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Revolution der Arbeit  Wie uns das Web 3.0 alle zu “Bauern” macht

Alle sprechen vom Web 3.0, dabei sind wir in der Praxis noch weit davon entfernt. Warum wir vorerst in einem Web 2.0 mit Token-Upgrade leben, das Web 3.0 eine neue globale “Arbeiterklasse” erschafft und wir uns in Zukunft immer stärker wie traditionelle Landwirtschaftsbetriebe organisieren.

Sven Wagenknecht
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Beitragsbild: Shutterstock

| Das Web3 könnte unsere Arbeitswelt revolutionieren wie seiner Zeit die Industrielle Revolution

Wer heute versucht, das Web 3.0 zu definieren, dürfte sich so fühlen, wie die Internet-Pioniere, die bereits Ende der 90er Jahre versucht haben, das Web 2.0 vorwegzugreifen. Die Ideen waren da, erste Gehversuche auch, aber in der Umsetzung dominierte noch die alte Welt, in diesem Fall das Web 1.0. Ähnlich ergeht es heute dem Web 3.0, das sich dynamisch weiterentwickelt, aber dennoch im Windschatten von Web 2.0 steht. Zumal, so eine Annahme, der Bruch zwischen Web 2.0 und Web 3.0 größer ist als der von Web 1.0 zu Web 2.0.

Von der Online-Visitenkarte zur Token-Ökonomie

Der Übergang von Web 1.0 zu Web 2.0 fand grob im Zeitraum zwischen 1991 und 2004 statt. Damals waren die meisten Webseiten statisch, ohne nutzergenerierte Inhalte und ohne Partizipationsmöglichkeiten. Mit dem Aufkommen des Web 2.0 änderte sich das. Die Internetnutzer waren nicht mehr nur Empfänger, sondern konnten auch zu Sendern von Informationen werden. Das Web wurde damit zu einer Plattform, auf der sich Menschen austauschen können, siehe Internetforen, Rezensionen auf Amazon, Handelsplattformen wie eBay und AirBnb, sozialen Netzwerken wie Twitter oder Meta.

Mit der Etablierung der Token-Ökonomie im Sinne von dezentralen Steuerungs- und Organisationsprinzipien stehen wir am Anfang einer neuen Web-Logik, dem Web 3.0. Diesmal geht es um nichts Geringeres als eine Re-Dezentralisierung von sogenannten Plattform-Angeboten. Der Nutzer soll nicht nur auf der Informations- und Kommunikationsebene eingebunden werden, sondern auch auf der unmittelbaren Wertschöpfungsebene. Mehr denn je geht es dabei um unser Geld respektive unsere Daten. Schließlich kann das Web 3.0 die größte Umverteilung und Neustrukturierung von Wertschöpfung im 21. Jahrhundert bedeuten.

Web 3.0: Geburtsstunde 2021?

Seit dem Jahr 2021 nimmt der Begriff Web 3.0, auch wenn er bereits im Jahr 2014 vom Ethereum-Mitgründer und Polkadot-Gründer Gavin Wood konkreter definiert wurde, dynamisch an Fahrt auf. Das Aufkommen der NFT-Technologie, die Weiterentwicklung von DeFi- und DAO-Konzepten sowie das schwer zu greifende Thema digitaler Identitäten sorgen dafür, dass man sich dem Web 3.0 immer konkreter nähern kann. Aus einer eher theoretischen Idee mit chaotischen oder sehr rudimentären Versuchen, siehe TheDAO von 2016 oder CryptoPunks von 2017, wird immer mehr erlebbare, kommerzielle Praxis.

Nicht mehr nur Nerds, sondern auch Großkonzerne wie Meta setzen auf diese Form der Token-Ökonomie und kreieren dabei einen großen Widerspruch. Schließlich würde die logische Umsetzung des Web 3.0 bedeuten, dass die gegenwärtig dominierenden Plattform-Unternehmen sich selbst disruptieren, gar in Teilen abschaffen müssten. Das Web 3.0 setzt nämlich vor allem bei der Datenhoheit an, ergo der Grundlage des Erfolges der Silicon-Valley-Plattform-Giganten.

Podcast

Web 2.0 vs. Web 3.0: Konflikt vorprogrammiert

Während die Transformation von Web 1.0 zu Web 2.0 als weitestgehend konfliktfrei beschrieben werden kann, ist es bei dem Übergang vom Web 2.0 zum Web 3.0 anders. Das liegt daran, dass das Web 3.0 die Wertschöpfung der wertvollsten Unternehmen dieser Welt angreift und Staaten vor große regulatorische Herausforderungen stellt.

Es steht dabei außer Frage, dass auch die Internetkonzerne auf die Token-Ökonomie setzen werden, um in den Genuss programmierbarer Infrastrukturen wie beispielsweise NFT-Funktionalitäten zu gelangen. Sehr wohl wird das aber ein Gegenentwurf zum dezentralen Web-3.0-Gedanken darstellen. Die Frage lautet nun also: Bekommen wir in den nächsten Jahren ein Web 2.0 mit Token-Upgrade oder erleben wir die Etablierung eines wirklich dezentralen Web mit neuen Wertschöpfungsformen?

Die nächsten zehn Jahre

Eine Vermutung wäre, dass vorerst die Deutungshoheit bei den Plattform-Unternehmen verbleibt und wir eher bei einem Web 2.0 mit Token-Upgrade bleiben, als eine Art Zwischenstation. Erst wenn sich dieses in seiner eher zentralen Umsetzung kommerziell etabliert hat, ergo auch bei der breiten Masse angekommen ist, dürfte sich das Web 3.0 aus der Nische in die Breite heraus entwickeln und das Web 2.0 als dominierende Interaktions- und Governance-Form ablösen.

