Besteht noch Hoffnung? USA gewinnen Bitcoin-Rennen: Diese Konsequenzen muss Europa jetzt fürchten
Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 6 Minuten

USA gegen Europa, beide Fahnen stehen sich gegenüber.

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Zu Bitcoin und anderen digitalen Assets entsteht eine neue Industrie mit neuen Geschäftsmodellen und Wertschöpfung. Die Meldungen der letzten Monate legen nahe, dass das globale Wettrennen mal wieder in den USA entschieden wird. Warum Europa nicht gegen die USA ankommt und welche Konsequenzen das für jeden Einzelnen von uns hat.

Beobachtet man, was in den vergangenen Monaten im Krypto-Markt geschehen ist, dann fällt auf, dass die Dominanz amerikanischer Investoren, Finanzdienstleister und Unternehmen im Sektor der digitalen Assets weiter zugenommen hat. Die großen Zäsuren und Narrative im Krypto-Sektor haben ihren Ursprung in den USA. Sei es Facebook mit Libra (heute Diem), PayPal mit seinem Bitcoin Service, MicroStrategy und Tesla mit den milliardenschweren Bitcoin-Investments oder erst kürzlich Morgan Stanley, die als erste wirklich große Bank einen Zugang zu Bitcoin bietet.


Es fehlt an vergleichbaren Meldungen, mit ähnlicher Schlagkraft, aus Europa. Die Frage, wo der kommerziell erfolgreiche Teil des Krypto-Sektors entsteht und damit auch Wert sowie Wertschöpfung, die lässt sich immer eindeutiger beantworten.

Gerade mit Blick auf die europäischen und deutschen Banken erhärtet sich dieser Eindruck. Zwar finden sich die ein oder anderen Blockchain-Pilottests, aber wenn es um digitale Assets geht, dann sieht es zumindest bei den großen Banken eher mau aus. Es fehlt an Meinungsstärke und Offenheit. Die Angst, Fehler zu begehen und schlecht in der öffentlichen Meinung dazustehen, dominiert zu stark das Handeln der traditionellen europäischen Finanzdienstleister. Die europäische Investment-Elite bewirkt mit dieser Haltung allerdings das genaue Gegenteil: Die Entwicklung läuft gegen sie, wie sich bereits heute an den amerikanischen Krypto-Vorstößen ablesen lässt. Amerikanische Institute und Finanziers erwecken den Eindruck, dass sie eher bereit sind, ihre Meinung anzupassen und zu revidieren, da sie wissen, dass Eitelkeit am Ende ein großes wirtschaftliches Risiko darstellt.

German Angst auch bei Finanzierungen

Natürlich kann Europa und Deutschland nur schwer mit den Wagniskapitalsummen aus den USA konkurrieren. Am anderen Ende des Atlantik befindet sich mehr verfügbares Kapital, das investiert werden kann. Beispielsweise haben die amerikanische Investmentbank BNY Mellon und die Silicon Valley Bank maßgeblich bei der Finanzierung des digitalen Assetverwahrers Fireblocks mitgewirkt. Das Krypto-Unternehmen konnte in seiner Series-C-Runde somit 133 Millionen US-Dollar einsammeln.

Ein anderes Beispiel ist der Wagniskapitalgeber (VC) Andreessen Horowitz, der bereits in diverse Krypto-Start-ups investiert und erst kürzlich als Leadinvestor die Series-A-Finanzierungsrunde des NFT-Marktplatzes von OpenSea angeführt hat. Dabei kamen 23 Millionen US-Dollar zusammen. Während derartige Finanzierungen in den USA an der Tagesordnung stehen und mehr eine Randnotiz unter den Krypto-News darstellen, sind sie in Deutschland und Europa eine Seltenheit. Wenn hierzulande ein Krypto-Start-up wie Bitwala 15 Millionen Euro von überwiegend heimischen VCs wie High Tech Gründerfonds oder Earlybird einsammelt, dann ist das schon etwas Besonderes.

Es ist nicht so, dass in Europa gar nichts passieren würde. Hin und wieder findet auch das Geld einer traditionellen europäischen Bank oder eines Wagniskapitalgebers den Weg zu einem Krypto-Start-up. Um ein kompetitives Blockchain-Ökosystem mit globalem Führungsanspruch zu entwickeln, reicht die aktuelle Dynamik und das aktuelle Volumen allerdings nicht aus. Um nicht den Anschluss zu verlieren, müsste viel, viel mehr geschehen.

Mehr zum Thema könnt ihr auch in der April-Ausgabe des Kryptokompass lesen, die am 1. April erscheint. Denn mit Alexander Bechtel, dem Blockchain-Beauftragten der Deutschen Bank, haben wir mit dem Vermittler der beiden Welten – dem traditionellen Finanzwesen und dem Krypto-Space – schlechthin gesprochen.

