zu kaufen. Folglich könnten ranghohe Vertreter der Regierung ihre angestauten Petro-Reserven gewinnbringend auf den Markt werfen. Händler erlitten hingegen deutliche Verluste, schließlich müssen sie ihre Waren für die Hälfte dessen anbieten, was diese eigentlich wert sind.

Plant Venezuela ein digitales Kontrollsystem nach chinesischem Vorbild?

Die Regierung in Caracas scheint mit den „Vaterlandkarten“ unterdessen noch ehrgeizigere Ziele zu verfolgen. Es ist in diesem Sinne gewiss kein Zufall, dass die chinesische Telekommunikationsfirma ZTE für die Entwicklung der Karten verantwortlich ist. Denn Venezuelas Machthaber hätten sich laut Reuters in China die Inspiration für ein digitalisiertes Kontrollsystem geholt.

Die Karte speichert folglich eine ganze Palette an Daten. Neben Informationen zur Familie, zum Einkommen und zur Gesundheit umfasst der Datensatz so auch Angaben zu Social-Media-Aktivitäten und Parteimitgliedschaften. Die Karten können zudem auch vermerken, ob ihr Besitzer an Wahlen teilgenommen hat.

Venezuelas Regierung führte die Karte im Jahr 2016 ein. Zuvor hatte es die um sich greifende Wirtschaftskrise erforderlich gemacht, ein System für die Beobachtung von Sozialausgaben zu entwickeln. Der Vorläufer der Identifikationskarten war somit eine Plattform, um Lebensmittellieferungen an die verarmende Bevölkerung zu verteilen. Sie wurde in einem nächsten Schritt mit dem Identifikationssystem zusammen gelegt.

Die Einführung der Karten gestaltete sich zunächst dennoch schleppend. Erst Geldgeschänke sowie die Androhung des Entzugs von Sozialleistungen führten zu einer großflächigen Adaption. Ende 2018 waren nach Angaben von Reuters mehr als die Hälfte der 31 Millionen erwachsenen Venezuelaner im Besitz einer „Vaterlandkarte.“

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