Normalerweise wäre diese Kombination Gift für Risiko-Assets: steigende Ölpreise, höhere Langfristzinsen und geopolitische Eskalationen. Doch diesmal bleibt der Markt erstaunlich ruhig. Genau das macht die aktuelle Lage so ungewöhnlich. Diese Makro-Ereignisse waren diese Woche wichtig.
Warum der Druck plötzlich von allen Seiten kommt
Im Iran eskaliert die Lage wieder militärisch. Berichte über Angriffe auf US-Schiffe und anschließende US-Luftschläge treiben den Ölpreis deutlich nach oben. WTI als Referenz zum Ölpreis steigt zum Start der Asien-Session um vier Prozent und handelt zeitweise bei rund 95 US-Dollar je Fass.
Parallel dazu gerät Donald Trumps Zollstrategie zunehmend juristisch unter Druck. Der US Court of International Trade erklärt Teile der Zölle für rechtswidrig. Bereits bestehende oder geplante Zölle bleiben davon allerdings unberührt.
Auch der Anleihemarkt sendet Warnsignale. Der 30-jährige US-Staatsanleihen-Zins steigt zeitweise über fünf Prozent und schließt bei 4,97 Prozent. Gleichzeitig ziehen die Inflationserwartungen in den USA weiter an.
Für die Märkte bedeutet das vor allem eines: Energiepreise, Importkosten und Finanzierungskosten steigen gleichzeitig. Genau diese Kombination stärkt traditionell deflationäre Assets wie Gold und zunehmend auch Bitcoin.
Warum Anleger gleichzeitig Gold und Aktien kaufen
Besonders auffällig ist derzeit die Kapitalverteilung an den Märkten. Der Inflationsschutz-ETF TIP verzeichnete im April Zuflüsse von 900 Millionen US-Dollar – den höchsten Wert seit Ende 2021.
Trotzdem fließen weiterhin Milliarden in US-Aktien. Allein in dieser Woche wanderten 8,7 Milliarden US-Dollar in den Markt, davon 6,8 Milliarden in ETFs.
Die Risiken werden derzeit also nicht vollständig eingepreist, sondern neu verteilt. Anleger sichern sich gegen Inflation ab, ohne ihre Risiko-Positionen aufzugeben.
Bitcoin profitiert von dieser Konstellation. Solange ETF-Zuflüsse stabil bleiben und die Risikobereitschaft nicht abrupt kippt, kann sich die Kryptowährung gleichzeitig als Risiko-Asset und als Inflationsschutz behaupten.
Die Fünf-Prozent-Marke wird zum Problem für Big Tech
Der eigentliche Druckpunkt liegt inzwischen jedoch ganz woanders: bei den Bewertungen der großen KI‑Unternehmen. Goldman Sachs erwartet, dass Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle in den kommenden Jahren noch deutlich mehr Geld in KI investieren werden. Gleichzeitig könnte dadurch weniger freier Cashflow übrig bleiben.
Genau hier werden die steigenden Langfristzinsen zum Problem. Denn je höher die Zinsen steigen, desto attraktiver werden sichere Anlagen wie US-Staatsanleihen. Dadurch schauen Anleger kritischer auf Tech-Konzerne, deren hohe Bewertungen vor allem auf großen Gewinnen in der Zukunft basieren. Gleichzeitig verschlingt der Ausbau von KI immer mehr Geld. Wenn also die Kosten steigen und Anleger zukünftige Gewinne vorsichtiger bewerten, gerät die gesamte KI-Euphorie zunehmend unter Druck.
Für Bitcoin ist das entscheidend. Die KI-Euphorie treibt derzeit einen großen Teil der positiven Marktstimmung. Kippt diese Dynamik, könnte auch Bitcoin einen wichtigen Anker verlieren.
Warum Bitcoin trotzdem stabil bleibt
Trotz aller Risiken hält sich Bitcoin weiter an der 80.000-Dollar-Zone. Die Korrelation zu Gold steigt leicht, während die Bindung an den Nasdaq nachlässt. Zwar verzeichnete der BlackRock-ETF IBIT zuletzt Abflüsse von rund 1.224 BTC im Gegenwert von etwa 98 Millionen US-Dollar. Insgesamt bleiben die ETF-Bestände bislang jedoch stabil.
Damit wird sichtbar, warum der Markt derzeit so ruhig wirkt. Die Risiken verschwinden nicht, sie werden lediglich an anderer Stelle absorbiert. Gold und andere Inflationsschutz-Anlagen nehmen den geopolitischen Druck auf, während ETF-Käufer weiterhin das Angebot langfristiger Bitcoin-Halter absorbieren.
Bitcoin sitzt genau zwischen diesen beiden Strömen. Und genau deshalb stellt sich jetzt die entscheidende Frage: Bleibt diese Balance bestehen oder reagiert der Markt einfach bislang nicht auf das, was sich gerade aufbaut?