Bezieht man als Unterstützung den Gartner Hype Cycle für Blockchain mit ein, dann könnte man zu folgender Schätzung hinsichtlich des Web-3.0-Wandels gelangen:

Bis 2025: Web 3.0 im Ideen- und Pilotierungsstadium; zentralisierte Umsetzungen der Token-Ökonomie

Ab 2025 bis 2030: Etablierung dezentraler Token-Infrastrukturen bei gleichzeitigen Ablösen des Web 2.0

Ab 2030: Web 3.0 hat das Web 2.0 als dominierende Web-Logik abgelöst

Web 3.0: Was es für jeden einzelnen bedeutet

Auch wenn man nicht in die Zukunft schauen kann und sich solche Prognosen im Nachgang oft als falsch herausstellen, sollte man sich dennoch bereits heute mit den Implikationen auseinandersetzen. Das Web 3.0 dürfte praktisch alle Lebensbereiche betreffen, wobei besonders ein Bereich heraussticht: die Arbeitswelt. Die Auswirkungen des Web 3.0 auf den Arbeitsmarkt und unser Verständnis von Arbeit dürfte größer sein als bei dem Web 1.0 und Web 2.0.

Bereits heute etabliert sich eine globale Arbeiterklasse von Klick-Arbeitern, digitalen Nomaden und Freelancern, die davon absieht, bei einem einzelnen Arbeitgeber beschäftigt zu sein. Stattdessen etabliert sich immer mehr eine Form von Projektarbeit. Natürlich wird das Web 3.0 nicht Unternehmen per se ersetzen – das wäre weder sinnvoll noch möglich – doch wird es eine zweite Option, eine Alternative bieten, die in immer mehr Fällen der klassischen Unternehmensform vorgezogen werden kann.

DAOs als neue Form von Raiffeisen

Genauso wie sich manche Bauern oder Banken in Genossenschaften – man denke hier an den Raiffeisen-Zusammenschluss – organisieren, erleben wir ähnliche Prinzipien bei dezentralen autonomen Organisationen (DAOs) – entkoppelt von der regionalen Limitierung. Gemeinsam mit anderen digitalen Mitstreitern kann das Web 3.0 erstmalig einen Incentivierungs- und Organisationrahmen für dezentrale Entwicklungsprojekte bieten.

Wer bislang als Programmierer viel Geld verdienen wollte, konnte entweder bei Konzernen wie Google anheuern oder sich selbständig machen und als Freelancer Auftragsarbeit entgegennehmen. Deutlich schwieriger war es bislang, zumindest aus finanzieller Sicht, sich nach eigenem Gusto Open-Source-Projekte auszusuchen und dann daran mitzuwirken. Zwar gibt es auch hier Ansätze finanzielle Anreize zu setzen, wie beispielsweise Bug-Bounty-Programme für das Aufspüren von Fehlern, doch ist das nach wie vor sehr nischig und unpraktikabel, um ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen.

DAOs könnten hingegen dafür sorgen, dass Menschen ein regelmäßiges Einkommen beziehen können, in denen sie sich diesen digitalen und globalen “Genossenschaftsformen” anschließen. Sowohl das Funding eines Projektes als auch die Bezahlung für einzelne Projektfortschritte, wie beispielsweise das Schreiben eines Smart Contracts: Man könnte die gesamte Wertschöpfung via Kryptowährungen, NFT und digitale Identitäten abwickeln.

Creator Communitys

Bei dem Web 3.0 geht es aber um noch viel mehr als die vertragliche und monetäre Organisation von Arbeit. So können auch Endverbraucher stärker in die Entwicklung von entsprechenden Dienstleistungen oder Konsumgütern miteinbezogen werden. Bislang galt das Prinzip, dass Unternehmen ein Produkt entwickelt haben, von dem sie unter Zuhilfenahme von Marktforschung und Fokus-Gruppen im Glauben waren, dass es auch die potenziellen Kunden kaufen wollen.

Ein Uhrenhersteller, der hingegen auf DAOs setzt, könnte bereits in der Entwicklungsphase einer Uhr, seine potenziellen Kunden miteinbeziehen. Den Zutritt zu diesen durchaus exklusiven Communitys könnte man mit NFTs organisieren und dabei eine Art Stimmrecht inkludieren, um beispielsweise über Designvorschläge abzustimmen. Auch könnte dann diese “Uhren-Community” über ihr NFT ein Vorkaufsrecht oder Rabatt für die physische Uhr erhalten. DAO-Konzepte, wie sie sich beispielsweise im gehypten Bored Ape Yacht Club mit zweifelhaften Affen finden, können genauso gut auch von Uhrenherstellern wie Rolex oder Sportartikelherstellern wie Adidas aufgegriffen und für ihre Zwecke angewendet werden.

Vom “dummen” Konsumenten zum kreativen Produktdesigner

Es geht also nicht nur um entweder oder, also DAO oder Unternehmen, sondern in vielen Fällen auch um Formen der Kooperationen. Soll bedeuten, dass sich auch ganz normale Unternehmen an dem Dienstleistungsangebot von DAOs bedienen können, weil es wirtschaftlicher ist als mit einem anderen zentral organisierten Dienstleister zusammenzuarbeiten. Wir Konsumenten können damit perspektivisch immer mehr Einfluss auf den Entwicklungsprozess von Produkten nehmen. Anstatt “dumme” Konsumenten darzustellen, die mit aufwendigem und teurem Marketing penetriert werden müssen, bietet das Web 3.0 inklusivere und proaktivere Distributions- und Entwicklungskanäle.

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