USA übernimmt wieder das Ruder

Die Konsequenzen dieser Zurückhaltung sind deutlich größer als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Da Europa das Rennen um die Plattformökonomie verloren hat, müssen wir heute mit der Abhängigkeit leben. Unsere Daten werden von Google, Facebook und Amazon verarbeitet, dort entsteht Wert und Wertschöpfung. Auch die größten Cloud-Anbieter stehen nicht in Europa, sondern in den USA. Das ist nicht nur wirtschaftlich ärgerlich, sondern auch aus hoheitlicher Kontroll- und Autonomiesicht.


Jetzt, in diesen und den kommenden Monaten, entscheidet sich auch die Hoheit über die “Daten 2.0”: unser Geld. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, indem es die USA sind, die mit “monetärer Gewalt” die Finanzinfrastrukturen der Zukunft aufbauen. Vor allem spielen hierbei drei Komponenten eine entscheidende Rolle: Besitz, Verwahrung und Abwicklung.

Der Dreiklang zur Dominanz: Besitz, Verwahrung und Abwicklung

Besitz. Die Spitze des Eisberges und aktuell wichtigster Dreh- und Angelpunkt der Krypto-Ökonomie ist Bitcoin. Amerikanische Investoren, siehe Tesla oder Microstrategy, kaufen sich stärker in den Bitcoin-Markt ein als ihre europäischen Kollegen. Dies zeigt unter anderem die Auflistung der Bitcoin Treasuries. Die Akkumulation von Bitcoin verschiebt sich weiter zugunsten der USA und ihrer Bürger und Unternehmen.

Verwahrung. Gleichzeitig sind es auch die amerikanischen Vermögensverwalter und Finanzinstitute, die den Zugang und die Verwahrung von Bitcoin und digitalen Assets übernehmen. Hier wäre der digitale Assetverwalter Grayscale genauso zu nennen, wie der oben genannte Krypto-Verwahrer Fireblocks oder eine Morgan Stanley Investmentbank, die ihren vermögenden Kunden Bitcoin-Finanzprodukte anbietet. Perspektivisch erstrecken sich derartige Dienstleistungen nicht nur auf amerikanische Kunden, sondern auch auf europäische. Dies dürfte bald bei PayPal der Fall sein, wenn der Bitcoin Kauf- und Verwahrservice auch hierzulande angeboten wird, die Private Keys aber unter amerikanischen Zugriff stehen.

Abwicklung. Des Weiteren braucht es auch Abwicklungsstrukturen für digitale Assets. Neben PayPal ist es Facebooks Diem, das hier zukünftig die Infrastrukturen prägen dürfte. Gleiches gilt aber auch für Spezial-Krypto-Bereiche wie Non-fungible Token (NFT). Der oben erwähnte NFT-Marktplatz OpenSea ist mehrheitlich in amerikanischer Hand, genauso wie die NFT Blockchain Flow von Dapper Labs. Das nächste Amazon, also beispielsweise der führende NFT-Marktplatz, dürfte damit auch wieder in den USA stehen.

Warten auf den iShares Bitcoin ETF

Dort, wo das meiste Kapital verwaltet wird, spielt auch die Musik. Von den zehn größten Vermögensverwaltern der Welt sind sieben amerikanisch. Dabei sind von der Mehrheit dieser Vermögensverwalter in den letzten Monaten konkrete Meldungen herausgegangen, dass sie den “Bitcoin-Schalter” umlegen. Von deren Markteintritt sind europäische Gelder genauso betroffen wie amerikanische. Man denke an dieser Stelle nur an die Blackrock-Marke iShares von denen Millionen von Europäern ETFs besitzen. Ein nicht unerheblicher Teil des Bitcoin-Angebotes dürfte zukünftig in genau diesen Produkten wiederzufinden sein.

Die Mär der Dezentralität

Trotz des Blockchain-Narratives der Dezentralität und Unabhängigkeit von zentralen Konzernstrukturen bewegen wir uns vorerst genau in die entgegengesetzte Richtung. PayPal oder Facebooks Diem haben nichts mit den Wunschvorstellungen einer autonomen Krypto-Ökonomie zu tun. Der oben skizzierte Dreiklang aus Besitz, Verwahrung und Abwicklung zeigt, wohin die Reise geht.

Zukünftig hilft uns Facebook oder Spotify nicht mehr nur als “Einloghilfe”, wenn man auf einer Webseite eine Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte, aber zu bequem ist ein Passwort zu erstellen. Denn dann bieten Facebook und Co. neben der Datenverwaltung auch die Verwaltung unseres Geldes an, ganz gleich, ob es um den digitalen Euro geht, oder um Bitcoin. Wenn uns das Prinzip “Alles aus einer Hand” zusagt, dann brauchen wir nichts weiter zu unternehmen, als uns weiter zurückzulehnen und die USA machen zu lassen. Wer die Verantwortung abgibt, der darf sich im Nachhinein allerdings nicht beschweren, wenn die Dinge nicht nach seinen Vorstellungen laufen. Mehr denn je gilt für Europa: Tempo, Tempo, Tempo.


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